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Jüdische Volksstimme · 1915-04-10 · Heft 12 (10.4.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 12 (10.4.1915)
Date
1915-04-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Abtransport her in Ungarn weilenden galizischen Flüchtlinge nach Oesterreich. Seit dem Beginn der Kriegsoperntionen in Galizien und der Bukowina hat sich ei,n nanrhafter Teil der von dort geflüchteten Bevölkerung auf ungarischem Staatsgebiete niedergelassen. Die ungarische Regierung hat dem Aufenthalt dieser Flüchtlinge bisher nicht nur keine Schwierigkeiten bereitet, sondern auch noch den vielen Tausenden von Unbemittelten unter ihnen malerielle Unterstützung gewährt, weil die in mehreren Orten Oesterreichs errichteten Barackenlager sich räumlich als ungenügend erwiesen, dem ganzen Kontingent der Flüchtlinge Unterkunft zu bieten. Inzwischen aber hat die österreichische Regieruiig diesem Uebelstande abgeholfen, und zwar in einer Weise, die auch den in den Reihen der Flüchtlinge beobachteten Widerwillen gegen die Unterbringung in Barackenstättein in humanster Weise Rechnung trägt. Das österreichische Ministeriuim des Innern hat nänilich an mehreren Orten Oesterreichs eine große Anzahl sogenannter Flüchtlingsgemeinden geschaffen in denen die- Flüchtlinge aus Galizien un!d der Bukowina und ihre Familien nicht mehr in barackenartigcn Massenquartieren, sondern familienweise in kleinen Häusern untergebracht werden können. Auch hat die österreichische Regierung das ungarische Ministerium des Innern verständigt, daß in diefcn Flüchtlingsgemeinden für rituelle Kost und jüdische Seelsorge in entsprechender Weise gesorgt ist. Einem Wunsche der österreichischen Negkrmig gemäß hat das ungarische Ministerium des Innern nunmehr verfügt, daß die in Ungarn weilenden Flüchtlinge aus Galizien und der Buko- Wina vom 7. d. angefangen gruppenweise nach Oesterreich abbefördert werden. Die Abbeförderung erfolgt vorerst aus der ungarischen Provinz. Die in Budapest sich aufhallenden Flüchtlmge werden erst, nachdem das Gros der ersteren bereits an Ort und Stelle sein wird, keineswegs aber vor dem 15. April, und auch von dieser Zeit angefangen nur gruppenweise, und zwar wöchentlichje eine Gruppe, abbefördert.׳ Durch einen Erlaß an sämtliche Munizipien hat der ungarische Minister des Innern die Behörden angewiesen, bei Abbeförderung dieser Flüchtlinge in hunraner Weise vorzugehen und die Gebote Menschenfreundlicher Schonung walten zu lassen. Schwerkranke und van Altersgebrechen behaftete Personen können mit je einer zu ihrer Pflege bestimmten Person nicht nur auch weiterhin in Ungarn bleiben, sondern auch der matieriellen Unterstützung aus öffentlichen Geldern teilhaftig werden. Ferner erstreckt sich der Abtransport nicht auf solche Personen, die vermöge ihrer materiellen Lage auf Unterstützung nicht angewiesen sind. Wohl aber sind auch wohlhabende Flüchtlinge, wofern sie sich geschäftlicher Umtriebe schuldig gemacht haben oder sich mit Vermittlangen oder sonstigen das Interesse des Publikums schädigenden Unternehmungen befassen, ohne Rücksicht darauf, ob sie Unterstützungen in Anspruch nehmen oder nicht, unbedingt nach Oesterreich abzubefördern. Der ungarische Minister des Innern hat ferner verfügt, daß einer privaten Wohltätigkeitsaktion vau den munizipalen Behörden die Erlaubnis eingeräumt werde, in Miskolcz, Debreczen und Nagyvarad, den drei für den Abtransport in Aussicht genommenen Sammelstationei:, einen Labedienst einzurichten. Auf diesen Labestationen werden die Flüchtlinge vor Antritt der Reise nach Oesterreich mit einer rituellen Wegzehrung beteilt werden. Die dortigen Behörden sind angewiesen worden, den Vertrauensmännern dieser privaten Wohltätigkeitsaktion bei dem Einkäufe und der Verteilung der Lebensmittel tatkräftig an die Hand zu gehen. An hiesigen kompetenten Stellen wird Gewicht darauf gelegt, daß die Durchführung der Uebersiedliung dieser Flüchtlinge nach Oesterreich in der humansten, schonungsvollsten Weise stattfinde. Wenn Wider Erwarten da und dort dennoch aus Mißverständnis oder Uebereifer durch lokale Behörden׳ Verfügungen getroffen werden sollten, die den Instruktionen zuwiderlaufen, so wird das Ministerium des Innern auf eine telegraphische Beschwerde hin jeden einzelnen