Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 11 (29.3.1915)
- Date
- 1915-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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6rit*a Haiti# AuflMttMMi׳• WANWIWU wmynww» Skr. Ü. von dem gleichen Gedanken erfüllt, mit Gut und Blut sich fürs Vaterland einzusetzen und deinselben das kostbarste Gut, einen ehrenvollen dauerndeu Frieden, zu erstreiten. Der geniale Kaiser Wilhelm der Zweite hat das unvergängliche Wort geprägt: Ich kenne keine Parteien mehr. Viel mehr als im verbünbeten Deutschland stand jedoch in unserem vielsprachigen Vaterlande das Parteiwesen in Blüte; die nationalen, konfessionellen und sozialen Verschiedenheiten riefen einen nicht immer edlen u. 'in sachlicher Weise geführten Wettstreit hervor, die Parteiblätter schürten gegeneinander, und wir Juden waren, wie seit altersher, gewöhnlich 1)ie Prügelknaben. Im Streite der Deutschen mit den Tschechen, der Polen mit den Ruthenen, der Slovcnen mit den Italienern, im Kampfe zwischen Konservativen und Liberalen, zwischen Kapitalismus und Arbeiter-Organisation, — immer kam der Judenhaß in mehr oder minder verblümter, oft genug auch ganz offenkundiger Form zum Vorscheine, ja er bildete vielfach den einzigen gemeinsamen Standpunkt der Streitteile. Der große Lehrmeister Krieg dürfte auch in Oesterreich den Kampf der Parteien, wenn auch 'nicht gänzlich aus der Welt schaffen, so doch mildern und in urbaneren, sachlicheren Formen׳ führen lassen. Der Anfang ist bereits geschehen, und insbesondere die seit Kriegsbeginn, vielleicht bischen zu spät, gehandhabte strenge Preßzenfur in Bezug auf Jnhibirung hetzerischer Artikel ist diesbezüglich von wohltuendem Einflüsse. Hoffentlich wird sich dies auch bezüglich der Judenfrage bewähren, und der rüde Antisemitismus, der in Wort, Schrift und Tat immer weiter um sich griff, zumindest eine erhebliche Einschrän- 'kung erfahren. Denn selbst die eingefleischtesten Judenhasser müssen zugeben, daß sich die Juden in diesen: Kriege als wahre Patrioten gezeigt haben, sowol auf dem Felde, wo bereits Hunderten von jüdischen Soldaten Medaillen als Anerkennung ihrer Tapferkeit verliehen wurden, als auch im Hinterlande durch! Widmung namhafter Beträge für Krjegsfürsorgezwecke und anderweitige Hilfeleistungen. Wie interessant ist doch die Erscheinung, daß die konfessionellen Unterschiede unter den Kricgern fast vollständig geschwunden sind. Gebetet wird im Felde wenig, doch ein einheitliches Gottvertrauen umfaßt Jud und Christ. Vor dem Abgehen auf den Kriegsschauplatz kniet der jüdische Soldat bei der Feldmesse neben seinen christlichen Kameraden vor der Mutter-Gottes-Statue nieder, indem er leise ein.Schema-Jisroel betet; andererseits erteilten in vielen Fällen die Ortsrabbiner den abziehenden Soldaten ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses den selbst von den Christen erbetenen Segen. Unter dem Zeichen des Noten Kreuzes, welches auch die Armbinde des Feldrabbiners ziert suchen und finden die verwundeten jüdischen! Soldaten Heilung, und auf den Kampfstätten kennzeichnet so manches schlichte Holzkreuz das Grab gefallener jüdischer Krieger, die hier neben ihren christlichen Mitkämpfern auf ewig schlummern. Ja, es muß dies Alles berücksichtigt werden, wenn unsere Truppen n׳ach Niederwerfung des Feindes hei inkehren und jeder wieder seinen Beruf ergreifen wird; es muß die Hervorkehrung und künstliche Erweiterung der Gegensätze unterbleiben, die Bedrückung und Verdrängung des jüdischen Elementes aufhören, damit die Grundläge für ein gedeihliches Zusammenwirken Aller zun: Heile unseres Vaterlandes und zmn Wohle jedes einzelnen geschaffen wird. Feldpostbriefe. Russ.