Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 14 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2621806-2621945-2621959--3222-2624392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mit 1 »Mycht etifllimt.« -kr. 14 hoffen. Nein! — das muh laut ausgesprochen werden — weder die Todesverachtung jüdischer Vaterlandsverteidiger, noch das Massenunglück jüdischer Flüchtlinge werden einen günstigen Umschwung für die Juden herbeiführen. Der Judenhaß, der heute in den Tagen trügerischer Ruhe nirgendswo völlig erloschen ist, wird später überall zu Heller Lohe emporflammen. Nach Nie» Verwerfung zarischer, barbarischer Macht, wird gewiß ein neues Morgenrot der Freiheit und Freude Europa erstrahlen. Wird es aber auch den Juden leuchten? Viele versprechen es sich. Die jüdischen Schönredner und Klugschwätzer nehmen heute den Mund voll, von zukünftiger Gerechtig Leit von Fortschritt und Menschenliebe. Doch sie werden eine bittere Enttäuschung erleben. Mögen sie die jüdische Geschichte aufmerksam lesen. Im mer waren die Juden die ersten Vorkämpfer für Kultur und Freiheit. Immer haben sie für Freiheit und Fortschritt geblutet. Nimmer aber sind sie der Freiheit und des Fortschrittes teilhaftig geworden. ״Die Zukunft ist das Tor, durch das die Vergangenheit einzjeht", sagt Matias Acher. Die Wunden des Krieges werden vernarben. Der Friede mag er fern oder nah liegen -wird schlieUich in naher oder ferner Zeit doch kommen aber die Wunden der Judenfrage werden durch ihn nicht geheilt werden. Nein! Das Gegenteil ist zu erwarten. Schon vor Aushruch des Krieges haben jährlich Zehn tausende von Ostjuden im Westen Zuflucht gesucht und hier das Schicksal ihrer Volksgenossen erschwert. Prop'ortional ihrer Immigration in die westlichen Länder ist dort der Judenhaß gestiegen. Nach dem Kriege werden sich die Juden Galiziens und Russisch-Polens in einer umso größeren Anzahl nach dem Westen wenden. Nur werden es diesmal weniger erwerbsfähige und strebsame Jünglinge sein,dafür aber umsomehr gebrochene Greise und welkende Kinder. Es ist nicht zu erwarten, daß Amerika diesen großen Menschenstrom in seine Provinzen leiten wird. Seit Jahrzehnten werden die Ei nw.anderungsgesetze in Amerika verschärft. Das Resultat läßt sich daher mit fast mathematischer Genauigkeit Voraussagen. Die Juden des Ostens werden zum Wanderstabe greifen und der Westen wird dem ungebetenen Gaste die Türe versperren. Der Zionismus hat immer gerufen: ״Es wird noch schlechter werden". Wie haben nicht jene Klugschwätzer und Hypergescheiten über uns gelacht. ״Was?" riefen sie, ״einen Judenstaat in Palästina? Kann es etwas dümmeres geben, als ein solches Verlangen?" Heute müssen wir fühlen, was es heißt keinen Judenstaat haben. Heute kämpft ein Jude gegen den andern und für den Patriotismus in demeinen Lager müssen sie im andern büßen. ״Aschamnuh, bogadnu"! müssen wir heuite schreien, daß uns dem Am-Haßefer die Priminvste Einsicht — der Notwendigkeit nationaler Selbständigkeit — gefehlt hat. Für die schwierigsten Probleme des Lebens, für die kompliziertesten Fragen der Wissenschaft haben wir am ehesten Sinn und Verständnis gezeigt. Den Erscheinungen der Kultur u. Zivilisation waren wir immer um Meilenschritte voraus, aber — und das ist unser Fluch — was Montenegriner, Muschicks und Kutzowalachen einzusehen gelernt haben, wollten wir nicht begreifen. Vor einiger Zeit zirkulierte durch den europäisch-amerikanischen Zeitungsblätterwalde die Nachricht, von der Gründung eines internatio nalen Komites behufs Unterstützung der durch den Krieg betroffenen Polen. Wäre es nicht an der Zeit die öffentliche Meinung auf die Juden zu lenken? Die östereichische zionistische Leitung ist jetzt mit dem Plane der Kriegslandspende hervorgetreten. In einem Aufrufe an die öfterreichischen Juden werden sie aufgefordert, den Bodenankauf in Palästina durch Geldspenden zu fördern. Dort soll dann ein Teil der Kriegsopfer angesiedelt werden. Dieser Gedanke ist der einzig richtige. Unmöglich kann man eine andere Methode anwenden. Nur in Palästina, nur dort allein, kann der Jude Ruhe finden. Aber der moralischen Anspruch, daß ihm die