Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1915-05-14 · Heft 14 (14.5.1915) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 14 (14.5.1915)
Date
1915-05-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2621806-2621945-2621959--3221-2624391
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jadra. XVI. Erscheint icfren Mittrvoch Nmnmer 14. «-M ve-»L»»reise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6-20 ganzjährig . ... Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12-— Rußland, ganzjährig . ..Rubel ü — Baäan, Frankreich.Frank- 14 — Herau-geber: Max Hickl. §g---׳-D Redaktion und Administration: Brünn, Adlergafse S. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile 80 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. K-:---K3 Wien—Budapest. Brünn, 1,4•«taVIers Prag-Lemberg. Die Judensrage u. der Weltkrieg. Die Welt kracht m allen Fugen. Ein Zittern durcheilt, ein Beben durchzuckt ihre schwachen Nervenstränge. Drohende Wolken ziehen am Firmamente hin, eine atemberaubende Schwüle beherrscht den europäischen Gesichtskreis.Wir durchlebten jetzt eine sehr ernste Zeit. Im Hiintergrunde der Weltenbühne erschienen finstere Schatten. Grauenerregende Gespenster erheben ihre drohenden Hände. Immer näher rückt!die Katastrophe heran und wer weiß, was wir im nächsten Augenblick erleben werden. Wehe, dreimal wehe den Juden, wenn sie dieser Epoche unvorbereitet begegnen sollten. Wenn oer große und furchtbare Augenblick ein kleines Geschlecht antreffen sollte." Diese Worte hat ein galizischer Zionisten sichrer vor zweieinhalb Jahren ausgesprochen. Jnzjwischen haben sich die finsteren Wolken entladen. Wir stehen im Mittelpunkte des gigantischen Ringens i.m gewaltigen Kampfe. Die Kanonen drehen das Weltrad der Weltgeschichte und die Millionenheere Europas stürzen sich mit blutigen Waffen aufeinander. Aus Tausenden von Rohren wird Tod und Verderben geschleujdett und wy früher der ׳friedliche Landmann mit Acker und Pflüg seine Furche zog, dort stampfen jetzt wiehernd schnaufende Rosse und gewaltige Regimenter caesavischer Weltenmacht ringen um die Scholle des blutgetränkten Bodens. In diesem Kampfe aller gegen alle, genießen wir Juden den Vorzug, für cllle Vaterländer zu sterben. Gar manche jüdische Brust ist von jüdischen Bajonettenstichen durchbohrt worden uno so mancher Jude ist von der Kugel gefallen, die ihm sein Bruder im feindlichen Lager geschickt hat. — Der Osten Europas,' Galizien und Russisch- Polen, die Heimat fast der Hälfte aller Juden-, bilden die Hauptfronten des Ringens. In Galizien mußten wir das Martyrium russis<An Ein- Marsches, in Polen des russischen Rückzugs er- Feuilleton Jsak Noa Mannheimers Gestalt und Persönlichkeit, nach der Monographie von Dr. M. Rosenmann, Rabbiner zu Wien, beleuchtet und dargestellt von Mayer Horowitz. Der derzeitige wilde Kriegsorkan, welcher gewaltige, und stürmische Wellen der verschiedensten Völker aufgepeitscht und bald dahin bald dorthin treibt, hat auch bedeutende Massen jüdischen Stammes aus dem Nordosten unserer Monarchie nach dem Westen gedrängt, die da Schutz und Zuflucht suchten vor dem Toben und Wüten der schrecklichen Kriegsgreuel. ׳ Auf dem langen Wege von ihrer Heimat bis zur Reichs- Metropole, dem Hauptorte ihrer Zuflucht, der von den'meisten nur etappenweise bald nach längeren bald nach kürzeren Jnterwallen zurückgelegt wurde, traten den Fliehenden stets neue.Länder und Geigenden mit entzückenden Landschaften und wechselreichenNaturschönheiten entgehn und Parallel mit diesen auch ganz verschiärenartige Sitten, Gewohnheiten und Gebräuche im Leben und Streben der Völker, für welche jedoch denselden infolge der Betrübtheit ihrer Seele, der Gedrücktheit ihrer Stimmung und infolge der sie quälenden Sorge ob des Schicksals von ihrem daheim zurückgelassenen Hab und Gut jedes lebhafte Interesse, jeder anzichende Reiz, jedes teil״ tragen. Eine Wanderung durch die Straßen der Leopoldstadt und der Brigittenau führt Zehntausende jener Unglücklichen vor, die in einer bewunderungswürdigen Apathie in den Tag hineinleben. Ihr Vermögen geraubt, ihre E stenz vernichtet, ihre Heimat ein Trümmerhaufen. Heute trösten sie sich mit der Hoffnung, daß nach Unterzeichnung des. Friedensprotokolles, der Finanzminister in den Sack ,greifen and jedem seinen Schaden gutmachen wird. Nicht für einen einzigen Augenblick, soll an der Gerechtigkeit der österreichischenRegierung den Juden gegenüber gezweifelt werden. Aber das weiß jeder denkende Mensch, daß ׳die Regierung beim besten Willen unmöglich alle Schaden gutmachen kann. Galizien ist das Hauptoperationsgebiet unsere^ Armee. Es ist ihr fester Wille dieses Land von russischer Barbarei zu säubern. Heute schon ist der Schaden ein schier unerschwinglicher. Wie es nach dem russischen Rückzüge ausschaüen wird, davon kann sich eine menschliche Phantasie, bei höchster Anspannung der Flugkraft kein Bild entwerfen. Was soll dann aus dem Oftjuden werden? Wohin soll er dann sich wenden? Von allenthalben wird ihm die Not drohen. Zehntausende und vielleicht gar Hunderttastsende werden dann resigniert zum Wänderstabe greifen. Doch Wohin? Zu wem? ^׳->. 