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Jüdische Volksstimme · 1915-04-10 · Heft 12 (10.4.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 12 (10.4.1915)
Date
1915-04-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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«eite 1 »SPXMc «•IfIfHMt.• Ar. rsteinerne Herz wegnehmen aus eurem Leibe und ein fleischernes Herz geben." (11. Kap., Vers 19). Dieser neue Geist und dieses fleischerne Herz statt des steinernen sind ohne ausgiebige Aenderung unserer Ernährungsweise und unseres ganzen Wirtschaftslebens nicht möglich. ״Der Mensch ist, was er ißt", diese Grundlehre der physiologischen Schule Moleschotts und Genossen ist gewiß eine arge Uebertreibung grob-materialistischer Lebensauffassung; daß aber die Nahrung tatsächlich von nicht geringer Bedeutung und Wichtigkeit für' das gesamte Geistes- und Seelenleben der großen Massen ist, damn kann kaum ein Zweifel sein. 'Nicht minder jedoch drängt der durch das gigantische Völkerringen hervorgerufene oder doch beschleunigte Umschwung in den wirtschaftlichen Verhältnissen unserer Zeit, bei Zeiten auf eine ganz erhebliche Korrektur unseres gesamten Wirtschaftslebens bedacht zu sein, wenn wir nicht noch! höheres Lehrgeld zahlen sollen, als wir ohnehin schon auf dem weit überschätzten Altar des Jndustrialismus und Kommerzialismus erlegen mußten, dessen allzu große Ueberspannung ja den unersättlichen Welthandelsstaat Großbritannien zum Wut- und Wahnsinnsausbruch dieses schon so lange befürchteten und auf unserer Zivilisationsstufe doch fast für undenkbar gehaltenen Weltkrioges unserer Tage trieb. Wie immer nun sich die spätere Zukunft gestalten mag, — die nächsten Jahre und Jahrzehnte bringen wohl sicher, nach dem unzweifelhaften Gesetze des Gegensatzes, ein starkes Abflauen des unbeschränkten internationalen Güter-Austausches und sonnt einen unerläßlichen Aufstieg der physiokratischen Triebfedern und Lehren, also der Höhenverwertung der Bodenbearbeitung und des ״inneren" Marktes, bei entsprechender Abkehr von maßloser Bevorzugung des Industrialismus und des Welt- Handels. ״Selbstgewinnung des Nährbedarfes" wird somit für absehbare Zeit zumindest in beträchtlichem Maße das Losungswort bleiben; damit müssen wir rechnen und danach müssen wir handeln. Eine neue Blüte der Landwirtschaft steht unmittelbar bevor. Wie die Schule mit vollstem Rechte von der Kaiserin Maria Theresia ein ״Politikum" genannt wurde, so wird die Land- Wirtschaft bei uns jetzt weit mehr, als dies bei Ausbruch des Krieges der Fall war, eine der allerwichtigsten Staatsfragen bilden und die wichtigste überhaupt auf dem weiten Felde der materiellen Güter, so lange es trotz aller Bemühungen und Hoffnungen nicht gelingen wird, durch -künstliche Lebensmittel-Erzeugung die Landwirtschaft überflüssig zu machen oder gar das stoffliche Nahrungsbedürfnis des Menschen aufzuheben. Auf dem Wege chem. und techn. Vervollkommnung wird sich die Landwirtschaft segensreich entfalten und der alt-ehrwürdige Pflug, dem Kaiser Josef seine unvergeßliche Huldigung darwird"(bei uns absolvierte dies der an Rang und Jahren jüngste Unter-Offizier), und die Thränen traten ihm in die Augen. Aber alle wußten