Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 17 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr 17 »Misch» t»<y»|t«KN?4 SM. S tonnt gegen Deutschland zu Hetzen und zum Kriege aufzufordern." Das ״Morgen-Journal", mit einer Aufläge von über 100.000 Exemplaren, äußert sich zu der Katastrophe folgendermaßen: ״Captain Turner, der Kommandeur der ״Lust tan ia", gehört als Offizier der Englischen Royal Navy Reserve an und die englische Admiralität hat ihn. zum Kommandeur des Unglücklichen Schiffes bestimmt, seitdem die ״Lusttania" in dnpt Hilfskreuzer uimgewandelt wurde. Das Schiff hatte einige Kanonen an Bord, die bald, nachdem die ״Lusitama" die territoriale 3-Meilenzone überschritten hatte, an. Deck postiert zu werden pflegten. Davon abgesehen aber, daß die ״Lusitania" ein Hilfskreuzer war und große Mengen Munition für England an Bord führte, hatte das Schiff 1300 Kisten Kriegsmaterial für die englische Armee und Flotte an Bord. Deutschland hat das vollste Recht gehabt, in Kriegszeiten ein solches Schiff zu versenken." Das ״Morgen-Journal" schließt: ״England hat zu sehr an seine Seeherrschaft geglaubt und daher das große Unglück. Für die vielen Opfer der ״Lusitania" ist zuerst England zu tadeln, und dann müssen die Passagiere selbst, die die deutsche Warnung nicht beachtet haben, für ihren Leichtsinn getadelt werden." In ׳ähnlichem Sinne sprechen sich alle anderen jüdischen Blätter in Newyork und in -der Provinz aus. Das gefährlichste aller Laster ist die Verleumdung. (Den Diplomaten der Ententemächte gewidmet.) Der Verleumder und Verräter gleicht dem .Bestraften, wie dieser, verdient auch jener, von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, damit die geistig und körperlich gesunden Menschen nicht infis-iiert werden. Das Wort der Heiligen Schrift: ״Badod jeschew, michuz lamachne moschowo" hat nach dev tiefsinniigeu Bemerkung unserer Weisen auch auf den Verlsumder Bezug. Im ganzen jüdischen Schrifttum,, sowohl in der Bibel als im Talmud und Midr., wird der Verleumder und Verräter mit Entrüstung gebrandmarkt und die Verleumdung als ein- Laster bezeichnet, das Raub, Mord und Schande zur Folge hat. ״Gehe nicht als Anbr-inger, Zwischenträger und Ohrenbläser unter deinem Volke umher und so wirst du nicht gleichgültig, teilnahmslos bei dem Blute deines Nächsten und Verbündeten stehen." — (3. M. 19, 16). ״Von jeder Lüge und Verleumdung halte dich fern, so wirst . hu nicht in die Lage kommen, unschuldige, würdige Menschen ins Unglück zu stürzen." (2. M., 23, 6). ״Sie spannen ihre Zmrgen — die Feinde — als ihren Lügenbogen. Der Eine hüte sich vor dem Andern, vertraut keinem Bruder, denn jeder Bruder treibt List, jeder Freund geht ver- -leumdenid einher. Ein Freund täuscht den andern und redet kein wahres Wort; ihr Denken, Sinnen, Forschen und Grübeln ist dahin gerichtet, einer den andern zu betrügen, zu vernichten." (Jer-em. G.). ״Verleumder hieltest du dir, um Blut zu vergießen." (Ezechiel 22). Das heißt mit '-anderen Worten: ״Eine Schlange am Busen ',nähren". ״Wer darf wohnen auf dem Berge beines Heiligtums: wer mit seiner Zunge nicht verleumdet, seinen Nächsten, seinen Verbündeten — nichts Böses zufügt, Schmach auf seinen Ver- Wandten nicht wälzt." (Ps. 15). ״Wer wird auf den Berg des Ewigen gehen? Wer wird stehen auf seiner heiligen Stätte? Der unschuldige Hände und ein reines Herz hat, der Wader falsch! noch eidbrüchig ist. Der wird den Segen von dem -Ewigen empfangen, Gerechtigkeit von dem Gotte seines Heils." (Ps. 24). ״Unheil brütet seine Zunge, gleich einem scharf-geschliffenen Messer, er übt Trug." (Ps. 52). ״Wer seinen Nächsten heimlich verleumdet, den vernichte ich, hochmütige Äugen und stolzes Herz ertrag ich nicht." (Psalm 101). Und so ließen sich noch zahlreiche Stellen aus dem jüdischen Schrifttum anfühven, aus denen zur Genüge erhellt, daß