Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 20 (8.8.1915)
- Date
- 1915-08-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte S. DAMWIfWU VmVynWI• Skr. 20 vttd' jedwede allgemeine Sittenverderbnis schickt Gott, wie unsere Weisen sagen (M:'dr. Genes, r. e. 26), ein großes Menschcnsterben. Wahrlich das Me^schensteüen ist in diesem Weltkrieg groß genng, übermäßig groß, übevtrifft sicherlich das der Siütflut, das Blut schreit zum Himmel, verlangt Trost und wieder Trost: ״Tröstet, tröstet mein Volk!" Der Trost kann erst seinen Anfang neh-;neu mit der HinwegräuttUing der Uebel, unserer Fehler, Sünden und Vergehen, die wir schon vor dem Kriege im reichen Maße in unserer Mitte äufgespeichert hatten und die dann während des Krieges ■jwie das üppige Unkraut emporschossen. Wie tröffcAtb, erhebend und beseligend wird es nach dem Frieden, der :mch Gottes Willen doch einmal wieder bei uns einkehren wird, sein, wenn wir gestehen und sagen werden: Schwere unersetzliche Verluste, Verluste an geliebte teuere Menschenleben, Verlüfte an Hab und Gut, an Besitz und Merten haben wir erlitten, wir verloren auch durch den Krieg unsere alten Sünden, Fehler und Bergshen, wir verloren unsere Leichtlebigkeit, Gedankenlofigkeit, unsere Genuß-, Vergnügnrgs- und Verschwendungssucht, wir verloren unsere Gott- und Religionslosigkeit und gewannen einen Gott, einen Tröster und Führer durchs Leben, Hoffnung und Vertrauen auf eine Zukunft. Das ist die Lehre des Trostsabbaths, das ist fein Trost. Wie können wir Juden unseren Invaliden unfern Dank für ihren Opfermut und für das Einsetzen ihres Lebens und ihrer Gesundheit abstatten? Mit dieser großen Frage befassen sich bereits viele edeldenkend, philantrophifch gesinnte Mänuer aller Nationen und Konfessionen Und angeregt durch einen Artikel im PragerUbenidbkatt, der wirklich für diese Angelegenheit das richtige Wort findet, bringt Herr Friedrich Pollak, ein feinfühliger, edelgesinnter Mann, diese aktuelle Frage in emem Anträge der großen Oeffentlichfeit zur Diskussion itfitb Ausführung, die der vollsten Beherzigung unserer Glaubensgenossen wert ist. Herr Pollakbegründet feinen Antrag Wie folgt: Das ״Prager Abendblatt" schreibt in seiner Nummer von: 10. Juni 1916 folgenden Artikel: ״Mnn wir diesen; Feinde verfielen, würden wir, ob mit ihm stammverwandt oder nicht, ausgelöscht werden von der Tafel der Zeiten. Unsere nationale Eigenart, unsere Treue zu uns selbst, zu der Erde die wir pflügen, zu dem Rechte, daß wir gerade und ohne Scheu ausüben, so wie es die Väter baten, den Glauben an Gatt — das alles müßten wir aus uns herausreißen und dafür das Dumpfe und Schwere der Knechtschaft und Verarmung auf uns nehmen." Diese Ausführungen enthalten goldene Mahrheiten, wenn wir die in diesem gewaltigen Kriege zutage getretenen Grausamkeiten und Bestialitüten, welche das russische Reich, ׳namentlich an. unseren Glaubensbrtidern verübt hat, uns vergegenwärtigen. Wie blutgierige Tiger sind die entmenschten Horden Rußlands über unser Vaterland und über die Juden insbesonders hergefallen, um sie in ungezählten Mengen mit tierischer Wut zu schlachte!:, zu erwürgen und unter entsetzlichen Qualen zu Tode zu martern. Männer, Frauen und Säuglinge, die sich nichts zuschulden kommen liehen, wurden wahllos hingemordet und die Erde kann ihren Schoß nicht weit genug öffnen, um das vergossene Mut einzusaugen. Me ein roter Faden ziehen sich durch die Geschichte der Menschheit die Schilderungen der zahllosen Verfolgungen, die die Juden im Laufe von 2000 Jahren zu erdulden hatten: die Greueltaten, die aber in Rußland begangen wurden, stellen alles Erlebte noch tief in den Schatten. Täglich, ja stündlich werden Infamien zutage gefördert, welche die!uenschliche Fantasie kaum zu fassen vermag. Rühmend müssen wir angesichts dieser Tatsache des Mutes und der Standhaftigkeit unserer russischen und galizischen Glubensbrüder gebenken, die das ihnen