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Jüdische Volksstimme · 1915-04-10 · Heft 12 (10.4.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 12 (10.4.1915)
Date
1915-04-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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mu 4 Sk 12 vorangehen würde. Aber gerade auf dieses Essay sei hingewiesen; denn es ist eine fesselnde, das Verständnis für Goethe vertiefende Arbeit, wie sie besser nicht gedacht werden kann. Das Buch ist wärmstens zu empfehlen. L. G. Ein Besuch im Wiener Heim für Flüchtlingskinder, Jägerstraße Nr. 39. Mehr als 600 arme Flüchtlingskinder sind in diesem Heim untergebracht; trotz der großen j Zahl keine Ueberfüllung. Hohe, luftige, geräumige Säle, in denen eine behagliche Wärme herrscht, dienen den Kindern als Aufenthalt. Sie sitzen, nett und sauber gekleidet, auf Bänken, wie in der Schule, haben auf den Tischen ihr Spielzeug, ihre Bücher, Tafeln vor sich, machen den Eindruck, daß sie sich hier, betreut von liebevollen Komitedamen, Pflegerinnen, Kindergärtnerinnen, sehr Wohl befinden. Ich sehe und staune. Dieses schöne, nach allen Regeln der Hygiene eingerichtete Heim, haben edle Frauen den Flächtlingskindern geschaffen. Eine Vorstandsdame führt mich durch die Räume im Parterre und im 1. Stock. Ueberall ist alles den Bedürfnissen der Kinder angepaßt, überall größte Ordnung, Reinlichkeit, hinter den Spielsälen lange Korridore, in den an Kleiderständern die 600 Mäntel und Hüte der Kinder nach Nummern aufgehängt sin seitwärts ein großer Baderaum mit 6 Wannen, im Parterre das Zimmer des Arztes, den ich eben dabei sehe, die Kinder zu impfen, andere zu untersuchen, ob die vor einigen Tagen geimpften schon Pusteln haben. In langen Reihen stehen die Kleinen mit entblösten Armen, geduldig wartend, bis an sie die Reihe kommt. Alle tragen gleich nette blau-weiße Schürzen, die Uniform d.; Flüchtlingsheims. Frau Dr. D., die mich führte, öffnet einige Kästen. In denselben liegen in musterhafter Ordnung dutzendweise allerhand Mäschcgegenstände, Kleider, Strümpfe, ״alles neu angeschafft", wie sie mit gerechtem Stolze sagt. Ja die Komitedamen haben ein schweres Stück Arbeit bewältigt. Es war sicher nicht leicht diese Räume, in denen es sogar an Blumen nicht fehlt, an freundlichen Inschriften wie ״Grüß Dich Gott", ״Willkommen" usw., für so viele Hundert einzurichten. In der Küche sehe ich riesengroße Kessel, in denen gerade jetzt — es ist Frühstückszeit — Milch gekocht wird. In: Wirtschaftsraum eine Anzahl Brote, Gemüse, Butter, Käse. Alles reichlich und bester Qualität. Junge Damen in der schmucken Tracht der Pflegerinnen sind eist rig bewüht die Kinder zu unterhalten, zu belehren. In einem Saal ist Rechenstunde, im anderen wird gerade gezeichnet, im dritten höre ich ein sechsjähriges hübsches Mädchen, das man auf einen Sessel gestellt hat, ein Gedicht aufsagen. Auf meine Frage, bei wem sie das gelernt, antwartet sie, auf die junge Dame zeigend, der die Kinder dieses Saales anvertraut sind ״bei der guten Tante"! Ja, diese guten Tanten! Sie verdienen das höchste Lob! Wie trefflich verstehen sie unter diesen 600 Kindern die Disziplin zu halten, sie zu beschäftigen, den armen Kleinen ihr trauriges Los vergessen zu machen. In diesen Räumen, die ein echter Sent^el der Humanität genannt werden können, weiß man nichts vom Flüchtlingselend. Für diese 600 ist dreimal taglich der Tisch gedeckt, edle Frauen vertreten Mutterstelle an ihnen und kommt abends die eigene Mutter sie heim zu holen, so erzählen sie gewiß von den guten Tanten, die so lieb mit ihnen sind, sie alles Unglück dieser schweren Zeit vergessen lassen. Wie manche Mutter klagt, daß sie nervös wird, wenn sie bei ihren 2 oder 3 Kindern tagsüber verbleiben soll, und hier sieht man junge Mädchen, die vor der Kriegszeit nur schöngeistige Bücher gelesen, oder Sonaten gespielt, ihres Amtes walten, als seien sie geschulte Erzieherinnen. Sie werden nicht nervös, leisten in ihrer Art Kriegsdienste, die gewürdigt sein wollen. Jda Barber. Feldpostbriefe. Die Kriegshagadah im Schützengraben. * 30. 