Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 15 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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GM 4. Rr. 15 zum Schlüsse den JMlanten. Es ergreift nun Mos-enthal das Wort, um, wie er sagt, als Sendbote des Unterrichtsministeriums den Jubilar zu begrüßen und ihm das Diplom der dem Herrn Deutsch von Sr. Majestät, dem Kaiser verliehenen Auszeichnung — derselbe wurde bekanntlich zum Kaiserlichen Rate ernannt — zu überreichen. Redner sagt zum Schlüsse, er schätze sich glücklich, Bürger eines Staates zu sein, wo das wahre Verdienst in jeder Sphäre, in jeder Confession aufgefunden und belohnt wird. Der Chor sang nun die Volkshymne, worauf der Kaiser!. Rat Deutsch in längerer Rede seinem Danke Ausdmck gab. Nachdem ein Lehrer der Anstalt im Namen seiner Kollegen den Jubilar beglückwünscht hatte, ergriff Herr Jaques Löw das Wort und legte in längerer Rede dar, wie er und viele seiner Leidensgefährten es nur dem Jubilanten verdauken, daß sie einem für die Gesellschaft unbrauchbaren Zustande entrissen und dem Gemeinwesen als nützliche Mitglieder zugeführt wurden. Es sprachen noch ein taubstummer Knabe und ein taubstummes Mädchen, welch letzteres dem Jubilanten einen Blumenstrauß überreichte, worauf die schöne und erhebende Feier mit einem von einem taubstummen Knaben für den Kaiser gesprochenen Gebete beendet wurde." Da er (Deutsch von frommen vornehmen Eltern abstammte, die dafür sorgten, daß ihm frühzeitig schon die Pforten der religiösen Wissenschaften erschlossen wurden, so ist es kein Wunder, daß er später sich nicht nur als großer Meister auf dem Gebiete des Taubstummenunterrichtes, sondern auch als vorzüglicher Kenner der hebräischen Literatur vorteilhaft auszeichnete. CH. D. Lippe hatte ihn in seinem Bibliographischen Lexikon (S. 49) in folgender Weise bezeichnet: Deutsch Joel, gewiegter Kenner der rabbinischen Literatur, Kais. Rat, Sammler u. Inhaber einer reichhaltigen Büchersammlung.- Direktor des israelitischen Taubstummeninstitues in Wien, 3. Bez., Rriidolfsgasse. Derselbe schrieb: Biblische Geschichte für Taubstumme, 8, Wien 1864." — I. Deutsch war überhaupt ein edler Menschenfreund, der jungen, talentierten Leuten hilfreich zur Seite stand und gern zugunsten ihrer Beförderung seinen mächtigen Einfluß, den er im In- und Auslände hatte, geltend machte. — Eine herrliche Tugend, die besonders hervorgehoben zu werden verdient. Wenn sich auch Deutsch um Gemeindeangelegenheiten sehr wenig kümmerte, so geschah es durchaus nicht aus Gleichgültigkeit gegen das Judentum, sondern aus dem Grunde, weil er sichs zur Lebensaufgabe gemacht, seine Zeit und Kraft, seine Fähigkeit und Begabung ausschließlich seinem heiligen Berufe, dem TaMtummenunterrichte, zu widmen, die neugegründete Anstalt auf die Höhe der Zeit zu bringen und unglückliche Geschöpfe, die bis dahin als vertierte, unbrauchbare Wesen ein erbärmliches Dasein fristen, und wenn sie Kinder armer Eltern waren, der Welt zur Last fallen mußten, zu würdigen, nützlichen, geachteten Mitgliedern der Familie, der Gemeinde und der menschlichen Gesellschüft heranzubilden, was ihm auch tatsächlich mit göttlicher Hilfe in glänzender Weise gelang. Die mährischen Judengemeinden haben jedenfalls Ursache, stolz darauf zu seim daß die Gründung der ersten israelitischen Tanbstrunmenanstalt in Oesterreich, in vormärzlicher Zeit, eine Schöpfung mährischer Juden war. Fr. Jüdischer Frauenverein in Prag. Mit der heurigeir Generalversammlung fand das 14. Vereinsjahr seinen Abschluß. Die Präsidentin, Frau Emilie Löwy eröffnete die Versamnüung mit einein Nachruf auf die!in Vereinsjahr verstorbene, für den Verein stets verdienstvoll und unermüdlich wirkende Präsidentin Frau Sophie Noubitschek. Sie widmete auch David Wolffsohu Worte ehrenden Gedenkens. Die Anwesenden ehrten das Andenken der Verstürbenen durch Erheben von den Sitzen. Hierauf erstattete die Schriftführerin Frau Olga Bobasch einen Bericht über die Vereinstättgkeit im verflossenen Jahre. Es wurden außer den obligaten Sitzungen 3 Mitgliederversammlungen abgehalten, bei welchen stets