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Jüdische Volksstimme · 1915-07-23 · Heft 19 (23.7.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 19 (23.7.1915)
Date
1915-07-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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«e. IS VnR & jgWlflr W»W»WM>M» Die Nüchternen unter den Juden jedoch^ besonders der Exilsfürst und Vorsteher der Akademie zu Bagjdad, glaubten, und nicht mit Unrecht, der Befürchtung Raum׳ geben zu müssen, daß infolge dieser Bewegung die Juden harten Verfolg!!!!!- gen ausgesetzt sein würden und schrieben an Alroy, er möge im Interesse der Juden von seinem gefährlichen Vorhaben Massen. Alles vergebens. L)er Befehlshaber von Amadia jedoch, den das Treiben Alroys endlich zu beunruhigen begann, suchte der messianischen Revolution dadurch ein Ende zu machen, daß er den Schwiegervater Alroys veranlaßte, den Schwindler, der soviel Unheil gestiftet, aus dem Wege zu räumen. Alroy wurde tatsächlich im Schlafe erdrosselt. Die nachteiligen Folgen dieser Revolution waren, daß der Sultan über die Juden jener Länder, die dem falschen Messias anhänglich waren, schwere Strv-- fen verhängte. Große und schwere Opfer kostete es den Exilsfürsten, um den Zorn des Herrschers zu besänftigen. Er überbvachte ihm 100 Talente Gold. — Alroy wurde vom seinen Am hängerUjjNoch lange nach seinen! Tode verehrt und gefeiert. Man nannte sie Meuachemisten, weil David Alroy sich auch Menachem׳ b. Salomo genannt hatte. Das Leben und Wirken dieses falschen Messias wurde durch die Sage glorifiziert. Diese lautet: Der persische Sultan, der in der Bewegung, die Alroy heworgerufen, Verrat witterte, ließ ihn vorlcüden, um ihn zur Verantwortung zu ziehen. Alroy erschien ohne Angst und Bangen, ohne jegliche Begleitung vor dem Macht- Haber. Und als er gefragt wurde, was er eigentlich zu erzielen beabsichtige, antwortete er kühn, mutig und unerschrocken: ״Ich bin der König der Juden!" Infolgedessen ließ der Sultan ihn einkerkern. In den! Moment aber, als der Monarch mit seinen Räten beriet, welche Strafe über >d>en jüdischen Aufwiegler verhängt werden soll, fei* Alroy Plötzlich im Kronrat erschienen und habe zun! Erstaunen aller Anwesenden folgende Erklärung abgegeben: ״Vermöge meiner Geheimkülnste Ist es mir gelungen,!!!ich aus den! Kerker zu befreien! Ich fürchte weder den Sultan, noch seine Diener!" Als der Sultan nochmals den Auftrag erteilte, Alroy zu ergreifen und in den Kerker zu werfen, soll er (Alroy) sich unisi-chitbar gemacht und einen Fluß überschritten haben, daher er nicht ergriffen werden konnte. An einem Tage soll er die Strecke von zehn Tagereisen, nämlich von der Residenz des Sultans bis Anradia zurückgelegt haben. Als die Juden von den Mmdertaten (?) Alroys vernommen hatten, faßte erst recht der Glaube an seine Messianität faste Wurzel in ihrem Herzen, wodurch den Machthabern Anlaß zur Besorgnis gegeben wurde. Der Sultan erteilte daher dem Kalifen den Auftrag, den Vertreten! der Juden in Bagdad zu bedeuten, daß sie alle Hebel in Bewegung setzen sollen, um Alroh von. seinen! verhängnisvollen Vorhaben abzubringen, widrigenfalls er alle Juden seines Reiches über die Klinge springen lassen werde. Dieser Auftrag kan! zur rechten Zeit, denn zwei Hochstapler hatten!die!nessianische Schwärmere!.׳ des unwissenden Volkes in Bagdad in schändlicher Weise ausgebeutet und die armen Leute ihrer letzten Habe beraubt. Diese Schwindler gaben nämlich vor, Briefe von Alroy erhalten zu haben, in welchen er die Erlösung auf eine zu bezeichnende Nacht festgesetzt hatte. Don verblödeten Schwärmern redeten die zwei elenden Betrüger ein, daß sie alle in jener Nacht einen Flug von Bagdad nach Jerusalem antreten werden, sie!nüßten aber zu diesen! Zwecke auf die Dächer steigen, grüne Gewänder anziehen und die Stunde der Erlösung erwarten. Die Betörten schenkten den Hochstaplern Glauben und übergaben ihnen ihre ganzen Habe zur Beteilung unter die Arn!en. Die von den verlogenen Schwindlern bezeichnete Nacht nahte heran, die Verführten und Genarrten waren alle auf den Dächern