Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 12 (10.4.1915)
- Date
- 1915-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jabra. XVI. Erscheint jeden Mittwoch Nvmmer 12. lOjshk Jollrsßmm. D-- Bezugspreise: -m I 8---0 Redaktion und Administration: Brünn, Adlergafle 9. Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 J Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. ganzjährig. Deutschlands ganzjährig. Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. . Kronen 12 — 1 . Mark 12- Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die Ospaltige Petitzeile 80 h. —׳6 Rubel . —׳14 «Frank . dr*© Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. fei--- -p sr----m Wien—Budapest. Brünn, ׳Jjj- Prag—Lemberg. Juden voran! (Ein Wort zur Zeit von Leopold Schwarz.) Eine neue Zeit ist angebrochen, unter furchterlichem Krachen und schauerlichen Wehen. Fast volle neunzehn Jahrhunderte nach Christi Tod, haben die mit Blindheit geschlagenen, von Geld-, Macht- und Ehrgeiz geradezu berauschten Führer und Verführer der allerchristlichsten Nation, haben die im Wirtschaftsleben und in der Staatsleitung des mächtigen Insel- und Weltreichs den Ausschlag gebenden Kreise und Persönlichkeiten Englands den zur Lähmung des lästigen Welt- Handels- und Weltmacht-Konkurrenten Deutschland schon seit mehr als einem Jahrzehnt durch die ׳berüchtigte Einkreisungspolitik planmäßig vorbereiteten Vernichtungskrieg zurm Ausbruch gebracht und so einen Weltrekord gegenüber den bisher größten Kriegen der Weltgeschichte geschaffen. Da aber das stolze Albion mit allen seinen skruppellos zusammengesuchten Bundesgenossen und Hilfstruppen, von. den angeblich an der Spitze der Zivilisation marschierenden Franzosen angefangen bis zu den teuflischen Kosaken der russischen Steppen und sogar bis zu den allerteuflischesten Halsabschneidern vom Fuße des Himalaya, in mehr als acht Monaten blutigster und hartnäckigster Kämpfe, trotz der gewaltigen Heeresmassen seiner Verbündeten und Verschworenen, weder dem tötlich gehaßten Mitbewerber, noch auch uns einen entscheidenden Schlag verletzen konnte, wird einfach in christlicher Nächstenliebe das grinsende Hungergespenst, schamlos zu Hilfe gerufen, um Deutschland mit Oesterreich- Ungarn kampfunfähig und wehrlos zu machen und so auf die Kniee und in den Staub zu zwingen. Dieser höllische, selbst Kranke und Greise, Frauen und Kinder nicht im geringsten schonende Plan wird nicht gelingen; dafür bürgt die Gerechtigkeit des Weltenwaltens. ״Durchhalten und ausdauern!" ist unser Feldruf in diesein stählenden Kampfe gegen eine schmachvolle Aushungerungspolitik, und wir werden auch diesen Kampf erfolgreich bestehen. Aber die bloße Abwehr der unmittelbaren Hungersgefahr genügt nicht, so wertvoll dieser große Sieg ist. Es gilt vielmehr, schon jetzt an die Zukunft zu denken und für spätere Jahre vorzuarbeiten. ״Der kluge Mann baut vor." Wohlan, bauen wir vor Und zwar im wirklichsten Sinne des Wortes: durch großzügigen Obst- und Gemüsebau! In der Ernährungswissenschaft, wie im Leben selbst, erobert sich der Obstgenuß, von dem zunächst hier die Rede sein soll, immer mehr und mehr die schon längst wohlverdiente biblische Anerkennung und Würdigung, deren arge Vernachlässigung zugunsten des Fleisches und süßer Schleckereien bereits bittere Folgen zeitigte und künftig geradezu verhängnisvoll