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Jüdische Volksstimme · 1915-08-08 · Heft 20 (8.8.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 20 (8.8.1915)
Date
1915-08-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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WMMW Cflll Z, 1»S«1«Mt «•m»!«üa WWW Nr. SO. sachen versöhnen. Das hören wir aus den Trostesworten Josefs an seine Brüder. Diese fürchteten, daß Josef nach des Vaters Tode ihre schwere Schuld ihnen heimzahlen könnte und baten ihn demütig mn! Verzeihung. Er aber tröstete sie (Genes. 60, 21), er sprach zu ihrem .Herzen, regte ihre Gefühle an, die dem Menschen oft zugänglicher sind, als alle noch so wohldurchdachten Vernuinftgründe. Zu einem erfolgreichen, wiirksiamen Trost muß der geeignete Zeitpunkt gewählt werden.!Insere Weisen sagen (Aboth 4, 18), ״Man versuche niernand zu trösten in der Zeit, da noch der Tate vor seinen Augen ruht". Im Angesichte des Todes, da wo das Unglück in seiner vollen Wucht den Sinn belastet, das Gemüt niederdrückt, der Verlust unersetzlich, unermeßlich scheint und der Betroffene unter der fast unerträglichen Bürde des Schmerzes zu unterliegen glaubt, da ist jeder Trost unwirksam, unangebracht und jedes Bemühen vergeblich. Der Schmerz Will auch das Seine haben und Tränen sind die beste Linderung. Das erkannten auch die Freunde des großen Dulders Job, die ganz starr Md erschüttert vor der schweren außergewöhnlichen und unnatürlichen Heimsuchung ihres Freundes dastanden (Job, 2, 13). Sie hüllten sich in dumpfes Schweigen, denn sie sahen, sie fühlten, daß bei dem Ueberrnatz seines Schmerzes und seines Leids Schweigen, Zuwarten, bis die Zeit beruhigt, die beste und richtigste Vorbereitung fiir das tröstende Wort ist und sein kann, wenn es seine heilsame Wirkung nicht verfehlen soll. Das sagt auch Jeremia in seinem Klagelied (3, 28): Still und einiam sich seinem Schmerze überlassen, hilft, daß UM wie man seine Herzensbürde leichter trägt. Aus diesen Gründen ist für die schweren Opfer unseres Weltkrieges und für die Herzenstyauer in der Gegenwart noch nicht der Trostsabbath erschianen und die fortgesetzten Sabbathe der Tröstung sind noch nicht am Platze. Wir gleichen demjenigen, der den eben Verschiedenen noch nicht Bestatteten vor Augen hat, dg ist Tröstung ein eitel Bemühen. Wir befinden Ms mitten im Schlachtgetümmel. Tag für Tag lesen, hören wiir die große Anzahl der Gefallenen, Verwundeten, ob Freund oder Feind, Menschen sind es unter allen Umständen. Da kann die Herzenswimhe des einzelnen nicht verhartschen, nicht vernarben, bricht vielmehr jedesmal von: neuen auf. Die Tätigkeit des Tröstens kann nicht einmal den Anfang nehmen. Die erste Bedingung des Trostes, wie es die erste Silbe des hebräischen Wortes ״Uachem trösten" sagt, die innere Ruhe, der gleichmütige Sinn, der im Laufe /der Zeit mst den Tatsachen sich äbsindet, ist noch nicht vorhanden. Den Tröstern und den. zu Tröstenden könnte es da nicht anders ergehen als unserem großen Lehrer R. Jochanan ben Sakka (Math d. R. N. c. 14): Er verlor einen, einzigen hoffnungsvollen Sohn. Alle Gelehrte fanden sich bei der Trauerneu Gelehrten Rabbi Salomo ben Aderet in Barzelona (Resp. Sal. b. Aderet 678) und ersuchte ihn, er möge ihnen über die