3. 1916. Meine Lieben! Sobald ich die mir in Euerer besonderen Aufmerksamkeit gesandte Kriegs-Hagadah erhalten hatte, lud ich meine Glatäiensgenossen hier zum Seder ein. Die Idee wurde mit Begeisterung ausgenommen und da sich so die Möglichkeit ergeben hatte, den Seder abzuhalten, ward dieser jedem Mn Bedürfnis geworden. Nachdem wir uns zu diesem Zwecke dienstlich frei gemacht hatten, versammelten wir uns am Abend. Ich gab den Seder im Schützengraben und wurde von den Teilnehmern unterstützt. Wir waren 4 Offiziere, 3 Feldwebel und 1 Zugsführer. Nicht ein Auge blieb trocken, in jeden glänzten Tränen der Rührung, die mit Gewalt zurückgehalten wurden. Unter den obwaltenden Umständen, in geringer Entfernung vom Feinde, unter dem Pfeifen der Geschoße, gestaltete sich der Seder als etwas besonders Erlebendes und Weihevolles und erfüllte uns mit großer Genugtuung. Gar mancher hatte einen weiten Weg hierher, der gar nicht ungefährlich ist, und den Rückweg des Nachts nicht gescheut, um Passach feiern zu können. Die Gefühle des Einzelnen zu beschreiben ist schwer möglich, jeder war tief bewegt und hatte seine Gedanken bei seinen Lieben. Wenn uns auch, wie es ja leicht begreiflich ist, tnr Felde nicht alles zur Verfügung stand, was zum Seder nötig ist, so hatten wir doch genügend Wein und auch für die obligaten Scholeteier war gesorgt. Nachdein wir noch je einen Becher auf einen baldigen, ehrenvollen Frieden und auf unsere Angehörigen geleert hatten, gingen wir befriedigt und gehobenen Gemütes auseinander. Heute Abend wollen wir wieder, soweit wir dienstfrei׳ sein werden, die zweite Sedernacht gemeinsam feiern. Heute nimmt daran auch ein Infanterist teil, der gestern zu kommen verhindert war. So habet doch eigentlich Ihr cs ermöglicht, daß alle Jttden unseres Abschnittes hier, den Seder abhalten konnten und ich danke Euch für die Zusendung der Hagadah nicht blos selbst, sondern auch im Aufträge und int Namen all der Sederteilnehmer hier. Gerne würde ich nach Beendigung des Krieges gesund nach Hause rückkehren und die Kriegs-Hagadah, die für mich eine solche im wahrsten Sinne des Wortes wurde, in Ehren halten, zur Erinnerung an den unter solch besonderen Umständen, gegebenen Seder. Der Heeresleitung gebührt besondere Ancrkennung dafür, daß sie einen Befehl erließ, daß der jüdischen Mannschaft im Felde nach Tunlichfeit, während der Pessach-Feiertage rituelle Kost zu bereiten sei. Die Kosten hiefür können separat verrechnet werden und sind nicht begrenzt worden. Ich grüße Euch und die l. Kinder lstrzln Euer Bernhard. Munclsckau. Dr. Heinrich Sprinzels, Schiffarzt — ein Opfer seines Berufes. Unter den vielen Opfern, die das vaterlandische Judentum infolge des Krieges zu bekliagen hat, ist auch gewiß der Tod des Med. Dr. H. Sprinzels, Schiffarzt der Donau Dampfschifffahrts-Gesellschaft zu registrieren. Er lvar in Prag als der Sohn des Kaufnwnnes Jakob Sprinzels, Begründer der Firma I. Sprinzels Söhne geboren, absolvierte daselbst seine Studien. Vor seiner Niederlassung in Wien als Spezialist für Dermatologie fungierte er an den Kliniken in Breslau, Frankfurt a. M., Paris, London, Florenz und beim Prof. Schweniger in Berlin, )ann wirkte er mehrere Jahre als Schiffarzt der österreichischen Lloyd-Gesellschaft. Bis zunt Krvegsbeginn wirkte er auch als Assistent an der Wiener Klinik und war nahe daran Universitäts-Dozent zu werden. Ende Juli wurde er als Landsturmarzt nach Brczka in Bosnien einberufen. Anfangs Februar d. I. erkrankte er an Fieber und wurde nach Ujverbacz bei Neusatz an der Donau übersetzt. Anstatt Urlaub zu nehmen widmete er sich, getrieben von dem immer in ihm lebhaften Pslichtzefühl, immer weiter der Pflege der Kranken und Verwundeten, bis er an Flecktyphus erkrankte, dem er auch im