Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 17 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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«ritt S. 9״>MWt ttfliph—י,ו Mr. 17 fangenen seitens der Sieger, welches als Zeichen der Unterwürfigkeit in den Kriegen des Altertums verbreitet war (vgl. den Aufsatz von I. Barth im ersten Jahrgang dieser Zeitschrift) soll im Judentum nicht der Herr oder der künftige Mann vornehmen, sondern diese Handlung sollte die Gefangene selbst vornehmen, um so ihr Ein- Verständnis mit der Heirat zum Ausdruck zu .bringen. Denn das eigenmächtige Haarscheren und Nägeläbschneiden galt als Symbol eines eigenwillig eingegangenen Bündnisses (vgl. ibid. Barth, die Barthsche Deutung unserer Stelle bedarf der Ergänzung insofern, als hier ""וגלחה ״sie" soll sich das Haar schneiden und ״ועשתה״ ״sie" soll sich die Nägel abschneiden vorgeschrieben ist; B. hat dies übersehen). (Fortsetzung folgt.) Die amerikanischen Juden und die Polen. Am 6. Mai d. I. fand in Newyork-, in Cooper Union, eine Massenversammlung der New- Yorker Juden statt. Die Versammlung drückte ihre Sympathie für den Kampf des polnischen Volkes um seine Befreiung und Selbständigkeit aus, Protestierte aber gegen die unmenschliche Behandlung der polnischen Juden und stellte die Grundsätze fest, nach denen die rechtliche Regelung des zukünftigen Gemeinwesens in Polen vorgenommen werden sollte. Die Resolution wurde einstimmig von der Versammlung, in der zirka 4000 Juden anwesend waren, angenommen. Viele Tausende mutzten, da der Saal zu klein war, draußen bleiben. Die Resolution, die eine Reihe von beachtenswerten Anregungen enthält, hat folgenden Wortlaut: ״Obgleich die feindlichen Beziehungen grotzer Teile des polnischen Volkes, polnischer §>- ganisationen und polnischer Zeitungen zu der jüdischen Bevölkerung in Polen, die ihren Ausdruck gefunden haben in Boykotts, Unterdrückungen und Denunziationen in der Kriegszone und blutige russische Militärpdgrome zur Folge haben, eine tiefere Verbitterung geschaffen haben bei׳ den Juden der ganzen Welt gegen die polnische Gesellschaft, so identifizieren wir doch nicht das polnische Volk als solches mit den finsteren Kräften des polnischen Chauvinismus, und ändern nicht unsere sympathische Haltung zum Kampf des polnischen Volkes für seine Befreiung, Wiedervereinigung und Selbständigkeit. Aber zugleich müssen wir konstatieren, daß die Polnischen Parteien es ablehnen, der jüdischon Bevölkerung im zukünftiger: Polen rechtliche Garantien für ihre nationale Existenz zu gewähren, und daß diese Parteien die Polnische Freiheit auf nationaler Rechtlosigkeit und Assimilierung der jüdischen Minderheit aufbauen wollen. Die Weigerung, den Juden nationale Rechte zu gewähren, macht wertlos die Bereitschaft der Polen, den Juden bürgerliche Gleichberechtigung einzuräumen. Denn die systematische Agitation der Polnischen Parteien gegen die Anerkennung der Juden als Nation hat eine Atmosphäre des Hasses gegen die Juden geschaffen, und so den Boden vorbereitet für einen Vernichtungskampf gegen die drei Millionen polnischer Juden. Ein darurnder nationaler Friede zwischen Polen und Juden ist nur dann möglich, wenn im zukünftigen freien Polen der großen jüdischen Minderheit außer bürgerlicher Gleichberechtigung, auch die nationalpolitische Gleichberechtigung bei den Wahlen in der Stadt- und Landesverwaltung gewährleistet wird, ebenso müssen auch den Juden nationale Rechte in der Gemeinde, .in Schule und Sprache und die Selbstverwaltung ihrer eigenen nationalen Angelegenheiten gewährt werden." Die russischen Grcueltaten im Weltkriege und ihre Folgen. Wenn man das unqualifizierbare Vorgehen der Diplomaten der Ententemächte näher ins Auge faßt, die grauenhaften, alle Völkerrechte verleher.