Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 11 (29.3.1915)
- Date
- 1915-03-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Güte 2. Wgttischr י1»»1וןוז1<ו Rr. 11 witischer Faust zu zerschinettern, jüdisches Ehreiupfindcn in den Staub zu treten, zu unterdrücken. Nicht genug an die, seinen eigenen jüd. Untertanen auferlegten Drangsalierungen und Zurücksetzungen, will tyranischer Größenwahn diese Drangsalierung und Zurücksetzung auch auf Juden anderer Länder übertragen, die Knute schwingen über Leute, deren größtes Verbrechen es ist, daß sie, in Anerkennung, als Menschen und Volk gewürdigt zu sein, ihre Existenz und ihr Leben für ein Land einsetzen, wo sie als Vollbürger gleichwertig beachtet werden. Am Sederabende des heurigen Festes ist es unsere doppelte Pflicht, es ״unseren Kindern zu erzählen", was hamanitische Tyrannen sinnen, was verstockte Autokratie brütet. Auf den naiven Kinderlippen schweben in diesem Jahre so viele ״ma nischtano" Fragen: ma nischtano? Warum sind wir von Haus und Hof vertrieben; warum irren wir obdachlos von Stadt zu Stadt; warum essen wir das ״Brod des Elends"; warum können wir in diesem Jahre nicht einmal das harte Brot in der warmen Suvpe, die zu Hause so gut schmeckte, eintauchen; warum hatten wir sonst, neben allem Ungemache des Lebens doch auch schöne frcrtdevolle Stunden, Heuer aber nur״moraur" nur Bitternis, warum?.warum? .... Uud wenn dich dein Kind morgen srägt, so erkläre es ihm.. Awodim hujinu.Wir sind Knechte geworden weil ein neuer Pharao auferstan'den ist, der uns Von Haus und Hof verjagt hat, der uns in die Fremde vertrieben hat, der nach unserem Leben als Volk trachtet, und jede edle Regung in uns vernichten will. Eine neue Gefahr droht dem Judentume, ein Ungetüm will es verschlingen, ״auf daß der Namen Israels nicht mehr gedacht wird". Und die Jugend wird sich ihrer großen Aufgabe bewußt werden, gilt es ja, nicht nur Haus und Hof wieder zu erringen, etwas viel Größeres, viel Höheres steht auf dem Spiel! Jüdische Cultur, soll neben aller anderen Völkercultur erhalten werden, jüdische Eigenart, neben aller anderen nationalen Eigenart gewahrt werden, die jüdisch-nationale Bolksregnng soll neben allen anderen Bolksregungen, die um ihre Existenzen nun streiten, aufs neue erkämpft werden, die jüdische Seele soll vor rohen Satanhänden geschützt werden! י Und flammende Begeisterung wird diese enthusiastische jüd. Jugend erfassen, vereint mit allen anderen edlen Söhnen der Völker, die um Cultur, Fortschritt, Civilisation, Entwicklungsmöglichkeit jeder Nation und Wahrung ihrer Eigenart, streitend nun gegen den gemeinsamen tyrannischen Feind, ausgezogen sind, wird die jüdische Jugend kämpfen und siegen. Gilt es doch das Höchste und Erhabenste, das Schönste und Idealste zu erlangen: Nationale gut, ein Wort gab das andere, und bald befanden wir uns im heftigsten Wortwechsel. Durch ben Lärm wurde ein Polizist herangelockt. Er hatte sein unvermeidliches Notizheft hervorgezogen und begann, sich die Sache zu notieren. Jeder behauptete mit derselben Energie, der Koffer sei sein Eigentum, und das Ende vom Liede war, daß der Schutzmann uns beide mit auf die Wache nahm. Nachdem er seinen Bericht sachgemäß abgegeben hatte, nahm der Wachtmeister das Wort. ״Also, meine Herren", fing er an ״jeder von! Ihnen behauptet, der Koffer sei sein Eigentum?" ״Jawol!" riefen wir wie aus einem Munde. ״Wie heißen Sie?" frug er mich. Albert Halberstadt." ״Geboren?" 22״. Oktober 1892." ״Welchen Beruf?" ״Kaufmann." ״Also, Sie behaupten, daß der Koffer von jenem Herrn Ihnen gestöhlen worden sei? Jawol!" ״Können Sie sich ausweisen? Haben Sie Papiere?" ״Nein", erwiderte ich zögernd und bemerkte dabei, wie der Beamte nunmehr mißtrauisch gegen mich geworden war. Jetzt wandte er sich zum Fremden. ״Sie heißen?" ״Anton Helfrich". ״Welchen Beruf?" ״Professor der Heilkunde?" ״Geboren?" und die Frage klang schon respektvoller. 