gefährliche, fein gesponnene lügenhafte Verleumdungen das ganze prachtvolle Weltgebäude in seinen Grundfesten W -erschüttern imstande seien. Man braucht ja nur mit ungetrübten Gläsern die Entstehunqsgeschichte des gegenwärtigen Weltkrieges zu lesen und man wird die Ueberzeugung gewinnen, daß nur durch die russischen, englischen, französischen, serbischen und italienischen Lügenapparate, die lange Zeit wirkungsvoll funktionierten, fast die ganze Welt in Brand gesteckt wurde. Die Diplomaten der Ententemächte haben jahrelang am ,Webstuhle emsig gearbeitet und um so mehr der Erwartung Raum geben zu dürfen, daß es ihnen gelingen.״ werde, das Deutsche Reich und die Monarchie zu zertrümmern, als sie in dem ihnen so sehr verhaßten Dreibunde einen Gesinnungsgenossen, einen Verräter sitzen hatten, der sich ihnen mit Haut und Haaren verschworen und den verräterischen Vorsatz gefaßt, im geeignetsten Moment plötzlich fahnenflüchtig, eidbrüchig zu werden, ihnen beizuspri-ngen, und seinen fruheven Bundesgenossenin den Rücken zu fallen. Und dieser unerhörte, unglaublich scheinende Verrat ist auch tatsächlich in heimtückischer Weise begangen worden. Nun soll jetzt nach dem Willen der italienischen Verräter der Angst, Bangen, 'Schnecken und Entsetzen erregende Weltkrieg mit seinen furchtbaren Greueltaten weiter erbarmungslos geführt, Hunderttausende Menschen fürder hin,geschlachtet, verkrüppelt, und zahlreiche Menschen, die mit dem Krieg nichts gemein haben, wie einst in den verhängnisvollen Zeiten der Inquisition, gepeinigt, gefoltert, beraubt, geplündert und zu Tode gemartert werden. Auch ein frommer Wunsch! — Will man sich auch nur einen schwachen Begriff von der Inquisition — die besonders unter der Leitung des Generalinquisitors Torquemada Orgien feierte — machen, so lese man den jüdischen Dichter Saume! Usqne, der die Jnquisition in folgender Weise geschildert: ״Aus Rom wurde ein wildes Ungetüm bezogen von einer so wunderlichen Gestalt und einem so entsetzliche׳ Anblick, daß von seinem Rufe allein ganz Europa-erzitterte. Sein Leib War von rauhem Eisen, mit tödlichem Gifte geknetet, mit einer harten Schale voll Stahlschuppen bedeckt. Tausend schwere, giftgefüllte Flügel erhoben es von dem Boden. Sein Wesen gleicht dem fürchterlichen Löwen und der Schlange der afrikanischen Küste. Sein Gebiß übertrifft das der riesigen Elephanten. Sein pfeifender Ton tötet schneller als der giftigste Basilisk. Aus seinen Augen und seinem 'Munde entströmen stets Flammen und Feuerschlünde. Es nährt sich von menschlichen Leibern. Es übertrifft den Adler an Schnelligkeit des Flugs. Wohin es kommt, verbreitet es mit seinem schwarzen Schatten düsteres Dunkel. Wie hell auch die Sonne scheint, so hinterläßt seine Spur eine ägyptische Finsternis. Wohin es seinen Flug nimmt, jede grüne Matte, die es betritt, jeder Nühjende Baum, auf den es seinen Fuß setzt, verdorrt, entfävbt sich und stirbt ab. Mit seinem zerstörenden Munde entwurzelt es' alles bis auf den Grund. Und mit seinem Giftgevuche ver- Wandelt es den Umkreis seiner Bewegung zu einer Wüste, gleich der syrischen, wo keine Pflanzen gedeihen und kein Grashalm aufkommt." ״S. Usque, Cousolacoes, 3, 25, und G. Gesch. d. I.. 8, S. 318). Auch die Stifter des Welt braudes und besonders die italienischen Verräter würden es wahrhaftig verdienen, in ähnlicher Weise geschildert und für ewige Zeiten gebrandmarkt zu werden, was auch zweifellos geschehen wird,, denn die Weltgeschichte ist das Weltgerichi Zum Schlüsse muß noch bemerkt werden, daß es eine wahre Gotteslästerung fei, wenn die Verräter, die ihren früheren Bundesgenossen, mit deren Hilfe sie groß geworden, aus Dankbarkeit ihnen plötzlich abtrünnig geworden und den Feinden derselben sich angeschlossen, haben, noch den traurigen׳ Muk besitzen, den himmlischen Vater, den Schöpfer und Erhalter des Weltalls, zu bitten, ihnen