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Jüdische Volksstimme · 1915-03-29 · Heft 11 (29.3.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 11 (29.3.1915)
Date
1915-03-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Äadra. XVI. Erscheint lebe« Mittwoch?lammet 11. ZOlslhk DolKsßiNNk. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig. Deutschland, ganzjährig . , , . Rußland, ganzjährig ...... Balkan, Frankreich . Kronen 6 2V . Kronen 12— I . Mark 12׳— . Rubel 6— . Frank» 14 — | -S Herausgeber: Max Hickl. ^Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzeile SO h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. B--—.——-K Wien-Budapest. Brünn, Prag-Lemberg. Paffach 5675. Bei keinem Feiertage wird in der Bibel so sehr und wiederholt an des Kindes gedacht, als beim Passachfeste. ״Und du sollst es deinemSohne erzählen" -,und wenn dein Kind dich morgen fragt". Und doch sind ja fast alle anderen Feiertage an die Befreiung aus Egypten geknüpft, ja bei so manchen sonstigen Geboten wird die Erinnerung an die Mizraim-Knechtschaft besonders hervorgehoben, ohne jedoch der Fragen des Kindes, Erwähnung zu tun, ohne desselben besonders zu gedenken, oder gar es als Pflicht aufzuerlegen, es dem Kinde zu erzählen, dasselbe darüber aufzuklären, ja ohne gar der Fragen, die vielleicht aus naivem Kindermunde kommen könnte, Erinnerung zu tun. Und doch gibt es so manches Gebot oder Verbot Anlaß, in der Kinderseele Fragen auftauchen zu lassen, die einer richtigen, verständigen und aufklärenden Antwort wert sein könnten. Fürwahr! nur das eigentliche Fest der Befr ei :mg aus dem Sklavenjoche Egyptens, kann in dem noch reinen jüdischen Kinderherzen, Gesühle Wachrufen, das Aufkeimen von Freiheitsidealen ermöglichen, Sinn für Volksfreiheit entfachen! Mit der ganzen Echtheit-des Historikers, und zugleich mit der phantasiereichen Poesie des Dichters, werden in der Bibel alle Phasen der damaligen Volksbewegung in einer so bezaubernd einfachen und zugleich Packenden Sprache wiedergegeben, besonders berechnet das Kinderherz für all das schöne und hohe Ideal der Freiheit empfänglich zu machen, das Mitsühlen und Mitempfinden mit jenen Großen der damaligen Zeit, äm Herzen der Jugend zu entfachen. Es War keine Feuilleton Die Hagadah als ״Legitimationskarte'׳. Von Rud. Jeidel, Pfungstadt. Es war zwei Tage vor Pessach. Freudige Aufregung hielt mich den ganzen Tag umfangen. Durfte ich morgen doch zu meinen Lieben fahren, die ich seit einem Jahre, seitdem ich wolbestallter Kommis war, nicht gesehen hatte! Meine Arbeit wollte gar nicht von statten gehen. Mehr als einmal hate mich mein Chef dabei ertappt, daß ich Arbeit Arbeit sein ließ und zum Fenster hinausstarrte. Doch er schwieg; da ich sonst meine Pflicht tat, sah er dieses eine Mal über meine Unachtsamkeit hinweg. Eben ging die Tür aus und der Briefträger brachte ein Paket ״Herrn Albert Halberstadt", sagte er mit tiefer Baßstimme. Ich besah den Absender: Dora Halberstadt! Was mag doch wol in diesen: großen Paket enthalten sein? fragte ich mich neugierig. Aber ich mußte meine Ungeduld bis zum Ladenschluß zähmen. Als ich dann artf meinem Zimmer war, öffnete ich vorsichtig das Paket. Der erste Umschlag, der zweite, der dritte, der vierte, der fünfte, der sechste, — ich zählte gar nicht mehr. Ein