auferlegte Martyrium eriduldeten, ohne dem Glauben ihrer Väter untreu zu werden. So werden die Festigkeit und die unerschütterliche Glaubenstreue dieser Märtyrer des 20. Jahrhunderts in der Geschichte der Menschheit ewig leuchten. Diesem Feinde wären wir total und ganz verfallen, wenn unsere tapfere, vortreffliche Kriegsmacht, unter denen viele Tausende unserer Glaubensgenossen für uns mitstreiten, nicht so standhaft und mutig kämpfen würde. Unsere Glaubensgenossen und mit ihnen die anderen Völker unseres Vaterlandes haben nicht nur Heldeuhaft gekämpft und so die große Gefahr unter Aufopferung ihres Lebens und ihrer Gesundheit von unserem Vaterlande abgewendet, sondern haben auch mitgeholfen, damit uns allen eine frohere, hoffnungsreichere Zukunft beschießen werde. Diese besonders heldenmütigen Söhne umseres Volkes haben uns Juden insbesonders einen unermeßlichen Dienst dadurch geleistet, daß sie durch ihren Heldenmut jene Vorurteile beseitigt haben, die leider so gerne den Juden zun: feigen Egoisten stempeln möchten, der nur an sich und sein eigenes Wohl und nicht an das der Allgemeinheit, des Vaterlandes und das der Menschheit denkt. Diesen Tapfern und Aufopferungsfähi gen wollen wir dafür unseren großen Dank durch Schaffung einer Wohlfahrtsinstitution zum Musdruck bringen, die für Ewige Zeiten von unserer Aufopferungsfähigkeit und unsere Dankbarkeit zeigen soll, daß wir kein kleines Geschlecht gewesen sind in dieser heroischen Zeit und daß auch wir sie voll und ganz verstanden haben. Die gesamte Judenschaft der Monarchie habe sich an einer Aktion zu beteiligen, die darin bcstehen soll, einen großen Geldbetrag zu sammeln und aufzubringen, um ein israelitisches Jnvalidenheim oder aber nach den: Muster des deutschen Jnvalidendcmk eine Institution für jüdische Invaliden zu begründen. Diese Institution hätte sich erst in;weiter Reihe mit der Geldunterstützung Invalider, hauptsächlich aber d>amit zu befassen, daß Invaliden nach Maßgabe ihrer Arbeitsfähigkeit erwerbsfähig gemacht werden. Um die erforderlichen Mittel für dieses Monument der Dankbarkeit herbeizuschaffen, wäre es Wohl einer der erhabensten Aufgaben der Seelsorger unserer Konfession, daß dieselben gelegentlich in Kanzclreden den zur Andacht Versammelten nahelegen, welchen großen Dank wir denen schulden, die für uns Daheimgebliobenen so b׳edeutende Opfer gebracht haben. Wir sind geradezu verpflichtet, diesen Heldenmütigen wieder Gegenopfer zu bringen, indem wir für jeden freiwillig uns auferlegten Genuß und für jedes auferlegte Vergnügen, dem wir entsagen wollen, den entfallenden Wertbetvag diesem׳ hochherzigen Zwecke zuführen. Dieses Opfer der Selbstbesteuerung steht in Doppelopfer werden. Zeigen wir uns groß und diese Braven und Helden für uns gebracht haben. Es naht der große Jom Kippur (Vevsöhnuugstagh. Dieser soll diesmal uns auf den richtigen Platz finden. Er soll der würdigste aller bisher gefeierten werden dadurch, daß jeder Einzelne den durch Kasteiung an diesem Tage ersparten Geldwert und der sonst an diesem Fest der Sühne für wohltätige Zwecke zu spendende Betrag, auf den Altar dieser zu aktivierenden Institution lege. So denkwürdig wie der bisher unerhört große Krieg, so denkwürdig für ewige Zeiten würde das von der Gesamtjudenschaft gebrachte voppelopfer werden. Zeigen wir uns groß und erhaben durch einträchtiges Zusammenwirken, durch willige Qpferbereitschaft einen Monumentalbau zu errichten, das den Invaliden zum Heil, den: Judentum zun: Ruhm gereiche! Die Entlarvung des ״Slowo polskie" nach der Befreiung Lembergs. Mag die Freude aller Patriotischen Völker in Oesterreich über die herrliche, für alle Zeiten ruhmreiche Befreiung Galiziens vom Joche der Kosakenhorden groß und innig sein, mag jedem kulturell uird menschenwürdig Denkenden der Triumph der Freiheit und der Menschlichkeit über den verworfensten Bavbavismus und CharlatariSmus aller Zeiten ״das Herz Im