Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 15 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 19. «et« *■ Jtttl» trtHfhww« Aortcfpondenjcti. Nen-Bäntznitz. Auch unsere kleine Nachbar- NEiüdeWischast beyerberat ihre nahezu aus 1.00 Köpfest bestehende Flüchtlingskolonie, deren sich Mrr Vorsteher Heinrich Münster in besonders anerkennenswerter Weise angenominen, für das Wohl und die Wünsche derselben namentlich der Behörde gegenüber nach Möglichkeit eintrekend. Auf Veranlassung des Herrn Rabbiners Dr. M. Steif, Neu-Raußnitz, wurde nun auch hier für diese Opfer des Krieges an den beiden jüngst vergangenen Schwuoth-Feiertagen von den zur Thora Gerufenen gespendet und soll hiermit diesen öffentlich der Dank ausgedrückt werden: Hugo Barber 20 Kronen, Em. Bauer 10 Kronen, Viktor Deutsch 6 Kronen, Johann Lampl 10 Kronen, M. Munk 10 Krönen, Dr. M. Steif 2 Kronen, Em. Steiner 10 Kronen. Vom Büchermarkt. ( Jtn Verlag Karl Prochaska, Teschett-Leip- ZG ist auch Heuer im 14. Jahrgang das Jahrmich der Erfindungen erschienen. (Preis K 1.80.) Düs sehr interessante und inhaltsreiche Jahrbuch , gibt auf 230, Seiteü und 120 guten JllustMiolteu eine fesselnde Schilderung der letzten Neüevüngclt in folgenden Kapiteln: Eisenbahntvesen, Verkehrsmittel der Großstadt und der Landstraße, Schiffahrt.und Schiffbau, Luftschifffahrt, Bauten, Maschinenwesen, Jndustricanlagen, Funkentelegvaphie und elektrische Fernlenkung, Telegraphie, Fernschreiber und sprechendo Bilder. Empfehlenswert ist Fleminings Kriegskarte Nr. 13,,.we.lche m'i beste Karte des Kriegsschauhtatzhß!Galizien-Karpathen därstellt und an welcher sich auch die kleinsten Kriegsereignisse genau verfolgen lassen. Infolge ihrer Güte bietet die Karte eine weitgehende Uebersichtlichkeit und Genauigkeit.! Gisela v. Berger: Königskind Seele. Deutsch- Oesterreichischer Verlag Wien-Leipzigs Die bekannte Dichterin, eine der begabtesten und jedenfalls die feinsinnigste der heutigen Dichterinnen Oesterreichs, legi uns in diesen! Novellenband eine Arbeit vor, di,e wir als gelungene Mischung von Alfred v. Berger und Artur Schnitzler bezeichnen können. Die sieben Novelle!!, welche hier bereinigt sind, atmen, eine Psychologische Lebenskenntni.s, eine unversiegbare stille Heiterkeit, ein tiefes Erfassen der LebenswUnder, welche nur ei.ne wahrhaft begabte. Dichterin besitzen kann. Wir haben vor kurzem in diesem Blatte die ״GesüMMelten Schriften" Alfred v. Bergers besprochen und alles dort Gesagte gilt auch vou der Lieblingsnichte Bergers. Nicht unterlassen sei bei dieser Gelegenheit der Wunsch, daß die Wunder schönen Gedichte, welche Gisela v. Berger ab und^ zu in Feicrtagsnummern der ״Neuen Freien Presse" und anderen Zeitungen erscheinen ließ, gesaunnelt und verbreitet werden. In! Verlage Kurt Wolfs, Leipzig, ist von K. Hauptn!ann, den! Bruder des Dichters der ״Versunkene!! Glocke", das inzwischen bekannt gewordene Buch ״Krieg", welches der Dichter ein Tedenn! nennt, erschienen. Es nimmt unter den Schriften, welche den Weltkrieg behandeln, eine eigenartige und bevorzugte Stellung ein. Denn es ist ein recht interessantes Dokument' sowohl in! dichterisch-dramatischen, als im satirischen, metaphysischen und historischen Sinne. Karl Hauptinann, den die Wiener unlängst an! Vortragstisch der ״Urania" freudig begrüßt hatten, steht hier sowohl als nationaler Dichter wie als Philosoph auf der Höhe und die Wucht und Schönheit der Sprache ist an einzelnen Stellen des Buches kaun! zu überbieten. Das Buch gleicht einen! Spiegel, in den! sich der Weltbrand schaurig-erhaben widerspiegelt. Freunden der hebräischen Sprache sei das in! Jahre 1909 erschienene Hebräisch-deutsche Wörterbuch von Dr. David Cassel nachdrücklich empfohlen. (Verlag Handel, Breslau. Broschiert Mk. 3.60, gebunden Mk. 4.30.) Es