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Jüdische Volksstimme · 1915-03-18 · Heft 10 (18.3.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 10 (18.3.1915)
Date
1915-03-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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«eite & WAUURslW mrwnw!mM MT» Nr. 10. entlocken. Kein Zweifel, daß er die Hamansche Anklage auf irgend eine jener herumstreifenden Horden bezogen habe. Denn nur so begreifen wir, wieso der König bei Esthers Anklage über Haman so sehr überrascht war, während Haman im Bewußtsein, daß er durch seine Schilderung den König irregeführt-, entsetzt und beschärnt dasteht, ohne zu seiner Entschuldigung geltend zu machen, daß doch der König selbst ihm die Erlaubnis dazu erteilt habe. Daß Haman mit seinen heidnisch-abergläubischen Vorstellungen zum Lose gegriffen, ist etwas selbstverständliches. Rätselhaft war nur das Wörtchen ״Pur", das die Megilla mit *גורל Loos erklärt. Nun ist dies seit Jahrtausenden in allen alten Sprachen vergeblich gesuchte ״Pur" jetzt keilinschriftlich mehrfach wiedergefundcn und bedeutet sowohl im Assyrischen als Altpersischen: Würfel, Loos, Geschick. Die Bezeichnung ״Purim" scheint daher sowohl auf das Losen Hamans wie auch die GeschicOvendung Israels hinzudeuten (Vgl. Esther Eap. 9, V. 26). Und die Geschickwendung kam. Esther entschließt sich,' nachdem sie fastend und betend zu Gott sich gewendet, den mit Lebensgefahr verbllndenen Schritt zu tun, um die Gnade des Königs für ihr schwer bedrohtes Volk zu erflehen. Das Glück ist ihr besonders günstig. Der gefürchtete Despote ist in bester Laune und ist bereit, sämtliche Wünsche ihr zu gewähren. Esther jedoch, die ihr Anliegen nur im Beisein Hainans Vorbringen wollte, lädt zuerst den König samt Hainan zu ihrer Tafel. Beide erscheinen und Haman wähnt sich auf der Höhe des Glückes. Esther wiederholt ihre Einladung für den nächsten Tag, wobei sie ihr Anliegen vorzubringen verspricht. War diese Verschiebung aus Mangel an Mut, den großmächtigen Hanmn beim König anzuklagen oder aus kluger Bercchnung? Genug, dem persischen Desvoten, an dessen Hofe Verschwörungen sehr oft vorkamen, konnte die auffällige Gunstbezeigung Esthers für Haman, nicht gleichgiltig sein. Die entbrannte Eifersucht gegen den Günstling, nicht minder aber die Furcht vor dessen möglichen Verschwörung beunruhigten ihn derart, daß sie ihn diese Nacht den Schlaf raubtet?). Er läßt sich aus den Hofannalen vorlesen, und wie gespannt muß er aufhorchen, als die dort verzeichnete Begebenheit von der Treue Mordechais, die einst den Anschlag gegen ׳ihn vereitelte, erwähnt wird. Im Herzen Achaschwerosch, der um sein Leben zittert, erwacht in dem Moment ein heißes Dankgefühl gegen seinen ehemaligen Lebensretter. Und könnte ihm nicht die Umsicht des treuen Mordechai auch jetzt gegen die Pläne Hainans behilflich sein! . . . In der Brust des «Despoten Wogt es. Mit der Dankbarkeit und den! Vertrauen zu Mordechai wächst der Groll und das Mißtrauen gegen Hainan. ויבא המן »Und da gerade fomiut Haman, um den König zu bitten, daß er den Mordechai all den Pfahl hänge, deil er für ihn aufgerichtet." Alles, was jetzt folgt, der für Haman niederschmetternde Befehl, Mordechai zu dekorieren, wie überhaupt der so jähe Sturz und die Verurteilung Ha- Mails lind die Erhebung Mordechais an beffen Stelle zum Großvezier ergibt sich aus delil Seelenvorgange des Achaschwerosch so einfach und natürlich, daß uns die Wahrheit uild Geschichtlichkeit dieses den Bibelkritikern so roiiianhaft klingenden Berichtes aus jeder Zeile entgegenleuchtet. Auch die Schilderung der Hofsitten, wie z. B. der Prachtaufwand beim Gastmahle oder ״die 7 Fürsten Persiens uild Mediens, die das Angesicht des Kölligs schauen durften", entspricht geilall den Allgaben, die wir hierüber bei Herodot (IX, 80—86 und III, 71) finden. Allein, evidenter als alle philologischen und historischen Darlegungen beweist die