Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 19 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. . »Mstche »ifflW Rr. 19 Kinder mittelloser Eltern», welche dem Mittelschulstudium obliegen, anderseits mühten sie die Folgen einer Maßregel tragen, welche gegen andere gerichtet ist. Bei den Juden herrscht der atavistische Drang zum Studium und da die Beschäftigung mit den spezifisch jüdischen Wissenschaften stark in den Hintergrund gedrängt Wunde, so stürzt sich die Bildimgsbestrebmig unserer Jugend vornehmlich auf das Gymnasium. Ob dies immer zum Heile der Betreffenden oder zum Wohls der Gesamtheit gereicht, ist mehr als fraglich. — Zum gebildeten Proletariat stellen die Juden mehr als den verhältnismäßigen Prozentsatz. So lange sich der Bildungsdvang Befriedigung im Studium der Thora u. dgl. suchte, war die oft überaus gründliche und vielseitige Wissenschaft kein Hindernis bei der Ausübung jedes beliebigen Geschäftes oder Gewerbes urid der größte Lamden betätigt sich ohne weiteres als Packträger, Handwerker, Kaufmann usw. Wer aber Mittelschule und Universität als Bildungsstätte aller Amtspersonen und Würdenträger durchgemacht hat, scheut mehr oder minder jede bescheidene Erwerbstätigkeit. Wenn wir dafür eintreten, daß außer den Beamtenvorbereitungsschulen Lerngelegenheiten geschaffen werden sollen, wo die gesamte begabte und lernwillige Jugend sich geistig bilden kann, ohne daß dies mit dem Berufe irgendwie zusammenhängt, so glauben wir, eine Einrichtrmg zu befürworten, welche von den Juden stark in Anspruch genommen werden würde. Aber wir zweifeln nicht daran, daß durch eine derartige Schöpfung auch dem BildungSbedürfnisse der gesamten Bevölkerung entsprochen würde. Es ist natürlich nicht gleichgültig, wie derartige Schulen eingerichtet werden mühten, damit sie das Vertrauen von Schülern und deren Eltem gewinnen. Daß sie mit den bisher üblichen Schultypen übereinstimmen müßten, ist gar nicht nötig. Im Gegenteil, es würde sich eine ganz verschiedene Form aus dem geänderten Inhalt von selbst ergeben. Der Zweck der Schule müßte einzig und allein die Hebung des geistigen Niveaus des Bevölkerungsdurchschnittes sein. Einzelheiten einer solchen Schultype heute in die Oefsentlichkeit zu Wersen, wäre kaum an der Zeit, aber der Grundgedanke steht fest: Die Bildung sei allgemein und gelte nicht als Privilegium einer dünnen Bevölkerungsschichke. Bildüng sei weit entfernt davon, sich auf jene zu beschränken, die in Amt und Würde stehen. Wjenn man gewohnt sein wird, bei den Angehörigen aller Berufsarten Bildung in gleichem׳ Maße zu finden, so wird sich die gesellschaftliche Differenzierung verschiedener Berufsarten ausgleichen. gemacht? Diesen Gedanken vermochte er absolut nicht zu ertragen. Aber er verfolgte ihn wie ein Gespenst. Der Krieg gewann für ihn immer mehr an Grausamkeit und Unerträglichkeit, je mehr sein jetziges Verhältnis zu seinem Freunde ihm zum Bewußtsein kam. Selbst in der siedenden Hitze des Gefechtes und im Fieber und der Sinnesverwirrung mitten i m Geheul und Geratter der Kanonen und der Maschinengewehre kralmpfte sich sein Herz zusammen, so oft er abdriicken mußte. Und das wirkte auf seine Nerven furchtbar und zerrüttete sein Gemüt. Kaum war noch seine Hand zum Abdriicken mächtig infolge der ungeheuren Seelendepression, als er eines Tages eine schwere Bauchverlehung in der Nähe der feindlichen Stellung erhielt, als es ging, eine Stellung im Sturme zu erobern. Er blieb am Schlachtfeld liegen, von furchtbaren Schmerzen geschüttelt. Alle Kräfte zusammennehmend, legte er sich einen Notverband selbst an und blieb ruhig liegen. Ein tiefer Schlaf bemächtigte sich seiner müden Augen und die Pforten des zauberhaften Traumreiches eröffneten sich seiner Phantasie. Ein weites, märchenhaft prachtvolles Land, mit den entzückendsten Naturschönheiten geschmückt, breitete sich vor ihm aus. Kein Hauch bewegte die Luft, kein disharmonischer Laut Im großen, unendlichen Friedenskosmos. Still und selbstvergnügt standen die Bäumlein, und die Sonne von oben vergoldete