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Jüdische Volksstimme · 1915-08-08 · Heft 20 (8.8.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 20 (8.8.1915)
Date
1915-08-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Mta. XVI. TV■' ff$*f,Ot* •‘.י' t* r־־^״־^V,־•״*י־‘.׳ 5ך*ג*י,^ •׳^־,-*'* v' ׳־ ׳- **יל V ׳ י' יי Erscheint letze« Mittwoch •i ■ v r ’*» ־ -*-־■»־־-־־ - - . Nummer 20. D-lkisßmme. Bes«s»preise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6-20 ganzjährig.Kronen 12— Deutschland, ganzjährig.Mart 12 Rußland, ganzjährig.Rubel 6 — Balkan, Frankreich Frank» 14 — Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die 6spaltige Petitzeile SO h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono» riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brünn, 2“; «Ä5915 Prag—Lemberg. Trostsabbath. Von Professor Dr. A. Kurrein. Der erste Sabbath nach dem neunten Ab, nach dem Trauertage der Zerstörung Jerusalems und des heiligen Tempels ist der Trostsabbath. Wir begnügen uns nicht mit dem einzigen. Wir zählen sieben solcher ununterbrochen bis zum Äcnjahrstage und lesen der Reihe nach du׳ kern:-- gen, eindringlichen, Herz-. und geisterhebenden Trostreden des Propheten Jesaia, der den gibrochenen Mut, den ties herabgedrückten Sinn aufrichten und für eine bessere Zukunft vorbereiten will. Wie uns dem Leben gegriffen, der Wirklichfeit ■entnommen, aus der trauernden betrübten Seele gesprochen, erscheint diese Einrichtung der Synagoge, die sich nicht mit einm Trostsabbath begnügt, sondern. 7 ansetzt, die Tröstungen ge- Witz nicht zufällig, sondern mit unverhohlener Absichtlichkeit bis zun: Jahresschluß fortsührt, um anzudeuten, man kann nie zu viel, nie genug des Trostes haben; es tut uns not, immer vom neuen getröstet zu werden. Diese treffliche Lehre fand in den letzten Jahrzehnten, ja schon im letzten halben Jahrhundert weniger Beachtung, denn die Trauer um das verlorene Jerusalem, um den eingeäscherten Tempel beginnt nach noch nicht ganz zwei Jahrtausenden die Gemüter kalt und teilnahNMos zu lassen. Selbst die Zionisten sind bei dieser einzigen Trauerfeier um Zion in der Synagoge nicht die ersten und nicht die zahlreichsten Trauergäste. Zionisten wie Nicht- Zionisten glänzen bei.der Trauerfeier um Zion durch ihre.Abwesenheit und Trost und Tröstung erscheint unter solchen Umständen mehr als Werflüssig. Feuilleton Abraham ben Samuel Abulafia aus Saragossa. Von Dr. M. H. Friedländer. Im Jahre 1240 hatte Abraham ben Samuel Abulafia.in Saragossa das Licht der Welt erblickt. Er war ein höchst überspannter Kopf und schwärmte, nur für höhere Mystik. Sein Vater Samuel Abulafia hatte ihn in Bibel und Talmud unterrichtet, während ein anderer Lehrer ihn mit der Kabbala, zu der er besonders hingezogen fühlte, vertraut gemacht hatte. Als achtzehnjähriger Jüngling wurde ihm der Vater durch ven nnerbittlichen Tod entrissen. Zwei Jahre später 1mtermahm er eine Reise nach dem sagenhaft m Fluß Sambativn, um die au dessen Ufern angeblich wohnenden ״zehn Stämme" aufzusuchen. Zunächst reifte er nach Palästina, verbeir^'.te sich aber vorerst in Griechenland. Kurze. Zeit nach seiner Vermählung, verließ er seine junge Frau und kam nach Akko. Da aber um jene Zeit die Mongolen Syrien und Palästina verwüsteten, sch er sich gezwungen, seinen Plan — nämlich zum Sambationfluß vorzudringen — aufzugeben Er kehrte daher um, suchte seine Frau wieder auf und reiste in ihrer Begleitung nach Italien, wo er sich mit dem Studium der