Alter von kaunt 40 Jahren erlag. — Er wurde mit allen militärischen El)ven daselbst beigesetzt. Doch wird von den Verwandten, die sich infolge der drohenden Infektionsgefahr an dem Begräbnisse nicht beteiltgen konnten, die Ueberführung nach Prag in Aussicht genommen. Mit Dr. Heinrich Sprinzels wurde ein aufstrebender, hilfsbereiter und idealdenkender Arzt in der Blüte des Lebens, das zu den schönstn Hoffnungen berechtigte, zu Grabe getragen. Ein älterer Bruder des Verblichenen, Emil Sprinzels, Gesellschafter der Prager Handelsfirma I. Sprinzels Söhne ist als Oberleutnant des Landsturmes nach einent blutigem Gefechte in Nisch in serbische Gefangenschaft geraten. Der älteste Bruder, kais. Rat Alfred Sprinzels, Chef der obgenannten Firma wirkt auch als Präsident des Verbandes der Prager Kaufmannschaft. Ihr Vater stammt aus Drosau früher eine größere isr. Kultusgemeinde im sogenannten Böhmerwalde bei Neuern resp. Klattau, wo dessen Großvater Aron Sprinzels als hochgelehrter Rabbiner wirkte und seinerzeit als in Böhmen noch selbständige Judengerichte für Ehesachen bestanden, die Funktion eines Mitgliedes des für den Pilsner Kreis bestandenen Gerichtshofes fungierte. Lord Rotfchild gestorben. Wie eine Londoner Depesche, meldet, ist dort Lord Rothschild gestorben. Nathanael Mayer Lord Rothschild, der am 8. Noventber 1840 geboren war und somit ein Alter von nahezu 75 Jahren erreicht hat, war der Seniorchef des Londoner Hauses Rothschild und genoß nicht nur wegen seines großen Vermögens und der Posttion seines BanA)auses unter der Firma ״N. M. Rothschild und Söhne in London" das größte Ansehen, sondern er hatte sich durch seine hervorragenden Persönlichen Eigenschaften und sein im größten Stil geübte Wohltätigkeit einen ersten Platz in der englischen Gesellschaft zu schaffen verstanden. Laut testamentarischer Bestimmung seines Onkels Antony, der im Jahre 1876 starb, folgte er ihm in dessen Baronetcy und er wurde dann später — und zwar im Juni 1885 unter Königin Viktoria — der erste Lord jüdischer Abstammung und der erste Rothschild, den: die Würde eines Peers von England verliehen worden war. Lord Rothschild war durch viele Jahre Präsident der isr. Hauptgemeinde in London. Außer den verwandschaftlichen Beziehungen mit dem Wiener Hause Rothschild war Lord Rothschild auch in lebhaften geschäftlichen Relationen mit der österreichisch-ungarischen Monarchie. Der Verblichene stand an der Spitze großer Wohltätigkeitsinstitute in England und war unter anderen: auch Präsident des englischen Roten Kreuzes. Für seine Verdienste in dieser Stellung war er erst kürzlich durch ein überaus schmeichelhaftes Handschreiben des Königs von England ausgczeichnet worden. Der älteste Sohn Lord Rothschilds, Lionel Walter, hat sich durch seine wissenschriftlichen Arbeiten einen Namen gemacht, ein zweiter Sohn, Charles, hat sich int Jahre 1907 in Wieit mit Roszika v. Wertheimstein vermählt. Die Brüder des Verblichenen, Alfred und Leopold, führen die Geschäfte des Londoner Hauses weiter. Der Judenjunge. Das ״Mährische Tagblatt" in Olmütz berichtet: Mit einem hier eingetroffenen Verwundetenzuge kant auch eilt kleiner Junge mit, der zehnjährige Janosch K. aus Budapest. Janosch, ein kräftiger, ntunterer Bub, wurde, da er sich von den Soldaten, tnit denen er kant, nicht trennen wollte, mit ihnen in das Verwundetenspital der Artilleriekaserne gebracht, das unter ärztlicher Leitung des Dr. Georg Fischer steht. Auf welche Weise der kleine Jattosch zu den Soldaten verschlagen wurde, ist gewiß erzählenswert und bildet eines der kleinen Kapital, das der große Dichter Krieg novellistisch gestaltet hat. Ter Vater von Janosch, ein jüdischer Fuhrtnann aus Budapest, war auf Grund des Kriegsleistungsgesetzes einberufen worden und sollte als Kultscher mit dem Truppentrain auf den Kriegsschauplatz. Seine Frau war längst gestorben, Ver- G O 1 1 W

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