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Jüdische Volksstimme · 1915-03-18 · Heft 10 (18.3.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 10 (18.3.1915)
Date
1915-03-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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CtittX WiAAIIfHE VIllipiRlX* M. lö Sara Flesch und schildert an der Hand von Urkünden den Werdegang des Jubilars, Adolf Flesch, der frühzeitig die weite Welt als Handwerksbursche fast immer zu Fuß durch zog und es durch Fleiß und Tüchtigkeit zu einer solchen Meisterschaft brachte, daß dessen Fabrikate in Sohlleder alle ausländischen vom Markte verdrängten. Die k. k. Hofkanzlei in Wien gewährte chm unterm 19. Dezember 1846 auf besten Ansuchen die Seßl)aftigkeit in Brünn und die Konzeffion zum Betriebe der Rotgärberei daselbst. Unermüdlich schaffend, lebte dieser Mann auch in besseren Tagen einfach und bescheiden, verkehrte mit seinen Arbeitern leutselig, ja kameradschaftlich, gewinnend mit der Außenwelt und nahm im öffentlichen Leben eine sehr geachtete Stellung ein. Für das Wohl seiner Familie bedacht, hatte er auch Sinn und Herz für die Allgemeinheit und seine Glaubensgenossen. Er starb jäh und unverhofft am 20. Dezember 1879 im 66. Lebensjehre. Was an diesem mit vielem Fleiße, großer Mühe und Gründlichkeit bearbeiteten Buche von allgemein kulturhistorischem Werte ist ' und dem Autor, zugleich Verleger des Buches den Dank weiter Kreise sichert, ist die Heranziehung verläßlicher Daten aus Archiven, Gemeindebüchern, Wissenschaftlichen Arbeiten, Familienerrinnerungen, die in ihrer Gesamtheit den Wert einer Familiengeschichte weit überragen u. ihn tm Gegensätze zur bescheidenen Meinung des Verfassers zu einer literarischen, ganz eigenen Art erheben. Zur besseren Orientierung hat der auch für sich verwandschaftliche Beziehungen nachweisende Verfaffer die Geschichte der Familie Flesch in 4 Abschnitten nach ihrer Herkunft, Frankfurt a. M., Wien, Neu-Naußnitz und Nikolsburg, gesondert behandelt und mit zwei Stammtafeln versehen. Mrt besonderer Sorgfalt und Ausführlichkeit ist der Geburtsort des Geehrten, nämlich New Raußnitz, besprochen, welcher Gemeinde ein gut Teil seiner berühmten Lokalgeschichto und die Namen ihrer Rabbiner seit dem Jahre 1666 der Reihe nach erläuternd vor Auge geführt werden, wol auch als Lohn für di׳e Förderung dieser mühevollen Arbeit durch Beistellung von Daten und Erteilung von Auskünften des Sekretärs Herrn Leopold Stößler in Neu-Raußnitz. Der Verfasser des Buches widmet zum Schlüsse selbst Worte besonderen Dankes dem Direktor des mährischen Landesarchivs Prof. Dr. B. Bretholz in Brünn und Dr. Bernhard Wachstem in Wien, Bibliothekar der Wiener Kultusgemeinde und gelehrten Archäologen für die wissenschaftliche Mit- Hilfe zur Ausführung dieses Werkes, welches auch der Schreiber dieses Artikels mit seinem und dem herzlichen Danke seiner Heimatsgemeinde hiemit quittiert. Er schließt mit dem Wuüsche, es mögen künfrade so ruhig und gleichgültig, wie er den Essig getrunken hatte, ohne ein Wort der Befriedigung oder des Dankes von sich zu geben. Der Mann war gegen alle irdischen Genüsse unempfindlich, er ״lernte" mit den Söhnen, unterhielt bei Tlsch und abends den Hausherrn in gelehrter und so interessanter Weise, daß Herr Rotschild vor Vergnügen strahlte, wenn Reb Baruch so anspruchslos seine tiefe Gelehrsamkeit und seinen Witz und Humor zum besten gab. ״Eine famose Akquisition", sagte Herr Rothschild für sich. ״Eine schreckliche Akquisition", klagte die Frau, ״das ist ja ein undankbarer Mensch sondergleichen, dem ist es ganz gleich, ob ich ihm eine Gänsekeule zum Frühstück auf das Zimmer schicke oder ein einfaches Butterbrot oder trocken Brot, er ißt das eine so ruhig und selbstverständlich, wie das andere, das ist doch eine Sünde gegen Gottes Gabe und eine Undankbarkeit gegen meine aufmerksame Bewirtung, wo ich doch förmlich darauf sinne, ihm