Geschichtlichkeit und Echtheit 'des Estl>erbnches die Auf- Nlldung mld Bloßlegung des Jahrtausende ullter Schutt gelegenen Palastes des Achaschwerosch durch den Orientalisten Dieulafot?).'Jn seinem Werke über die Akropolis vos Susa (Schuschan) kann er nicht ^enug bewundern die topographi- ‘) So auch die Erklärung Rabas iin Talnlud Megilla 15 b. *) S. A. Markus, Barsilai S. 343 ff. sche Schilderung des Estherbuches'), die die kleinsten Details der Anlage des ungeheueren, eigenartig gebauten Palastes unseres Achaschwerosch ganz genau wiedergibt. Dieulafoy beweist, daß der Verfasser der Megilla in Schuschan gelebt, den Palast aus eigener Anschauung gekannt und das Buch nicht lange nach der Begebenheit und lllindestens 400 Jahre vor der Zerstörung des 2. Tempels geschrieben haben nluß, denn der Palast wurde durch Alexander den Großen zerstört und die Todfeinde der Perser, die Parther, bedeckten ihn mit Schutt, wie es die Perser mit den Palästen ihrer Vorfahren getan hatten. Ebenso gehören nach Oppert sämtliche im Estherbuche vorkommenden Fremdwörter strengstens jener Achämeniedenepoche an und kehren nie, weder im Persischen der nächsten Epoche noch inl Neupersischen wieder. Angesichts all dieser gesicherten Ergebnisse erscheinen alle die mehr oder nlinder geistreichen Hypothesen über das Estherbuch, die dasselbe als tendenziöses Phantasiegebilde hinstellen nlöchten, als schillernde Seifenblasen. Sie zerplatzen vor dem Hauche der Wahrheit. Aber auch in ethischer Beziehung nluß der Versuch einer übelwollenden Bibelkritik denl Estherbuche einen racheschnaubenden Charakter anzudichten, entschieden zurückgcwiesen werden. Die ganze Schilderung im 0. Kapitel bekundet laut, daß die bedrohten Juden Persiens im Gegensatze zu dem im 8. Kapitel mitgeteilten königlichen Erlasse an die Juden, sich an ihren Feinden zu rächen lmd ihre Habe zu plündern, also Gleiches mit Gleichem zu bezahlen (I. Esther Kap. 3, v. 13), sich bloß versammelten. לעמד על נפשם um sich vor den Feinden zu verteidigen, wobei dreimal nachdrücklich betont wird ובבזה לא שלחו את ידם daß sie nach der Beute ihre Hand nicht streckten. Man beachte ferner, daß sowohl in Schuschan als auch in der Provinz nicht der Tag des Sieges, sondern ״der Tag, an dem sie Ruhe fanden" zur Feier eingesetzt wurde (Esther 0, 16—22). . . , : .. . . . Diese Momente zeugen zur Genüge von der moralischen Kraft des jüdischen Stanunes und dem religiös-sittlichen Ernste auch dieses biblischen Buches. Rabbiner Dr. G. Nosenmann, Mähr.-Schönberg. Kimäfclmu. Das zweite Proviant-Schiff. . Das Newyorker Hilfskomite ״American Jewish Relief Comitee" hat am 6. Februar bekannt gegeben, daß es demnächst eine zweite Schiffsladüng mit Lebensmittel nach Palästina abgehen läßt. Hiezu haben gespendet Nathan Strauß 250,000 das Zioni General Comite 125,000, das Relief-Comite selbst 125,000 und Jakob Schiff 125,000 Kronen. Herve als Herold des Messias. Der bekannte Sozialistenführer Herve schreibt in seinem ״L,a guerre sociale" einen Artikel über das bei der Entente jetzt so aktuell gewordene Thema: ״Palästina den Juden!" Zum Schlüsse sagt er: ״Dieser völkerbefreiende Krieg ,nutz mit dem Auferstehen der ältesten Nation, welche die brutale Kraft zerstreut aber nicht bezwungen hat, endigen. Juden, die Ihr seit zweitausend Jahren auf Erden gewandert, durch Euer Märtyrertum die Ewigkeit der Völker, die nicht sterben wollen, zeigend und bis in die Flammen der Scheiterhaufen und unter den Messern der Mörder Eueren festen Glauben in dein Sieg des Rechtes über die Macht bekundend, freut Euch: Euer Messias ist nahe!" Die weltpolitische Bedeutung des Zionismus. In dem ״Rußland" gewidmeten Sonderheft ׳der ״Süddeutschen Monatshefte" schreibt Prof. Josef Hofmitter, der zu den Mitbegründern und Mitherausgebern dieser bedeutenden Zeitschrift gehört, in einem Artikel über ״Rußlands Westgrenze": ״Ein Problem für sich bilden die sechs t ״) Esther 3. 