sich zu beherrschen, so sehr es auch in ihrem Innern gährte. Man löste sich im Vorsagen ab, und ich glaube, daß niemand von uns dies vorher jemals so gewissenhaft getan hatte. An Stelle des Nachtmahls wurden Eier gegessen. Paro pro toto. Und nachdem das Hallel-Gebet gesungen wurde, mit jener primitiven, aber zu Herz gehenden Melodie, wie dies der alte Lehrer und Vorbeter meiner kleinen Heimatsgemeinde zu tun pflogt, und nachdem auch die lustigen Schluhgesänge ertönt hatten, da wurden die Gläser angestoßen: ״Auf einen baldigen siegreichen und ehrenvollen Frieden!" und ״Aufs Wohl unserer Frauen und Kinder, Eltern und Geschwister!" Als ich schließlich, wie ich dies von meinem lieben Vater zu hören Pflegte, dem Wunsche Ausdruck gab, den Seder übers Jahr in größeren Freuden zu feiern, erfolgte aufrichtigste Zustimmung sämtlicher Tischgenossen. Ein von Antisemitismus nicht ganz freier Offizier hatte als er von der geplanten Veranstaltung der Seder-Feier erfuhr, witzelnd gefragt, ob wir uns nicht photographieren lassen wollten. Fürwahr, hätten wir dies tun können, so wäre dies eine schöne Erinnerung gewesen für Alle, die an diesem Feld-Seder teilnahmen, an dem wir uns erbauten, während draußen die Gewehre knatterten und die Kanonen dröhnten. brachte, zu neuen Ehren sich erheben, allerdings in neuer, zeitgemäßer Gestalt: als elektrischer oder Dampfpflug. An dieser Blüte muß auch der Obstbau wesentlich teilnehmen, denn zum täglichen Brote gehört tägliches Obst, nicht tägliches Fleisch. Wie sehr der lichtvolle Geist dieser hochbedeutsamen Erkenntnis endlich die Machi der Finsternis alter Jrrtümer und Vorurteile zu überwinden beginnt, lehrt am besten das von: Ministerium des Innern herausgegebene Merkblatt ״Volksernährung in Kriegszeiten", in dem sich folgende Sätze finden: fleischreiche Kost wird vielfach überschätzt. Nicht notwendig ist es, täglich oder mehreremals täglich Fleisch zu essen. Der Genuß von Obst in jeder Form ist angezeigt." Das Zeitalter maßloser Vieh- und Geflügelzucht neigt sich nun dem unaufhaltsamen Ende entgegen und beugt sich, ״der Not gehörchend", vor der schöneren und besseren Aera ausgebreitetster und auch angespanntester Obst- und Gemüsezucht. Es wäre höchst unklug von uns Juden und überdies ganz ungeschichtlich, die Zeichen der Zeit nicht zu verstehen. Palästina war ein reichgesegnetes Obstland, und das Obst stand bei unseren Ahnen in gar hohem Ansehen, wie schon unsere sinnigen Segenssprüche über die herrliche Gottesgabe der Weintraube und der Baumfrüchte, sowie die in jedem Frühjahr beim erstmaligen Anblick eines blühenden Obstbamnes zu verrichtende Lobpreisung und nicht zuletzt das im gelobten Lande jetzt wieder erstandene und jubelnd gefeierte Fruchtbaum-Neujahr (15. Sche- Wat) zur Genüge zeigen. Wir folgen also nur den Spuren unserer Ahnen, wenn wir wieder dem Obstbau huldigen. Wohlan denn: Juden voran! (Ein zweiter Aufsatz folgt.) Zeitgemäße Bibelverse Petersburg: מצפון תפתח הרעה על כל ישבו הארץ . (Jeremia 1,14,) Przemysl: טובים ה, חללי חרב מחללי רעב (Klagelieder 4, 9,) י Belgrad: ה׳ נתן ודד לקח (Jjob 1, 21,) י Unterseebot: אפפוני דע מים נפש תהום ימבבני סוף חבוש לראשי (Jona 2, 6,) Entente: המה יבנו ואני אהדום (Maleachi 1, 