Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 19 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2621945-2621964--3269-2624444- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gleichwie die furchtbarsten Gewitter mit ihren oft sehr schädlichen Wirkungen die Luft von schädlichen Maismen und Bakterien reimgen, so reinigt der Krieg die Volksseele von den schädlichen Einflüssen der Entsittlichung, aus dem dann, gleichwie aus dem segnenden Naß des Gewitters ei.n neues, reines, sittlich starkes Geschlecht erwächst. Dieses ist uns aber auch eine Gewahr unseres endlichen Sieges. Mit seltener Bundestreue stellte sich der erhabene Bundesgenosse an- Vor Seite unseres Kaisers, als sein Reich von einem Raubritter- Volke angegriffen wurde. Ringsum von Feinden umtost, gleich einem Fels im Meere, an dem die brandenden Wogen brechen, steht das auf der höchsten sittlichen Stufe stehende Volk da, an dem dve Heeressäulen der Feinde, üllor List und Ränke zum Trotz, zerschellen. Ein Ausruf um Tesillin. Frankfurt a. M., ׳den 6. Juli! 1916. Aus dem Bureau der ״Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Angesichts der herrschenden Tefillinnot haben wir im Januar dieses Jahres um Ueberlassunc! aller für den Besitzer entbehrlichen Tefillin zur Befriedigung des starken Bedarfes cm׳ solchen in Kriegsgefangenenlagern und in den galizischen Flüchtlingszentren gebeten. Der Erfolg unserer Bitte war befriedigend und wir konnten Hunderten von Gesuchen entsprachen, nachdem wir die eingegangenen Tefillin einzeln hatten prüfen und zum Teil reparieren lassen. Der Vorrat ist indessen jetzt völlig verqriffen, wahrend sich die Gesuche sowohl von seiten russisch-jüdischer Kriegsgefangener als auch aus den kleinen Orten Böhmens und- Mährens, in denen sich gal-izische Flüchtlinge aufhalten, von Tag zu Tag mehren. Es ergeht daher die dringende Bitte an reden, der entbehrliche Tesillin zur Verfügung hat, diese unserem Bureau, Schützenstvaße 14, io ras wie möglich zur Verfügung stellen zu wollen. Richtigstellung. Mit Bezug auf die in der Wiener Tagespresse wieder gegebene ״Erklärung" aus der Zeitschrift ״Polen" ersucht uns die Leitung der Zionistischen Partei Galiziens um Feststellung, daß die Behauptung, diese Erklärung sei von den Vertretern aller jüdischen Parteien Galiziens abgegeben worden, unzutreffend ist, da — wie ja selbstverständlich — kein Vertreter der Zionistischen Partei diese Erklärung gefertigt hat. Runäfchau. Eine Aktion -es jüdischen Proletariats für die jüdischen Rechte. Unter dem jüdischen Proletariat der Vereinigten Staaten und Englands begann in den letzten Monaten gleichzeitig eine Bewegung zugunsten der Emanzipation der Inden Ostouro- Pas. Die Initiative zu dieser Bewegung gaben die Mitglieder des Verbandsbureaus des Allweltlichen Jüdischen Sozialistischen Arbeiterverbandes Paale Zion, die in Mwyork und London sich jede erdenkliche Mühe geben, die Vertreter der gesamten, Politisch-gewerkschaftlichen und auf versicherungsgenossenschaftlicher Grundlage organisierlan jüdischen Arbeiterschaft für eine durch die gegenwärtigen geschichtlichen Ereignisse gebotene gemeinsame Aktion zu gewinnen. Zu diesem Zwecke wurden in Newyork und. London Konferenzen der verschiedenen jiidischen Arbeiterorganisationen einberufen. Die Newyorker Konferenz fand am 18. April statt und war zahlreich beschickt. ES wurde beschlossen, eine große Aktion für die bürgerliche, politische und nationale Gleichberechtigung der Juden einzuleiten. Die Oeffentlichkeit in Amerika und das internationale sozialistische Proletariat sollen in diesem Sinne beeinflußt werden. In London wurde ein provisorisches Komitee eingesetzt, das Vertreter der verschiedenen jüdischen Gewerkschaften, des Arbeiterringes (Versicherungsorden) und der sozialistischen Partei Paale Zion umfaßt und