11; 2, 14; 2, 21; 4, 2: 5, 1, 2; 6, 4; 7, 7, 8. Millionen Juden, teils Orthodoxen, t^ils Zionisten, teils sehr moderne Geister. Sie sind im reaktionären Rußland wegen ihrer Rührigkeit und Intelligenz, ihres Dranges nach vorwärts und aufwärts, ihrer ausgesprochenen politischagitatorischen Begabung, ihres Zusammenhalts unter sich lind ihrer Wurzellosigkeit gegenüber dein Reiche im Frieden womöglich noch rechtloser als im Kriege. Der jetzige Krieg bietet endlich die Handhabe, dieses Volk, das Unsägliches erduldet hat und Tag für Tag erduldet, zu befreien und dem zionistischen Teil seinen tausendjährigen Traum vom alten Heimatland zu verwirklichen: Ansiedelung als Ackerbauer und Handwerker in Palästina, wo sie durch ihre Zahl, ihren Expansionsdrang, ihren Widerstand gegen Assimilation ihre fortschrittliche Tendenz^ eine hocheinzuschätzende Hemmung gegen großbritannische Einnistungsversuche bilden würden. Zu den russischen Auswanderern, deren jährlicher Durchschnitt 95.000 beträgt, stellen sie ohnehin das weitaus stärkste Kontingent. In diesem Zusammenhang gewinnt das Problem des Zionismus weltpolitische Bedeutung und Syrien erscheint als ein Land der Zukunft." Der Lodzer jüdische Friedhof, welcher beim Bombardement stark gelitten hat, ist auf Eingabe der jüdischen Gemeinde von der deutschen Stadtverwaltung hergestellt worden. 150 Arbeiter arbeiteten 3 Wochen daran. llOjähriger Flüchtling. Das Warschauer ״Haint" erzählt: Zwischen den nach Warschau geflüchteten Grodsisker Juden befindet sich eine Frau von 110 Jahren. Die Boruch Josselte ruft man sie. Eine historische Antiquität von einer Frau! Vor hundert Jahren als Napoleons Heer bei Grodisk marschierte hat sie schon hier gelebt und nach 100 Jahren irrt sie an derselben Stelle heimatlos umher. Sie ist Hebamme und hat in Grodsisk 12.000 Kinder genommen. ״Ganz Grodsisk gehört mir!" rühmte sie sich stets. Sie steht allein da. Einige Kinder . 'arben ihr, die anderen wanderten nach Amerika aus; sic weiß jetzt nichts von ihnen. Die Thorarolle von Slonim. Beim Abmarsch der Truppen ging auch der Slonimer Rabbi Mordechai nach und weinte wie ein kleines Kind. Er riß die Kleider von sich. Er gab den Soldaten eine Thorarolle mit und sagte: ihre Reinheit möge Euch vor den Kugeln des Feindes schützen. Das Regiment hat die Thora sehr respektiert und man trug sie gleich der Fahne mit einer Ehrenwache. Der Feind war stärker, als der Seaen des Rabbis. Gleich wie die Trnvpe auf das Schlachtfeld kam blieben blos einige Verwundete". Die Thorarolle gehört in den Thoraschrein. Doppelt-Minjan im Schützengraben. Im ״Den" erzählt ein russisch-jüdischer Schriftsteller von seinem Besuche in einem koscheren Hospital, von dessen 97 Patienten 90 religiöse Juden sind, welche sich koscher verköstigen. Ein verwundeter Soldat, ein hervorragender Talmudgelehrter, saß über einem mächtigen Folianten. Er erzählte, daß er einmal zwanzig jüdische Solbaten mit Tallis und Tefillin bekleidet zu einem Morgengebet im Schützengraben versammelte. Der Rottenführer war sehr zufrieden und sagte, solches Gebet müsse erhört werden. Die Mikwah als Badeanstalt für deutsche Soldaten. Die Juden in Mlawa, Russisch-Polen, haben, so schreibt ein deutscher Kriegsberichterstatter, ihre Synagoge, vor.der man am Sabbat vormittag eine Musterkollektion der erlesensten ״Typen" bewundern kann. Demselben Studium kann man sich am Freitag nachmittag bei der — es ist kein Druckfehler — Badeanstalt hingeben. Es gibt in Mlawa ein von der jüdischen Gemeinde errichtetes Badehaus. Allerdings hat die Militär- Verwaltung jetzt den größten Teil davon für sich in Anspruch.geno-nmen, in erster Linie mit den von der Front abgelösten Truppen Gelegenheit zu geben, sich zu reinigen und sich von unliebsamen Begleitern zu befreien. — Die ״Behändlung" dauert eine Stunde. Während die Leute in der Badeanstalt, die übrigens auch sechs Offizierszellen hat, int warnten Wannenbad ihren

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