audere Ausschuhdamen über interessante Themen referierten. Altem Brauche geniäß feiert der Verein mit den Kindern die nationalen Feste. So veranstaltete er anläßlich Purim im Börsensaale ein Kinderfest, bei welchem die Kinder mit einer Gratisjause bewirtet wurden, und dessen reiches? der Bedeutung des Festes angepaßtes Programm den Kindern viel Unterhaltung bot, so daß ihnen das schöne Fest noch lange in Erinnerung blieb. Die Chanukafeier, welche von den Kindern alljährlich festlich begangen wird, iimßte der heurigen Ereignisse wegen unterbleiben. Beinr Palästinafest, welches die zionistischen Korporationen zugunsten des Jüdischen Schnlwerkes veranstalteten, beteiligte sich der Frauenverein in hervorragender Weise und trug so zum Gelingen dieses Festes bei. Mit dem Arrangement eines Vlumentages anläßlich des Schewuosfeftes schuf der Verein einen vielverheißenden Anfang für derartige Veranstaltungen, und wurde der sehr bedeutende Erlös dem Jüdischen Nationalfond zugeführt. Auch bei anderen Anlässen bedachte der Verein den Jüdischen Nationalfond uns andere Institutionen, wie aus dem Kassaberichte hervorgeht. So wurde!: beim Todestage Theodor Herzls und sonstigen Gelegenheiten Oelbämne gespendet, der neugegründete Wanderbund Blau-Weiß mit einer namhaften Spende bedacht, beim Wetturnen des Jüdischen Turnvereins ein Ehrenpreis für die Damenriege, bestehend aus einer silbernen Bezalelarbeit, gestiftet, der genannte Verein mit einer größeren Summe subventioniert, das Jüdische Schulwerk mit einem großen Betrage unterstützt, die vom Jüdischen Fvauenvereine im Vorjahre gegründete Baumschule auf der Mädchenfarm in Kinereth mit frischen Geldmitteln bedacht u. a. m. In: Juli brach der Krieg und in: Anschlüsse daran eine schwere, trübe Zeit herein. Der Verein unterbrach die gewohnte, für friedliche Zeit berechnete Tätigkeit, um eine patriotische Hilfsaktion ins Werk zu setzen, und zwar errichtete er in den Räumen des bisherigen Knabeninternots ein Lazarett mit 20 Betten׳, welches er aus eigenen Mitteln und Spenden vollständig einrichtete und mit einem Vorrat von Leib- und Bettwäsche versah. Die erste Patientin war die 6jähr. Feige Kelz, die durch einen Schrapnellschuß verwundet wurde. Bald war das Lazarett voll besetzt und haben wir bisher an 120 Tagen 1760 verwundete, zum Teil jüdische Soldaten verpflegt. In weiterer Folge des Krieges brach über die Bevölkerung Galiziens das Elend herein, und waren es namentlich die jüdischen Bewohner, die am meisten darunter zu leiden hatten. Zu Tausenden entflohen sie den russischen Gveueltaten und kamen in den zumeist offenen Waggons der Flüchtlingszüge zusammengepfercht, halb verhungert, ausgefroren und nach Labung lechzend, auch durch unsere Stadt. Nasch wurde ein Labedienst auf den Bahnhöfen organisiert, den: sich mehrere Damen des Vereines widmeten, allen voran Frau Kamilla und Frau Jda Fantl, Frau Ascher und viele andere. In unermüdlicher, aufopfernder Arbeit, an Vierzigmal, einerlei ob zu früher Tages- oder später Nachtstunde, waren sie bei den vorher ׳avisierten Zügen auf den Vorstadtbahn- Höfen, und lvurde jedesmal an 120 bis 160 Liter Tee, 60 Liter Milch, viele Brote und Snnmeln verteilt. Manche mußten Weiterreisen, viele blieben hier, und wurden diese, che für sie Wohnungen geschafft wurden, in Massenquartieren untergebracht. Hier Ordnung zu schaffen, Matratzen, Decken usw. zu versorgen, die Leute wenigstens mit 1 bis 2 Mahlzeiten täglich zu versehen, diese kolossale Aufgabe haben die diensttuenden Dainen des Labekomitees gemeinsam mit den: Hilfskomitee wochenlang ausgeübt und bewältigt. Die:::eisten wurden untergebracht, aber von den fünfzehntausend Flüchtlingen in Prag kann sich höchstens die Hälfte selbst erhalten, die anderen sind auf die 70 Heller Staatsunterstützung argewiesen. Um da Hilfe zu schaffen, richtete der Verein den Kilotag ein, der jetzt schon ziemlich stark beschickt wird, da jede Woche an 1200 bis 1400 Kilogramm Waren einlaufen. Damit werden wöchentlich 260 bis 280 Familien zu 6 Kilogramm beteilt. Der Jüdische Frauenverein beteiligte sich außerdem an der von der israelitischen Kultusgemeinde