Religionsphilosophie des^ berühmten Maimonides eifrigjst beschäftigte, jo1 daß er bald imstande war religionsphilosophische! Vorträge zu halten. Nach mehreren Jahren kehrte 1 Dennoch ist es mehr denn je, war gewiß noch nie so sehr, so zeitgemäß am Platze, zu trösten, von Trost zu sprechen als in der jetzigen traurigen Zeit unseres Weltkrieges. Wie das Reh, um mit dem Psalmisten zu sprechen (Ps. 42, 2) nach dem Wasserquell lechzt, so dürstet m diesen schweren traurigen Tagen jede Seele, jedes Gemüt nach Trost. Dieser trostbedürftige Kreis umgrenzt nicht allein uns Israeliten, er schließt ganz Europa, sicher die ganze fühlende Menschheit ein. Denn nicht der verbrannte Tempel, nicht die zerstörte Friedensstadt Jerusalem allein ist zu beklagen und betrauern. Ein viel weiter reichender Tenipel, der Friedenstempel aller Völker Euro- Pas ist zerstört, wird vonr wilden Kampf umtobt, liegt nn Schutt und Trümmern. Wie Jerusalem, die Stadt der Treue und Zuverlässigkeit gefallen, so zu Böden getreten, vernichtet und mißachtet ist in den höchsten Kreisen, die vorbildlich für alle Volkskbassen sein sollten, jede Treue, jeder Glaube, jedes Versprechen, jede Verbindlichkeit und Treubruch, Tücke, Heuchelei und Hinterlist ist an der Tagesordnung. So hört sichs auch aus der Klage des Propheten Jeremia an unseren: Trauertage: (Jer. 9, 3). Vor den: Freunde muß man sich in Acht nehmen, auf Der Hut sein und. auf Brüderlichkeit darf man sich nicht verlassen. Da wahrlich kann man Trost brauchen, tut Trost not. Trost verlangt jedoch nicht allein die allgemeine Weltlage, trostbedürftig ist noch mehr jeder einzelne. Unzählbar sind ja die Menschenopfex, die dieser schreckliche Krieg bereits forderte und unersämich noH weiter fordert. Es gibt fast kein Haus, keine Familie, die nicht über einen Toten, einen Verwundeten oder, Was noch peinlicher als die Gewißheit ist, über einen Vermißten, unbekannt wo, zu kliagen und zu trauern hat. Mit dem Klagelied (3,48) kann man sagen: ״Ganze Bäche er nach Spanien zurück. Dort interessierte er sich wieder für das Studium der Kabbala ind begann mit dem rätselhaften ״Buche der Schöpfung": ״Sefer Jeziva". Allein er war von der maimonidischen Religionsphilosophie so sehr durchdrun. gen,!daß er eine eigene Schrift gegen die Kabbala unter dem Titel: ״Jmve Schefer" verfaßte. In derselben bemühte er sich den Leser von der Hohlheit und Haltlosigkeit dieser mystischen Theorien zu überzeugen. Seine Seele rang nach etwas Höherem, nach prophetischer Offenbarung. Es bauerte aber auch gar ׳nicht lange- und er erklärte, daß er durch Inspiration in den Besitz einer höheren Kabbala gelangt und daher vom prophetischen Geiste ganz durchdrungen sei. Diese höhere Kabbala bestand inder Kunst, die Silben der heil. Schrift, besonders die des allerheiligsten Gottesnamens zu zerlegen., zu verbinden, oder umzusetzen, oder deren Zahlenwert zu berechnen. Durch diese Kunst, meinte er, sei er auf den rechten Weg gelangt, um der prophetischen Offenbarung gewürdigt zu werden. Ueberdi>s wurde rurch die unausgesetzte ascetischen Hebungen in gewisse Verzückungen versetzt, so daß er behaupten zu dürfe!: graubte, in diesem Zustande stets höhere Inspirationen zu erhalten. Mit einem Worte, er hielt sich für einen Propheten, der leicht erraten kann, loas in den Zeiten Hintergrund scklnmmert. In Spanien aber war nun: von seinen prophetischcn Schwärmereien nicht sonderlich entrück:, deshalb verließ er zum zweitenmale die Heimat und übersiedelte wieder nach Italien, wo er. da