etwas zugute zu tun." ״Nun", dachte Herr Rothschild, ״ich werde den Mann schon dahin bringen, daß er sich verwundert und die Vorzüge unseres Tisches anerkennll" Herr Rothschild war reich genug, um sich auch ein teueres Vergnügen leisten zu können, und so besorgte er denn für den nächsten Sabbat ein kleines, Tellerchen von frischen Kirschen aus dem Treibhaus und ließ es nach dem reichen Mittagsmal als Nachtisch auftragen.. Reb Baruch aß von den Kirschen, als wenn er gewöhnt wäre, tige Geschlechter der Stätte, wo ihre verdienstlichcn Ahnen Abraham und Josef Flesch geboren wurden, rühmlichst gewirkt haben und nun in Frieden ruhen, in Treue und Pietät fortan eingedenk bleiben. Wien, Februar 1916. Anton LSw. *) Druckfehlerberichtigung. In Nr. 8 dieses obigen Artikel enthaltenden Blattes soll es in der 2. Spalte, 4. Zeile heißen: Vaters statt. Großoaters, in der 64. Zeile: Vornehmen, statt Vorahnen, in der 3. Spalte, in der 24. Zeile: unediert statt undeutlich.. Der Verf. Schreckenstaten der Rügen in der Bukowina. Der Kriegskorrespondent der Frankfurter Zeitung schreibt: Während meiner nun abgeschlossenen Bereisung der Bukowina auf verschiedenen Linien war ich bemüht, die im Kriege stets Vorkommenden Uebertreibungen der Schandtaten des Feindes objektiv zu überprüfen. Die von mir eingesehenen Protokolle, mit deren Aufnahme alle zuständigen Behörden der Bukowina noch sehr beschäftigt sind, sowie mündliche Angaben der Gendarmerieoffiziere haben leider furchtbare Tatsachen egebey. In Czernowitz wurden noch zur Zeit der dortigen Russenherrschaft 142 Protokolle über Raub, schwere Verletzungen und Schändung ausgenommen, die sämtlich kein Eingreifen der russischen Behörden bewirkten. Auf Beschwerde wurde erklärt, man solle froh sein, daß überhaupt Protokolle ausgenommen werden. In der Stadt waren das Judenviertel, die Offizierswohnungen und die Villenvorstadt, in der viele Beamte wohnten, die beliebtesten Gegenden für schwere Exzesse. Besonders die Bahnhofstraße, die Judengasse und die Springbrunnengasse wurden heimgesucht. In Sadagora und der Vorstadt nördlich des Pruth, in Suczka, wurde am Tage des letzten Abzuges, am 17. Februar, noch ein Pogrom veranstaltet, wobei vier Juden getötet wurden, einer darum, weil er seine junge Frau vor der Schändung bewahren wollte. Bei Sereth wurde sogar der griechisch-orientalische Pfarrer geprügelt, an einen Baum gebunden und dann gezwungen, der Schändung seiner eigenen Frau zuzusehen. In Jablonitza wurde ein Haus angezündet und verboten, etwas daraus zu retten. Der unglückliche Besitzer, ein Jude, holte sich, um in der kalten Nacht nicht zu erfrieren, trotzdem zwei Decken. Er wurde gekveuzigt und ein Posten bis zum Eintritt des Todes aufgestellt. Es ist dies das Dorf am Bialy, Czeremos, nicht das unweit gelegene Jabloniea am Tatarenpaß. Der grauenhafteste Mord wuralle Tage im Winter solche seltenen Deliktessen zu genießen. Herr Rothschild ärgerte sich darüber im Stillen und wollte seine Bewunderung direkt herausfordern, der Mann sollte durchaus mit klaren Worten die Ehre anerkennen, die man ihm erwies. ״Hat man denn bei Ihnen in Rußland auch schon Kirschen am Schabbes Chanukah? fragte er einleitend. ״Oi", antwortete Reb Baruch und machte mit der Linken eine wegwerfende Bewegung, während er den Kopf mit einer Mundverziehung noch rechts neigte, ״das is schon gor nix, bei uns in Rußland hat man schon Schabbes Nachmu Kirschen." Herr Rothschild ergab sich lächelnd in seinen Mißerfolg und Frau Rothschild tröstete sich im Stillen mit den Worten: ״Ein so unempfindlicher vor lauter Bescheidenheit undankbarer Hauslehrer, ist zwar etwas ärgerliches, aber er ist wenigstens bequem, er wird mich auch nicht so tyrannisieren, wie es der Herr Doktor getan." Nur die Köchin gab sich nicht zufrieden, sie entbehrte zu sehr das anerkennende Lob, wie es ,k׳cr Herr Doktor früher ihrer Kunst in über- 'schwänglichen Worten so oft gespendet, wenn es