alles mit ihrem Strahlenglanz, und das Gold der Sonnenstrahlen, das in der Luft schimmerte, hob sich von dem Grün der Erdteppiche sehr vorteilhaft ab. Plötzlich kam ein Tritt eines Menschen auf ihn zu. Er erkannte in der Ferne seinen Kalmeraden. Und wie Herr- Lich freudestrahlend und munter er War. Eine Der Wert von Charakter und Tüchtigkeit, der Wert der Persönlichkeit wird wachsen. Die offizielle humanistische Schule und ihre verschiedenen Nachbildungen, aus denen die Beamten und Gelehrten hervorgehen, wird sich dann auch ändern und ohne Zweifel verbessern, <Äber sie wird nichts anderes sein, als eine Zweckschule für gewisse Berufe, während sie heute den einzigen gradus ad Parnasfum bildet. Auszeichnungen. Unser Gg. und Mitarbeiter, Herr Dr. Theodor Haas, Advokat in Brünn, der Verfasser des Werkes: ״Die Juden in Mähren", derzeit als Oberleutnant des 25. Landsturm-Jnft.-Regts. im Felde, wurde für sein tapferes Verhalten vor dem Feinde beim Sturme auf Ujczic Jezuitska am Dunajec mit!dem Signum laudis ausgezeichnet. Er ist bereits der vierte dekorierte Teilnehmer des von uns seinerzeit geschilderten ״Seder im Felde". Ein anderer, inzwischen schwer derwundeter Offizier, Herr Oberleutnant Richard Schramek (Wien), erhielt dieselbe Auszeichnung schon früher. Feuerwerker Ernst Löwy (Troppau), die silberne Tapferkeitsmedaille, Rechnungsunterofsizier erster Klasse Rudolf Tcmssig (Ung.-Hradisch) das silberne Verdienstkreuz mit der Krone. Neuerlich ein Beweis, daß unsere Glaubensgenossen!, sowol in nationaler als auch religiöser Richtung, an Tapferkeit und treuer Pflichterfüllung den übrigen Staatsbürgern keineswegs ׳nachstehen. Wir hegen die feste Zuversicht, daß die bereits wiederholt hohen Ortes anerkannte patriotische Betätigung dev österreichischen Judenschaft auch nach dem Kriege entsprechend gewürdigt werden Wird. Zur Berufswahl. Mit dem Herannahen des Schulschlusses wird für viele junge Leute und deren Eltern die Frage der Berufswahl zur ernsten und endgültigen Entscheidung gedrängt. Um hierbei den Eltern mit Rät und Tat zur Seite zu stehen, hat der Mährische Gewerbeverein die Stellenvermittlung für Lehrlinge geschaffen. Der Beamtenstand ist überfüllt, dem Handwerk dagegen fehlt der Nachwuchs, obwohl es immer seinen Mann nährt und Selbständigkeit verschafft. Trotz des Krieges ist in den meisten Gewerbezweigen keine Stockung eingetreten und es ist insbesondere -in Brunn so ziemlich allgemein Bedarf an Lehrlingen vorbanden. Täglich laufen bei der obgenannten Vermittlungsstelle Nachfragen seitens der Meister und Geschäftsinhaber ein. herzhafte innige Umarmung und grenzenloses Genießen .... Mitten in die Wonne seines Empfindens stach zuweilen ein Bruchstück von einer Erinnerung an Pulver, Dampf, Schwefel, Stahl und Mut hinein, aber es war nur eine tote Schlange, die nicht mehr vergiften konnte. Unendlich freute er sich ob des Wiedersehens und fühlte das Glück in all seinen Gliedern. Er erwachte in furchtbarem Schrecken. Er sah nichts vor sich. Nur grau, grau, grau . . . Die Stickluft und der Pulvergeruch verstopften seine Atmungsorgane, daß er zu ersticken schien. Und das ungeheure Donnern und Getöse, das dumpfe Krachen und Erdaufwühlen rings um ihn herum betäubte ihn ganz. Auf den Händen und Füßen rackerte er sich langsam fort, jedesmal mit dem tiefsten Gefühl des Ekels den Kopf abwendend, als er verronnenes Blut oder an der Erde klebendes Mark erblickte. Er kroch über Leichenteile und Knochengerüste, als er von der Nähe her ein leises Wimmern erhörte. Er schob sich an die vermeintliche Stelle heran und sah einen Schwerverletzten in seinen Todesqualen sich winden. Entsetzen ergriff ihn, als er in ihm seinen Kameraden erblickte. Der starre Blick seines Herzensfreundes, die mit erhärtetem Blute bedeckte Stirn und das leise Röcheln bot einen Anblick des Jammers. Da fühlte er erst seine Ohnmacht in ihrer ganzen Größe. Erschöpft bis zur gänzlichen Bewußtlosigkeit sank er nieder. Eine von weit her jagende Granate schlug neben ihnen ein metertiefes Loch ein und bereitete den