28״. März 1868." ״Können Sie sich ausweisen?" ״Das nicht. — Aber vielleicht darf ich den Herrn Wachtmeister darauf aufmerksam machen, daß meine Wäsche gezeichnet ist." Der Fremde spielte seine Rolle mit meisterhaften! Geschick; als gewiegter Gauner nannte er sich mit den gleichen Anfangsbuchstcwen wie ich. ״Sehen Sie, Herr Wachtmeister!" rief er, ״die Initialen A. H., ״Anton Helfrich, mein Wäsche״ Gerechtigkeit, für alle Völker und die damit verbundene Seelenharmonie aller einzelnen Jndivi-' duen! Und wenn wir am Sederabende die Türen öffnen, uud rufen: ״Schütte aus deinen Zorn über die Völker, die dich nicht kannten". unsere Söhne werden uns verstehen und wissen, wem es gilt...... Bielih-Biala Paul Brass. Zum' Paffachfest. Dia Kanonen donnern, die Maschinengewehre knattern und die Schrapnelle mähen die Menschenleben in der Blüte des Daseins. Krieg zu Lande, zu Wasser, unter Wasser, ln der Luft; Krieg in Europa, in Asien und Afrika; Krieg im Palast und in der letzten! Hütte. Im Koheles heißt es: Es. ist eine Zeit zum Lachen und es gibt eine Zeit zmn Trauern. Und die ist nun gekommen! In diesen Wochen, welche vielleicht die grötzten, ganz sicher aber die traurigsten unseres Lebeus sind, rückt das Fest der Befreiung aus den! Joch des Materialismus und der Gewalt heran; wir aber vermögen nicht die dem Pessachfeste gebürende Stimmung der Weihe und Sammlung aufzubringen, denn heute füllt der Krieg mit allen seinen Folgeerscheinungen den ganzen Menschen aus. Nichtsdestoweniger sollen und müssen wir, wenn wir die Sederschüssel mit den teuer erkauften Broten d. Elends heben, einen Augenblick innehalten und des großen Golusgeschickes gedenken, welches sich heute an Hunderttausenden unserer Brüder erfüllt, müssen wir des vielen unschuldigen Blutes gedenken, welches auf Europas Schlachtfeldern vergossen wurde und des großen bitteren Schmerzes, welcher in hunderttausende Häuser eingezogen ist. Europa ist zu einer Massenschlächterei umgewandelt worden und das Gefühl hat sich zu den Tieren des Waldes geflüchtet. Aber aus all diesem vergossenen Blute, aus all diesen: tiefen, unsagbaren Schmerze, aus Not und Tod wird das Judentum erneut und verjüngt hervorgehen. Vergessen wir nicht, daß wir gegen den Erben Esaus kämpfen, gegen jenes von Gott gesegnete und von Menschen fluchbeladne Reich, welches sechs Millionen unserer Glaubensgenossen in der niederträchtigsten Weise gequält und miß^- handelt, in welchem von Staatswegen jüdische Greise gemordert, jüdische Kinder aufgespießt, jüdische Familien zerrissen und Thorarollen zerfetzt in den Straßenkot geworfen werden. Gottes Fluch wird und muß jene treffen, welche diesem Staatswesen, statt an dessen Zertrümmerung mitzuhelfen, die Hand bieten, die Vergewaltigung an allen nichtjüdischen Völkerschaften fortzusetzen; dreifacher Fluch aber wird jenen Ausbund zeichen!" ״Nein!" rief ich wütend, ״Albert Halberstadt, kein anderer Name!" Der Wachtmeister schwieg. Er sah uns beide an. ״Meine Herren", fing er an, ״keiner von Ihnen kann sich richtig ausweisen, keiner von Ihnen hat bis jetzt den Beweis erbringen können, daß der Gegenstand sein Eigentum ist. Deshalb sehe ich mich veranlaßt, beide in Haft zu nehn:en, bis sich die Sache geklärt hat." Ein Entsetzensschrei entrang sich :::einen Lip- Pen. Pessach — der Sederabend — mit Verbrechern, ich heulte wie ein kleines Kind. ״Ruhe!" donnerte der Beamte. ״Wer seine Unschuld beweisen kann, ist vielleicht morgen schon entlassen." Mit :::einer Selbstbeherrschung war es vorbei. ״Erbarmen, ich schwöre, daß der Koffer mir ist, — ich bin kein Dieb, ich bin unschuldig, ich will nach Hause, sonst wird es zu spät!" schrie ich und sank erschöpft auf den nächsten Stuhl. ״Können Sie sich gar nicht ausweisen? Haben Sie nichts da, was einen Ausweis gibt?" fragte Her Beanrte :nild, ״ich weiß wol", fuhr er fort, ״Ihr Juden feiert morgen Euere Ostern, und da wollten Sie zu Hause sein." Ich nickte stumm, — doch gleichzeitig durchzuckte es wie ein Blitz mein Gehirn. Ich sprang auf. ״Herr Wachtmeister, ich kann :::ich ausweisen! Die Hagadah, Hagadah! Lassen Sie den Koffer öffnen, ich kann mich ausweisen, ich kann mich