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Jüdische Volksstimme · 1915-07-08 · Heft 18 (8.7.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 18 (8.7.1915)
Date
1915-07-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Woche um Bücher geschrieben, und zwar den! ganzen Shakespeare, aüe Theaterstücke von Goethe, ein komplettes 6-Kilogramm-Paket, aber nur Bücher. Mnn Ihr auf irgendeine Weise einen deutschen interessanten Artikel, den Krieg betrefsend, aber bitte, geschickt, erfinderisch, die Bande hier sucht gut, so tut es. Dann bitte ich nm etwas Geld. Onkel A. hat mir bisher mit 70 Franken ausgeholfen. Ich habe Uhr, Koffer, Emil Otto (Buch) und sonstige diverse Schwanzes in Speck und Butter verwandelt. Bestätiget!a nicht den Brief, sondern nur ״Zeilen", sonst komme ich ins cachot. Im ganzen habe ich über 200 Franken ausgegeben. Es ist furchtbar, wie die Bande beschwindelt. Wenn man 26 Kronen schickt, geben sie 18 Franken. Also wohlverstanden! 1 Paket, 5 Kilogramm, nur Bücher. Wenn möglich, ein gutes Rechenbuch und das Geld in Franken durch die amerikanische Botschaft. Schreibt doch oster und genauer. Ich kann nicht schreiben, nur einmal die Woche eine Karte, welche die Instanzen passirt, und da darf ich nur mein Wohlergehen melden. Ihr könnt auch einen kurzen Brief schreiben, oder wenigstens zwei Karten auf einmal unfrankiert. Ich bin nicht Kriegsgefangener, sondern Interne civil. Gott sei Lob und Dank, daß bis seht alles gesund. Mein Herzenswunsch ist jetzt, daß ich Euch, alle, alle in Gesundheit baldmöglichst sehe und dann nach Szabadka zu den anderen fahre und persönlich begrüße. Wenn unsere Familie vom Kriegsunglück beschützt wird, dann will ich fromm werden. Ich denke, bei aller Demut muß doch einmal die Zeit kommen, wo wir vereint in Freuden beisammen sind. Was ist mit Sandor? H. hat nichts erwähnt. Zukunfts- Pläne mache ich nicht. Daß nur der Krieg bald aufhorem möge. Gnade Gott, dem Franzosen, den ich in W. erwische! Daß sie die Erde derschlingen möge. Mr haben eine Kantine, in der man Geld lassen kann. Wie die hiesigen Zeitungen doch lügen! Das Papier schreit. Die Deutschen ״sont des barbares, des sauvages", und das muß man lesen. Wenn man dagegen spricht, kommt man ins cachet. In unserem Zimmer sind drei Schildwachen. Le Sergeant est nne espece de vache. Nous vivons comme les betes." Gesundheitlich geht es gut, bis auf die Zähne und Flohbisse. Bitte, alle Bekannten und Verwandten vielmals zu grüßen. Euer Neffe O . . . . Zensur im Troppau. Eingesendet. Sehr geehrte Redaktion! Sie wützden unseren vielgeplagten galizischen Juden—den Flüchtlingen — eine große Wohltat erweisen, wenn Sie durch Ihre Zeitung ihnen bekanntgeben würden, daß sie ohne ausdrückliche Bewilligung vom Ministerium des Innern unter keinen Umständen in ihre Heimrat zurückfahren dürfen. Solche, die diesen Versuch machen, selbst wenn sie irgendeine sonstige Legitimation aufweisen können, werden hier in Oderberg von den Zügen herabgeholt und nach Prerau zurücktransportiert. Dies geschieht hier mit jodein zurückfahrenden Flüchtling, ganz gleich, woher er gekommen ist. Wenn es Ihnen möglich ist, bringen Sie in Ihrer Zeitung an auffallender Stelle, eventuell auch auffallend gedruckt, eine Notiz in diesem Sinne. Fordern Sie die Knltusgemeinlden, Nabbiner, Komitees auf, in diesem Sinne zu wirken. ־•- Hochachtungsvoll Rabbiner Dr. Friediger. .llimillcliau. 3. Tätigkeitsbericht des Armeuambulatoriums des Zionistischen Zentralkomitees für die Flüchtliuge aus Galizien und der Bukowina, Wien, 2. Bezirk, Taborstraße 20 a. In den Monaten März und April 1916 wurden behandelt in der Ambulanz für: Augenkranke 1223: Brillenbestimmungen 36; Chirurgie 1058; Frauenkmntheiten 226; Haut- und Geschlechtstrankheiten 842; 1. Interne 537; 2. Interne 616׳ 3. Interne 608; Kinder 701: Nasen und Kehlköpf 832; Nerven 122; Ohren 667; Orthopädie 331; Sprachstörungen 7:Zahnheilkunde und Zahnersatz 726: zusammen 8581 Patienten; seit dem Bestände des Ambulatoriums 17.092 Patienten. Dieses glänzende Resultat konnte nur erreicht werden durch die außerordentliche Opfer- Willigkeit der m der Anstalt tätigen Aerz.be, durch mit Bändern in den reichsdeutschen und uniga- -r * * cm:׳ :״..