Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 15 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Im April sind jedoch m Jaffa und Umgegend sowie in Galiläa starke Regen niedergegangen, so daß anzunehmen ist, daß sich die Felder Wieoer erholen und auf eine gute Ernte gerechnet werden kann. Die militärischen Requisitionen, unter denen auch die Nationalfondsbetriebe in! Anfang sehr litten, und bei denen ein Teil des Zug- Viehes überhaupt weggenommen, ein anderer Teil für Militärtransporte wochenlang verwenbot Wurde, haben seit einigen Wochen beinahe gänzlich aufgehört.- Trotz der Requisitionen ist es in allen Farmen gelungen, das Pflügen der Felder, wenn auch teilweise mit einiger Verspätung, durchzuführen. In einigen Nationalfonds-Farmen waren einige Zeit hindurch viele Soldaten einquartiert. Sie kampierten jedoch nicht in den Häusern der Kolonie, sondern in Zelten, und ihre Beziehungen zu den Farmen, überhaupt zur ganzen Kolonie, Waren die denkbar besten. Das Militärkommando sorgte dafür, daß die Felder -in keiner Weise litten und der Kolonie nicht der mindeste Gegenstand entzogen Wurde. Im Laufe der Kriegsmonate hat sich die allgemeine Stimmung unter den Jckden Palästinas wieder gebessert. Auch in wirtschaftlicher Beziehung sind die Verhältnisse jedenfalls nicht schlechter geworden, teils weil erhebliche Geldbeträge aus Amerika eingetroffn sind, teils auch, weil die Administration der Jca den Kolonien Kredite gewährt hat, und schließlich, weil es den Kolonisten selbst gelungen ist, wenigstens in beschränkten! Umfange Wein und Mandeln nach dem Auslande zu verkaufen. Die Orangenernte muß jetzt allerdings als gänzlich verloren betrachtet werden. Die Frucht ist entweder über- Haupt nicht von den Bäumen heruntergenommen worden oder Wurde im Lande zu einen! Preise, der kann! die Kosten für das Abpflücken deckt (100 Stück für 20 bis 30 Centimes) verkauft. Von der städtischen Bevölkerung leiden an!!!!eisten die armen Juden in Saffed, Liberias und in Jerusalen!, d. h. also die Elemente, die auch in normalen Zeiten ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenem Erwerb decken, sondern auf die Chalukkaspende von außen her angewiesen sind. Da diese Spenden jetzt nur kiimmerlich einfließeu, so sind diese Leute ohne das Allernotwendigste geblieben. Hier wurden nun aus den Gelder!! des amerikanischen Hilfsfonds Brot und andere Lebensn!ittel gratis verteilt, Darlehen gegen Pfänder gewährt und auch Kredite zur Beschäftigung von Arbeitern bei Privatunternehmungen und Notstandsarbeiten hergegeben. Bisher ist also das Schlimmste verhütet worden. Trotzdem jetzt eine gewisse Konsolidierung der allgeineinen Verhältnisse eingetreten ist, wird die Lage doch im,׳!!!er kritischer wevden, da die Krisis nun schon 8 Monate dauert und die Bevölkerung bald ihre letzten Reserven verbraucht hat.' Notschule fürFlüchtlinge in Prag Jetzt, da der Ausbau der Schulovganisation beendet ist, Will ich Einiges über die Entwicklung der Schule und über ihren jetzigen Stand sagen. Ich tue dies nicht in der Absicht, um zu zeigen, "was Prag in der Frage der Flüchtlings fürsorge geleistet liat, sondern lediglich aus den! Grunde, u!n zu zeigen, in welch kurzer Zeit eiu Werk von höchster kultureller Bedeutung, wie es das in Prag ist, geschaffen werden kann. Und vielleicht wird es für manche Gemeinden. in denen große Konzentrationslager von Flüchtlingen sich befinden, ein Ansporn sein, diese kulturelle und human wichtige Arbeit endlich in Angriff zu nehmen. Schon Ende des vorigen Jahres hat ein Damenkomite beschlossen, für Knaben und Mädchen Beschäftigungskurse im Sinne des Mini?