Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 13 (29.4.1915)
- Date
- 1915-04-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Eettr 1 Kr. ) 3 Wechsel und Wandel der Zeiten die jüdische Volkspolitik! Sie erstrebt die Gleichberechtigung für alle Nationen, Konfessionen und Klassen, dieswie jenseits der Leitha; ihre Vertreter sind daher die Verbündeten der Modernen sämtlicher Volksstamme, welche ein völkerversöhntes Jung- Oesterreich erstreben. Jene Hunderttausend^, welche auf den Schlachtfeldern geblutet und gelitten haben für die Erhaltung und Erneuerung Oesterreichs, die Hekatomben von Opfern, die speziell auch das jüdische Volk in den Gefilden Galiziens, der Bukowina und von Nordostungaru, diesem Zwecke darbrachte; all das schließt vollkommen aus, daß nach Beendigung des Krieges, die verbrecherischen Apostel der Nationalitätenhetze und des Antisemitismus ihr altes Unwesen in den österreichischen Landen wieder erneuern. Alle Parteien, welche programmatisch den Streit zwischen den Nationen, Religionen und Rassen verewigen und insbesondere selbst im Kriege immer von neuem die Judenhetze schüren, denen mangelt vollständig das Verständnis für das Wesen der österreichischen Reichsidee, der wahre und echte österreichische Patriotismus. Sie müßten sonst ׳erkennen, daß gerade die Nationaljuden eine eminent staatserhaltende österreichische, gegen alle Nationen gerechte und sozialreformatorische Fraktion sind, die alles faule und morsche, wo immer es sich vorfindet, — auch im eigenen Volke — energisch bekämpfen. Infolge dieses Programmes und der territorialen Zerstreuung der 2 Millionen Juden im ganzen Donaureiche fallen die Interessen des jübischen Volkes mit denen der Gefamtmonlarchie zusammen. Das österreichische Reichsinteresse, unsere Orient- und Balkanpolitik gebieten daher die national-kulturellen und ökonomischen Forderungen des jüdischen Volkes, speziell auch das Streben nach einer Palästinensischen Heimstätte, energisch zu unterstützen. Dann wird das jüdische Volk in seiner Gesamtheit, im erhöhtem Maße für die tzabsburgermonarchie einstehen. Die P. T. Empfänger werde» höfl. ersucht daS Abonnement zu erneuern, damit in der Zusendung keine Unterbrechnng entsteht. Die Administration. chen zu wissen, ob das Resultat seiner Werke zu seinen Gunsten oder Ungunsten cmsfallen werde. Einen ähnlichen Wunsch bvingt Samuel ausdrücklich in folgendem Gedichte zun: Ausdruck: Kitab al-agam (Buch der Sänger): Bd. 3, Pag. 17—18. O, wüßte ich, wenn ich einen Verunglückten beklage. Was mir die Klageweiber dereinst nachsagen werden usw. Die Verse 16,17 beinhalten: ״Der Reiche bekommt nicht zu viel, der Arme nicht zu wenig. Jeder erhält sein Maß, selbst wenn der Habgierige sich noch so schindet". Dieselben Anschauungen äußert Samuel in folgendem Gedichte: Diwan des Samuel, ed cheikho 1909, 2, 19—20, Nöldecke das. Pag. 62. u. 186 u. Buhtura Nawara ed. R. Geyer (noch unter der Presse) 232. ״Der Starke erhält keinen größeren Anteil vom Vorrat. Dem Schwachen wird davon nichts geschmälert. Sondern jeder erhält den Teil, den ihm Gott beschieden. Selbst wenn der Geizhals sich noch so sehr anstvengen würde. Vegl. denselben Gedanken in Exodus Kap. 16. Im selben Sinne bemerkt Samuel an anderer Stelle: ״Es gereicht zum Nutzen das Gute, selbst wenn es wenig ist; aber nicht das Viele, sobald es schlecht ist. Buhtura Namara 336, Diwan 212, (Vgl. Nückerts Übersetzung der Namara, 1846). Diese Bemerkungen, die einiges zum Verständnis des. oberwähnten Gedichtes beitragen, liefern zugleich den Beweis, daß es lediglich den berühmten Samuel zum ״Verfasser haben könne. Geyer meint zwar, die jüdischen Parallele seien sehr interessant, doch könne er dem Endresultat meines Aufsatzes in der Z. d. M. G. nicht beiftimmen. Ich glaube, daß die Echtheit des Gedichtes, sowie die Urheberschaft Samuels auf Grund der obigen Darlegungen über jeden Zweifel erhaben ist. — (Vgl. Geyers Studie über Samuel in Zeitschr. f. Mysiol. Bd. 36, Pag. 305—318 und Nöloeke das Bd. 27, vag. 173—188.) . . pgWftli An jüdische Schriftsteller und Feldrabbiner. Auf dem Kriegsschauplätze befindliche jüd. Schriftsteller, Feldrabbiner, werden um Aufgabe ihrer Adresse gebeten. Jüd. Buch- und Knnstverlag, Brünn, Adlergasse 9. Feldpostbriefe. Russ.