Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 16 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 16 Wdlscht ~ teilt, i wärtig 75.000 jüdische Obdachlose. In den letzten Tagen trafen dort 15.000 Flüchtlinge aus dem Gouvernement Suwalki ein. Aus Przemysl traf in Warschau die Nachricht ein, daß die Russen infolge des Anmarsches der verbündeten Armecn sämtliche Juden ausgewiesen haben. Das Warschauer Rabbinat erläßt mit Hinweis auf die Epidemien eine dringende Mahnung zur Beobachtung aller religiösen Gesetze und behördlicher Bestimmungen über die Reinhaltung des Körpers und der Häuser. In Bialystok ist die Lage eine gedrückte. Fliegerbomben fordern alle Paar Tage schwere Opfer. Die Synagogen und Bethäuser sind überfüllt. Ein jüdischer Truppenteil in Holland vor 100 Jahren. Im Jahre 1806 hatte Napoleon seinen dritten Bruder Louis Bonaparte zum König von Holland, der voriualigen im Frieden von Luneville anerkannten Batavischen Republik, gemacht. Dieses nicht unsympathische Glied des Hauses Bonaparte dankte bekanntlich im Juli 1810 ab, da er das ihm übertragene Gebiet nicht durch die Kontinentalsperre zugrunderichten wollte. Die Gesamtzahl der Israeliten des damaligen Königreiches Holland betrug zu diesem Zeitpunkt 40.026 Seelen, unter denen sich zahlreiche Männcr befanden, die zwar große Neigung hatten, sich der militärischen Laufbahn zu widmen, aber befürchteten, diese werde sie zur Verletzung die- Ter religiöser Pflichten zwingen. Um dieser Befürchtung entgegcnzutreten, und um sich die militärischen Fähigkeiten der holländischen׳/ Juden nicht entgehen zu lassen, erschien am 0. Juli. 1800 ein Dekret über die Errichtung eines jüdischen Truppenteils, für dessen religiöse Bedürfnisse bestens gesorgt wurde. In dem im Jahre 1810 in Kassel erschienenen dritten Jahrgange׳ des Blattes ״Sulamith" (eine Zeitschrift zur Förderung der Kultur und Humanität unter den Israeliten", herausgegeben von David Fränkel, Konsistorialrat und Schuldirektor) Wird ein ״Schreiben aus Holland" abgedruckt, aus dem wir über den jüdischen Truppenteil folgendes erfahren: Das neuerrichtete Korps Israeliten, welches sich jetzt in Amsterdam befindet, hat den ungeteilten Beifall. Es zeichnet sich sowohl durch grlte Manneszucht als auch durch schöne Haltung aus." Erwähnt wird, daß mehrere Soldaten sich bereits früher im Felde als sehr tüchtig erwies׳en haben. Von den fünf Werbeoffizieren ist einer, der ״Kapitän" Jakob Markus zu Amsterdam, jüdischen Glaubens׳, ferner ist in Notterdam als ״Wevbeleutnant" Mayer Simons angestcllt. Außer einem ״Kapitän" Boas befanden sich fünf jüdische Premier- und Sekondelontnants bei diesem Korps. ״Das sogenannte Handgeld", fährt der interessante Brief aus Holland fort, ״ist zu sechs holländischen Dukaten bestimmt. Der erwähnte Herr Leutnant Mayer Symons gibt aber noch besonders einem jeden Israeliten, der sich bei ihm engagiert, sechs holländische Dutaten aus seinen eigenen Mitteln. Die Dienstzeit ist auf sechs Jahre festgesetzt. Die israelitischon Vorsteher (Parnaßim) haben den Befehl erhalten, keinem unverheirateten Israeliten, welcher zum Militärdienst fähig ist, irgendeine Unterstützung zu reichen, wenn er sich nicht beim Korps engagieren läßt. Bei sechzig Soldaten ist immer ein Soldat (ebenfalls Israelit) als Koch angestellt. Des Sonnabends ist Synagogenparade. Das Korps marschiert dann in Kompagnien dahin und wieder zurück. Die Rabbinern des Königreiches haben mehrere Predigten * gehalten, worin sie ihre Glaubensgenossen zum Militärdienst auflnuntern." Bemerkt wird dann noch, daß die Juden, ״wie mehrere Beispiele zeigen", auch bei anderen Truppenteilen Dienst nehmen kömmt, und daß in Amsterdam ein ״israelitisches Militärseminarium" (?) errichtet werden soll. Vom Büchermarkt. Neue Kriegsaufsätze von Housten Stewart Ehamberlam (Inhalt: Gvundstimmungen in England und in Frankreich. — Wer hat den Krieg verschuldet? — Deutscher Friede.) München, F. Bruckmann, A.