beiden Freunden ein gemeinsames Grab.... Die Stellensuchenden sowie ihre Eltern und Vormünder werden auf diese Einrichtung besonders aufmerksam gemacht und mögen sich ihrer unter allen Umständen bedienen, wenn sie für einen Jungen eine Lernstellie suchen. Vormerkungen für freie Lernstellen werden schon jetzt entgegengenommen. Die Vermittlung geschieht kostenlos. Schriftliche Anfragen sind an die Zentralstelle der Landesstellenvermittlung für Lehrlinge in Mähren, Brünin, Zieglergasse 19, zu richten, wo auch mündliche Auskünfte bereitwilligst erteilt werden. Gegenwärtig werden gesucht: Lehrlinge für Buchbinder, Faßbinder, Feilhauer, Friseure, Gärtner, Schriftenmaler, Tischler, Zuckerbäcker, Elektrotechnik, Gas- und Wasserleitungsinstallation, Maschinenschlosser, Schlosser, Schmiede, Spengler, Sattler, Gastgewerbe, dann Eisen-, Kurz- und Modewaren- und Spezereiwaren- Handlung. ״Das Jahr des Fliegend." Eine orientalische Sage. Von Dr. M. H. Friedländer. Einer der schlauesten und begabtesten Pseudomessiasse, die in früheren Jahrhunderten auf dem Plane erschienen sind und Vorgaben, daß sie das hartgeprüfte Volk Israel aus dem Drucke zu befreien und ins Heilige Land zurückzuführen von der Vorsehung berufen wurden, war David Alroy, auch Jfu Alruchi genannt, aus Amadia in Persien, der sich im Jahre 1160 den Juden in der Gegend van Adhe Baigan, nördlich von» Mossul als Messias angekündigt hatte. Die Juden dieser Gegend galten als unwissend, hingegen aber waren sie mutig und verstanden vorzüglich die Waffen zu führen. Mit den dort hausenden fanatischen Assasinen lebten sie rin besten Emvernehmen. David Alroys Streben war ausschließlich dahin gerichtet, die unwissenden, kriegstüchtigen Juden für sich zu gewinnen, um seinen unbegrenzten Ehrgeiz, wie seine unbezähmbare Herrschsucht befriäügen zu können. In seiner Jugend hatte er sich in Bagdad, wo eine talmubische Hochschule blühte, unter dem Exilsfürsten Eli gründliche Kenntnisse in Bibel und Talmud sowie in der arabischen Literatur erworben. Als er in seine Heimatstadt Almadia zurückgekehvt, wurde er seiner umfassenden Gelehrsamkeit wegen allgemein bewundert und verehrt. Bald erlernte er auch das Kriegshandwerk, das er vorzüglich zu verwerten verstand, daher er von seinen unwissenden Landsleuten als Held wie als Gelehrter besonders hochgeschätzt wurde. Selbst der mohammedanische Befehlshaber der Stadt Ahmad ia, Pam Eddin,schätzte -ihn hoch und verkehrte oft mit ihm. Die ungewöhnliche Popularität, deren sich Alroy erfreute, erhöhte seinen Mut und gab ihm zu einem verhängnisvollen Schritte Anlaß. Auch die damaligen Zeitverhältnifse Waren für die Pläne, die er geschmiedet, nicht ungünstig. Die Kriegsunruhen in Asien, die Schwäche des Kalifats und die Teilung der Regierung zwischen den schwachen Kalifen und den Wesieren usw. ermutigjen Alroy auch seinerseits, eiine hervorragende Rolle zu spielen. Sein Hauptplan war dahingerichtet, einen jüdischen, selbständigen, ganz unabhängigen Staat zu gründen. Um diesen durchführen zu können, mutzte er daher vor allem das nationale Gefühl in den Herzen seiner Stammesgenossen wachrufen. Zu diesem Be- Hufe erließ er einen begeisterten Aufruf an die Juden Asiens, in welchem es unter anderem hieß: ״Ich habe den göttlichen Auftrag erhalten, die Juden von dem Joche!der Mohammedaner zu befreien und nach Jerusalem zu führen. Die Zelt zur Ausführung dieses Erlösungswerkes ist höchst günstig. — Jbr müsset mich nur im Kriege gegen unsere Unterdrücker unterstützen! Kommt alle nach Amadia und bringst unter Euren Kleidern die nötigen Waffen mit. Unsere Glaubensgenossen von Bagdad, Mossul, der Gegend vom Adhen Baigan mögen sofort herbei eilen, um pflichtgemäß am Befreiungskriege sich zu beteiligen." Scharenweise strömten die Juden herbei, um an der Seite des kühnen David Alroy, den sie für den von Gott gesandten Messias hielten, wacker zu kämpfen. Alroys Gönner, der bereits erwähnte Befehlshaber, schöpfte anfangs keinen Verdacht, da er glaubte, die Leute seien gekomnen, um, Alroys Gelehrsamkeit zu bewmMrn.