zu dem auch Vertreter des englischen Proletariats zugezogen wurden. Eine öffentliche Delegiertenkonferenz soll demnächst stattfinden. DaS provisorische Komitee veröffentlicht folgende Resolution: ״Das jüdische Proletariat, als Teil eines Volkes, das durch Kriege am wenigsten zu ge- Winnen und am meisten zu verlieren hat, ist von dem brennenden Wunsche beseelt, daß dieses große Blutvergießen ehestens beendet sein möge. Das jüdische Proletariat sehnt die baldige Wieder- Herstellung der sozialistischen Internationale aus tiefstem Herzen herbei, deren große Mission es ist, im Sinne der Völkerverbrüderung und einer demokratischen Lösung des-europäischen Konfliktes zu wirken. Die Westmächtie, die angeblich einen Kampf zur Niederringrmg des ״preußischen Militarismus" führen, gehen Hand in Hand mit Ruß-- land, der reaktionärsten Macht Europas. Es ist daher die heiligste Pflicht!der betreffenden Vö>- ker, ihve Regierungen dahinzubrinyen, daß sie darauf achten, daß die russische Regierung die elementarsten Grundsätze des Völkerrechtes und der Menschlichkeit in dem vom russischen Heere okkupierten Gebiete nicht verletze, daß sie die eigene Bevölkerung der verschiedenen Nationalst täten nicht unterdrücke und mißhandle, und daß sie insbesondere mit den Verfolgungen und Pogromon gegen die Juden aufhöre. Es ist ferner die Pflicht der Völker, ihre Regierungen zu vercmlassen, daß sie die nationalen Fragen, die den Weltkrieg mitverursacht haben, auf eine demokratische Weise, im Sinne der Gewährleistung und der Inschutznahme der Rechte aller unterdrückten Nationalitäten und nationalen Minderheilen ohne Ausnahme lösen. In Konsequenz hiervon fordern wir die volle Emanzipation der Juden Rußlands und aller Länder, wo sie nicht im vollen Besitze ihrer Rechte sind." Eine Untersuchung über die Greueltaten der russischen Armee. Die Washingtoner Regierung beauftragte den amerikanischen Koinisul in Warschau, eine Untersuchung über die Lage der Juden des Polwischen Operationsgebietes einzuleiten. Diese Untersuchjung wurde veranlaßt durch die Beschwerden, die seitens der amerikanisch-jyddischen Presse über die Verbrechen des russischen Heeres an her eigenen jüdischen Zivilbevölkerung vorgebracht werden. Es wird erwartet, daß die amerikanische Regierung, im Falle die Untersuchung die Bevechtigung dieser Beschwerden ergeben sollte, diesbezüglich Vorstellungen beim Petrograder Kabinett erheben werde. Leo Frank — begnadigt. Gouverneur Slaton hat am 21. Juni, einen Tag vor der anberaumten Hinyichtung, die Begnadiguug Franks ausgesprochen und die Todesstrafe in lebenslänglichen Kerker umgewandelt. Vor Bekanntmachung des Urteils wuvde Frank in aller Stille aus dem Gefängnis aus Atlanta weggeführt, da ein Lynchattentat seitens der aufgehetzten Menge zu befürchten war. Frank nahm das Urteil mit Ruhe auf und sagte, daß er sicher sei, seine völlige Unschuld beweisen zu können. Vor dem Hause des Gouverneurs farmen Massenansammlungen statt, welche einen derart drohenden Charakter annahmen, daß der Gouverneur in seinem Wohnsitz, im Umkreise eines Kilo- Meters, das Standrecht proklamierte. Die Wache im Gefängnis Franks wurde verstärkt. Die amerikanische Misrachi-Föderation. Die Föderation besteht jetzt ein Jahr. Sie hat sich gut entwickelt, denn sie zählt bereits über 50 Vereine und dürfte an 4000 Schekolim zur Ablieferung bringen. Ein Aufruf der Föderation zum Besten der Palästinensischen Notleidenden brachte 16.000 Dollar. Am Erew Jomkipur wurden für den Misrachi-Kolonialfonds 362 Dollar gefammelt. Die Sammlungen für den Nationalfonds betrugen, soweit sie von den Misrachi-Veveinen allein vorgenonrmen wurden, mehr als 1000 Dollar. Wie bekannt, hat Dr. Schmarja Lewin ein Provisorisches Komitee für zionistische Angelegenheiten gegründet. In diesem Komitee ist auch der Misrachi