Persönlichkeit des angeblichen Messias Abulafia nähere Auskunft erteilen. Bon Aderet (Raschba), dem das törichte, Treiben des als Messias sich angekündigten Abulafia nicht unbekannt war, schrieb an die Gemeinde von Palermo, wie an den dortigen Rabbiner Achitab, sie mögen dem falschen Messias ja kein Gehör schonten, denn dieser Halbwisser, Chartatan und Erzbetri'lger sei ein gefährlicher Mensch, der in keiner jüdischen Gemeindegeduldet werden darf.Dieses vernichtende Urteil verfehlte nicht auf den Schwindler Abulafia einen deprimierenden Eindruck zu machen. Er richtete sofort em Schreiben an seinen Schüler Jehuda Salomo,n in Barzelona, in welchem er seine prophetische Kabbala verteidigte und die Behauptungen des großen Ben Aderet entschieden zurückwies. Dies, aber hatte ihm sehr wenig genützt. Ben Aderst sein $ Machtspruch war den Juden in Palermo maßgebend. Auch andere Gemeinden und Rabbinen, die nicht mit Unrecht der Befürchtung Raum׳ >geben zu müssen glaubten, daß das Treiben dieses Grandschwmdlers traurige Folgen für die Juden im allgemeinen haben könnte, haben sich mit Unwillen von ihm abgewendet, ja ihn sogar, wie er es verdient hatte, verfolgt. Infolgedessen sah er sich genötigt, die Insel zu verlassen. Er verfügte sich nach Comme bei Malta (1288) und setzte dort feine vom prophetischen Geiste (?) erfüllte Schriftstellerei fort. In diesen Schriften beklagte feier ein, um dem großen Lehrer Trost zuzusprechen. Einer nach dem andern führte Beispiele an von gleich schweren Schicksalsschlägen und Todesfällen, die auch andere große Männer trafen. — Tränenden Auges gebot er ihnen Einhalt: Habe ich nicht genug an dem eigenen Leid, daß ihr noch durch anderer gleiches Leid das meinige vermehrt? Das kann mich nicht trösten. Das ist ein Trost, wie ihn Menschen zumeist geben, doch kein wahrer, wirklicher Trost. Ein wahrer Trost ist vielmehr derjenige, der uns ermöglicht, die Vergangenheit abzuschließen, sie als ^geschlossen zu betrachten und auf ihren Trümmern und Ruinen eine neue, eine bessere und trostreichere Zukunft aufzurichken. Das.sagt uns wieder das hebräische Wort ״nachem trösten", das verwandt ist mit ״nächah führen", leiten. Den Weg zeigen, dm man nach dem Unglück zu betreten hat, auleiten, führen, wie man nach dem überstaindenen Leid die weitere Lebensführung einzurichten hat, das nennt man trösten, das gibt einen Wahren Wirklichen Trost. Einen solchen Wahren Trost gab einst R. Akiba seinen Schülern (Makkoth 24, b). Sie kamen an dem Tempelberge vorbei und sahen die Stätte, wo einst der heilige Tempel stand, mit Gras und Gestrüpp Wild bewachsen. Die Schüler begannen laut zu klagen, zu jammern 1m& zu Weinen, R. Akiba behielt seine Rühe. Ihr weint, sprach er, über die Verwilderung und Verödung der Tempelstätte. Darin gerade finde ich meinen Trost, darauf gründe ich mein Vertrauen auf die Zukunft. Hat nicht der Prophet Micha verkündet? (Micha 2, 12): ״Euretwegen wird über Zion, wie über einen Acker der Pflug geführt, Jerusalem wird ein Trümmerhaufen fein und der Tempelbevg zu einer Wjaldeshöhe." Hat sich diese Verheihung buchstäblich erfüllt, so Wird sich auch die damit in Beziehung gebrachte Prophezeiung Secharias erfüllen (Sech. 8, 4—5) : ״Einst werden wieder Greise und Greisinnen in den. Straßen Jerusalems