Kulturmenschheit endlich Gerechtigkeit widerfahren lasse. Beide Hände müssen wir ausstrecken und um Gaben bitten. Die Kriegslandspende ist der einzige rettende Ausgang für einen Teil der Ostjaden. Leider hat die furchtbare Katastrophe des Weltenbrandes uns ungerüstet gefunden. Leider mußten wir uns auf die Brust schlagend, ״chotoßi" rufen. Hüten wir uns, daß es nicht zu einem ״Owitzi" komme. Aron Schwertfinger. Jerusalem als türkisches Hauptquartier. (Von Dr. Theodor Haas.) Die Zeitungen bringen auf dem Wege über Basel die Nachricht, daß Jerusalem von der türkischen Heeresleitung dazu ausersehen wurde, das Hauptquartier der zur Befreiung Egyptens von der englischen Herrschest und zur Vereinigung dieses Landes mit den übrigen mohamedanischen Völkern unter dem Scepter des Sultans ziehenden türkischen Truppen zu bilden. Schon seit September durchziehen die Truppen, die von einem großen Zeltlager umgebene Stadt, die seit Jahrhunderten kein so kriegerisches Bild bot wie in den letzten Monaten. Ueberall weht die Fahne des Halbmondes, und sogar auf dem alten Tsmpelplatze Israels finden kriegerische Volksversammlungen statt. Die Bestimmung der Stadt Jerusalem als türkisches Hauptquartier erfolgte jedenfalls wegen ihrer Lage. Für uns Juden hat aber diese Tatsache noch eine spezielle Pikanterie. Ist doch Jerusalem mit unserer Geschichte und unserer Religion auf das Innigste verknüpft, in ihm verkörpert sich das höchste Ideal des Judentums, und sein Namen fchlt in keinem Gebete, weder an. Wochentagen noH an Sabbaten und Feiertagen. Mit der Zerstörung Jerusalems und dem Untergange des durch innere Zwistigkeiten geschwächten und infolgedessen den äußeren Feinden gegenüber nicht genug widerstandsfähigen jüdischen Staates begann die 2000 Jahre lange Leidensgeschichte des jüdischen Volkes in der Diaspora. Auch der heutige Weltkrieg trifft die Juden in hohem Maße. Spielt er sich doch zum großen Teile in jenen Gebieten Europas ab, in denen ungefähr 3 Viertel der gesammten Judenschaf wohnen, iw den an Oesterreich und an Rußland angegliederten Teilen des ehemaligen Königreiches Polen. Auch letzteres ist, ebenso wie Jsrael, durch innere Zersplitterung" geschwächt, seiner Selbständigkeit verlustig worden. Während aber in den Oesterreich zugefallenen Gebieten Polens, in Galizien und der Bukowina, die Bevölkerung in nationaler, religiöser und Wirtschaftlicher Beziehung volle Rechte genießt, an denen auch die dortigen Juden partizipieren, wurden die unter russische Herrschaft gelangten Polen zu Bürgern zweiten Ranges degradiert, die dort wohnhaften- 6 Millionen Juden aber fast aller Rechte beraubt. Im Kriege haben unsere dortigen Glaubensgenossen, in ihren Existenz- Bedingungen erschüttert und der Raubgier der russischen Soldateska preisgegeben, -doppelt zu leiden. Aber auch die Juden in den von den Russen besetzten Landesteilen unserer beiden östlichen Kronländer sind von diesen Barbaren auf das e,1npfindlichst-e heimgesucht worden. Infolgedessen sehnen nicht nur im österreichischem sondern zumindest im gleichen Maße auch im rufstscheu Polen die Juden den Sieg der Verbündeten Kaiser herbei, des energischen und bewunderungswürdig, tatkräftijg-en 'Wilhelm II. und unseres allgeliebten, ehrwürdigen Franz Josef I., der vielleicht nicht blos zufällig auch den Titel eines Königs von Jerusalem führt. Beide haben sich mit dem Sultan Verbündet, der die Bekenner des Islam zu Tausenden und Abertausenden um Appell um Förderung dieses Werkes muß an alle die grüne Fahne des Propheten scharte, um Rußedel denkende Menschen gerichtet werden. Auch wir müssen ein internationales Komite zur Linderung des jüdischen Elends einsetzen. Ganz rmgeniert müssen wir beide Hände ausstrecken und von der Kulturmenschheit Hilfe verlangen. Ein Volk, das 2 Jahrtausende leidet, dessen Blut für alle Nationen geflossen ist, hat voll und ganz den land, diesen gemeinsamen, Erbfeind des Mohamedanismus und des Judentums, besiegen zu helfen. Daß England und Frankreich welche i stets rühmten, die Träger von Kultur und Civilisation zu sein, von Neid und Haß gegen das mächtig aufgMühte.Deutschland erfüllt, sich Mit den russischen