ausweisen!" Der Fremde verzog keine Miene, aber er war blaß, er ahnte, daß sein gewagtes Spiel verloren war. In wenigen Augenblicken lag der Koffer offen da. Mit einem schnellen Griff holte ich sie treffen, welcher auf seiner sicheren Insel diesen ganzen grauenerregenden und alle Ausgeburten krankhafter Phantasie übertreffendn Massenmordverschuldet hat und nun vom kaufrnännischen Standpunkte behandelt. Weder die Zerstörungswut und der Blutdurst der russischen Machthaber noch die hinter solche Bestialität sich flüchtende Dekadenz der Franzosen können uns einen solchen wahrhaften Ekel, einen solchen wahrhaften, ele:nentaren Haß aufzwingen, als die verkörperte Feigheit und Hinterlist und bodenlose Schlechtigkeit, welche wir an Englands Staatslnänuern sehen. Dieser hinterlistig überfallende Amalek inuß aufs gründlichste ausgerottet werden. , Uns Juden wird dieser Krieg neuerdings lehren, daß jede Kultur, welche nicht auf Religion aufgcbaut ist, nichts als eine Maske ist, hinter der die menschgewordene Bestie bis zum geeigneten Augenblick sich verbirgt. Wir müssen diesen Krieg als großes Gottesgericht verstehen und fürchten lernen, welches die künftige Neugestaltung der Welt auf Grund von Moral und Religion vcckbereiten soll. Und der Gedanke, daß das Judentum inmitten der brausenden Gezeiten der Weltgeschichte felsenfest und ewig dasteht, und fortbestehen wird, daß wir uns als die Träger dieses Judentums bezeichnen dürfen und daß wir den großen Kampf der Gegenwart nicht zun: mindesten um die Befreiung von sechs Millionen Juden führen, dieser Gedanke läßt uns an eine glückliche Zukunft glauben. Diese glückliche Zukunft jedoch werden wir — auch nach den: Siege — erst dann finden, wenn wir sie auf den Grund des überlieferten religiösen Judentums aufbauen werden. Wie immer nach dem Kriege die sozialen Verhältnisse sich gestalten werden, nach welchen Prinzipien immer Europa sich neuentwickeln wird, die religiöse Judenheit wird sich in unerschütterlicher Treue um die Fahne traditioneller jüdischer Pflichterfüllung scharen und den materiellen Sieg nach außen durch den moralischen Sieg nach innen erhöhen und befestigen. " L. Grünhut. Gedanken eines jüd. Soldaten im Felde. Von Dr. Th. H. Eine große Zeit muß ein großes Geschlecht finden, und wir Oesterreicher können mit Stolz behaupten, daß unsere Generation würdig ist der großen Zeit, in welcher sie lebt. Nicht weniger als 23 Jahrgänge stehen unter den Fahnen, mitunter ׳sind Vater und Sohn.eingerückt, und Alle sind Hagadah hervor. ״Sehest Sie, Herr Wachtmeister, das Büchlein gebrauchen wir Juden heute Abend; es erzählt uns den Auszug aus Egypten, — und hier auf der ersten Seite steht: Meinem Reben Bruder Albert Halberstadt zum ewigen Andenken von seiner Schwester Dora Halberstadt." Lange blätterte der Beamte in der Hagadah, dann gab er sie nur zurück und sprach: ״Herr Albert Halberstadt, infolge dieses Ausweises erkläre ich hiermit, daß Sie frei sind." ״Heim!" rief er dann, ״führen Sie den Anton Helfrich ab!" Ich war zwischen Lachen und Weinen. Die Hagadah, die ich erst so gering geachtet hatte, die ich nicht mitnehmen wollte, hatte mich vor weiteren: Herzleid bewahrt, hatte mir geholfen, daß ich meinen Sederabend *zu Hause feiern konnte. Es war Sederabend, und' ich saß im Kreis meiner Lieben um den hellerleuchteten Tisch. — Mein jüngster Brrwer begann: ״Ma nischtano haleilo Hase mikol haleilos, wodurch zeichnet sich diese Nacht von den anderen Nächten aus ״Daß er im Loch sitzt uud ich halte Seder", murmelte ich unwillkürlich. ״Hast Du etwas gesagt, Albert?" ״Nein, Vater!" Doch mein Pater sah mich mit festem Blicke an. Am nächsten Tage rief er mich nach der Synagoge ins Zimmer. ״Höre mal, Albert, Dir ist gestern etwas passiert?" Ich gestand ihm alles und verschwieg nichts. ״Dir hat Gott geholfen, Gott schütze Dich!" ״Ja, Gott hat mich geschützt; — doch ich habe m>ir gelobt, von nun ab das kleinste Gebot ebenso zu ehren, wie das größte." Da küßte mich:nein Vater, und seine Tränen gaben mir mehr als eine Antwort.