Fall in der gewissenhaftesten Weise Prüfen und im Interesse der Remedur unverzüglich das Nötige veranlassen. Rr. 12 Vom Büchermarkt. H« den bedeutendsten Neuerscheinungen auf dew Gebiete der jüdischen Literatur gehören die .Kriegspredigten Dr, Nobels. (I. Kaufmann, Frankfurt a. M. Kvei Folgen zu 60 Pfennig.) Wenn schon Dr. Nobel als eine der Größen unter den gesetzestreuen Rabbinern Deutschlands einen weit über das Deutsche Reich hinausreichenden Ruf genießt, so sehen wir uns i,n diesen zwei einfachen Heftchen in unseren Erwartungen übertroffen. In diesen an die jüdischen Soldaten der Frankfurter Garnison gehaltenen Reden spürt man den Hauch jüdischer Wahrheit, nicht minder als die Persönlichkeit eines wahrhaften Rabbiners, der in diesen Tagen der Not aus einem Vers aus Thillim Mut und Zuversicht nicht nur zu schöpfen, sondern auch zu übertragen weiß. Wir wünschen, daß diesem zwei Heftchen auch andere folgen mögen. Interessant wäre ein Sammelbuch mit Krkegspredigten der angesehensten deutschen Rabbiner. Die vierzehn hübschen in das Gewand Harmloser Vorkommnisse gekleideten Ironien, welche Ludwig Thoma in dem mit ״Krawall" betitelten Büchlein (Verlag Ullstein, Preis gebunden eine Mark) vereinigt, bilden eine nette Abwechslung von -dein ernsten Ton, der heute die Literatur beherrscht. Und daß man auch, heute des Humors bedarf, erhellt vielleicht schon daraus, daß Gang׳- Hofer in seinen Schilderungen vorn westlichen Kriegsschauplätze berichtet, der Reichskanzler habe auf seinern Schreibtische im Großen Hauptquartier unter den vielen Dutzenden Akten das neueste Werk von Ludwig Thoma. Vor kurzem wurde an dieser Stelle der Roman״Sonnenbrut" von Olga Wohlbrück besprocheu. Nun liegt uns von derselben Autorin der gleichfalls im Concovdia-Verlag, Berlin, erschienene Roman ״Das goldene Bett" zur Besprechung vor. Und man kann auch von diesem Werke sagen, daß die Dichterin es versteht, den Lesenden durch alle 473 Seiten hindurch zu fesseln. Die liebevolle Zärtlichkeit, mit! der diese vornehme und reiche Dichternatur Dinge und Menschen umfaßt, die strenge und großzügige, niemals nüchterne Linienführung, in dem Fortgang der Handlung machen dieses Buch aus der Schule moderner Psychologie so wertvoll, und wer es gelesen hat, ist gewiß reicher und tiefer geworden. Max Ludwig, ״Die Sieger". Roman. Umschlag von Richard Grimm-Sachsenberg. Gehefkt 4 Mark 50 Pf., in Seinen 0 Mark. Verlag von Albert Langen, München. — Aus dem Gegenwartslebon seines letzten Buches ״Das Reich" führt uns der Verfasser hier in die scheinbar erreichte Zukunft eines Krieges, den ein uns im übrigen wohlbekannter Staat zu schlagen gezwangen wird. Aus den Wirrnissen dieses Krieges entwickelt sich in dramatischer Steigerung die Handlung des Romans. Sie zeigt, wie in unserer eng zusammengedrängten Welt auch ein Sieger den Augenblick des rechtzeitigen Einhaltens nicht übersehen darf-, wie ein Kaiser, der den Frieden nur einem gänzlich niedergeworfnen Gegner aufzwingen will, darüber beinahe sein Reich zerreißt, und wie er sich diesen Frieden, mn inneren Unruhen im eigenen Lande vorzubeugen, schließlich auf einem Kongreß zu erhandeln sucht. Nach dessen Erfolglosigkeit führt die mit! großer Kunst und sicherem Wirklichkeitsblick entwickelte Handlung zu einen: Parteikampf im Reiche, der sich zu einem Ringen mn die eig-entlichsten politischen Fragen der Gegenwart erweitert und zu einen: Sturme gegen die Regierung anwächst: Kälnpfe, die zum Tode eines Kanzlers und zum Angriff auf die Neichsverfassung führen. Das Buch ist lebendig geschrieben, ohne Tendenz und voll innerer u. äußerer Spannung. Rein sachlich muh es jeden Deutschen mteressieren durch die Analogie gewisser Verhältnisse im Staate dieses Romans mit solchen in Deutschland und durch die in ihm geschilderten, auf deutsche Verhältnisse aufgebauten Ereignisse einer Zukunft, die vor nicht zu langer Zeit dicht an der Schwelle zur Gegenwart stand und — wer weiß — vielleicht auch heute nicht in fernere Weiten abgerückt ist. Darüber hinaus ist der neue Roman Max Ludwigs ein ausgezeichnetes Buch eines unserer begabtesten und persönlichsten Prosadichter. Im Verlage Engelhorn ist in fünfter Aufläge und in einer ausgezeichneten Ausstattung der Roman ״Der Herr im Hause" von Hanns von Zobeltitz erschienen. Zobeltitz