7׳*־ t .*>״ * --״*״'׳»?.Die Söhne und Väter auf der Wallstatt gefallen, werden dann Greise und Kinder ohne Heim und Brot dastehen und so der Welt den lebendigen Beweis ihrer Auserwähltheit — zum Dulden und Leiden — ge- Währen. Seit dem?Auftreten Theodor Herzls bis zum letzten Zionistenkongvesse haben wir es nicht unterlassen, unsere warnende und mahnende Stimme zu erheben. In diesen 18 Jahren hat sich die Judenfrage überall verschlechtert. Das Innehmen'de Beobachtungsgefühl fehlten. Nur eine Neuheit, nur ein geändertes Bild hatte ihre vollste Neugierde angeregt, ihre ganze Aufmerksamkoit geftsselt, nämlich das Bild der Tempel mit ihrem reformierten Gebetritus, die sie bei ihren Brüdern des Westens nun wohl zum ersten Male näher kennen zu lernen Gelegenheit hatton. Denn die ernsten Zeiten führen den Men? schen häufiger als sonst zur geweihten Gottesstätte, umi da in Gebeten und in frommen Ergüssen der Seele Trost, Hoffnung und Stärkung zu suchen und zu finden. Und deswegen mußte das neuartige Gotteshaus mit seinen abweichsnden Formen und Einrichtungen die neuen Besucher desselben mit besonderer Neugierde er- Men. Indem sie aber nun begierig fragten, woher denn alle diese Neuheiten stammen, wer über- Haupt der Vater dieser Reformen sei: .׳ הוא בעל הגורדv Wollte es der Zufall, daß gerade jetzt in dieser ernsten Zeit^ am 18. März ISIS, zum 60. Male der Todestag des Mannes sich jähvte, welcher der Schöpfer des reformierten jüdischen Kultus in Oesterreich war und daß aus diesem Anlasse Feierlichkesten veranstaltet wurden, die der neuerlichen Verherrlichung desselben dienen sollten. Im Seitenstettentempel wurde eine Andacht, im Sitzungssaals des Wiener isr. Kkultusvorstandes denleid hat nicht mit dem Kulturfortschritte abgenommen, sondern zugenommen. Wir Zionisten haben immer den Finger auf die Wunde gelegt. Wir haben immer: ״Es wird noch schlechter werden" gesagt. Doch leider unsere verzweifelte Anstrengung vernrochte nicht, die Judenheit zu überzeugen. Man war taub für unsere Lehren und heute stehen wir Juden klagend und jammernd und müssen uns, uns auf die Brust schla« gend, ״aschamnu" zurufen. Heute herrscht in Oesterreich Dank der Energie unserer Militär- Verwaltung ein Burgfriede. Man könnte fast ans Vorhandensein einer Jüdenfrage vergessen. Die Presse ist von der Zensyr strenge bewacht. In dm Versammlungen wacht das Ohr des Regierungs- Vertreters. Die Aeußerungen ziviler und militärischer Behörden sind voll des Lobes über jüdischen Patriotismus. Der österreichische Thronfolger sagte unlängst: ״Die Juden sind sehr Patriotisch und mußten darum viel Leid ertrm ייי״ר r ••׳־ ״ ünd poch 7 ' ־ -.Und diese Juden, gegen die so viel Haß geschürt wird, sind wahrlich nicht die Glücklichsten. Ihr Unglück ist so furchtbar, daß sich der Feder, wollte sie es niederschreiben, eine ,Verlegenheit bemächtigen würde. Wollten diese Juden über ihr Schicksal Klage führen, so würden ob d-es Geschreies die FesÜmgsmaue.rn Jerichos einstürzen und die Tempelsäulen simfonischer Kraft in ihren Fugen krachen. Und doch.sind selbst diese Juden dem giftigen Stachel des Judenhasses nicht entronneu. Es gibt leider noch viele kindische Seelen, die auf eine Regung des europäischen Gewissens eine Versammlung .abgehalten, wobei Ober- Rabbiner Dr. Gudemann und Kultuspräses Dr. Stern nochmals in Erinnerung brachten, daß das Verdienst den res. jüd. Gotesdienst in Oesterreich eingeführt und jüd. Glauben und jüd. Volk in Oesterreich zu Ansehen und Anerkennung gebracht zu haben, dem seligen Jsak Noa Mannheimer gebührt, welcher der erste Prediger und Religtonslehrer der Wiener isr. Kultusgemeinde War. Während aber die beiden erwähnten, dem Andenkm Mannheimers dargebrachten Huldigungen nur in engen, für eine beschränkte Zähl von Besuchern bestimmten Räumen sich abspielten, erschien gleichzeitig zur immerwährenden Glorifizierung Mannheimers vor der großen und weiten Oeffentlichkeit eine Monographie desselben in zweiter, erweiterter Auflage, im Verlage von R. Löwit, Wien, verfaßt und herausgegebenvon Dr. M. Rosenmann, Rabbiner und Prediger zu Wien, in welcher das Leben und Wirken Mannheimers in überaus'geschickter und meisterhafter, geist- und gehaltvoller Weise so anziehend und chrfurchteinflößend geschildert wird, daß mit derselben der Verfasser dem sei. Toten ein Denkmal gesetzt hat, welches gewiß dauerhafter Reiben wird als irgend ein Monument aus Erz und Stein. . (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.