- sterialerlasses zu begründen. Infolge Mangel- Hafter Organisation mißlang der erste Versuch. Und da entschloß sich Prof. Dr. Alfred Engel, an die Gründung einer Flüchtlingsschule heranzutreten. Sein Name ift mit diesem großzügig angelegten Werke, das er ohne jegliche Mithilfe der staatlichen und städtischen.Behörden nun vollendet hat, eng verbunden. Mit Recht kann Prof. Engel auf seine Schöpfung stolz sein. An der Schule merkt man nichts von der vielbeklagten Schulfeindseligkeit gewisser galizischer Kreise. 1300 Schiller und Schülerinnen von zartesten Kindesalter bis zu 32 Jahren besuchen die begründete Volks- und Fortbildungsschule, die in 3 Schulhäusern, die zum Teile ganz neu eingerichtet wurden, untergebracht sind. 64 Lehrkräfte, Mittelschul-, Handelsakademie-Professoren, Volksschullehrer und Lehrerinnen, darunter auch viele Flüchtlinge, sind in 26 Klassen tätig. Für den Unterricht in den Dolksschiulklassen wurden die neuesten Lehrbehelfe und Lehrmittel gewählt, der Lehrplan entspricht dem׳ für die fünfklassigen Volksschulen vorgeschriebenen. In den Fortbildungskursen werden neben allgemein bildenden Fächern auch Handelswissenschäften gelehrt. Allwöchentlich wevden für die Schüler dieser Kurse Vorträge abgehalten, in denen Fragen aus der jüdischen Geschichte und Literatur behandelt werden. Trotz ihres kurzen Bestandes kann die Schnle auf schöne Erfolge Hinweisen, die auch jchon von berufener Seite Anerkennung gefunden haben. Die Flüchtlingskinder zeichnen sich durch große Intelligenz und Auffassungsgabe aus und so war es auch möglich, daß in manchen Klassen in kaum zweieinhalb Monaten der Lehrstoff eines ganzen Schuljahres absolviert werden konnte. Auch die Prüfungen in. der Fortbildungsschule haben bewiesen, mit welchen! Interesse und Eifer die galizischen Knaben, die zuhause eine Schule vielleicht niemals besucht hatten, den! Unterrichte beiwohnen. Daß auch die Errichtung von n!ehreren Anal- Phabeten-Abteilungen notwendig war, in denen auch 14- und 16jährige Unterricht genießen, ist selbstverständlich. Handelsfertigkeits- und Handarbeitsunterricht finden besondere Berücksichtigung, ebenso der moderne Zeichenunterricht. Sinne für Ordnung, Pünktlichkeit, Schönheit, sowie Pflege des sozialen Geistes wird in den Schülern geweckt. Und es ist zu hoffen, daß die erzielten Unterrichtserfolge von nachhaltiger Wirkung bleiben werden. Die Bedeutung der hier begründeten Schule liegt also nicht nur darin, daß sie bildend wirkt, sondern ganz besonders zu begrüßen ist es cmch, daß sie in erziehlicher Richtung sehr viel leistet, im Moment, den! bis nun in den Schulen Galiziens sehr wenig oder, besser gesagt, gar keine Aufmerksamkeit gewidmet wurde. 1300 Schüler und Schülerinnen konnten an dieser Schule Aufnahme finden, aber noch viele Hunderte Wißbegieriger streben sie an, so daß man am die Gründung von FlüHtlingsschulen in den Vorstädten und in der Umgebung Prags schreiten mußte. Die hier begründete Schulkanzlei hat sich nun auch mit den n!eisten Kultusgemeinden Böh-!nens in Verbindung gesetzt, u!n auch hier raschest Schulinstitutionen ins Leben zu rufen. In der nächsten Zeit sollen auch Beschäfrigungskurse für Knaben und ein Hgushaltungskurs für Mädchen, der den religiösen Ansprüchen Rechnung trägt, eingerichtet werden. Die Flüchtlingsschule ist eine jüdische Schule. Die Eigenart der Flüchtlinge wird in jeder Hinsicht berücksichtigt und dom Umstande ist es auch zuzuschreiben, daß alle Ostjuden ihr Teuerstes, ihre Kinder, der Schule sorglos anvertrauen und selbst ein großes Interesse an ihr zeigen. Die Unterrichtssprache ist deutsch und polnisch. Hebräisch aber, die Zukunftssprache des jübischen Volkes, wird in hohem Maße gepflegt. Im Unterrichte sprechen und singen Kinder hebräisch. Geradezu rührend ist die Liebe der Lehrer zu den Kindern und die Liebe der Kinder zu den Lehrern, die durch Gutherzigkeit es versuchen, in das Wesen dieser jüdischen KU!!der