sitzen, jeder feinen Stab in der Hand, hochbetagt. Die Plätze der Stadt werden voll sein von! Knaben und Mädchen, die in den Straßen fpi-elen." Darauf riefen die Schüler: ״Akiba du hast uns wahrhaft getröstet." Akiba gab Hamit den Schülern und uns allen die Lehre: Ein wahrer Trost besteht darin, haß man von» einer verlorenen Vergangenheit mit erneutem Mute und hofnungsvollem Vertrauen der Arbeit, dem Wirken und Schaffen für eine bessere Zukunft sich zu- Wendet. Das voMrachte bei uns Juden nach dem Verluste unserer staatlichen Selbständigkeit, nach der Einäscherung des heiligen Tempels der Messtasgedanke. Wir Juden hätten uns nie unfo nimmer unter den schweren Schicksalsschlägen, die wir wie kein Volk der Erde unter allen Pölkern, zu lallen Zeiten, in allenLändern zu erdulden hatten zwei Jahrtausende bis heute erhalten, hätte nicht der Messtasgedanke, die Hoffnung auf eine bessere er sich bitter über den Unglauben der Juden, die in ihrer Verstocktheit ihm, dem gottbegsuadeten Propheten kein Gehör schenken wollen. In feinem an Wahnsinn grenzenden Fanatismus klagte er: ״Während die Nichtjuden an seine Worte glauben, sind die Juden ungläubigwollen von der Berechnung des Gottesmannes nichts wissen; sondern ziehen die Berechnung der Gelder vor". Die Weiteren Geschicke dieses Schwärmers -.sind nicht bekannt. Ungefähr zweiundzwanzig Schriften soll er verfaßt haben. ׳ Später traten zwei seiner: Josef - Gikatilla und Samuel aus Medina Oele, auf den Plan, gevierten sich als Propheten und Wundertäter. Dann trat noch ein dritter ״Prophet" in Avila auf. Alle drei prophezeiten, daß der Messias in Bälde erscheinen werde. Von ׳dem Propheten in Avila hatte man sich erzählt, daß er von Jugend auf total unwissend, buchstäblich ein Aualphabeth war, allein infolge höherer Eingebung sei er Plötzlich über Nacht ein so großer Gelehrter geworden, daß er die Fähigkeit besaß, eine mystische Schrift ״Wunder der Weisheit" zu verfassen. Wieder wandten sich die Gemeindevertreter an R. Salomo ben Aderet um Aufklärung und Rat, da sie von.her eminenten Gelehrsamkeit, in deren Besitz der Prophet von Avila Plötzlich gelangt sei, ganz verblüfft waren und sich dieses Rätsel nicht lösen konnten. Ben Aderet antwortete: Ich würde gewiß keinen Augenblick Anstand genommen haben auch diesen ״Propheten" unsäMich zu machen, wenn er mir nicht von respektabler Saite im glücklichere Zukunft uns stets Mut und Kraft eingeflößt, die Arbeit immer vom neuen aufzunehmen in dem Gedanken, es muß einmal bester Werden, und es ist bester geworden und wird inimer bester werden! Das ist auch unsere Aufgabe in unserer schweren und bedrängten Lage des Weltkrieges. Für den Augenblick kann trotz den siegreichen Erfolgen unserer heldenmütigen tapferen Heere nicht die große Allgemeinheit, noch weniger der einzelne vollen, wahren unp ganzen Trost gewinnen. Versuchen wir nur oberflächlich — weiter vermag es nicht der Außenstehende — einen UebeMick zu gewinnen Wer die unermeßlichen Verheerungen, die der Weltkrieg bereits angerichtet, und die er — wer vermöchte es zu sagen — noch anrichten wird, so erscheint uns das wie eine erneute veränderte Auflage der Sinflut über die Menschen, Völker und Länder. Mit unbeschreiblichem Weh muß, wie einst Wer Israel, sich jeder die Frage vorlegen (Deuter, c. 29, 23): Warum hat Gott solches Leid über di>e Erde gebracht und was ist die Ursache seines so großen Zornes? — Vielleicht geben sich heute schon viele Einsichtige die Antwort, gewiß aber wird es nach dem Frieden die allgemeine Antwort sein (Jes. 42, 24): Die große Schuld, die Sünden Fehler, Vergehen der Allgemeinheit und infolgedessen die zahlro?