-Polen, 21. März 1016. Sehr geehrter Herr Hickl! Werter Herr Gg! Interessiert es Sie zu erfahren, auf welche Gedanken mich unser bevorstehendes Pessachfest bringt? Wenn ja, dann will ich Ihnen mitteilen. Einsichtiger jüdischer Soldat kann keine anderen haben. Hier meine Pessachgedanken im Felde. Die Natur verjüngt sich. Ihre Wiedergeburt zwingt sich in das beinahe 8 Monate währende Ringen der Niesenheere auf den Kriegsschau- Plätzen. Ein Völkerringen, wie es einzig in der Geschichte dasteht. Mit dem Frühling wird neues Leben in diese kämpfenden Massen einziehen und ein neuer Völkerfrühling wird erblühn. Aus dem heißen Riirgen wird eine neue Blume sich schüchlern, aber mit der Zuversicht eines welterlösenden Symbols entwickeln und wird ihre Wurzeln und Würzelchen in den blutgedüngten Boden der Weltgeschichte schlagen: die flammende Blume der Freiheit, allen Völkern zum Heile, der Mensche heit zun: Glück. Möge uns Juden diesmal die Weltgeschichte nicht narren! Möge sie uns diesmal den Ruhm nicht vorenthalten, den Erfolg nicht stehlen, den wir uns auf den Schlachtfeldern dieses großen Krieges selbst erkämpfen, wo wir die Auslese unserer jüdischen Menschen, jüdische Intelligenz und Kraft, ins Treffen schicken, wo jeder von uns jüdischen Soldaten mit dem erhabensten heiligen Bewußtsein ins Feld zog, daß er Rechte auch für sich selbst, für Familie und Volk erkämpfe. ״Rachezug für Äischenew" nannte es unser brave Zuckermann. Im positiven Sinne nenne ich cs einen Kampf für vorenthaltene Rechte. Klingt dies nicht paradox? Erst erkämpfen, wo sie uns doch lange schon gebühren? Nein! diese Frage harrt noch der Lösung. Wir jüdischen Soldaten werden das ebenso dumme wie alle Märchen von der jüdischen Feigheit zerstören und nicht locken lassen, un: auch bei Verteilung der Beute mit selbstbewußter Stilnme unser Recht zu fordern. Wir jüdischen Soldaten werden das ureingesessene Märchen vom Schachergeist der Juden wie Spreu in die Winde fegen, denn der Welt ist wol schon bekannt, daß wir gleich den andereil Kanleraden den schwersten Soldatenpflichten entsprechen. Den Großen und Kleinen wollen wir nachher eröffnen — und sie alle werden vielleicht unangenehm überrascht sein — daß wir uns diesmal nicht mehr mit zuckersüßen Phrasen und Versprechungen wie bisher abspeisen lassen. Hier auf der Walstatt erkämpfen wir uns, hoffentlich endgiltig, die wirkliche Gleichberechtigung und unseren Platz an der Sonne. Wir werden nicht betteln, denn Zahlen werden für unsere Tapfer-!eit sprecheil. Und für die Opfer, die wir Juden bringen. Furchtbar, erschütternd in ihrer Tragik, sind die jüdischen Opfer an Blut und Habe. Auf den Schlachtfeldern verbluten sich jüdische Krieger auf schneebedeckten Feldern, in weithin sich dehnenden Wäldern, in grundlosen Sülilpfen. Junge gesunde Juden werde!: Krüppel. Dort in Galizien reißt die rücksichtslose Rohheit-des Fein? des Tausende und Abertausende unserer Brüder aus ihrem Hein: und treibt sie westwärts, wie gehetztes Wild. Blutgerichte schändlichster Art ersinnt in Galizien neuerdings die perverse Mordgier eines sauberen Nikolai Nikolajewitsch. Daheim aber taucht er sein ״siegesgewohntes" Schwert in die Ströme unschuldig vergossenen jüdischen Blutes, denn sein roher Mob fordert ungeduldig sichtbare, faßliche Erfolge. — Um in Rußland Juden abzuschlachten, dazu bedurfte es freilich nicht erst des Krieges, dieser ist aber desto besser Anlaß für blutrünstige Bestien, unl über die ״lieben Juden" herzufallen, nlordend, Plündernd, sengend. Himmelschreiendes Unglück, ärger als Pest und Hunger, hat diese wehrlosen Millionen erfaßt. Ja, des Zaren ״liebe Juden!" Es ist fein Zufall, daß ich um die Pessachzeit gerade solche Gedanken mir mache. Pessach, unser veft der׳ Befreiung und'Freiheit, steht vor der Türe. Es graust nlir vor bem Gedanken, mit welcher entsetzlichen Furchtbarkeit wieder der entmenschte Mob Rußlands, die russische Soldateska in Galizien die jüdischen Quartiere heimsuchen wird! Opfer auf Opfer sehe ich fallen, benn der Geist, der ruchlose Geist des Ritualmordes zieht unlher. Dem entmenschten rohen Volk muß zur Ader gelassen werden, aber das Blut der Juden wird fließen. Wer schert sich dort daruni, daß Hunderttausende von Juden das Schlachtenlos mit den anderen Völkern des weiten heiligen Rußland teilen?? Hier haben wir es uns zur Pflicht genlacht, allen unter der Knute des Zareil stehenden Völkern die Freiheit zu schenken u. wir werden diese ׳Pflicht erfülleil. An die unermeßliche Herzensgüte des Väterchens, an seine Fürsorge für die Polen, Finnen, für seine Minoritäten, also auch für ״seine lieben Juden" glaubt kein vernünftiger Mellsch mehr. Jetzt heißt es, ben