Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 19 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2621806-2621945-2621964--3266-2624441- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zabra. XVI. Erscheint leden MttMoch Nummer 19 ■- VeznzDpreise: -■ \ Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 ganzjährig. . Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig ..... Rußland, ganzjährig ...... . Mark 12- . Rubel 6•— Balkan, Frankreich ....... l___ . Frank» 14 — _a Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse S. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brüun, A U^l91s Prag—Lemberg. Unsere Zukunstsarbeit. 1. Der Weltkrieg, der demnächst bereits seine erste Jahreswende feiern wird׳, scheint nun nach den letzten Erfolgen der österreichischen und deutschen Armee in Galizien den Höhepunkt überschritten zu haben. Der Anprall der kosakischen gen Kronländern müssen sie sich hüten, der na-1 senden jüdisch-österreichischen Parteitage sich eng tionalen Unterdrückung irgendeines Volkes Vor-1 aneinanderschließen. Jede Sonderstellung einzelschub zu leisten, vielmchr müssen sie mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln alle Aus gleichsbestrebungen, soweit sie nicht jüdische In teressen tangieren, allüberall mit dem größten Nachdruck uns schützen. Gilt das hier Gesagte von der gesamten Habsburgermonarchie, so hat es besondere Bedeutung für Galizien, welches nach dem Kriege Horden, die schon von ihrem Einmarsch « Wien jn höherem Maße M früher ein streng österrei und Berlin faselten, ist mit solchem Erfolge abchisches Gepräge erhalten mutz. geschlagen worden, daß die Hoffnung berechtigt ist, das Schlimmste sei überdauert. Die großen Massen aller Reichsvölker dev Monarchie haben, . in der Stunde der Gefahr um das österreichische Reichsbanner sich geschart, durchdrungen von der Erkenntnis, daß ihre nationalen Interessen identisch mit den Lebensinteressen des Gesamtreiches seien. Jnsbesondere sind von dieser Ueberzsugung die Juden des ganzen Donaureiches erfüllt und alle Greueltaten der russischen Soldateska konnten sie in ihrem österreichischen Patriotismus nicht erschüttern, der auch vom Erben der österreichischen Kaiserkrone Erzherzog Karl Franz Josef entsprechend gewürdigt wurde. Aus diesem ihrem Standipiunkte resultiert auch für die Juden ihre Stellung zu den einzelnen Reichsvölkern. Als Nationaljuden, die für btie Erhaltung des eigenen Volkstums kämpfen, zerstreut in allen Teilen des Reiches, müssen sie einerseits gesamtösterreichischen Prinzipien huldigen, anderseits aber mit allen Nationalitäten dieswie jenseits der Leitha einen Modus vivendi erstreben, besonders in den gemischtspvachi- Die 800.000 Juden in Galizien, auf Basis eines jüdisch-demokratisch österreichischen Pro grammes organisiert, welches im selben Maße der Gkeichberechtigunjg der galizischen Juden, wie der Vertiefung der österreichischen Staatsidee der Galizien zum Durchbruch verhelfen könnte Die Lehren des Weltkrieges sind für die Juden im Osten unserer Monarchie ebenso äußerst beherzigenswert, wie für die österreichischen Staatslenker. Jüdische Volksintevessen und österreichische Reichsinteressen gebieten es recht dringend-, daß Galizien mit den übrigen Teilen des Reiches straffer vereinigt wird und daß für alle Zukunft Galizien von Wien regiert wird. Die Selbstverwaltung und freie nationale Entwicklung aller Nationen in Ehre, muß doch das Prinzip der Reichseinheit in der gesamten Monarchie in erhöhtem Maße zum Durchbruche gelangen. Speziell die Juden von ihrer numerischen Stärke von 2,000.000 können die ihnen auf Grund ihrer Leistung gebührende Stellung nur dann erlangen, wenn sie einen festgefügten, einheitlichen Körper bilden und auf Grund eines jüdisch-österreichischen Reichsprogrammes . auf einem nach Beendigung des Krieges einzuberuner Kronländer und die daraus naturgemäß resultirende Absonderung der Juden dieser Gebiete vom jüdischen Volkskörper schädigt in gleichem Maße die jüdischen Volksinteressen und österreichischen Reichsinteressen. Es ist keineswegs verfrüht, schon im jetzigen Momente um die Erörterung der jüdischen Politik einzutreten, da die Beendigung des Krieges und der Wiederbeginn unseres verfassungsmäßigen Lebens der Juden der Monarchie nicht in der alten Zerklüftung und Verworrenheit vorfinden darf. Friedensvorbereitung. Der Reichsratsabgeord'nete Dr. Steinwender machte im ״Neuen Wiener Tagblatt" vor einigen Tagen Vorschläge zur ausgiebigen Sparsamkeit im Haushalte. Er meint, daß eine namhafte Reduzierung der Beamtenposten sogleich möglich wäre und daß für die Zukunft der Andrang zu Aemtern durch massenhaftes Auflassen von Mitelschulen