Leibe" schwellen lassen, mögen insbesondere die Juden, die die Zaren pei tsche am heftigsten und blutigsten zu spüren hatten, laute Jubelakkorde anschlagen, gleichhoch ist die Genugtuung, die uns die Tatsache verschafft, daß die sogenannten Nationaldernokraten des größten galizischen Organs ״Slowo polskie" jetzt während des Krieges voll und ganz entlarvt wurde. Seit einer langen Reihe von Jahren war diese Zeitung, die Führerin aller Boykott- und Pogromhetzen in. Galizien. Tag für Tag sprühten die Giftmischer dieser verworfenen Zeitung Haß und Zwiespalt zwischen der polnischen Bevölkerung, gegen die Juden. Nicht einnml lasen wir mit bangenden: Herzen und klopfenden Pulsen ihre giftgeschwollenen Allarmartikeln für die Auflehnung der polnischen Gesellschaft gegen die ׳ Juden. Und ihre Verbreitung in: Polnischen Lesevpublikum bereitete uns bange Stunden der Angst. Zwar polemisierten zuweilen andere liberalcre Organe gegen ihre Ausführungen, aber wir hatte»:: die Empfindung, daß alles Böse und Haßvolle, was in den letzten Jahren im Galt zier: gegen die Juden entstand seine Ursache zum großen Teile in den giftigen Artikeln des ״Slowo polskie" hatte. Die Preßfreiheit in Oesterreich vor dem Kriege gab den Leuten die Sicherheit ihrer Unantastbarkeit. Wie freuen wir uns jetzt, daß die schändlichen Mannschaften dieser demoratisierten Hetzbande vor aller Welt entlarvt wurden. Als ׳nun die russischen ״Befreier" im Len:- borg einzogen, lüfteten die Leute ihre Maske und verschrieben sich :mit Haut und Haaren den ״gleichwertigen" moskowi tischen ״Barbarembekä'mpfevn". Die vielen Monate der Nussonherr- 'schlaft in Galizien Ware:: für sie sehr gute Zeiten, sie paßten zu ihren ״Befreien:" und triumphierten gerneinsam über das ״zerschlagene" Oester- 'reich und vergnügten sich an den: für ewige Zeiten ins ״große unteilbare Rußland" — wie der Zar höchstpersönlich in Lemberg sich auszudrückeu geruhte — einverleibten Galizien. Aber nicht lange währte ihre Freude. Mit der Stunde der Befreiüntz, der wahren Befreiung Galiziens und Leinbergs wuche ihre Freude in arge Enttäuschung ulnd Trauer verwandelt. Mit all dein Gesindel, dem faulen Pack, das früher infolge der gütigen Herrschaft unserer Zentralregierung den Unfug treiben konnte, machten sie Reißaus u. uiitevuahmen eine Vergnügungsreise nach ihrem ״gelobten Lande", den: Russenreich. Dort ist der richtige Platz für sie, aber fern von Oesterreich, wo nur friedliches und gönnerhaftes Zusammenleben aller Völker hoffen Gedeihung und Fortbestand ׳sichert. Dieser Krieg hat viele Narben verheilt ünjd vielen Unrat den Nährboden entzogen. Nicht Nu: letztem Platze steht die Entlarvung des ״Slowo polskie". Wie ein Gewitter hat die glorreiche BefreiuNg Lembergs diese Unholde hinweggefegt. Sie worein auch diejenigen, welche gegei: die Nuthenen hetzten u. das Feuer der Zwietracht schürten, so daß der Ausgleich nnt ihnen erschwert svmrde. Der hoffentlich bald ko in men de ehrenvolle Friede wird die Atmosphäre Galiziens ״entpestet" von solchen demagogischen Strolchei: sin- Iden. Hoffentlich zun: Heil aller Völker. Bernhard Horowitz. Die Gesamtheit der österreichischen Juden. Wdnn die Feindseligkeiten zwischen den kämpfenden Völkern eingestellt seir: und die Friedensverhandlungen beginnen werden, dann wird nian Wohl auch daran denken müssen, daß die bürgerliche Bevölkerung auf den Kriegsschau- Plätzen besonders arger Schädigung und harten Qualen ausgesetzt war und daß in erster .Reihe die jüdische Bevölkerung von den Russen offiziell und außeroffiziell verfolgt, beraubt, geschändet und gemordet worden ist. Ohne Zweifel wird der Staat darauf bedacht sein, diesen armen Kriegsopfern helfend zur Seite zu stehen. In welcher Art und in welchem Ausmaße dies geschehen wird», läßt sich nicht voraussagen. Sicher jedoch ist, daß der Schadm, der teilweise aus kriegsgemäßer Notwendigkeit, teilweise aus Bestialität der Russen entstand, viel zu