einzudringen, die so frühzeitig wuchtige Schicksalsschläge ertragen müssen, indem sie von allen!, was ihnen lieb geworden ist, von ihrer Heiinat und viele von ihren Eltern durch die Macht der grausamen Verhältnisse fortgerissen wurden. Die junge Schöpfung hat von ihrem Gründer und Leiter den bescheidenen Namen einer Notschule erhalten: es ist aber eiu festgefügtes Schulwerk, das allen Ansprüchen, die man an eine Schule stellt, in jeder Beziehung entspricht. Der Kri^g mit seinen Schrecknissen hat dieses Werk erstehen lassen: bei uns im Westen lvurde der Grund zuinü Aufbau eines neuen modernen Judentums in Galizien gelegt; es wird die Aufgäbe der Zukunft sein, an den! Werke weiter zu arbeiten, damit die Früchte der hier geleisteten Arbeit recht reichlich seien! Raudnitzky. Zur Geschichte des ersten israel. Taubstummen- Institutes in Oesterreich. Im Jahre 1844, also vor 70 Jahren, wurde von den! sel. Hirsch Kolisch, einen! äußerst würdigen verdienstvollen Manne, in Nikolsburg das erste österr. isr. Taub stummen inst! tut creiert, und der geniale Joel Deutsch, Sohn des sel. Hrn. David Deutsch, Rabbiners in Brünn zum Direktor dieser Anstalt ernannt. Im Jahre 1862 wurde dieses Institut, in welchem der hochbegabte Direktor Deutsch eine überaus segensreiche Tätigkeit entwickelt hatte, nach Meidling-Wien, verlegt. Sechs Jahre später übersiedelte dieses Institut in das neue prachtvolle Gebäude, 3. Bez., Rudolfsgasse 22. Es kann nicht geleugnet werden, daß die hohen Verdienste, die sich um diese wahrhaft menschenbeglückende Anstalt ihr erster Direktor, Herr Joel Deutsch, erworben die allgemeine Anerkennung gefunden, was ans folgendem in der ״Neuzeit" in! Jahre 1869, anläßlich der Feier des 26jähr. Bestandes dieses Institutes, erschienenen Referate entnommen wevden kann. , ״Den! Lehrstande ward diese Woche eine glänzende Genugtuung, indem unserem auf den! Gebiete der Taubstummen-Didaktik so ausgezeichneten und in seinem Genre genialen Herrn Joel Deutsch eine öffentliche Anerkennung Widerfuhr, wie sie die Annalen des isr. Lehrstandes bisher noch nicht zu verzeichnen hatte. Es War die Feier des 26-jähr. Bestandes des allg. isr. Taubstununeninstitutes, der Schöpfung Deutschs, begangen worden, und somit auch das Amtsjubiläuni des Direktors. Dem Letzteren wurde aus dieser Veranlassung von Sr. Majestät der Titel eines Kaiserlichen Rates verliehen und die Inanguration bildete ein weiteres erhebendes Moment des Festes, das Sonntag, am 10. Oktober 1860 begangen wurde. Der Saal, in welchem die Feier abgehalten wurde, war mit Draperien, Wappen, Blumen und den! Bildnisse des Kaisers und mit jenem der beiden Gründer der Anstalt, Kolisch und M. L. Kanitz, geschmückt. Auf einen! der Balustrade stehenden Tische waren die Ehrengeschenke, bestehend aus einen! silbernen Pokal, gespendet von den ehemaligen Schülern des Herrn Deutsch, sowie aus einem, von Taubstummen, in! Atelier des taubstummen Lederwaren-Fabrikanten I. Löw gefertigten Pracht-Album, gespendet von! Vorstande der Anstalt, aufgestellt. Außer vielen Verwandten und Freunden des Herrn Deutsch hatten sich in! Saale Abgeordneter Kuranda, der Dichter Mosenthal, Statthaltereileiter v. Weber, Ritter v. Königswarter, Eduard Mautner usw., eingefunden. Die Feier wurde mit einer Choral eröffnet, worauf der Vorstand, Herr Hildburg- Hausen den Jubilanten in längerer Rede im Namen des Instituts-Vorstandes begrüßte. Inden! Redner einen Rückblick auf die geschichtliche Entwicklung der vor 26 Jahren gegründeten Anstatt machte, hob er die Verdienste Deutschs hervor, dessen Name unauslöschlich in den Geschichtslästig dieses Hasses eingegraben sein werden, denn er habe aus der bescheidenen Anstalt das gemacht, was sie jetzt ist, so daß sie sogar von Amerika beschickt wird. Redner beglückwünscht