versammelt und erwarteten sehnsuchtsvoll die Stunde der Erlösung. Frauen weinten, Kinder jammereten, alle bewegten sich ungebärdig, un! das Fliegen zu versuchen, allein alles vergebens. Der Anbruch des Tages hatte ihnen endlich die Augen geöffnet, und nun erst sahen sie ein, daß sie das Opfer elender Schurken wurden, die mittlerweile mit ihren ihnen gem-ubten Habseligkeiten die Flucht ergriffen hatten. In Bagdad nannte man diese stürmisch bewegte und aufgeregte Zeit spottweise ״das Jahr des Fliegens". — Auch das Jahr des von den Ententemächten mutwillig entfachten Weltkriegeverdient, wohl nicht scherzweise, mit vollem Rechte ״das Jahr des Fliegens" genannt zu werden, denn es kann nicht geleugnet werden, daß es den deutschen, österreichischen und ungarischen Fliegern-, — ob- Wohl gleich bei Beginn des Weltkrigees die Frauzosen auf ihre Aeroplane gepocht und mit Bestimmtheit behauptet haben, daß es ihnen mittels ihrer genialen Flieger leicht gelingen werde, das Deutsche Reich und die Monarchie zu zertrümmdrn — gelungen, zur Erringung äußerst glänzender Siege wesentlich beigetragen zu haben. Die Ursache des Krieges im Lichte unserer Weisen. Von Josef Schön. Der Ausspruch Nietzsches: ׳״Der Krieg ist ein Segen für die Völker", scheint, oberflächlich betrachtet, ein. Paradoxon. Denn wie kann ein Krieg, der so viel Unglück in! Gefolge hat, der den Haß zwischen den Völkern noch mehr entfacht, alle bösen Leidenschäften noch!!!ehr entfesselt, alle tierischen Instinkte in! Menschen erweckt, tausende Menschenleben vernichtet, Kulturarbeit zerstört, ein Segen sein? Die Welt, die im allgemeinen nur nach dem äußeren Scheine -urteilt, ohne nach den Ursachen der Ereignisse zu forschen, ist schließlich nicht in der Lage, Aussprüche hervorragender Geister zu begreifen, die auf tiefer Forschung der Volksseele und völkcrpsychologischen Erscheinungen fußen. Die Folgen dieser oberflächlichen Urteile zeitigen eben auch Erscheinungen in unserer Mitte, nach welchen Aussprüche unserer alten, bewährten Weisen als paradox und als Mittel, das Volk m Verdun!n!ung zu erhalten, aufgesaßt werden. Würde man jedoch diese Aussprüche, mit denen der Neuzeit vergleichen und gleichzeitig nach den Ursachen epochaler Ereignisse forschen, so käme man zu ganz anderen Schlüssen und zur richtigen Würdigung des Dichterwortes: Es liebt d!e Welt, das Strahlende zu schwärzen. Wohl werden die Aussprüche unserer Weisen immerhin zun! Teil als Sittenlehren aufgefaßt, in! allgerneinen aber ihnen jeder praktische Wert, eine Folge tiefen praktischen Forschens, abgesprechen., Der mangelhafre Religionsunterricht in Verbindung mit dem, mit Intensität betrievenen Unterricht anderer Fächer, zeitigt m der Jugend schon Widersprüche, die für das religiöse Leben äußerst schädlich wirken und den Wert dieser Sittenlehrcn nicht erkennen lassen. Die Pirke Aböl, die immerhin an manchen Schulen gelehrt werden, sind eine wahre Fundgrübe solcher Aussprüche, die ein tiefes Forschon in den Weltereignissen bekunden und als Pendant zun! Ausspruche Nietzsches dienen können. ״Sittliche Entartung, Lüge und Heuchelei haben Krieg und Epidemien zur Folge." (Pirke abod, 6, 8—10). Un! dieses richtig aufzufassen, dürfen wir nach den Ursachen der Kriege, nicht in den geschichtlich-diplomati,scheu Dokrnnenten suchen, fonder!!, wie unsere Weisen, in den Erscheinungen, die in!- Volksleben liegen, vor und zur Zeit des Ausbruches der Kriege. Es bedarf daher nicht des Zurückgreifens auf die alte Geschichte, es genügen uns die Verhältnisse der neueren ins Äuge zu fassen, denn im allgemeinen bleiben sie immer dieselben. Unter den Sonnenkönigen im 18. Jahrhundert hatte, von diesem beispielgebend, die stttlichc Entartung -derart überhand genornlmen, daß die ganze forschende Gesellschaft versumvft und korumpiert ward. Genußsucht war die Triebfeder, Lüge und Heuchelei die Werkzeuge ihrer Handlungen. - Eine Gesellschaft eitler Streber, nach oben kriechend und speichelleckend, nach unten terrorisierend, beherrschte das Volk. Die höchsten Güter waren käuflich. Und um der Genußsucht frönen zu können, wurde