ist freilich kein Taschenwörterbuch, die zumeist recht unvollkommen sind. Aber es gibt auf 360 Seiten Großoktav mit einem von eiusiger und mustergültiger Arbeit zeugender Genauigkeit und Ausführlichkeit -ein vollständiges Verzeichnis des hebräischen Wortschatzes. Jedes einzelne Wort ist mit einem vorzüglichen Öuellennachtpe!K versehen, in Melchetn das Vorkommen des Worües in Thnäch in seinen verschiedenen Formen und Bedeuiuncheti angeführt wird. Das Werk ist ein vorzügliches Studierbuch zur Forschung der heiligen Sprache. Für die Qualität des Werkes bürgt übrigens schon der Nan!e des Autors und auch die Ausstattung ist trotz des verhältnismäßig billigen Preises eine vorzügliche. Reden aus ernster Zeit. Vou Dr. M. Lewin in Wreschen. Berlin 1916*) Der Verfasser, ein Lioblingsschüler des verstorbenen Prager Oberrabbiners Dr. N. Ehrenseid g. A., und Zögling des Hi ldeshei!!!erschei! Nabbinerseminars in Berlin, gehört der streng orthodoxen Richtung an u. vertritt seinen orthodoxcn Standpunkt seit zirka zwei Dezennien in Mort und Schrift. Auch.den Weltkrieg betrachtet und behandelt er in den vorliegenden neun Predigten, die er kurz nach Ausbruch des Krieges anläßlich der hohen Feiertage gehalten, von seinem streng konservativen Standpunkte aus. Man wird viel leicht nicht immer seinen Standpunkt teilen, aber seine Predigten wird jeder mit Genuß und Interesse lesen. Hier bewährt sich der alte rabbinische Ausspruch: Worte, die von! Herzen kommen, verfehlen nie den Weg zum. Herzen." Dr. Lewin ist ein begeisterter Jude und zugleich ein begeisterter Patriot, er liebt sein Judentun! und liebt nicht minder sein deutsches Vaterland und wie er seine Zuhörer für die Ideale des Judentums zu begeistern sucht, ebenso ist er bemüht, sie für den Krieg zu begeistern. Schön und geradezu vorbildlich ist die klare, durchsichtige Dis- Position, die jode der vorliegenden neun Reden auszeichnet, schön ist die Sprüche des Verfassers, die ohne Absicht und Geziertheit häufig zu poetischeu! Schwünge sich erhebt und Zuhörer und Leser in gleicher Weise hinreißt, schön ist auch endlich der ganze logische Aufbau, die Gedankentiefe und die sorgfältige Auswahl und Behändlung jedes einzelnen Temas dieser neun Reden. Mir Persönlich haben die Predigten des Versahnungstages an! besten gefallen; hier zeigt sich Lewin auf der Höhe seines Könnens und Wollens,!!!!!flutet von dem Lichtglanz des heiligsten Tages des Jahres. Der Reinertrag dieser Perdigtsammlung ist für Zwecke der Kriegsfürsorge bestimmt und schon aus diesem Grunde, wie nicht minder für diese gediegene oratorische Leistung wäre ein reichlicher Absatz dieser Reden auch in unserer Monarchie dem fleißige!! und frommen Verfasser Vom Herzen zu wünschen. Zwittau (Mähren). Dr. Kanter. # * ♦ Zu beziehen durch den ״Jüd. Buch- und Kunst- Verlag" in Brünn. . UebertrageneS Blut. (Kriegslegende.) ״Möchtest du, Kind, vou den kleinen Vögelchen etwas hören?" fragte die Mutter, und wollte damit ihr betrübtes und zusammengebrochenes Kind ein wenig beleben. ״Vor׳, unseren kleinen Vögel, Mutter?" antwortete das Kind und ein Helles Licht blitzte in seinen Augen auf. ״Ja, Kind, von unseren kleinen, lieben Vögel", erwiderte die Mutter u.das Plötzlich aufgestvahlte Licht in den bisher nur Leid und Kummer ausdrückenden Augen ihres Kindes trieb ihren Atem in raschem Tempo. Dann setzte sie fort: ״Denkst du auch wann von diesen Kleinen?" ״Ach Mutter, niir wirds so bange jetzt Wegen dieser kleinen Bande . . . Wie sie doch so schön auf unseren Bäun!en herumgesprungen sind und so süß ״Pi-Pi" schrieen, Mutter!" ״Nun höre doch; ich will dir tvas von ihnen erzählen." sagte die Mutter und faßte das Kind bei den Händchen. ״Wenn du viel davon zu erzählen hättest, Mama; von dem. was unser war . . . was mir so lieb einst war, so