werden müßte, namentlich in gesundheitlicher Beziehung, abev auch auf Wirtschaftlichem Gebiete. ״Obst ist heute nicht mehr als bloßes Genußmittel anzusehen; es ist vielmehr ein wichtiger Faktor in der Ernährung der nicht mehr zu missen ist." Noch entschiedener und bedeutungsvoller als dieser Ausspruch eines Gartenfreundes in ״Haus, Hof und Garten" vom 19. März 1916, 37. Jahrg., Nr. 12, S. 83, ist das Wert-Urteil eines der berufensten Vertreter der Wissenschaft, des Marburger Universitätsprofessors Dr. F. B. Fittica: ״Nichts nur unsere Magenbeshandteile, sondern auch unser Gebiß lehrt es uns, daß wir im wesentlichen Obstesser sind. Gerade Obst enthält schon diejenigen Körper fertig gebildet, in welche der Magen, sowie Leber, Milz und Niere die Speisen, wie Fleisch, mühsam verwandeln müssen, nämlich Zucker und Zucker bildende Stoffe: sogenannte Kohlenhydrate, wozu auch die Stärke gehört." (Siehe ״Der Weg.zum Heil" v. Leopold Schwarz, 2. Auflage, 1908, Seite 30—32.) Diese hohe und höchste Wertschätzung des Obstes, als der. gesünbesten und wahrhaft edelsten Menschennahrung, ist durchaus nicht neu, wie nebst vielen anderen ärztlichen Zeugen und Anwälten insbesondere der Wiener Arzt Ed. Grundfest durch seine ausgezeichnete, aus dem Jahre 1854 stammende Schrift ״Das Obst in seinem Wirken auf die menschliche Gesundheit" nachdrücklichst beweist. Die gewichtigste Autorität jedoch für das überragende Ansehen und die geheiligte Stellung des Obstbaues bildet das mosaische Gesetz, das im Kriege jeden fruchttragenden Obstbaum für geheiligt erklärt und so das Fällen oder auch nur eine säwere Beschädigung verbietet 16. Buch M., 20. Kap., Vers 19), welches Verbot der Mohamedauer noch heute inbezug auf die Dattelpalme hält. Etwas von dieser erhabenen Weihe mutz auch auf unsere Zukunft übergehen, wenn endlich von einem Siege der Ethik und von einer Ethik der Nahrung die Rede sein soll!" Der Mensch lebt nicht vom Brode allein", das hüßt. nicht nur von Speise und Trank, sondern ebenst vom Geiste; dieser aber muß von Sittlichkeit erfüllt sein, um den Menschep vor schließlichem Verderben und Untergang zu bewahren. Einen neuen, besseren Geist erhoffen wir als Frucht dieses Riesenkrieges, eine gründliche Erneuerung an Haupt und Gliedern, eine durchgreifende Gemütsveredeluug und Charakter-Erhöhung, kurz: ein neues Menschengeschlecht, wie uns gleichfalls die Bibel ein leuchtendes Vorbild und Muster hiefür bietet, in den tief ergreifenden und wahr- Haft erhebenden Worten des großen Propheten Hesekiel: ״Und will euch ein einträchtiges Herz geben und einen neuen Geist in euch, und will das Feuilleton Seder im Felde. Von Dr. Th. H. In keinem Zeitpunkte empfindet der Soldar das Heimweh stärker als an den Feiertagen seiner Religion. Das ersah ich aus den Feldpostkarten der Soldaten meiner Compagnie, welche ich zu censurieren hatte, das empfand ich an mir selbst. Wie bei der christlichen Confession Weihnachten das Fest ist, an dem die Familie sich unter dem Christbaume um den reichlich gedeckten Tisch versammelt, so sind die Seder-Abende für uns Juden das Fest, zu welchem die nächsten Familien-Angehörigen von Nah und Ferne zusammenkommen, um beim gemeinsamen Abendessen die uralte Geschichte vom Auszuge aus Egypten immer wieder zu erzählen und hiebei von Jahr zu Jahr den Wunsch zu wiederholen: ״Leschonoh haboh biruscholojim." Der