-Polen, 14. April 1916. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich habe Ihnen nun lange nicht geschrieben und es wird Sie interressieren zu erfahren, daß nur die letzten Tage viel Neues brachten. Ich kann Sie unseres besten Wohlergehens versichern. Wir waren jetzt durch 10 Tage in einer äußerst angenehmen Raststellung in einem besseren Dorf. Dort gab es, von uns arrangiert, richtige Volksfeste mit Musik und Tanz. 5 j ׳ ' ,v ״ יי''**»t. Bariete-Vorstellungen mit Komikern, an denen es bei der Mannschaft nicht mangelt, Pferdewettrennen, Fußbollmatch waren uns nichts Seltenes. Kurz und gut: Frieden im Krieg. Sonntag führte ich die Mannschaft zum Baden in eine größere Stadt, von der wir circa eine Stunde weit liegen, und ich will Ihnen nun mitteilen, daß ich zum erstenmale eine leibhaftige jüdische Stadt sah. Von den 4000 Einwohnern sind 3000 Juden. Geschäft an Geschäft, alles mit jüdischen Firmentafeln besät, aber nicht etwa wie in Gassenzügen mancher Großstadt, sondern Tafein mit hebräischen Lettern, wie überharrpt auch jede Bezeichnung des Inhaltes auf Kisten und Kartons in jiddischer Sprache ist. Als ich einen von den geehrten Geschäftsinhabern gegenüber bemerkte, daß dort oben auf der Stellage ״Sommersäcklach" sind und in einem andern Karton ״Kinderwäfch", da fragte er mich erstaunt: Se sann ä Jüd? und reichte mir erfreut die Hand. Ich weiß es ja lange, daß unsere Zusann,mienge- Hörigkeit kein Märchen ist. Daß aber das Wärtchen ״Jude", wie eine Zauberformel, freudige Wirkungen und Stimmungen bei Juden auszulösen vermag, daß im realen Leben, in der Wirklichkeit, alle Gegensätze zwischen Ost und West schwinden, die eben nur Klügler ohne j!ede Kenntnis des östlichen Menschenschlages konstruieren konnten. Warum wird soviel mit den Begriffen ״Kultur" und ״Zivilisation" herumgeworfen, da diese, bei der erstmöglichen Annäherung so furchtbar rasch in ein Nichts Zusammenstürzen, wenn bei gutem Willen alle Gegensätze schwinden? Ich sah nur des weitern das Leben und Treiben in der Stadt genauer an und war nicht wenig überrascht, neue bisher mir unbekannte Judentypen zu studieren. Ich sah Juden, die ihre nicht gerade erstklassigen Vollblutracker selbst kutschierten, ich sah Juden hoch zu Roß im Kaftan und der niedrigen schwarzen Kappe auf oem Kopf. Ich war nicht weniger erstaunt als Doktor Birnbaum, den dasselbe Schauspiel — wie er es einmal selbst sagte — erfreute. Da die Juden hier alle Gewerbe ausüben, konnte mich die jüdische Schusterwerkstatt, in der ich war, konnten mich die jüd. Zeitungsverkäufer und Taglöhner nicht Wunder nehmen. Mich überraschte aber auch nicht die traurige jüdische Armut, von dem auch diese Stadt nicht verschont ist. Ich sah auch tief in den Morast jüdischen Elends und wünschte niemals heißer, daß die Lage der Aermsten verbessert werde. Die Juden hier sind sehr gemütlich im Berkehr. All ihr Ernst, der mir imponierte und den vielleicht der Krieg schuf, kann ihrem Optjimismus keinen Abbruch tun. Diese Art von Gemütlichkeit, ich will es besser Zutraulichkeit nennen, in Gemeinschaft mit ernstem Optimismus zeigt mir deutlich die vitale Kraft, die den östlichen Juden innewohnt. Diesen Typus von Juden finden wir allerdings bei den westlichen Assimilanten nicht vor! Dieser Typus hat aber auch nichts gemein mit den östlichen, jammervollen Gestalten des wandernden Betteljudentums, das wir so gut kennen, und das uns Westjuden nur Gefühle des Mitleids entlockt, während der Jude in seinem russischen Milieu uns Achtung abringt. Hier