Haufen von Papier lag mir bereits zur Seite, und immer war der Inhalt noch nicht enthüllt. Jetzt kommt es ganz bestimmt, dachte ich, denn ein Holzkistchen kam zum Vorschein. Schnell hatte ich einfache Redewendung des großen Heros jener Zeit, des bis nunzu unerreichten Volksführers Moses, wenn er dem Tyranenkönig zurief: ״Wir wollen mit unserer Jugend und mit den Alten gemeinsam ziehen", der Jugend also den Vortritt vor dem Alter gebend. Es ist eine historische Tatsache, daß jede freie Bewegung immer von der Jugend zuerst ersaßt wird, und keine freie Volksregung fand, ja nachhaltigen Anklang in der Geschichte, wenn dieselbe die Jugend nicht für sich hatte, wenn die Jugend nicht ihre Fahnenträgerin wurde. Nicht nur deswegen, weil die Jugend die Zukunft, also der länger lebende Teil des Volkes ist, sondern vielmehr, weil jede reine, freie und höhere Idee, reiner freier und höherschlagender Herzen bedarf, um von denselben genährt und hochgehalten zu werden. Droht doch jedem Ideale, und mag es das höchste sein, ein Idol zu werden, versumpft und bestaubt zu werden im täglichen sumpfigen und staubigen Leben, wenn sich nicht Geister finden, die dieses Ideal über dieses dumpfe eintönige und daher ans Conservative so sehr hastende Leben., tragen! Und deshalb wird bei diesem Feste der erlangten ersten Volksfreiheit, des Kindes der Jugend, besonders gedacht. Ist doch diese zunächst berufen, solche Ideen hoch zu halten, mit ihrer flammenden echten und zündenden Begeisterung, vorwärts zu stürmen um mit sich alles Aeltere und daher schwerer sich Bewegende, mitzureißen. ״Heil dem Geschlechte — sagen unsere Weisen — wo die Großen Verständnis finden bei den Kleinen". Nicht immer kann es den Großen gelingen, Gehör bei der Jugend zu finden, eine große zündende Idee muh es sein, welche die Jugend, erfassen, sie ganz ausfüllen kann! geöffnet, aber, — Papier und wieder, bis ich eine Hagada in der Hand hielt. Grenzenloser Zorn packte mich. Hatte sie mir nichts anderes schicken können als eine Hagada, wo wir ein Dutzend davon zu Hause hatten? Mein schönes Messer hatte ich abgebrochen, in den Finger hatte ich mich tüchtig geschnitten, — und das alles wegen einer Hagada! Doch bald war mein Zorn verraucht und ich begann zu Packen. Munter pfiff ich bald ein Liedchen, das anzeigte, daß wieder klar Wetter war. Mein neuer Anzug, meine eleganten Stiefel, beste Wäsche, Ueberraschungen für meine Lieben fülllen, hübsch geordnet, bald meinen Koffer. Ich war fertig zum Zuschließen. Da lag noch die Hagada! Ich dachte schon daran, sie wegzulegen, da, in: letzten Moment, — war es mem guter Genius, der mir so riet? — entschloß ich mich doch, sie mitzunebn:en. Vorsichtig hob ich meine Wäsche in die Höhe und legte sie ganz unten hin. Jetzt war alles fertig und bald schlief ich ein. Die Strahlen der aufgehenden Aprilsonne weckten mich. Eilends kleidete ich mich an, trank schnell meinen Kaffe und reichte meinen: Chef die Hand, in die er etwas Hartes gleiten lieh. Ein Zwanzigmarkstück war es. Dies hob noch mehr meine schon frohe Stimmung, ich glaubte gar nicht, daß es in der Welt Unglück geben könnte. Ich eilte zum Bahnhof, der Zug brauste heran, und bald saß ich behaglich im Koupee 3. Klasse. Ich war so munter, so fidel, die Welt schien mir im rosigsten Lichte. Die Mitreisenden freuten sich über meine Lustigkeit und tollen Einfälle. Und es war kein Zufall, wenn dem großen jüdischen Heroen der letzten Zeit, Herzl, die jüdische Jugend zujubelte, ihm begeistert Gefolgschaft leistete, und bis heute die Fahnenträgerin des jüd.