Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1915-03-18 · Heft 10 (18.3.1915) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 10 (18.3.1915)
Date
1915-03-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2621806-2621945-2621955--3185-2624351
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

0 entity mentions (1 not found in this text)

Mta. XVI, Erscheint leben Mittwoch Nummer 10. > Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. ganzjährig . .. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig. . Kronen 12— . Mark 12— Herausgeber: Max Hickl. Inserate: die Ospaltige Petitzeile 30 h. . Rubel 6— Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- Balkan, Frankreich.. . . Frank» 14— riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. -1 » 1 1-—--i Wien—Budapest. Brim». -- LiLM. Prag—Lemberg. In keiner jüdischen Familie fehle die Kriegs-ijagadab פסח bt> הגדה Zur Erinnerung an den Weltkrieg , —: 1914-1915 - reichlich illustriert in schöner Ausstattung mit Geleitwort von Se. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. D. Feuchtwang, Wien. Preis brochiert inkl. Porto K —'85, brochiert, ohne Ueber- Setzung K —'25, gebunden K 125׳.K 1.50 Die Hagadah eignet sich für Schule u. Haus. Wiederverkäufer, Kultusbeamte, Lehrer erhalten entsprechenden Rabatt. Feuilleton Ein bescheidener Hauslehrer. Humoreske Von 0., Luß-Mannheim. Seit einem Jahre schon drängte Nathan Rothschild seine Frau, daß es so nicht weiter gehen könne, es müsse durchaus wieder ein Hauslehrer beschafft werden. ״Was sotten wir denn mit einem Hauslehrer?" warf die junge Frau Rothschild zum hundertsten Male ein, ״unsere Jungen sind doch nun im Gymnasium und kommen in allen Fächern glänzend mit; ich bin froh, daß ihr früherer Hauslehrer fort ist, der Herr Doktor war gar zu anspruchsvoll und kommandierte das ganze Haus. Ich ertrug seine Tyrannei nur deshalb so geduldig, weil die Kinder so gut bei ihm lernten." Wenn Frau Rothschild ihre Meinung auch noch so entschieden vorbrachte, Herr Nathan Rothschild kam immer wieder auf seinen Plan zurück und blieb dabei, es müsse wieder ein Hauslehrer engagiert werden, du die Knaben jetzt gar keine Gelegenheit hätten, sich in die hebräische Literatur zu vertiefen, Herr Rothschild selbst war ein tüchtiger Talmudgelehrter, aber in seinem großen Geschüft war er so in Anspruch genommen, daß er nur am Sabbat zum ״Lernen" kam. Das ge- Der Schreckensbefehl der ruff. Heeresleitung. Aus dem Kriegspressequartier wird gemeldet: In Galizien wurde folgende Anordnung der russischen Heeresleitung öffentlich kundgemacht: ״Die Erfahrungen des Krieges haben uns die feindselige Stellung der jüdischen Bevölkerung Polens, Galiziens und der Bukowina deutlich gezeigt. Das jedesmalige Verlassen dieses oder jenes Rayons und dessen Einnahme seitens unseres Gegners führt zu heftigen Maßregeln gegen die mit uns sympatisierende Bevölkerung, gegen welche die Juden sowol die OMerreicher als auch die Reichsdeutschen aufhetzen. Um die uns ergebene Bevölkerung vor Grausamkeiten u. unsere Truppen vor Spionage, welch letztere die Juden auf der ganzen Front ausüben, zu beschirmen, hat der a. h. Armeekommcmdant durch einen Erlaß das Verbleiben dex Juden im Rayon westlich der Stadt Jaroslau verboten und zur Verhinderung eventueller Verleumdungen der friedlichen mit uns sympathisierenden Bevölkerung seitens der Juden und zur etwaigen Auffindung von Spionjuden anbefohlen, Geiseln zu nehmen, auf welche die Strafe auferlegt wird: Todesstrafe durch den Strang. Für jeden einer Strafe seitens der Oesterreicher oder Reichsdeutscheu unterworfenen ז friedlichen Bewohner und für jeden gefangenen Spionjuden werden zwei Geiseln zur Verantwortung gezogen. Diese Maßregel wird ausschließlich im Interesse der friedlichen, mit uns sympathisierenden Bevölkerung, zu deren Schutz vor den Aufhetze reien unseres Gegners auf dieselbe auf Grund der Verleumdungen der Juden getroffen und er nügte ihm nicht, seine Söhne sollten jeden Tag eine oder zwei Stunden im Talmud studieren. Wenn er seiner Frau vorstellte, daß er als Talmudlehrer einen ganz bescheidenen von den häufig vorsprechenden, Almosen heischenden Wanderern nehmen könnte, dann wehrte sie sich mit allen Kräften dagegen; denn, sagte sie, das sind die anmaßendsten Leute, deren Unbescheidenheit nicht einmal durch allgemeine Bildung gemildert wird. Da kam mitten im Winter, am ersten Tag Chanukah, ein Wanderer, der dem Herrn Nathan Rothschild durch seine Sauberkeit in der Kleidung und durch seine feinen, durchgeistigten Gesichts-! züge beim ersten Anblick sympathisch war. Er! ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein und entdeckte;1in dem jungen Polen eine erstaunliche Belesen-!heit im Talmud und der ganzen jüdischen Literatur. Den behalte ich, dachte er und führte ihn ins | Wohnzimmer, um ihn seiner Frau vorzustellen. ״Ach, laß doch dem Reb Baruch ein Glas Wein hereinbringen", bat er seine Frau, ״es steht noch eine angebrochene Flasche von dem neuen Wein draußen, die ich heute als Probe abziehen, ließ." p Reb Baruch leerte in sehr kleinen Schlückchen | das Glas und ließ sich zu jedem Schluck aufs neue nötigen. ״Schmeckt Ihnen denn der Wein nicht?" fragte Herr Rothschild, ״es ist doch eine sehr gute ' Sorte." scheint als erzwungenes Resultat einer sechsmonatigen Geduld und der festen Ueberzeugung von der Illoyalität und Grausamkeit der Juden der Ortsbevölkerung gegenüber". Echt russisch! Zur Geschichte der mährischen Juden. 11. Um dieselbe erwarb sich Philipp Flesch unvergängliche Verdienste. Bis zum Jahre 1836 jüdischer Verzehrungssteuerpächter in Neu- Raußnitz, pachtete er später die Obrowitzer Maut und übersiedelte 1851 gänzlich nach Brünn, wo er vielfach überaus verdienstlich wirkte und zu hohem Ansehen gelangte. Er starb im hohen Alter von 90 Jahren im Dezember 1881. In dem Nachrufe, den ihm Landesrabbiner Dr. Placzek widmete, heißt es: ״er war Mitbegründer der Brünner Synagoge, half den Friedhof er- 'werben und war emcr der eifrigsten Förderer iller Gemeindeinstitutiouen. Mit viel Geschick lnd Eifer trat er für die Ehre und das Wohl einer Glaubensgenossen im ganzen Lande ein u. perstand es auch, selbst an ven Stufen des hohen Tranes wiederholt erfolgreich einzutreten für die Interessen seiner Brüder. E!n schlichter, einfacher Mann, ein abgesagter Fciuo von Prunk und Aufwand, voll Verständnis für alle weltbewegenden Fragen, voll Liebe für seine Glaubensgenossenschaft, verstand er es, durch die. Gediegenheit seines Wesens, sich überall Geltung zu derschaffen." Die Brochure betreffend, bringt sie uns nebst den Abbildungen von Adolf Flesch' Vater jene seiner Eltern Philipp (Salomon) Flesch und ״Was weiß ich von Wein?" antwortete Reb .Baruch.achselzuckend, ״er schmeckt sauer wie aller Wein." ״Sauer?" Dieser feine, teuere Wein sauer?" rief Herr Rothschild erregt, ließ sich sofort ein Glas bringen, schenkte für sich ein, nahm einen kräftigen Schluck und — spie ihn sprudelnd und sich schüttelnd aus. ״Um Gotteswillen," schrie er, ״was ist das? Das ist ja Essig! Ach, Reb Baruch, was tut mir das so leid! Und Sie haben ohne zu zucken das schreckliche Getränk ausgetrunken! Warum haben Sie denn nicht gleich gesagt, das das Essig ist?" ״Was weiß ich von Wein?" wiederholte Reb Baruch, seinen Körper verrenkend, ״es tut mir nur leid, daß ich eine falsche Brocho gemacht habe." ״Das ist wirklich ein Muster von Bescheidenheit", sagte fünf Minuten später Herr Rothschild im Salon zu seiner Frau, ״den behalten wir, der wird dir nie durch seine Ansprüche lästig werden", und — die Frau war einverstanden. In den nächsten Tagen aber fing Frau Rothan. sich über die Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit des neuen Hauslehrers zu ärgern. Um ihn für die anfangs bereitete Enttäuschung zu entschädigen, stellte sie ihm nämlich die besten, leckersten Sachen vor in der Hoffnung, em Wort naiver Bewunderung und dankbarer Anerkennung zu hören, aber der neue Hauslehrer aß ttnb trank die guten Dinge, die man ihm vorsetzte, gc- Soeben erschienen: ״Kriegs-Hagadah".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.