-G., Preis 1 Mk. In dieser zweiten Reihe der ״Kriegsaufsätze" wendet sich Chamberlain dem gegenwärtigen Kriege zu: der erste Aufsatz behandelt die vorangehenden Jahre, der zweite die Umstände, die den Krieg unvermeidlich machten, der dritte die zu erhoffende Zukunft. In dem Aufsatze: ״Grundstimmungen in England und in Frankreich" hat der Verfasser eigene Erinnerungen und Erfahrungen verwertet. In dem zweiten Aufsätze war er bestrebt, eine unanfechtbare und ausreichende Antwort auf die Schuldfrage zu geben. Der ״deutsche Friede" behandelt yur das Grundsätzliche; einstweilen ist das eben das Wichtigste: zu wissen, was jetzt zu wollen ist. Bismarck und wir. Von Paul Rohrbach. (Inhalt: 1. Msmarckgeist, 2. Sprengt die englische Weltfessel!, 8. Beschwörung der russischen Gefahr, 4. Deutschland. als Befreier.) München, F. Bruckmann, A.-G., Preis 1 Mk. Der als politischer Schriftsteller rühmlichst bekannte Verfasser hat in einer Reihe von Schriften lange vor Ausbruch des Krieges den Gang der Dinge vorausgesagt und Rußland als diejenige Macht bezeichnet, die zuerst lvsbrechen würde. Um so größere Beachtung verdient die vorliegende, von Bismarckischem Geiste erfüllte Schrift, in der Rohrbach ein Bild unserer Zukunftsinteressen angesichts des Weltkrieges zeichnet und die politischen Prinzipien Bismarcks in nicht mechanischer, sondern geschichtlich umgedachter Weise auf die Erörterung dessen anwendet, was uns nottut. Zu den hervorragendsten und aktuellsten Büchern der Zeit gehört ein schon vor längerer Zeit erschienenes Werk, Welches sich mit dem deutschen Kaiser befaßt. (Der Kaiser, ein Charakterbild Kaiser Wilhelms 2., von Dr. Paul Liman. Verlag Theodor Thomas, Leipzig, Preis brosch. Mk. 3.50, geb. Mk. 4.50.) Es würde genügen. mitzuteilen, daß der deutsche Kaiser, welchcr dieses Buch sofort nach Erscheinen vollständig durchlas. äußerte, dieses Buch zeichne ihn genau so. wie er in Wirklichkeit sei. Liman, der den Werdegang, alle volitischen und menschlichen Vorzüge und Fehler des deutschen Kaisers wächsamen Anges verfolgt, hat uns von diesem wahr- Haft großen Manne ein so lebensgetreues und überzeugendes Porträt gezeichnet, daß das SB״,-* wohl für lange Jahre als eigentliche Biographie Kaiser Wilhelms 2. gelten wird. Denn hier wird derselbe nicht als Jdealgestalt, Wohl aber als Kraftaestalt gezeichnet, als eine vielseitige Persönlichkeit, welche kraftvoll und pflichtbewußt am Steuerrad der hervorragendsten europäischen Nation steht und die immer mehr znm europäischeu Wahrzeichen wird. Liman versteht es auch treffend, den Hintergrund dieser Persönlichkeit, die Entwicklung des Deutschen Reiches seit den letzten 25 Jahren, in wuchtigen Strichen zu zeichnen. Es ist ein Buch allererster Qualität, sowohl in volitisKer und historischer Hinsicht als auch in menschlichem Sinne. Geistig nahe verwandt diesem Buche ist eine seit Kriegsausbruch sehr verbreitete und bekanntgewordene Broschüre, welche den Kriea in allen deinen Haupterscheinnnacn ltrtb charakteristischen Merkmalen mit einer staunenswerten Präzision voraussaate. TDes Deutschen Reiches Schicksalsstunde von Frobenius. Verlag Karl Eurti'us. Berlin. Breis brosch. Mk. 1.20. oeb. Mk. 1.WO Wenige Tage vor Ausbruch des Krieges richtete der deutsche Kronprinz <זזי den Verfasser, einen böberen Militär, ein Telegramm, in dem er saate. daß er die Ausstihrunae»׳ des Verfassers mit Interesse aelesen bobe und Hessen Ansichten teile. Die Broschüre ist überaus lesenswert, denn in der Flut der gegenwärtigen unklaren Binbältnisie bildet sie eine klare und eindringliche Auseinandersetzung eines berufenen Mannes. b׳'r nt den wenigen zäblte, welche der hereinbrech,׳nden Katastropbe ruhia ins Arme sahen und die sich von dent eigenartigen Friodenszustande, der seit Zabern herrschte, nicht einkullen ließen! Isoldes Gottesurteil in seiner erotischen Bedeutung. Ein Beitrag zur vergleichendene Literaturgeschichte. 290 Seiten. 