-den Kampfmittel, die in diesem Weltkriege von unseren Feinden cvngewendet und die schauerlichen, von bestialischer Wut zeugenden Greueltaten, die besonders von den russischen Kosaken verübt werden, näher betrachtet, so gewinnt man di: Ueberzeugung, daß diese Abnormität -die natürliche Folge eines krankhaften Zustandes sei und daß der Ausspruch des berühmten R. Simon b. Lakisch: En odom ower awers ele im ken nichues bo nuach stus: Der Mensch sinkt nur dann zum wilden, wutentbrannten blutdürstigen Tiere herab, wenn er an Geistesverwirrung krankt", vollkommen begründet war. Die Weltgeschichte liefert ja uns Beweise genug, daß in Zeiten, wo die Geister wc.hnumnachtet waren, und die Herzen den Sitz wilde:, zügelloser Begierden und gefährlicher Leidenschaften bildeten, dem ganzen prachtvollen, imposanten Weltgebäude Gefahr drohte, in seinen Grundfesten gewaltig erschüttert zu werden. Nun aber wird man fragen, sind denn die Bazillen, die diese Krankheit verbreiten, nicht zu finden, um sie unschädlich machen zu können? Allerdings kennt man diese giftigen Bazillen ganz genau, und zwar schon seit grauer Vorzeit. So zum Beispiel heißt es ausdrücklich in den Sprüchen der Väter, 4. R.-Elasar, der Kafar, sagte: ״Neid, Genußsucht und unbezähmbarer Ehrgeiz führen der: Menschen seiner Vernichtung entgegen." Die Mutter aller Tugenden ist. die Genügsamkeit, und die aller Laster die Ungenügsamkeit. Der Genügsame verzagt nicht und verzweifelt nicht, selbst wenn er mit Mangel und Not mannigfacher Art zu kärnpfen hat, er blickt nie mit Neid und Mißgunst auf den Glückbegünstigten, sondern erträgt sein Geschick geduldig und gottergeben, vertraut unter allen Umständen auf den himmlischen V<ster und begnügt sich mit dem, was er ihm beschieden. Und ein Mensch, der den nervenzerrüttendene Neid nicht kennt, bleibt von so mancher giftigen, den ganzen Organismus zerstörenden Krankheit verschont. Reich, wahrhaft glücklich verdient nur derjenige genannt zu werden, Hosomeach becheko, ״der sich freut und zufrieden ist mit seinen: Teil". (Spr. b. V., 4). — Der Ungenügsame aber, der immer mehr zu erlangen strebt als er bereits erworben, kann nie glücklich und zufrieden sein. Ohew Kesef lau jisba Kesef. Wer das Geld über alle Maßen liebt, wer zum Golde spricht: Mein Fels, meine stütze, meine Zukunft, mein Alles bist du", der ist unersättlich, dessen Wünsche können nie befriedigt werden; Lein ganzes Stroben, Jagen, Rennen und Hascheu ist dahin gerichtet, andere Glückbegünstigte — selbst wenn er alles im Ueberfluß hat — weit zu überflügeln, zu überragen. Ja, ein-solcher, stets von: Neide gefolterter Mensch kommt nie zur Ruhe, lebt immerfort in Aufregung, infolgedessen werden, seine Nerven zerrüttet, der Frohsinn schwindet und die Melancholie findet sich ein. — Ja, die Eroberungsgier, wie die Hab- und Rachsucht der Ententemächte, haben künstlich durch lügenhafte Erfindungen die Kriegswut wachgerufen, die gar bald einen epidemischen Charakter angenommen und besonders die ro- Heu, verwilderten, in der Nacht der Verdummung großgezogenen russischen Kosaken in Löwen, Tiger, Hyänen und Wölfe verwandelt, so daß man versucht wäre, den großen und schweren ׳ Kampf, den unsere Feinde führen, nicht mehr ״einen Kr^eg', sondern, gelinde gesagt, ein Menschenschlachten und das Kampfgebiet nicht mehr einen ״Kriegsschauplatz", sondern eine Schlachtbank zu nennen. Wenn ich diese Benennung als gennde ausgedrückt bezeichne, so geschieht es deshalb, weil der Tierschlächter (Schachet) — wenigstens nach der Lehre des Juden tums — verpflichtet sei, seines Amtes in würdiger, humaner und schonender Weise zu walten und jede Tierquälerei sorgfältig vermeiden zu können. Das Schlachten muß am Halse vollzogen werden, und zwar mit einem scharfen und glatten (chad wecholok) Mosser. welches auch die allergeringste Scharte (Pegima) nicht haben darf. Ein Schote, ein entnervter. gallsüchtiger, ungläubiger, sittlich und moralisch verkommener Mensch gehört zu jenen Individu-en, denen man ausnahmsweise das Schachteramt nicht auvertvauen darf, denn ״Schote eno margisch", der^karr, der in der Regel klüger und schlauer als alle Welt sein will, kennt überhaupt kein Gefühl. — Muß also nicht jeder unbefangene, vorurteilLsre.e. rechtlich denkende