״־״ r^cheir Farben begrüßt, worauf die Soldaten mit lauten Heil- und Hoch-Rufen reagierten. Plötzlich lief der Gefreite Trimmel auf Herrin Philipp zu und ersuchte inständigst um die Fahne zur Mitnahme ins Feld, welchem Wunsche Herr Philipp bereitwilligst entsprach. An- Hangs März erhielt Herr Philipp aus Russisch- Polen, vom Gefreiten Trimmel und noch vierzehn Soldaten unterfertigt, eine FeldpostVarte mit dem Danke für die Mitgabe der Fahne und mit der Versicherung, daß die Fahne an der Front in Ehren gehalten werde. Am 24. Mai erhielt Herr Philipp aus dem Reservespital in Klosterneuburg vom Gefreiten Trimmel eine Karte mit der Mitteilung, er sei verwundet und im vorgenannten Spitale zur Heilung gebracht worden. Di'e Fahne hatte viele Gefechte in Galizien und die Schlacht bei Miechow in Russisch- Polen durchjgemacht und wurde durch mehrere Gewehrschüsse und Schrappnellschüsse beschädigt; auch weist dieselbe mehrere Risse, welche durch Bajonettstiche im Nahkampfe entstanden sind, auf. Der Fahnen stock gin g in der Schlacht verlorem auch eines der Fahnenbänder wurde im Kampfe um den Besitz der Fahne beschädigt. In diesem Zustande brachte. Herr Trimmel, welcher in allen Kämpfen Träger dieser Fahne gewesen ist, Herrn Philipp bief-elbe wieder zurück. Am 16. Juni erhielt Herr Philipp vom k. u. k. Hoeresmuseum im Artilleriearse^al in Wien, 10. Bezirk, ein längeres Schreiben mit der Anfrage, ob und unter welcher Bedingung er geneigt wäre, die aus dem Felde der Ehre wieder in seinem Besitz zurückgelangte Fahne dem k. u. k. Heeresmuseum zu überlassen. Diese Zuschrift lautet: u. a.: ״Seien Sie überzeugt, daß die Direktion des k. u. k. Heeresmuseums sich bewußt ist, daß sie Ihnen damit ein neuerliches Patriotisches Opfer in jedem Falle zumutet; so sehr die Direktion des k. u. k. Heeresmuseums die Ueberlassung der Fahne begrüßen würde, so liegt es ihr doch durchaus ferne, sie Ihnen irgendwie abnötigen zu wollen. Sie werden aber einsehen, daß es Pflicht des Heeresmuseums ist, wenn es von derartigen Dingen Kenntnis erhält, ihre Erwerbung anzustreben und an die patriotischen Empfindungen des Eigentümers zu appellieren." — Infolge dieser Zuschrift hat Herr Julius Philipp die sehr interessante Fahne, welche ein stummer Zeuge der todesmutigen Kämpfe des Jnfanterieregimentes 49 in Russisch-Polen war, am 17. Juni den: k. u. k. Heeresmuseum als Patriotische Schenkung ohne jede Bedingung übergeben. Ein Brief aus Russisch-Polen. Daß die polnischen Juden inmitten von unsäglichen Leiden auch den Sinn für den Humor noch nicht verloren haben, beweist folgender Brief, den wir mit Beibehaltung von Orthographie und Interpunktion wiiedevgeben: ״. . . ., den 16. Mai-1916. Hochgeehrter Herr Redakter ..״ iini Berlin. Da so wie in die Kreisen.. wie es finden sich bis 40.000 Jildefche Einwohner welche von anfangs kriege gehen herum in der finster, itub schmecken bloß zu der Luft, mib bekleren serschidene gedanken, mit einem Worth es weven fiel Menschen aufgeregt murlosiz, serlierendst, die hofnung das die Welt wird sich wen zurückstellen so wie gewesen: darieber haben wir Juden sehr neutig eine Jüdische himovistische Zeitung welche so! uns treisten und aufleben und ferschaffen uns muth welchen wir haben schon ferloren. Wir bekommen auch deutsche Zeitungen aber fon 100 Personen kennen blos 10 lesen deutsch, alsden ich proponiere ihnen zu bearbeiten für uns eine Judesche Zeitung mit dem namen ״Berliner Tage Blatt". Ich garantiere ihnen, das sie werden bei grossen Profit haben und die Judescher bevölkerung fiel nutzen bringen, ich nehme mir vor b'ite Zeitung zu verspreiten fon .... bis Lodz-Kalisz und weiter, und wen Polen wird mit göttlicher Hilfe in die deutsche Hände feribleiben, so werden wir kannen bis 100.000 blatt ferwenden forleufig garantiere ihnen für 20.000 blatt täglich. ich kann ihnen sortier Geld einschiken, nur mit diesen beding das die