-nationalen Gedankens geblieben ist. Was konnte ein jungjüdisches Herz mehr anfeuern, mehr zünden, als Apostel eines so hohen Volksgedankens zu werden, war es doch das Jdeal, welches jungjüdische Seelen schmachtend, jahrzehntelang suchten, seitdem sie zur Ueberzeugung gelangten, daß fremdnationale Volksgedanken sie nicht ganz erfassen und ausfüllen können, daß bei aller Hingabe für schöne, große weltbewegende Ideale,' dieselben ein jungjüdisches Herz nicht ganz befriedigen können, insolange die eigene Seele Zweifel an das eigene Volksdasein aufkommen lasse. Die jüdisch-nationale Idee gab dem Leben der jüd. Jugend Inhalt, der zion. Gedanke eröffnete ihr Aussichten, die dem bis nunzu nur Allerweltsauge verschlossen blieb, und ließ Saiten in der jüd. Seele vibrieren, die erst jetzt in Harmonie ausklangen, ja erst jetzt den Ressonanzboden für andere große Ideen und Gedanken abgaben. Unter dem Brennglase des zion. Gedankens, konnte erst die jüd. Jugend in die so sehr blendende Sonne großer Allerweltsgedanken sehen, ohne geblendet zu werden, ohne dann flimmernden Blickes, wirr und irre zu sehen! Und gerade die Passachfeier in diesem Jahre ist dazu bestimmt, uns unserer Jugend besonders zu erinnern! Ein neues Mizraim, eine neue tyrannische Herrschaft, hat ihren Schlund endlos aufgerissen, ״und droht", neben der allgemeinen Weltcultur, ganz besonders die jüdische Freiheitsbewegung zu vernichten, die kaum flügge gewordene jüdisch-nationalen Regungen mit mosko- ״Ach", sagte ein bejahrter Herr, der mir gegenüber saß, ״ich bin jetzt 60 Jahre alt, wenn ick) nur noch einmal jung würde, noch einmal die schöne Jugendzeit durchleben könnte." Unter diesen Gesprächen liefen wir in Darmstadt ein. ״Nach Mainz, Wiesbaden, Aschgffenbürg umsteigen!" Ich stieg aus, um zum anderen Bahnhof zu gelangen. ״Vergnügte Reise!", riefen die Mitpassagiere. ״Danke, die habe ich!", erwiderte ich übermütig. Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten, und das Unglück schreitet schnell! Meinen Kofser hatte ich etwas beiseite gestellt, um mich be: einem Beamten über den Abgang des nächsten Zuges nach Mainz zu erkundigen, und als ich dann wieder nach ihm sah, war er — verschwunden, gestohlen. Eilends ließ ich meinen Blick nach allen Seiten gleiten, doch nichts war von meinem Eigentum zu sehen. Mehr den: Instinkte als dem Verstände gehorchend, lief ich um die Ecke nach den: Ernst Ludwig-Bahnhof. Da sah ich, wie ein gutgekleideter Fremder mit meinem Koffer seelenruhig die Bahnhofstreppe hinunterging. Bald hatte ich den Fremden gestellt. ״Herr", rief ich keuchend, ״das ist mein Koffer!" ״Der Koffer ist mir", entgegnete der Fremde, ״ich komme von Stuttgart und halte mich hier auf." ״Aber, mein Herr, der Koffer ist mir!" ״Ich ersuche Sie, mich nicht zu belästigen!" rief der Fremde in bestimmtem, aber höflichem Tone. Aber ich ließ mich nicht irre machen. Wie eine Mutter ihren Sohn unter Tausenden herausfindet, so genau kannte ich meinen Koffer. Kurz und Soeben erschienen: ..Krieas-Haaadah".

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