ist heute eines der gelesensten Schriftsteller Deutschlands; und das umso mehr, als der Krieg mit der Ausländerer auf literarischem Gebiete völlig gebrochen hat und umso berechtigter, als Zobeltitz ein wirklicher Deutscher ist, ein lesenswerter deutscher Dichter, welcher Licht- und Schattenseiten unserer heutigen Gesellschaft in geheuer und lebhafter Weise schildert. Durch die früher erschienenen Werke Zobeltjtz' ״Die Prinzessin aus Java", ״Du mußt mir glauben", ״Des Lebens Enge" u. a. wird sich das Buch von selbst einbürgern. — Im gleichen Verlage erschien ein äußerst interessantes kleines Werk ״Vom Ich und vom Du" von Heinrich Lhotzky. (Preis 2 Mark geb.) Wie schon durch den Namen des Titels angedeutet, behandelt das Buch das Problem von Liebe, Sinnlichkeit und Sittlichkeit. Und es ist heute schwer ein Buch zu finden, welches dieses schwerwiegende und für die menschliche Zukunft wich!- tigste Problem in einer so lichtvollen, klaren und zutreffenden Weise behandelt. Das Buch ist nicht umfangreich, aber umso gehaltvoller und aus jeder einzelnen Seite.spricht der scharfsinnige, dabei feinfühlige und vor allen: lehrreiche Autor, dessen in verschiednen Bücher erschienene Essays über alle Gebiete menschlicher Geistes- und Seelenleistnng wohl jeder halbwegs Belesene kennt und die ein jeder kennen sollte. Wie in jenen spricht Lhotzky auch hier einer gesunden, glücklichen und moralischen Lebensführung das Wort. Von den bereits überall durch ihre Gediegenheit sowie durch ihren billigen Preis bekannt gewordenen Bibliothek Fischers zeitgenössischer Romane sind folgende recht empfehlenswert: Frau Jenny Treibel, Roman aus der Berliner Gesellschaft von Theodor Fontane; Maria Baun:ann, Roman von Charlotte Knoekel; Das letzte Glück von Felix Holländer; Aester und Li, Roman von Bernhard Kellermann. Der neue Roman von Charlotte Knoekel behandelt den Streik der Bergarbeiter im Ruhrgebiet. Die Verfasserin hat ihre Studien an Ort und Stelle gemacht; sie lebte mit den Streikenden und sah mit unerschrockencn Augen um sich. Ihr Gemälde ist von großer Wahrheit und dabei mit knappen herben Mitteln entworfen. — Holländer haben wir schon charakterisiert, als wir vor einigen Monaten an dieser Stelle von seinem Roman ״Frau Ellm Nöte" sprachen. Und es ist der treffendste Ausdruck, wenn die Kölnische Zeitung Holländer als zwischen den: Naturalismus Zolas und Psychologischer Analyse Stehendem bezeichr:et. — Bern- Harb Kellermann ist durch seine bewährte Serie von Romanen, vor allen: durch den ״Tunnel" hinlänglich bekannt. Es scheint eine, übrigens sehr dankenswerte Einrichtung der Fischerschen ״Bibliothek zeitgenössischer Romane" zu sein, jeden neuen Jahrgang mit einem Buche von Fontane zu eröffnen. Diesmal tat sie einen besonders glücklichen Griff mit ״Frau Jenny Treibel". Seitdem das Buch zum ersten Mal erschiene!: ist. hat sich manches im gesellschaftlichen Leben Berlins verändert: aber Fontaues Porträt der Berliner Madame — Madame auch als Kommerzienrätin mit Villa, reichtagskandidierendem Gemahl und hamburgischen Schwiegertöchtern — ist so kompromittierend ähnlich geblieben wie am ersten. Tag. Daß Fontane die Infizierung der echten Bildungskreise durch Genuß- und Großmannssucht schon in ״Jenny Treibel" mit zum Thema nimmt, ist ein besonderer Beweis für seinen sozialen Scharfblick. Dieses Buch in seiner neuen, tadellosen Ausstattung, mit dem hübschen Umschlag van Walser, muß, bei den: billigen Preise von 1 Mark, viele Freunde zu den alten Hinzuge- Winnen. Eine sehr glücklich gewählte Zusammen stellung Goethe'scher Lebensweisheit bietet das bei Felix Meiner erschienene Werk ״Goethes Philosophie aus seinen Werken". Hevausgegeben von Felix Heymacher. Mit Recht nennt der Autor das Werk: ein Buch für joden gebildeten Deutscheu. Denn das über 400 Seiten zählende Werk bietet die Quintessenz des Werkes Goethes in philosophischer Hinsicht. Es sind ausgewählte Stücke aus allen Werken Goethes, welche zusan:- mengefaßt ein überwältigendes Bild dieses Mannes bieten. Und man muh sagen, daß diese Aus- Wahl in der glücklichsten Weise getroffen wurde und die zielsichere Führung Heymachers auch dann zeigen würde, wenn derselben nicht die trefsende, hundert Seiten umfassende Einleitung

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