ist der Kern, der gesunde Kern unseres Menschenmaterials, mit dem wir unsere alte Heimat wiederaufbauen wollen. Wie ich aus den Reden der Juden entnehmen konnte, sind sie davon überzeugt, daß sie bei Oesterreich bleiben, sie wünschen sich nichts anderes. Die österreichische Verwaltung kommt ihnen in jeder Beziehung entgegen und geschäftlich geht es ihnen nicht schlecht, da diese jüdische Stadt jetzt eine der Zentralen unseres militarischen Lebens ist. Die Straßen und Wege wurden von unseren Militärbehörden liergevichtet und ich zweifle nicht daran, daß die Stadt ein anderes Origirmlaussehen hatte. Es wäre für mich bestimmt auch interessant gewesen, eine der Schattens,eiten jüdischer, übrigens auch so ziemlich aller polnischer Städtchen zu sehen. Wir schaffen so eine Art ״Potemkinscher Dörfer". Am Schabbes ruht trotz ״Krieg" jedes Geschäftsleben in jener Stadt. Die Läden sind durch- Wegs geschlossen und die Juden verkaufen nicht — wie Mir berichtet lvurde — durchs ״Hintertürl". Die Frömmigkeit der Juden ist eben echt. Zum Pessach haben unsere Militärbehörden den dortigen Juden alles Nötige, vor allem Mehl zum Mazzesbacken, beigestellt. Die Juden erzählten mir dies mit strahlender Freude in den Augen. Mich freute diese Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse ebenso wie das Entgegenkommen unserer Behörden. Welche seelische Plagen und Gewissensbisse Wurden diesen Juden dadurch erspart! Ich schließe für diesmal und begrüße Sie, sehr geehrter Herr Redakteur, herzlichst. Ergebenst Bick. Sehr geehrter Hickl! Vor einigen Tagen wurden mir 2 Exempl. der ״Jüdischen Volksstimme" her ins Feld nachgesendet und können Sie sich nicht vorstellen, welche Freude ich hatte, wieder einmal nach drei Monaten etwas über das jüdische Leben während des Krieges, insbesondere aber über Brünn zu erfahren. Nicht nur ich, sondern auch Leutnant Rubin, auch ein Brünner, lasen wir mit Interesse Ihr Blatt. In einer Nummer las ich auch einen Brief vom Kollegen Dr. Haas mit einem Berichte über rinen anderen Teil des Kriegsschauplatzes. Von diesem bin ich allerdings ziemlich weit entfeint im waldigen Hochgebirge, auf einem circa 1000 Schritt hohen Berge. Hier ist noch überall sehr viel Schnee, der jetzt schon zu schmelzen beginnt. Zum erstenmale in meinem Leben war mir die Möglichkeit genommen, die Pessachfeiertage zu feiern und an einem Sederabende Teil zu nehmen. Bei meiner Kompagnie sind' wir bloß 2 jüd. Offiziere, unter der Mannschaft jetzt keiner. Der einzige, der war, ist gefallen. Am ersten Sederabend weilten meine Gedanken im Restaurant Donat, wo gewiß der Sederabend auch Heuer so feierlich begangen wurde, wie in den Vorjahren, hoffentlich aber bei gröherem Besuch, wie in den früheren Jahren. Den zweiten Abend hat ein Korporal einer anderen Kompagnie aus dem etwa 1 Stunde entfernten Dorfe ein Hagadah verschafft und konnte ich wenigstens am zweiten SederÄend die Hagadah lesen, bei heftigem Geschützu. Gewehrferrer. Leider hatte ich hiezu bloß Wein sonst nichts, auch Mazzes fehlten. Erst heute erhielten wir — wie man mir sagte, von der Pester Kultusgemeindeeinige Mazzes, so dah wir jüdische Soldaten — im Felde Osterbrote zu essen in der Lage sind. Gestern sandte mir auch mein Bruder aus Prag Magronen, also Osterbrode von etwas besserer Sorte, denn die heute gefaßten sind sehr schlecht. Doch bin ich sehr froh, daß wiv wenigstens solche haben. Morgen beabsichtigen wir in einer Hütte — sofern uns der Feind Ruhe gibt — Maskir abzuhalten. Ein kleines Gebetbuch hat mir meine Frau, da ich meines zuhause vergessen, nachgeschickt und trage ich es in meiner Kartentasche immer bei mir. Hoffentlich habe ich das Glück, der nächsten Seelengedächtnisfeier schon im Brünner Tempel beizuwohnen. Gebe Gott, daß dieser meine Wunsch in Erfüllung gehe! Grüße Sie sowie überhaupt alle meine Brünner Bekannte Ihr ergebener K&j Dr. Pick, Oberleutnant.