Weltkrieg hat hier, wie bei so vielen anderen Dingen gleichfalls eine große Umwälzung hervorgerufen. Millionen christlicher Soldaten konnten den Weihnachtsabend nicht im Kreise ihrer Familien verleben. Hunderttausende jüdischer Soldaten müssen die Seder-Abende im Felde verbringen, und gedenken vön ihren einsamen, oft ziemlich gefahrvollen Posten ihrer Lieben, welche in weiter Ferne weilen, Und deren Gedanken wiederum zu ihren Angehörigen im Felde streifen. Mein Compagnie-College, mit dem ich vor ungefähr einem Viertel Jahrhundert das Gymnasium in Ung.-Hradisch besuchte, ja sogar einige Zeit zusammen wohnte, hatte ein liebes Ostergeschenk erhalten, — eine Hagadah, noch dazu eine Kriegshagadüh. Schnell reifte in uns der Entschluß, mit diesem wichtigsten Instrumente ausgerüstet, den Seder zu feiern, im Schützengraben nächst eines galizischen Flusses, nur wenige hundert Schritte vom Feinde entfernt. Der Rechnungs-Unteroffizier war selbstverständlich auch ein Jude, auch er hatte das Gymnasium in Ung.-Hradisch besucht, einige Classen tiefer;- der Leiter der Maschinen-Gewehr-Abteilung hörte auf den Namen Löwy, dürfte sohin auch ein Glaubensgenosse sein, so waren wir bereits einiger Teilnehmer sicher. Ein Offizier der Nachbar- Compagnie, ein Wiener, wurde geladen, ebenso der Rechnungs-Unteroffizier derselben, der als Ung.-Hyadischer sozusagen ein Landsmann war. Letzterer war vom Regiments-Commando in ein nahes Dorf geschickt worden, um im Sinne des Armee-Commando-Befehles Mazzos zu besorgen. Der einzige Jude des Dorfes versprach, velche zu beschaffen, konnte jedoch seinem Verprechen nicht Nachkommen, da das von ihm erlaltene Quantum kaum für f-eine zahlreiche Familie hinreichte. Es war zwar betrüblich, den Seder ohne Mazzos zu verbringen, aber wir hatten uns Eier besorgt, außerdem vor einigen Tagen Rotwein gefaßt, und das Wichtigste, die Hagadah hatten wir auch! Es konnte also losgehen! In der Wohnung meines Kameraden, einer niedrigen, mit Breitem verschlagenen Lehmbude, kamen wir zusammen. Wer konnte, brachte Sessel mit, der Rest Placierte sich auf dem Bette. Zu meiner angenehmen Ueberraschung erblickte ich bei meinem Eintritte auch noch den Battaillons- Adjutanten, der einer angesehenen Wiener Faimlie entstammt. Derselbe hatte sich auf die Nachricht hin, daß ein Seder veranstaltet wird, aus einem benachbarten Dorfe zu demselben eingefanden. Es war ein einfacher, aber feierlicher u. rührender Seder, der allen Teilnehmern unvergeßlich bleiben wird. Als die ersten Brochos gesagt wurden, sah man kein Auge thränenleer, denn Jeder gedachte feinet lieben Angehörigen, mit denen er bisher den Seder zu feiern Pflegte, und welche Heuer dieses Fest wohl auch mit gemischten Gefühlen begehen dürften. ׳Man stand noch unter dem Eindrücke der Uebergabe Przemysls, welche einige Tage vorher, erfolgt war. Der eine hatte dort einen Bruder, der andere einen Schwager, um deren Geschicke sie bangten. Der Bruder des dritten befindet sich bereits seit Monaten in russischer Kriegsgefangenschaft, ein Schreiben erreicht ihn erst nach fast 2 Monaten; des vierten Bruder war vor Kurzem mit einem Marsch-Bataillone in die Karpathen abgegangen. Ob sie alle wohl Gelegenheit haben werden, an einem Seder teilzunehmen? Der fünfte erinnert sich, daß sein Töchterchen Heuer das erstemal ״Mah nischtanuh" sagen Soeben erschienen: t