vertreten. Das Komitee bewilligte für die Tachkemoni-Schule in Jaffa für die Dauer des Krieges 100 Dollar monatlich. Generalsekretär Meier (Berlin) ist jetzt zum zweiten Male nach Amerika gekommen. Nach Beratung mit ihm wurde beschlossen: 1. die Eröffnung eines besonderen Bureaus in Newyork und 2. Anstrengungen zu machen, Me streng orthoboxen Synagogen zum Anschluß an den Misrachi zu bewegen. Einige der größten Synagogen in Newyork und in Brooklyn haben bereits ihren Anschluß erklärt. Rechtsschutzbureau des Zionistischen Zentralkomitees für Kriegsflüchtlinge. Im Einvernehmen mit dem Leiter der Zentralstelle für die Fürsorge für die Kriegsflüchtlinge Gemein-derat Dr. Schwarz-Hiller hat das Zionistische Zentralkomitee im Novembey 1014 im Lokale 2. Bezirk, Zirkusgasse 33, ein Nechtsschutzbureau für Kriogsflüchtlingohne Unterschied der Nation und Konfession errichtet, welches als Sektion 5 der Zentralstelle oygcmisiert ist. Das Bureau entfaltet seit seiner Eröffnung eine sehr ersprießliche Tätigkeit und wird von den Flüchtlingen sehr in Anspruch genom-- men. Von Tausenden von Rechtsbelehrungen und sonstigen Informationen abgesehen, hat dieses Bureau bis auf den heutigen Tag 6474 Rechtsfachen erledigt. Dank dem Entgegenkommen aller Behörden war das Nechtsschutzbureau in der Lage, die meisten Angelegenheiten für die Parteien günstig zu erledigen.' Im Monat Juni 1916 wuvden 406 Fälle (Klagen, Interventionen und Dertretun-gen vor Gericht) erledigt. Die gegenwärtigen Leiter des Rechtsschutzbureaus, Hof- und GerichtHaddokat Dr. Ernst Schubert (Wien) ׳und Landes- und Gerichtscchvokat Dr. Josef Koch (Lemberg), werden in ihrer Tätigkeit von folgenden Herren unterstützt: Dr. K. List (Wien), Dr. Rohrlich (Wien), Dr. David Koch (Lemberg), JUC. Fritz Amtal (Wtien), Dr. F. Waschitz (Lemberg), Dr. M. Feuerstein (Wien), Dr. M. Fünkler (Wien), Dr. S. Feldmann (Tarnopol), Dr. H. Schiffmann (Wien), Dr. Silberschein (Lemberg). Das amerikanische Lebensmittelschiff in Palästina. Das amerikanische Lebensmittel schiff ״Vulkan" ist Ende April in Jaffa angekommen, hat aber seine Ladung erst einige Tage später löschen können, da zuvor einige Mißverständnisse gelöst werden mußten. — Es war von vornherein Absicht des amerikanisch-jüdischen Hilfskomitees ge- Wesen, einen Teil der Ladung auch den nichhjüdischen Notleidenden Palästinas zur Verfügung zu stellen. Die Palästinensischen lokalen Behörden forderten jeidoch, daß die Verteilung der Lebensmittel Proportionen der SeelenzahL der verschiedenen Bestandteile der Bevölkerung Vorgenommen werde. Aist diese Fordevung konnten die Vertreter des alm-erikanstchs-jüdischen Hilsskomitees nicht eingehen, da die ganze Aktion ausschließlich aus jüdischer Initiative hervorgegangen und fast ganz durch jüdische Arbeit und mit jüdischen Spenden dmrchgeführt worden war. Schließlich wurde eine Einigung erzielt, wonach 66 Prozent der Lebensmittel an die jüdische, 26 Prozent an die mohammedanische und 19 Prozent an die christliche Bevölkerung verteilt werde. — Die Vorräte wurden sodann ans Land gebracht und die Verteilung ist inzwischen erfolgt. Die Ankunft der Lebensmittel war von größter Bedeutung, da die Vorräte in Palästina zuletzt äußerst knapp geworden waren. Der ganze Vorgang t>atte auch eine weittragende moralische und kulturelle Wirkung zur Folge. Bekämpfung der Heuschrecken in Palästina. Der bekannte Palästinensische Agronom Aaronson hat den türkischen Behörden einen Plan zur Bekämpfung der Heuschrecken überreicht, die in ganz Palästina, auch in einer Reihe jüdischer Kolonien, Schaden angerichtet haben. Herr Aaronson hat von dem Oberbefehlshaber der 4. türkischen Armee, Ojemal Pascha, der seinen Plan genehlnigte, ausgedehnte Vollnmchten erhalten, um die Bekämpfung der Heuschrecken in den Vilajets Beirut, Jerusalem und Damaskus durch-