4) England: ויאמר אפרים אך עשרתי Jesaja) Jagd aus die ״Emden": אם השמאל ואימנה ואם הימין ואשמאילה (1. B. M. 13, 9) Galizien: ורחק ה׳ את האדם ורבה העזו בת , בקרב הארץ (Jesaja 6, 12,) Rußland, England und die Dardanellen: מנשה את אפרים ואפרים את מנשה יחדו המה על י' ודא (Jesaja 9, 20) Schützengräben: יעל אנשי השרון הי *אומר ידי,י רצון שלא יעשו בתיהם קבייהם <י״כ י״° עבודה) L. Grünhut. r: Das Brünner Kapuzinerkloster als Lehrstätte der hebräischen Sprache. Als mir vor Kurzem von der Wiener Veragsgesellschaft Orion ein Prospekt der von Dr. Nivard Schlägl, Professor der theologischen Fa- י ultät in Wien herausgegebenen׳ kathol. Bibel- Uebersetzung und ein Probeabdruck seiner großartig angelegten Psalmenübersetzung samt mehreren Aushängebögen zugekommen war, hatte ich die Gelegenheit dem Vorstände des Brünner Kaluzinerklosters den Quardian Norbert Smekal hierauf aufmerksam zu nmchen und ihm die Aus- )ängebögen vorzulegen, da mir von dieser Stelle in den letzten Jahren wiederholt in der li>ebenswürdigsten Weise Material bezüglich der mir ieb gewordenen Psalmenstudien in der Latholichen Lithurgie zur Verfügung gestellt wurde. Als ich nun meine Bewunderung über die Beherrchung der hebräischen Sprache seitens des Proessors Schlögl ausspvach, meinte nun der betref- 'ende Quardian die Professoren der hebräischen Sprache resp. des alten Testamentes an dem hies. Bischöflichem Priester-Seminar seien in den früheren Jahren Mitglieder des Kapuziner-Ordens gewesen und hätten zumeist ihre Wohnung im Kloster selbst gehabt, die meisten seien tüchtige Hebräer gewesen. Dabei bezeichnete er den ehem. Klostervorstand Namens Ambrosius Klim als hervorragenden Hebräer, dem seine Schüler, einige junge Seminaristen anläßlich seines Abschiedes von seiner Lehrertätigkeit'sogar ein hebräisches Gedicht gewidmet haben sollen, das er als Relique aufbewahrt häbe und über mein Ersuchen aus seiner Schublade hervorsuchte und mir vorlegte. Zu meiner Ueberraschung fand ich nun tatsächlich ein in hebräischer Quadratschrift ausgefertigtes Manüskript, das ich nur flüchtig durchlas, es sofort zum Teile übersetzte, das ich mir aber zu näherem Studium nach Hause erbat. Dasselbe dürfte Wohl für weitere jüdische Kreise nicht ohne Interesse sein, es sei daher wortgetreu wiedergegeben und meine Uebersetzung beigefügt: לבחן יהוד. אמברוס קלימק מורה לשון עברית. אל תראה עם עינים רמוח בנו אשר סביב לך מתפללים אל אדוני מכל לבב. והוא ישיתך ברוך מברוכים: שים עיניו עליך מברך אתך בצאתך ובואך ומעשה ידיך יברך וחנון יאריך כל ימיך לשמחת תלמידך מורינו! לזכרון שטו בשנת איחת״מב מתלטידין אקני נפשו׳ Dem Theologen (Gottesforscher) Ambros Klimek Lehrer der hebräischen Sprache. Sehe uns nicht an mit stolzem Blick, Die wir alle beten finden Wohlgeschick. Zu Gott dem Herrn mit ganzem Herzen Er möge seinen Segen zu Dir wenden, Mit allen seinen Segensspenden. Er möge sein Auge immer zu Dir kehren, Bei Deinen Ein- und Ausgang nur den Segen mehren. Er möge all Dein Händewerk mit seinem Segen stets begleiten, Und gnädiglich ein langes Leben Dir bereiten. Zu Deiner Schüler Freude Dir unser Lehrer und Meister Zum Andenken im Jahre 1842 Bon seinen Schülern und Verehrern. Dr. M. Epstein,

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