beizustehen und Sieg zu verleihen, ohne zu bedenken, daß das göttliche Wort lautet: O pur makke nechu basoser, ״Verwünsch' sei der, der feinem Nächsten, Verbündeten, in heimtückischer Weise in den- Rücken fällt!" Fr. Der öfterreitkisch-ungarische Botfchaster in Washington über die Behandlung der Flüchtlinge. Die Beschwerden. des ylddischm׳ Newyorker Tagblattes ״Wahrheit" über die schlechte Behändtag der jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina haben den österreichisch-ungar ischen Gesandten in Washington Dr. Dumba veranlaßt. an dieses Blatt einen Brief zu richten, in dem er einerseits die Maßnahmen seiner Ragierung zu rechtfertigen sucht und anderseits verspricht, sich für die Abstellung der Mitzstänide mir aller Energie einzusetzen. Was das letztere betrifft, so wollen wir seinen Bemühungen den vollsten Erfolg wünschen, in bezug auf das ersterc aber ist Herr Dr. Dumba offenbar sehr Mangel- Haft informiert. Der Gesandte behauptet, daß nur ״unwissende Bäuerin" gegen -die ״Invasion der unglücklichen Flüchtlinge protestiert״ hätten. Diese Behauptung steht in krassestem Wilderspruch z-u den Tatsachen. Das antisemitische Verfahren ist zum Handgrei'fen einfach. Gewöhnlicher kaufmännifcher Wettbewerb wird zmn ״Brot- Wucher" gestempelt und dieser der Masse der Flüchtlinge in die Schuhe geschoben. Wenn einige gal'izische Händler noch dazu auf ״unkonzessioniertem Gewerbebetriebe" ertappt werden, so ist ja damit die große Schuld des Judentums an der Teuerung und allem, was damit zusammenhangt, einwandfrei erwiesen. Die christlich-soz. ״Reichspost" und die anderen antisemitischen Brunnen- Vergifter in Oesterreich legen sich auch während des Krieges, ungeachtet der großen, von allen kompetenten Faktoren anerkannten Patriotischen Opferwilligkeit der Juden Galiziens und des ganzen Reiches und ungeachtet des auch tu Oesterreich proklamierten Burgfriedens keinen Zwang auf. Daß Wien und Prag für neue Flüchtlinge seit Monaten gesperrt sind, mag noch hingehen. Daß man aber mit Massenaus- Weisungen aus Graz, - Oesterr-eichisch-Schlesien u!nd aus Ungarn begonnen halt, ist durch nichts zu rechtfertigen. Der auf die Verordnung des Justizministeriums betreffend die galizischen Rechtsanwälte bezügliche Passus des in englischer Sprache verfaßten Briefes des Dr. Dumba verdient, Wortlich wiedergegeben zu werden. Er lautet in der Uebersetzung wie folgt: ״Die Verordnung, die -die Ausübung des Advokatenbevufes seitens der jüdischen Rechtsanwälte aus Galizien und der Bukowina! begrenzt, ist auf Wunsch vieler in Wien etablierter Advokaten erlassen worden, die in der Mehrheit, wie ich glaube, der jüdischen Konfession angehören. Eine Minderheit der Wiener Rechtsanwälte hat allerdings gegen diese Maßnahme protestiert, und ich hoffe, daß sie demnächst zurückgezogen werden wird." Hier ist dem Gesandten eine Reihe von groben Jrrtümern unterlaufen. Daß die Verordnung offiziell nicht bloß gegen die jüdischen Rechtsanwälte gerichtet ist, ist belanglos, da ja hier nur Juden in Frage kommen. Falsch ist die Behauptung, daß Juden die Beschränkung verlangt hätten und daß nur eine Minorität protestiert hätte. Die Verordnung wurde vielmehr gegen den voraufgegangenen ausdrücklichen Beschluß der großen Mehrheit der Mener Advotaten kammer, der berufenen Vertretung des Aidvokatenstandes, erlassen, die aus Sympathie mit den Kriegsopfern und weil sie wußte, daß den Wiener Rechtsanwälten Vonseiten der galizischen Kollegen keinerlei Gefahr drohe (insgesamt hatten 80 Advokat-en den Wunsch geäußert, zur Ab- Wicklung alter Prozesse ihre Kanzleien provisorisch nach Wien zu verlegen) von keinen verfassungswidrigen Beschränkungen wissen wollte. Die engherzige antisemitische Minderheit hat natürlich über ihren Sieg gefrohlockt. Die große Mehrheit der Wiener Rechtsanwälte verurteilte den Eingriff der Regierung und die angesehenen