- chen Sünden der einzelnen haben diese harte Heimsuchung der Menschen durch Gott hevbeigeführt. Der Trost für alle Menschen und Völker kann nur seinen Anfang nehmen, wem: auch alle sich bekennen zu dem Worte Jesaiias (61, 12): Ich, ich, Gott, bin euer Tröster. Hat so mancher in seiner stillen Trauer Trost suchend Gott dem Herrn sich zugewtandt, hat unser allergnädigster greiser Herrscher gleich bei Beginn des Krieges sein frommes heißes Gebet zum Himmel emporgesandt, so müssen Wir alle ohne Unterschied nicht blos in unserer Herzens- und Lsbensuot Gott suchen, sondern nach der bekannten Lehre (Sanh. 44, b): Bevor nock das Unglück und die Not hereinbvicht, in der Zeit des Glückes, des Friedens und des Behagens muß man Gott suchen, Gott finden, Gott verlangen und nicht Gott vergasten, daß er sich auch finden laste, wenn man seine Hilfe, seine Rettung und seinen Trost braucht. Gott sucht man aber nicht einzig und allein im Gotteshaus und im Gebet. Gott suchen muß man draußen im Leben, im Verkehre mit ,frem! Nebenmenschen, wenn man die Gebote, die Lehren und Satzungen der Religion und' Sittlichkeit sorgfältig beobachtet, Treue und Glauben hält, Wahrheit spricht, des andere Ehre, dessen geistigen, moralischen, und materiellen Besitz nicht antastet und immer und überall für Recht und Gerechtigkeit einsieht. Der Grund für die schwere Straft der Sintflut wird in der Schrift angegeben (Genes. 6.12): Jedes Geschöpf hatte seinen sittlichen Lebenswanbei auf Erden verderbt." Zur Strafe für diese schönsten Lichte geschildert worden wäre, allein als Prophet kann ich auch diesen Menschen -- obwohl er mir warm empföhlen wurde — djurchaus nicht anerkennen. Ein Analphabeth kann über Nacht kein Prophet werden, der prophetische Geist ruht überhaupt nicht auf Unwissenden usw., diaher rate ich euch äußerst vorsichtig zu sein und auf seine Empfehlungen keinen allzugvoßen Wert zu legen, denn auch die achtbarsten und glaubwürdigsten Protektoren können van geriebenen Schwindlern getäuscht, betrogen Md vemnlaßt werden, sie zu empfehlen." Diese wohlmeinende Warnung, hatte diesmal nicht viel genützt, denn das Volk war ganz betört und fest und unerschütterlich an ׳diesen ״Wundormann", den es für einen wahren Propheten hielt. Dieser Erzbetrüger hatte sogar den Mut zu verkünden, daß am letzten Tage des vierten Monates (Damus) 1295 die Erlösung stattfinden werde. Die Vorblendeten und Betörten bereiteten sich durch Fasten und Almofenspenden aus den Tag der Erlöfunig vor. Als der bestimmte Tag hemngenaht war, eilten diese Narren, wie am VersähuMgstage in die Synagoge um dort den Posaunenschall der Erlösung zu vernehmen. Wer aber nicht kam, war der sehnsuchtsvoll erwartete Messias. Was aus den Propheten von Avila und Aytlon geworden, hierüber wird nicht weiter berichtet, sie sind ebenso wie Abulafia verschollen . t

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