Zeitung fol gedrückt sen mit selber schrift wie ihre vorige Zeitung ״. . schreiben sie mir ihre Bedingungen, das Blatt dürfte so tzergestellt sein wie. das Deutsche Berliner Tage Blatt. L. A. ich kann auch sehr fiel anonssen für die Zeitung auf geben." das Entgegenkommen des hohen k. k. Ministeri ums des Innern und durch den Wohltätigkoitssinn weiter Bevölkerungskreise. Die Bodeutung des Ambulatoriums für die öffentliche Sanitätspflege erhellt nebst diesen Ziffern auch daraus deutlich, daß der Prozentsatz der Scabies(Hautkrätze-)Leidenden, der anfangs 80 Prozent der Hautkranken betrug, auf etwa 12 Prozent zurückgogcmgen ist. Sämtliche Patienteil des Anrbulatoriums wurden, gemäß der Weisung des Magistrats, zur Impfung respektive Wiederimpfung verhalten. In den Ambulanzen für Innere, für Kinder und Hautkranke wurde je ein Fall von Variola festgestellt, was die Ernierung und Unschädlichmachung bis dahin unbekann ter Infektionsherde ermöglichte. Der zahnärztlichen Ambulanz wurde Anfang März eine zahntechnische Abteilung ungegliedert. Die infolge Einberufung des Ordinarius geschlossene Ambulanz für Nervenkranke konnte nach seiner Rückkehr wieder eröffnet werden. Primarius Dr. Ludwig Stricker, verantwort!. Leiter. Dr. Karl Pollak, Präsident des Kuratoriums Leiterstellvertreter. Zu Herzls Todestag. Am 20. Tamus (2. Juli) jährte sich zum elftenmal der Tag, an welchem Theodor Herz! unserem Volke entrissen wurde. Dieser nationale Gedenktag kann auch im Toben des Weltkrieges nicht vorüibergehen, ohne daß die Judenschaft der ganzen Welt dessen eingedenk ist, was sie an jenem Manne besessen, was sie an ihm verloren hat. Hat uns doch gerade der Weltkrieg gelehrte welche Lebens- und Willenskraft Herz! dem jüdischen Volke eingehaucht hat. Tausende und abertausende junger Juden, feurige Gesinmmgsgenassen, bluten und fallein auf den Schlachtfeldern Europas, doch den Ueberle-benden im Felde und daheim schwebt Herzls Ziel ״Zion" unverrückbar vor Augen, ein Ziel, dem fortab unsere verviel fachte Anstrengung zu gelten hat. Deshalb fühlt sich am 20. Tamus jeder Jude gedrängt, das Andenken unseres großen Führers durch eine entsprechende Opfergabe für die Aktion der ״Kriegslandspende" zumindest von her Höhe einer Baumspende zu feiern. Hohe Freude wird alle volkstreuen Spender beseelen, wenn sich nach glücklicher Stillung des Weltbrandes am Saume des Herzlwaldes die Felder und Siedlungen breiten werden, welche der Jüdische Nationalfonds aus den Mitteln der ״Kriegslandspende" den flüchtigen Brüdern aus dom Osten zu sichern beschlossen hat. Es tue jeder seine Pflicht! Verein ״Keren Kajemeth Lejifroel", Wien, 2. Bezirk, Zirkusgasse 33. Postsparkassenkonto 100.208. Hausdurchsuchung in der Wohnung des ordneten Reizes in Lemberg. Abge- Nach Mitteilungen, die uns aus Bukarest zukommen, hat die russische Polizei in den letzten Tagen eine fieberhafte Tätigkeit entwickelt. Un ter anderm stattete, sie auch ׳der verlassenen Wohnung des Abgeordneten Heinrich Reizes einen Besuch ab, dessen lebhafte Tätigkeit zugunsten der galizischen Juden ihre Aufmarksa-mkeit erregt haben muß. Die Polizei erschien, wie die Bukarester Meldungen besagen, im Aufträge der russischeu Regierung in der Wohnung des Abgeordneten, hielt sich dort längere Zeit auf und nahm eine eingehende Durchsuchung der Wohnräume vor, indem sie alle ׳dort befindlichen Schriften durchstöberte, Akten, Bücher und Briefe saisierte. Unter dem konfiszierten Material befinden sich auch die stenographischen Protokolle des Abgeordnetenhauses, die in der Wohnung vorgefunden wurden. Dem Vernehmen nach war die Wohnung des Abgeordneten, der sich seit Kriegsbeginn mit seiner Familie in Wien befindet, in den letzten Monaten von einem höheren russischein Offizier bewohnt worden. Die Fahne der Marschkompagnie. Im Februar zog eine Marschkompagme des Infanterieregiments Nr. 49 durch die Obere Donaiustraße und wurde vor dem Möbelgeschäfte Julius Philipp vom Sohne Herrn Heinrich Philipp mit einer großen schwarzgelben Fahne

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