1014. Preis elegant broch. Mk. 5. In Origbd. Mk. 6. (Verlag von Hermann Barsdorf in Berlin. W. 30). Es ist der Lauf der Welt, daß die Ideale, die man sich in der Jugend geschaffen hat. im Ganae der Entwicklung eins nach dent andern vor der brutalen Realität des Erdendaseins die Seael streichen. So bat auch die Geschichtswissenschaft und die gelehrte Forschung überhaupt mit so manchem ererbtem Irrtum gründlich aufae-, räumt, die vergangenen Generationen heilige׳ Wahrheit zu sein schiem Eö wacht sich auch das vorliegende Buch dös bekannten Chikagoer Universitätsprofessors zur Aufgabe, eine ganze Zeit- Periode des romantischen Schimmers zu entkleiden, den oberflächliche Kenntnis um sie gewoben hat. Wenn er jedoch die Romantik der Minne iM Mittelalter abtut, so geschieht das keineswegs als ein frivoles Herunterreißen» sondern er gelangt auf Grund ehrlichen Forschens zu dem Ergebnis, daß es im Mittelalter, wie sich schon Jo- Hannes Schere ausdrückte, recht ״minneliodertich zugeaangen ist. Ein hübsches Buch ist E Roman ״Lebensströme" des Pastors Kürt Delbrück. (Verlag Richard MühlmMn, Halle -a. b. Saale). Trotz der Menge der Personen und ihrer weitausgreifen» den Beziehungen ist die Einheit des RüMÜNs gewahrt; es gruppiert sich alles um eine Mutter mit drei Kindern. Die Eharaktcre.sind benswahve Erscheinungen, die seht kür sich einnehmen, lieber die Handel her Welt, über die wichtigsten Fragen, über die Gedanken im Menschenherzen, die sich untereinander verklagen und entschuldigen, spricht der Verfasser mit der Kenntnis eines Sachverständigen. Die Schilderungen stutz packend, Szenen mit schönent, lieblichem Gepräge kommen in Menge vor. Der Stü ist gewandt, oft geistreich. Die bei Georg Müller in München erscheinende Zeitschrift ״Der neue Merkur" bringt in einem 230 Seiten umfassenden Doppelhefte Januar-Februar sehr beachtenswerte Beitrage. Zunächst ein-e eingehende, zeitgemäße und von ti-efcm historischen Verständnis zeugende Stüdit von Thomas Mann ״Friedrich und die große Koalition", sodann eine gesungene Schilderung Belgiens von HaufensteiU, einen aktuellen Aufsah über das Verhältnis Italiens zu unseren Feinden von Carnevcrli. Besonders erwähnenswert ist der Aufsatz ״Wir ... sie . . die Welt." von Norbert Jaques, in dem er sich in eingehender Weise weniger mit dem gegenwärtigen Kriege selbst als vielmehr mit den Ursachen der Vertiefung des feindlichen Varhältnisses zwischen Deutschland einerseits und Frankreich und England anderseits befaßt. Außerdem enthält das Doppelheft folgende Beiträge, die sägttlich als gelungen bezeichnet werden können: ״Vom Internationalismus der Arbeiterbewegung" von Haenisch, ״Volkswehr im Völkerrecht" von Eisner, ״Bewegung" von Martin Bttber sowie eine Novelle von Walser und einer Fortsetzung des Romans ״Jausemännchen" von Wassermann. Die Zeitschrift ״Hochland" bringt in ihrem Februar׳ und Märzheften gleichfalls eine ganze Reihe von ebenso interessanten als zeitgemäßen Beiträgen. Unter denselben feien hrvorgehobn: ״Englische Politiker von heute Autor: Universitätsprofessor A. Meitdolssohn-Bartholdy), Oesterreich und der Balkan (Universitätsprofessor Chroust), Unser Bündnis mit Oesterreich auf der Frankfurter Nationalversammlung, Die sittliche Berechtigung und Bedeutung des Krieges, Das Weltkabelnetz, Deutsche Kulturpolitik in Babylonien, Englische Landungsfurcht, Religiöse Zukunftsfragen u. a. Hervorgehoben sei die Tatsache, daß das ״Hochland" zu den. wenigen. Zeitschriften gehört, welche fast nur hervorragende Deutsche zu ihren Mitarbeitern zählen. ״Gott strafe England!" heißt «eine Kampfschrift, die der ״Sintplizissimus" soebene herausgegeben hat. Das Beste, was die bekannten Mitarbeiter des ״Sitnplizissimus" an Witz und bissiger Satire gegene England zu sagen hatten, ist hier zu kräftigster Gesamtwirkung vereinigt. Das kleine Sammelwerk wird überall, in Deutschland und Oesterreich, und draußen im Felde, mit Heller Freude aufgettommen werden. — Bei der hübschen Ausstattung und dent reichen Inhalt (120 Bilder und viele Prosabeiträge und Gedichte) ist der Preis von 1 Mark gewiß nicht hoch. Die Becksche Verlagsbuchhandlung in München bringt in neuer Auflage Straks Hebräisches Vokabularium. (Preis geb. 80 Pfennige.) Wie alle Schri ften des hervorragenden Gelehrten und Kenners der hebräischen Sprache, bringt das Vokabularium trotz seines billigen Preises eine reiche Auswahl von hebräischen Vokabeln in vortrefflicher grammatikalischer Anordnung. Die letzten Hefte des ״Jophurun" setzen bas begonnene Werk trotz aller Stürme der Zeit in kraftvoller Weise fort. Gerade in di-oser Zeit braucht der Jüd eine zuversichtliche Ausmunte- 1