verhindert werden solle. Dr. Stemwender stellt fest, daß die überwiegende Anzahl aller Mittelschulbesucher nur durch die Aussicht auf ein öffentliches Amt zum Studium verleitet wird. Im leitenden Artikel unserer vorletzten Nummer haben wir das gleiche konstatiert — mit Auschluß der jüdischen Studierenden, denen i<m allgemeinen die Versorgung in öffentlichen Stellen rotz des Studiums nicht winkt. Wenn der von Dr. Steinwender vorgeschlagene Gedanke der StUdienbeschränkm-g auf Wohl- )abende Leute zur Durchführung gelangen sollte, '0 wäre das für die Juden ein doppelter Schlag. Einerseits gibt es bei den Juden sehr viele Feuilleton Die Freunde. Silhouette von Bernhard Horowitz. Sie waren sehr gute, herzliche Kameraden. Ein Körper, eine Seele. Es verging fast kein Tag, an -dem sie nicht beisammen waren. Es war zwischen ihnen eine Herzlichkeit, eine Gemütsvorschmelzung, die auf diesem Erdbälle nur so sel- Len zu beobachten ist. So sehr waren sie ineinander verschmolzen, so unzertrennbar befreundet, daß für beide wohl nichts Schmerzlicheres gewesen wäre, als sich zu trennen. Es gibt solche suggerierende Seelen, die es einem antün, ohne daß der Betroffene sich dessen bewußt werden kann, wie, wann und woher es kam. Man fühlt sich in Schliche gewaltsam hineingezogen und sitzt fe׳ drinnen. Der Suggerierende bildet dann für den Suggerierten eine Art Sphinx, etwas Unnennbares, nur mit Licht und'Glanz Uebergossenes, das ihm unaufhörlich im Gehirn leuchtet und für ihn einen gewaltigen Anziehungspunkt bildet. In diesem Zustand steht die Kritik still, an die Seite geschoben, unmächtig, ihre beißende und gleißende Stimme zu erheben. So kritiklos war das Verhältnis der beiden Kameraden zueinander. Die Sonne ihrer Freundschaft hatte keine Flecken, war kristallre׳n und von- Idealismus durchtränkt. Sie aßen, ׳tranken und schliefen zusammen, sprachen über ihre täglichen Bedürfnisse ungezwungen und harmlos. Sie konnten stundenlang zusammensitzen, schweigsam, und kein Bedürfnis nach Abwechslung fühlen. Es War eben eine solche Seelenharmonie, wie sie nur sehr selten zutage tritt. Eine Art gegenseitig anspruchslosen Liebeszustandes, mehr unbewußt, fast instinktmäßig veranlagt. Niemals haben sie sich aber darüber auch nur mit einem Worte geäußert, daß sie verschiedener Nationalität waren und verschiedenen Staaten angehörten. Da unternahm einer gerade vor Ausbruch des Krieges eine dringende Reise in Familienangelegenheiten ins Ausland. Bevor er zurückkehren konnte, wurde der Krieg proklamiert. Er erhielt vom Konsulat seines Zuständigkeitslandes die Verständigung, daß er unverzüglich einzurücken habe. Und fort gings ins Land seiner Väter, das er früher nicht einmal gekannt hat. Er wurde in die Infanterie eingereiht und -nach entsprechender Ausbildung an die Front abgeschickt. Mechanisch gehorchte er dem eisernen Zwange der Notwendigkeit und den Befehlen seiner Vorgesetzten.^ ... *.־:•• -?? Noch ganz jung war er, als seine Eltern infolge religiöser Verfolgungen fortziehen mußten . . . . Er kam in das dichteste Schlachtgewirre, in den Höllenhaftesten Kugel- und Schrapnellregen. Er wurde betäubt, verwirrt und wie ein gehetztes Vieh wehrte er sich, indem er schoß, rannte, schlug mit dem Gewehrkolben und dem Säbel um sich. Nicht ein Mal blutete ihm das Herz, als er seine Gegner verblutend hinfallen sah, es regte sich in ihm ein gewaltiger Gewissensschlag, der seine Pulse hämmern machte und ihm Feuerfunken vor den Augen blinzelten .... Des Nachts, als -der Kampf nachließ und er in di-e unterirdische Wohnstätte des Krieges hinunterkroch, flatterten vor seinem Geiste die Bilder dev Gemarterten und nicht ein Mal beschlich ihn der Zweifel, ob der oder jener nicht einer seiner Bekannten wäre. Verschiedene Visionen -marterten ihn und gestalteten ihm die Nächte qualvoller als die Tage, wo er ganz ohne Besinnung sein Tagewerk verrichtete. Anfangs absorbierte der Krieg seine Sinne und geistigen Kräfte derart, daß er an seinen Kameraden vergaß. Sein Gehirn wurde von der Wucht der auf ihn einstürmenden gewaltigen Eindrücke derart mitgenommen, daß kein anderer Gedanke darin aufflattern konnte. Nach und nach wurde seine Denkweise an das Furchtbare seines neuen Lebens gewöhnt, so daß die Erinnerungen seiner Vergangenheit wie aus umnebelter Ferne sporadisch aufzutauchen begannen. Da packte ihn eines Tages ׳der Gedanke an seinen ehemaligen Freund mit so eisernem Griff, daß sein Gehirn im ersten Moment zu versagen drohte. Es wurde ihm klar, daß sein ehemaliger Busenfreund jetzt ein Feind sei. Und der Gedanke durchblitzte sein Gehirn: habe er vielleicht mit einem seiner Geschosse ihn, seinen Treuesten auf Erden, nieder-