und den vereinigten zionistischen Korporationen eingeleiteten Hilfsaktion durch eifriges Subskribieren. Anfang Winters sandte der Verein eine große Kiste mit Kleidern den Flüchtlingen nach Linz. Um den jüngeren galizischeu Mädchen Arbeitsnüiglichkeit und bannt einen kleinen Verdienst zu verschaffen, gründete der Jüd:sche Frauenverein eine Nähstube, vorerst in kleinem Maßstabe, den bescheidenen, zur Verfügung sie-- henden Mitteln entsprechend. Mit der Hoffnung auf eine baldige lichtvolle Zukunft schloß der Bericht, der genehmigt wurde, wonach man zu den Neuwahlen-schritt. Als gewählt erscheinen: die Frauen: Em. Löwy, Präsidentin; Dr. Elsa Deutsch, 1. Vizepräsidentin; Olga Bobasch, zweite Vizepräsldentin; Hedw. Meißner, 1. Schriftführerin; Jda Fantl, 2. Schriftführerin; Kamilla Fantl, 1. Kassierin; Eug. Löwner, 2. Kassierin. Ferner Frauen: Dr. Abeles, Bergmann, Dr. Bondy, Black, Graf, Heller, Kohn, Lebenhirt, Lissau, Redisch, Slonitz, Dr. Sabath, Wollner. llunäsebau. Ernennung eines* neuen Feldrabbiners. Sr. Majestät der Kaiser hat den isr. Seelsorger Herrn Gustav Blau aus Jglau zun: k. u. k. Feldrabbiner ernannt. Deo Märtyrertod eines Rabbiners. Die amerikanisch-jüdische Zeitung ״Vorwärts" berichtet von folgendem ergreifenden Märtyvertod eines greisen Rabbiners in Rußland: In Kruschuck (Gouvernement LMin) hatte der Konunandant — ein Kosakenoffizier — 200 Juden verhaften lassen und wollte sie als ״Freunde der Deutschen" erschießen lassen. Daraufhin eilte der Rabbiner des Städtchens, ein alter Mann, zum Kommandanten, fiel ihm zu Knien, und bat um Gnade für die Unschuldigen. ״Hängen Sie mich," erklärte er, ״und möge mein Leben auslösen das Leben von so vielen jüngeren Juden." ״Deine Bitte gefällt mir!" erwiderte la-' chend der brutale Kosakenhauptmann, befahl sofort, die 200 Verhafteten vorzuführen, und in ihrer Anwesenheit ließ er den greisen Rabbi aufhängen. Danach schenkte er ihnen die Freiheit. Aehnliches — berichtet dieselbe Zeitung auf Grund von Privatbriefen — soll in vielen anderen Orten in Rußland vorge-kommen sein. Man mache sich auf Grund solcher Einzelfälle ein Bild von den namenlosen Leiden, welche die russischen Juden in diesen Monaten von ihrer eigenen Regierung zu erdulden haben. Sieben Sifre Thora gerettet. Aus dem Feldpostbrief des Gefreiten Max Hirsch vom östlichen Kriegsschauplatz an seine Mutter in Posen: Habe sieben Sefer Thovah, die hier im Ten:- pel aufbewahrt, vor dem Verbranntwerden gerettet. In der Synagoge waren russische Gefangene, darunter ein Jude, untergebracht. Dieser gewahrte, wie seine Mitgefangenen beim Feueranmachen in: Ofen neben anderen Gegenständen auch eine Sefer Thovah mitbenützen wollten. Zufällig ging ein Zivilist am Tempel vorüber, und der jüdische Gefangene sagte ihm, daß er die Seforin: an sich nehmen möchte. Der Posten, de: die Gefangenen beaufsichtigte, wollte dies nicht zugeben, und so kam der Zivilist zu mir und bar, ich nröchte ihn: beim Retten der Thorahrollen behilflich sein. Sofort ging ich zum wachhabenden Offizier, :nachte ihm die Meldung, und dieser zeigte sich bereit, mir behilflich zu sein, und lobte mich obendrein, daß ich so eifrig für die Rettung der heiligen Ge,genstände :::ich erweise. Er schickte einen Mann mit, der den Befehl erhielt, beider Bergung der Synagogengegenstände behilflich zu sein. Es versammelten sich mehrere Juden, und gemeinsam trugen wir alles Rettbare aus den: Tenlpel, um es in Sicherheit zu bringen. So wurden die heiligen Utensilien aus den Händen der bestialischen Soldateska gerettet. Mir wurde von allen herzlich gedankt und mit Segenswünschen gingen die beglückten Juden von dannen. Für den Roten Halbmond. Auf Anregung der ״Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" (A. I. K. O.) irr Berlin hat sich vor einiger Zeit im Einverneh- :nen mit dem interkonfessionellen ״Deutschen Komibe für Sammlungen zugunsten des Noten Halbmonds" und im Anschluß an dasselbe ein jüdisches Hilfskomitee ״Roter Halbmond" gebildet. Das Komitee, welches aus den Vertretern aller größeren Synagozengerneinden Deutschlands besteht, unternahm es, im Kreise der deut-