Barbaren gegen uns vereinigten, wird wohl einen unauslöschlichen Schandfleck in der Geschichte dieser beiden Staaten bilden. Und der alte jüdische Gott Jehowah, der foi!n Volk wohl prüft, aber nicht verläßt, wird nicht Anlassen, dqß in diesen! mächtigen Ringen der Mgeschmorene Feind des Judentums die Ober- Hand gewinnt und seine schwere Hand neuerlich zu einem vermutlich noch stärkeren Drucke auf unsere Glaubensbrüder In Polen legt. Es ist bisher unseren Feinden nicht nach Wunsch gegangen. Fast 9 Monate tobt schon dieser gewaltigste, blutigste aller Kriege, und die deutschen Heere haben es verstanden, trotzdem sie nach zwei Fronten kämpfen, sich sowohl auf belgisch-französischen! als auch auf russischem Gebiete zu bel-aupten und den Feinden den Eintritt auf deutschen Boden zu verwehren, den׳ österr.- ungarischen Truppen ist es gelungen, den übermächtigen»Feind am Vormarsch nach Krakau zu hindern, den von ihm mi-t unglaublichen Menschen-Opfern versuchten Durchbruch durch die Karpathen zum Stillstände zu bringen und einen Teil des südöstlichen Galizien, sowie fast die ganze Bukowina von ihm zu säubern. Es Ed uns im Vereine mit unserem deutschen Bundesgenossen hoffentlich in nicht zu ferner Zeit möglich sein, den Feind gänzlich aus unserem Staatsgebiete zu vertreiben, und unseren Mitbürgern ohne Unterschied der Konfession ihre alten bürgerlichen Rechte Wieder zu geben. Auch im russischpolnischen Gebiete, insoweit es von den Truppen der Verbündeten besetzt Wurde, kehrten für die Einwohnerschaft nach langen Jahren wieder-menschenwürdige Zustände ein, nicht nur für die Polen, sondern auch für die Juden, welche seil einem halben Jahrtausende dort wohnen und hiebei mehr an den Leiden als an den Freiheiten und Rechten der polnischen Nation partizipierten. Aber auch das mit uns Verbündete türkische Heer hat Erfolge aufzuweisen. Es hat die Dardanellen gegen die englisch-französische Flotte in heldenmütiger Weise verteidigt, und den Russen im Kaukasus und an den persischen Grenzen gar manche Niederlage bereitet. Es hilft uns tapfer mit, um den russischen Zarismus ein für allemal Unschädlich zu machen. Jetzt ziehen seine Heere von Jerusalem aus, um Egypten zu befreien. Welch interessantes Spiel des Zufalles: In altersgrauer Zeit wurden die Juden in Egypten bedrückt und gefoltert, der Herr führtL sie hinaus und brachte sie nach 40jähriger Irrfahrt nach Palästina, dem Lande ihrer leider zu wenig geschätzten Freiheit Und Unabhängigkeit. Heute zjiehen die türkischen Truppen und unter ihnen auch viele jüdische Soldaten von Palästina aus nach Egypten, um es von der Fremdherrschaft zu befreien. Und so wie noch hpute, nach ungefahr 3000 Jahren, die Juden-Lem lieben Gott danken für die Erlösung vom Pharaonenjoche, so Werden vielleicht noch nach Jahrhunderten die Nachkommen unserer russischen Glaubensgenossen Dankgebete entsenden für die Befreiung von der russischen Knute, Welche ihnen hoffentlich nach diesem Weltkriege zuteil werden wird. Juden voran! II. ״Und dräut der Winter noch so sehr, es muß doch Frühling werden". Wieder hat die Erde viel rotes Blut getrunken, auf goldglänzenden Getreidefeldern im heißen August und dann durch schimmernde Schneedecken hindurch in langem Winter; aber schon leuchtet wieder üppiges Saatengrün und blendendes Blütenweitz fruchtspendender Obstbäume. Ach, ganze Wälder und zahlreiche einzelne Bäume fallen dem männeirmordenden Kriege zum Opfer, der überdies auch Tier und Flur und Baum nicht schont; da heißt es, schon jetzt in den vom Kriege glücklich verschon-, ten Gebieten möglichst viele Obstwälder, Obst- Haine, Obstalleen und nicht zuletzt auch tunlichst viel Spalier- und Topfobst bester Sorten zu pfanzen. ״Es wird einmal wieder Frühling sein, Friede und Freude. Sonntage wird es wieder geben und muntere Wanderer. Und droben auf dem Roten Berge wird einnml ein blühender Mayllenbanm seme Zweige ins Weltblau strecken. Liebespaare werden sich unter den Baum setzen, Kinder werden ihn bestaunen,Dichter wird er enitzücken; keiner aber wird wissen, wio der Baum entstanden ist. -׳-־ Michalke, der schlesische Forstarbsiter hat ihn gepfanzt. Bei einer Gefechts-