das Volk entrechtet, bedrückt und ausgesaugt, bis es dessen müde, sich gegen diese Herrschaft auflehnte und unter Strömen von Blut diese ganze Gesellschaft hinwegfegte. Die Guillotine fvatz ihre Opfer, ob schuldig ober nicht. Aus diesem blutigen Chaos rang sich ein skrupelloses Genie hewor und schwang sich mit seltener Energie, alles vor sich niedertretend, zun! Usurpator empor. Von maßlosem Ehrgeiz getrieben, wollte er durch Krieg die Welt unterjochen, um sie zu beherrschen, und die Völker, durch die von diesem Reiche entlehnten Sitten entnervt, waren zu schwach, diesem Emporkömjmling zu widerstehen. Da ermannten sich für Recht und Gesittung entflammte Geister, mit Waffen des Wortes und der Feder zogen sie gegen d!e herrschende SiLlcnlosigkit, Heuchelei und Lüge zu Felde, erweckten das Volk aus dem Pfuhle, begeisterten es für höhere Ideale und an den ehernen Mauern des erwachten neuen sittlichen Geschlechtes zerschellten die mächtigen Heeresmassen des Korsen. Als unter den! dritten Kaiserreiche die korumpiertesch einheilige Gesellschaft dm׳ entnervten Kaiser zun! Kriege drängte, zerschellte seine Macht an dem sittlich starken, geeinren Deutschen Reiche. Unterziehen wir nun die sittlichen Zustände in den Reichen unserer Feinde einer kritischen Sonde, so kommen wir zu den ganz gleichen Ergebnissen. Auf der einen Seite ein übermächtiges Reich, dessen Grenzen in allen Weltteilen sich strecken, von einer Gesellschaft beherrscht, der ein Men-׳ schenleben nichts, der Genuß alles bedeutet. Zum Raub und zur Entrechtung im Innern, gesellt sich Raub und Unrecht nach außen. Ist es da nicht naturgemäß, daß da -die bösen Triebe noch zu weiteren böse!! Handlungen treiben, über Tausende Menschenleiber hinweg? Daselbst kennt die Sittenlosigkeit keine Schranken! Und das zweite Reich, ebenso mächtig als reich, von einer Krämerkaste beherrscht. Unter dem Deckmantel, Naturvölkern die Kultur zu bringen, werden diese entrechtet, ausgebeutet, bedrückt und vernichtet. Das goldene Kalb ist ihre Gottheit! Schein- Heiligkeit ihre Tugend, Lüge ihr Gebrechen. Wo ist da die so vielgepriesene Kultur unseres Jahrhunderts? Schon das Bündnis mit einem Reiche, das auf Raub und Mord aufgebaut, ist ein Faustschlag für die Kultur. Und erst das dritte Reich, da!!!eint man seit jeher mit einer seichten Auffassung über Sittlichkeit als Kulturnation zu glänzen. Die Religion ist da kein Gegenstand eines menschlichen Bedürfnisses, die Ehe nur Schein, ein Deckmantel für sittliche Entartung, die Familic ein Mittel zun! Wohlleben, ohne inneren sittlichen, ethischen Gehalt. Die Ehe war schon den ältesten Völkern als ein Naturgesetz heilig, welches der Fortbestand der Welt erfordert. Ein Volk, welches sich nun über Naturgesetze, wie das der Ehe, leichtfertig hinwegsetzt, ist Innerlich faul und korupt. Einem solchen Volke ist gar nichts heilig, es setzt sich auch über andere Naturgesetze hiinweg. Ist das die so viel gepriesene Kulikur? Fast scheint dem so. Denn im allgemeinen waren seit jeher die Sitten dieses Volkes musterbildend für die anderen Völker und wuriden nachgeahmt. ״Die Höhe der Kultur eines Volkes ist nach dem Grade seiner sittlichen Auffassung zu ermessen!" Bei einen! Volke von modrigen sittlichen Grundsätzen sind leicht alle tierischen Instinkte zu Wecken und tatsächlich wurden da dessen Leidenschaften von einer von! Größenwahn befalleneu, leichtfertigen Clique durch den Revanchegedanken aufgepeitscht und zum Kriege gedrängt, ohne höhere Ziele, ohne höheres Ideal. Die Aussprüche unserer Weisen im Verein mit den sittlichen Ermahnungen der Bibel bezwecken eine innere sittliche Festigung im Judentume, denn uur ein sittlich festes Volk kann über solch starke Nerven, verfügen, die — nach der Behauptung unserer Verbündeten Heerführer — Bedingungen des Sieges sind. Die Ereignisse der jüngsten Zeit bestätigen aufs neue, daß die Aussprüche unserer Weifen nicht auf hipothetischen, sondern auf Positiven Forschungen beruhen und wird der zitierte mit den! Äusspruche Nietzsches -nur ergänzt.

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