Gedankn in die Tat umsetzen. Daß dies gelingen wird, davon bin ich überzeugt, denn ich kenne auch die Stimmung unserer braven Truppen. Jeder Mann weiß, daß er für seine Zukunft kämpft, er fühlt sich freier denn früher, trotz der Verhetzung, mit der es gewissenlose Politiker versuchten. Alle Völker Oesterreichs sehen hoffnungsfroh einem neuen Völkerfrühling entgegen. In der Natur rüstet sich der kleinste Organisinus zu neuem Leben. Die Sonne lacht milde voin Himmel herab. Uns allen. Sie tröstet, spricht neuen Mut zu, gibt neue Kraft. — Der Frühling ist da. Wann wird der neue Völkerfrühling Einzug halten? Alfred Bick. Ruffische Judenmaffaker in Sochaczew. Ter Kriegsberichterstatter der ״Norddeutscheu Allgemeinen Zeitung" meldet: lieber die Gefechtstage vor Sochaczew mld die Zustände in der kleinen, unweit der Bahnlinie Kutno—Lowicz—Warschau liegenden Stadt sind jetzt Mitteilungen genlacht worden, die zeigen, in welchen: Maße dort an der Bzura gekämpft worden ist. Seitdem die deutschen Fronten sich den: Bzuraabschnitt näherten, entwickelten sich auch die Kämpfe un: Sochaczew, das nur wenige Meilen oberhalb des Bzuraeinflusses in die Weichsel liegt. Verschiedentlich haben es die Russen mit außerordentlicher Heftigkeit versucht, gerade hier unsere deutschen Stellungen zu durchbrechen, und wie das bei allen derartigen Unternehmungen bisher im Bzura—Nawkagcbiet der Fall war, so haben auch die russischen Vorstöße aus Sochaczew es nicht fertig gebracht, den sich von Westen her gegen Warschau vorschiebenden Wall der deutschen Truppen zu erschüttern. Ueber die Heftigkeit der Kämpfe ist zu wiederholten Malen in den Mitteilungen der Obersten Heeres- Leitung Bericht gegeben worden. Neu ist aber, daß die Russen jetzt gezwungenermaßen die Stadt räumten und allen Anscheine nach unter der zurückgebliebencn jüdischen Bevölkerung bei ihren: Abzüge ein Blutbad anrichteteil. Nach sicheren Quelle!: ist die Stadt Sochaczew zun: größten Teile vollständig zusammengeschossen worden, so daß, wer sie kannte, sie!:ur noch schwer zu erkennen vermag. Die Stadt, in der die Warschauer- und Tarnowerstraße vollständig einen: Trün:er- Haufen gleichen sollen und in der der alte Markt durch die fortgesetzte Beschießung nicht weniger mitgenommen wurde, ist nach Angaben von jüdischen Einwohnern, die nack Gombin kamen, mit Leichen angefüllt. Die stellenweise in Haufen übereinander liegenden Toten sind aber nicht Opfer der Beschießung, sondern, wie mitgeteilt wurde, von den Russen ernwrdete Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Nach dein gegebenen Bericht ist die Synagoge und das Beth-Hamidrasch, ein Bet- und Talmudschulhaus, mit Ermordeten überfüllt und auch die Straßen in der Nähe weisen die Spuren einer Verfolgung auf: denn sie sind mit Toten bedeckt. In der Stadt Sochaczew gibt es jetzt keine!: lebenden Menschen!!:ehr. Der Leichengeruch verpestet die Luft. Die mit den: Leben davongekommenen Angehörigen der ermordeten Juden flüchteten nach Gonibin, wo sie sich an den Vorstand der Chewra-Kadischa, eines Beerdigungsvereines, mit der Bitte wandten, die Toten zu bestatten. Die deutsche Behörde hatte vorher ihre Erlaubnis dazu erteilt. Die Juden iw Weltkrieg. Der durch Tortur und Marter schwach ge- 'wordene Körper des jüdischen Volkes, besät mit Narben aus alter mit Beulen, Striemen und offenen Wunden aus früherer und jüngster Zeit, muß sich neue schwere Wunden schlage!: lassen. Heiinatu!:d!nittellos ist nun wieder ein großer Teil des jüdischen Volkes auf der Wanderung. Erst die Historiker kommender Tage, die die Geschichte der Judenleiden dieses Krieges schreiben werden, werden staunend erkennen, mit welch unglaublicher Widerstandskraft das jüdische Volk auch diese Qualen überstanden hat. So wie seit Jahrtausenden hat nun auch jetzt dieses Volk des Buches die Weltgeschichte am eigenen Leibe erfahren. Vor seinen Augen verfiel Athen u. Ron: wurden kleine Völker!nächtig. Selbst konnte er sich aber nie einen Platz an der Sonne erobern. 'Der starke Wille zur Einheit fehlte ihn:. Geduldig ohne zu murren ertrug und überstand es alle Schicksalsschläge. Nur einmal hat es sich gegen seine Unterdrücker erhoben. Es machte sich mit