die Italiener von jeher mystischen S hwärmereien zugänglich waren und sich daher von falvon Tränen sind bereits gefldssen, fließen unaufhörlich weiter und werden auch nach dem Frieden nicht versiegen, denn tief in dem Wunden Herzen nagt der mihetlbare Schmerzl Da findet xi. uüd Tröstung ein weites Gebiet und eine dankbare Aufgabe, wenn der Trost derselben gewachsen ist. Der Trostessabbath imd die Belehrung nnserer Wleisen über die Art zu trösten kann uns .ein richtiger Wegweiser sein. Es wäre ein großer Irrtum zu glauben, daß irgend ein tröstendes Wort oder eine tröstende Handlung ben tiefen Eindruck des Unglückes, das nagende Weh des Schmerzes und den unersetzlichen Verlust vergessen machen und völlig verwischen könnte. — Trösten heißt vielmehr, den Trauernden mit den: erlittenen Nebel versöhnen, beruhigen und ihn: den vorhandenen Zustand erträglich machen. Das erfahren wir von König David, der sich über die Erkrankung seines geliebten Kindes ungemein grämte und härmte, Er betete, fastete und legte sich schwere Buhen auf. Als ihn: die Nachricht von dem M leben des Kindes gebracht wurde, da suchte er Ruhe, Fassung und das Gleichgewicht seiner Seele zu gewinnen und gab seiner darob erstaunten Umgebung die Erklärung (Sam. 2., 12, 23): ״Kaum ich das Kind aus dem Tode ins Leben zurückrufen?" Die Vergangenheit ist und bleibt vergangen, main muß darauf eine neue Ge-' genwart, eine neue Zukunft aufbauen. Dieser Gedanke ruht in den: hebräischen Worte nachen: trösten, dessen erste Silbe mit dem Worte ״noach ruhen" verwandt oder daraus hervorgegangen ist. Trösten heißt demnach, den :nächtigen Sturm des Schmerzes, der im Innen: tobt, allmälig durch zweckentsprechende Einwirkung auf das empfindliche Herz und auf das stimmungsvolle Gemüt besänftigen und mit den. vollzogenen Tatschen Bros teten und Wahrsagern auf die leichteste Weise verhetzen, verleiten und verführen ließen, mehr Verdienst zu finden glaubten. In Uvbino (1279) verfaßte er mehrere die Prophetin behaudelnde Schriften, in welchen er vorgab, daß Gott .selbst mit ihm gesprochen habe. In diesen schwär- Nlerische:: Schriften nannte er sich ״Ros:.׳.l", weil der Zahlenttert seines Namens Abraham (?48) nüt -den: des ״Rosil" gleich sei. In seiner Schwärn.erü. ging er so weit, daß er 1281 den kühnen an Wahnsinn grenzenden Versuch :nachte, den Larnaüge.׳. Pavst Martin 4., zun: Judentum: zu bekehre!׳.. Es hat ׳nicht viel gefehlt und dieser wahnwitzige Versuch hätte ihn, diesen famosen ״Pro- Pheten", das Leiben gekostet. Er wurde nämlich in den Kerker geworfen, wo er achtundzwanzig Tage schmachtete. Nur dadurch gelang es ihn: sich deen Tode zu entringen, daß, wie er sich ausdrückte, Gott ihm einen Doppelmund hat wachsen lassen. — (Orient 1845). Von Non: ging er nach Messina wo er eine sehr günstige Aufnahme gefunden. Hier -erklärte er sich endlich offen, daß er nicht blos ein Prophet, sondern der sehnlichst erwartete ״Messias" sei, was er auch in einer 1284 verfaßten Schrift zu beweisen, sich bemühte. Seiner Behauptung nach sollte die Erlösung in: Jahre 1200 stattfinden. In Sizilien haben viele seiner An- Hänger sich schon auf die Reise nach Palästina vorbereitet. Es gab aber auch in den sizilianischen Gemeinden besonnene Männer, die sich nicht so leicht entschließen konnten dem Rufe eines Schlvärmers, der ihnen nicht vertrauenswürdig genug erschien, Folge zu leisten. Sie Wandten sich daher schriftlich an den berühmten hochangesehe- ■*4 1

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