Mensch bereitwillig zngebe:׳ daß die russischen Greueltaten nichts anders als die verabscheuenswerten Früchte seien. welche die den Verstand trübenden Leidenschaften der Machthaber gezeitigt haben? In einer Epoche, wo der krasie Materialismus, und sonstige ״isnms" ihr goldenes Zeitalter feiern, so daß selbst die Diplomaten gewisser Kulturvölker nicht die Kraft besitzen, ihre Leidenschaften, wie Neid, Haß. Ehrgeiz, Genuß- und Habsucht, zu beherrscheu, werden weder göttliche Gesetze und Vorschriften, noch dve Völkerrechte beachtet und respektiert, infolgedessen droht der Welt Gefahr, durch Feuer und Schwert vernichtet zu werden^ Cherew bo leolonr al inuj haddin ete, ״Das Schwert kommt in die Welt — wegen Rechts- Verzögerung, Rechtskrümmung und -Verdrehung und absichtlicher Mißdeutung der göttlichen Gestye und Rechte". Wenn nun jetzt über d.iejenig-.׳u, die mutwillig den Weltkrieg heraufbeschwo- :cn haben, eiye Katastrophe nach der andern bereinbricht, so muß selbst der verstockteste Atheist zur Besinnung kommen und sich fragen, wie war es auf natürlichem Wege möglich, so weit überlegenen Feinden beiznkommen, sie niederzuschmettern und ihnen herbe Wunden beizubriingen, die lange nicht vernarben werden? Da muß doch eine höhere Macht eingegriffen haben, von der es in der heiligen Schrift heißt: ״In meinem Ratschlüsse liegt verborgen, in meinen Schätzen liegt versiegelt, mein ist Rächen und Vergelten, wenn ihr Fuß wird gleiten sollen, denn ihr Unglückstag naht heran, ihre Zukunft eilt herbei" (5 M. 32). Alle ihre Lügen, die sie in der Welt verbreitet haben, um die Unschuldigen zu verdächtigen und zu mißkveditieren u. sich selber reinwascheu zu können, zerfließen jetzt wie Seifenblasen, denn emes marer tirmach wezedek mischomajim n'ischkof, die Wahrheit sprießt aus der Erde hervor und die Gerechtigkeit blickt vom Himmel herab. Der All,gütige wird alles Gute geben und unserem Lande Fruchtbarkeit schenken" (Ps. 85). ' D. Fr. Wien, 4. April 1915. Kundgebung der Przemysler Jsraelitengemeinde an d. Kaiser. Wien. Der Präsident der isvae- Mischen Kultusgemeinde Przemysl, Dr. Jakob Glanz, hat nach der Medeveroberung Przemysls an den Kaiser folgende Huldigungsdepesche gerichtet: ״Mit Bewunderung, Jubel, Stolz, von begeisterter Freude getragenen Herzen und sich stets steigernder Zuversicht und Hoffnung blicken in dieser Zeit alle Völker der Monarchie auf unseve treuverbündeton Truppen, welche, unter weiser und genialer Führung heldenmütig, beispiellos zähe und tapfer kämpfend und Sieg auf Sieg davontragend, ganz Westgalizien, einen Teil Ost-!galiziens und auch die altehvwürdige und unsere heimatliche Stadt Przemysl zurückeroberten. In diesem erhabenen und unser teures Vaterland ׳beglückenden Augenblicke wagt es die in Wien weilende Repräsentanz der israelitischen Kultusgemeinde in Przemysl namens der gesamten dankerfüllten, stets kaiser- und reichstreuen jüdischen Bevölkerung der Stadt Przemysl biie tiefempfundenen Gefühle und die Versicherung der unverbrüchlichen Treue und unwandelbaren kindlichen Liebe zur geheiligten Person Eurer Majestät alleruntertänigst mit dem innigsten Wunsche zu Füßen zu legen: ״Gott erhalte, Gott beschütze Eure kaiserliche 'und königliche Majestät, unseren^ heißgeliebten obersten Kriegsherrn und Herrscher, und führe auch fernerhin unsere unbesiegbaren, trieuverbünbeten Arn:een zu einem endgültigen, herrlichen Siege und zu einem für unser heißgeliebtes Va- .terland segensreichen Frieden. Der Präsident der israelitischen Knltusgemeinde Przemysl." Darauf traf folgende Antwortdepesche ein: ״Seine k. u. k. Apostolische Majestät haben die patriotische Kundgebung d. Repräsentanz d. isr. Kultusgemeinde in Przemysl mit aufrichtiger Befriedigung entgegenzunehmen geruht u. dankien huldvollst für die im Namen der gefarmten jüdischen Bevölkerung Przemysls anläßlich des .hocherfreulichen Ereignisses der Wiedereroberung ihrer Heimatstadt in treuer Ergebenheit dargebrachten Segenswünsche. Auf Allerhöchsten Befehl: Freiherr v. Schießl."