gut einst war . . . und mir jetzt so teuer ist.... so teuer ist.... mir will sich so davon hören, so viel davon hören!" ״Und mir will sichs so davon erzählen, Kind, so viel davon erzählen. Daß du«s doch immer weißt, immer und ewig weiht... nie und nie es vergissest. Kind!" Eine kleine Weile starrte das Kind sehnsüchtig in das blaffe Gesicht seiner Mutter, und das bullte Farbcnspiel, das sich darauf changierte, machte ihm diese kürze Zeit sehr unbehaglich. Alle Schreckensäeschjchtei!, die et iü de« letzten Tagen von seinem Heime vernomi!!en.hattS, stürttön ihn von diesen! Gesichte, das ihm jetzt Unendlich Weit erschien, in ihren schauerndsten Gestaltett, mit Entsetzen an. Das ganze Körperchen des Kindes, fing zu zittern an und die kleinen Händchen, die in» den dürren Händen der Mutter ruhten, erzitterten derart, daß sie die Mutier aus ihren! schweren Gedankenanfall erwacht haben. Da setzte s-e mit ruhigerer Stimme weiter fort: ״Auch Heuer sind unsere Vögel lustig in unser Dorf gekommen, und wie Papa immer sagte: ״von Palästina aus auf unser Haus zugeflogen." Die Worte seines Vaters setzten das Kind in Erinnerung des schönen Vorn!!ttags, ׳des vorjährigen Frühlings, als die lustige kleine Bande dann trillernd auf ihr Weißes Nest zuflogen. Es lies damals gerade nach einer Laufreise, als ihm Vater zurief und ihn! nachdrücklich sagte: ״Siehst du diese schöne Vögel, sie waren des ganzen Winters in Palästina, und jetzt fliehen sie direkt auf unser Haus zu . Es ward ihm jetzt sehr unheimlich, als er sich vergegenwärtigte, wie ungeduldig er diese Worte seines Vaters aushörte und gleich zu seinem Reife zulies. Dann sagte er mit peinlichen! Tone: ״Ja, Mama, sie kamen aus Palästina, und Vater hatte sie so gern, er schützte sie so zärtlich, so lieb, wie er nur Palästina selbst so sehr liebte! Doch, was n!achten sie denn Heuer bei uns? Mir wird so übel, als ich daran denke." ״Auf der grauen Asche haben sie sich heruntergelassen, und als sie den Vater in sein,.׳!!! Blute erblickten, flogen sie gleich davon." ״Aber, Mutter, wie ist es denn möglich?" ״Nun, schon! Aber Eines ist verblieben. Das Liebste, das Schönste, das so viel geflogen, so schön gesprungen und getrillert hat, nur das ist nicht davon." ״Was tat es denn auf dieser schauernden Verwüstung?" ״Es flog auf deinen Vater zu, und da fand es auch sein Schwert voll Feindesblut fest in sei-!!er Faust." ״Hat denn Vater auch getötet, Mama?!" sagte das Kind und das mattgewordene Licht in seinen Auge!! wurde plötzlich wieder hell. ״Nun, gewiß! Viele Feinde hat dein Vater niedergemacht, bevor sie ihn besiegt haben. Und sein mächtiger Feind liegt auch jetzt fest-zu seiner Brust gedrückt." ״Und das kleine Vögelchen hatte es bemerkt?" ״Nun ja. Und dann nagte es von deinem Vater das auf seinem Schwerte und auf seiner Brust noch feuchte Blut herab und flog schnell davon." ״In das zweite Dorf etwa?" *״ ־Nein, Kind, es flog dorthin, woher es gekommen ist." ״Nach Palästina gar, Mutter, was sollte es denn dort?!" ״Auf der Weißen Erde streute es Pie roten Tröpfchen aus." ״Mama!" rief das Kind begeistert aus, ״wenn n!an es doch den! Vater erzählen könnte." ״Papa wünschte es so immer, sein Blut möge mit der Feinde Blut zusammen auf der heiligen Erde fließen ... Und so ist ihn! endlich auch geschehen!" ״Dann ist ihn! doch so gut geschehen, Mutter!- * Eine große Träne fiel von der Mutter Augen auf das zufriedene Gesichtcheu des Kindes, die es ganz bedeckte. Mayer Rottenborg. Dobrisch, im Mai 1916. R. S. L. Rappoport nnd die vormärzliche Zensur. (Eine Reminiscenz.) . Salomon Lob Rappoport, der einstige Oberrabdiner der altehrwüridgen Prager Kultusgemeinde gehörte unstreitig zu den hervorragendsten verdienstvollsten Gelehrten des neunzehnten Jahrhunderts. Er hatte sich nicht nur als scharf-- ,