ihm besonders gut gemundet hatte. Dagegen fiel es kaum ins Gewicht, daß der anspruchsvolle Feinschmecker ungeniert gemäckelt hatte, sobald etwas nicht gelungen oder nicht mich seinem Ges-k,macke gewesen. Ein anerkennendes Wort von de aber am 14. Februar an dem reichsten Bürger van Storazynetz südlich Czernowitz begattgen. Er wurde nachts ohne Angabe eines Gründes aus dein Bette geholt, am Morgen von vier Soldaten abgeführt und gehängt, der Strick riß ledoch, worauf Isaak Zellermayer der Hals durchgeschnitten wurde. Dann stachen die Russen der Leiche die Augen aus, beraubten sie und 110־ zen sie nackt im Schnee liegen. Ich selbst habe n Storozynetz noch einen Zettel auf einer Teegraphenstange kleben gesehen, wo aus Todesangst vor den Russen nur gesagt tvar: ״Ein jähes Geschick hat ihn uns plötzlich entrissen." Dies einige Beispiele der Bestialität russischer Truppen in der Bukowina. Ausdrücklich muß ich aber hervorheben, daß sich die Turkmenen unter den Russen musterhaft benommen haben. Sie agten, ihre Religion verbiete ihnen jede Gewalt an der unschuldigen Bevölkerung. Die Geschichtlichkeit des Buches Esther. (Schluß.) Das Nicsenveich des Achaschwerosch erstreck- :6 sich nach den Angaben Herodots (IN, 07, 08) in der Tat von Indien bis Zentralafrika-Actiopien also genau, wie es in der Megilla heißt מהודו ועד פוש Letzteres wurde bereits von Kambyses (im 6. Jh.) erobert. Ebenso muhten die Indier schon Darios, dem Vorgänger des Achaschwerosch Abgaben entrichten. Das Gesamtreich zerfiel Wohl nach Herodot III, 80 bloß in 20 Satrapien, aber jede Satrapie umfaßte mehrere Völker, somit mehrere Provinzen, woraus sich die Zahl der 127 Provinzen in der Megilla leicht erklären läßt. In diesem weit ausgedehnten Reiche gab es neben den Stämmen des eigentlichen Perser- Volkes auch sehr viele No madenstämme, Hirten und Wanderhorden, die ein wildes Beduinenleben führten und weder dem Gesetze noch irgend welcher Staatsgewalt sich fügten. Unter diesen wilden Stämmen hatten die Perser oft sehr viel zu leiden. Diese ethnographischen Verhältnisse benutzte nun der von Achaschwerosch zum Großvezier ernannte Haman, um seine Rachepläne gegen Mordechai und die jüdische Bevölkerung des gesamten Perserreiches auszuführen. In höchsMhinterlistiger Weise spricht er an Achaschwerosch von einem ״zersprengten, zerstreuten, gegen Gesetz und Staatsverfassung sich au'slehnenden Stamme", ohne dessen Namen zu nennen. Der launische, unselbständige König läßt sich, ohne viel zu fragen, die Genehmigung zur Vernichtung dieses ganzen Stammes leicht dem bescheioenen, mit allem zufriedenen Manne inußte doch zu erringen sein. ״Darf ich Ihnen heute einmal zum Frühstück einen Teller gute Hühnersuppe auf Ihr Zimmer schicken, Reb Baruch?" fragte sie nach einigen Tagen. Der Herr Doktor hatte schon bei einer solchen Frage irnmer freundlich gedankt und ausgerufen: ״Was sind Sie doch für ein Prachtvolles Mädel"; aber dieser Reb Baruch bewegte, wie ein Wagebalken schwankend, den Kopf hin und her und sagte: ״Mir ist alles gleich, wenn Sie gerade nichts anderes haben, eß ich auch Hühnersupp." ״Das ist doch zu arg", sagte die Köchin, ״ich will ihm was zugute tun und er stellt sich an, als ob er mit dem Besten gerade noch aus Bescheidenheit zufrieden sein wollte." In ihrem Aerger schnitt sie einige Brocken Weißbrot auf einen Teller, goß warmes Wasser darüber und trug es ihm auf das Zimmer. Zu ihrer stillen Verwunderung löffelte Reb Baruch das Wasser und die Brocken ruhig aus. ״Was sind Sie doch für ein undankbarer Mensch, Reb Baruch", sagte sie, ,den Deller wegnehmend, ״das war gar keine Hühnersupp, das war warmes Wasser." ״Ich lveiß", antwortete Reb Baruch, ״bei uns in Rußland ist warm Wasser SuPP für die Hühner". Von da ab ließ auch die Köchin ihn in Ruhe, aber sie blieb dabei, ״ein anspruchsloser Doktor ist mir lieber, als ein bescheidener Hauslehrer."

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