Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1915)
- Date
- 1915-03-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. s Mtc S. Fähnrich Dr. Rosenberg. Mitte Dezember vorigen Jahres ist am nördlichen Kriegsschauplatz Dr. Abraham Hersch Rosenberg, Advokaturskandidat aus Drohobyez, Fähnrich d. Res. des 88. Landw.-Jnfantcrieregi- Nantes, gefallen. Dr. Rosenberg rückte bei der Mobilmachung als Kadett ein, nahin teil an den Kämpfen bei Lublin, wo er dreifach verwundet wurde und sich außerdem eine Lungenentzündung zugezogen hat. Nach zwei Monaten genesen, rückte er wieder zum Regiment ein, avancierte zmn Fähnrich, kämpfte bei Limanowa und fiel einige Tage nach der Schlacht bei einem Offizierspatrouillengang. Dr. Rosenberg war Sohn armer Eltern, die sich gegenwärtig in Drohobyez befinden und von ihrem traurigen Schicksal keine Ahnung haben. Samuel Mohr s. A. Wien. Am 16. v. M., schied der bekannte Bethausvorsteher Samuel Mohr, Vorsitzender der Bezirkskommission für die Bezirke 12 bis 15, sowie Besitzer zahlreicher anderer Ehrenämter n. Würden, aus dem Leben. In ihm verliert seine Familie ihr liebevolles.Oberhaupt, das allen, die sich an ihn wandten, mit Rat und Tat beistand. Die große Beteiligung an seiner Beerdigung bewies, welcher Beliebtheit sich der Verewigte in allen Kreisen erfreute. Die Herren Rabbiner Dr. Taglicht, Kultusvorsteher Steiner, kais. Rat Beer, Anton Pick und Wilhelm Mannheim sprachen an seiner Bahre. Unter den Anwesenden bcmerkte inan Herrn Rabbiner Dr. Grunwald und Frau. Polizeirat Prebril. Stabsarzt Fürbaß, I. Schneiderhahn, Altbiirgermeister von Meidling, kais. Rat Kauders, kais. Rat Gewitsch, die Kommerzialräte Baß und Simon, Herrn Kultusvorsteher Steiner, Herrn Romani sowie Herrn Moser und Frau usw. Der Rabbiner als Bürgermeister. Die zionistische ״Rasswset" erzählt, daß die in Wladislaw einrückenden Deutschen den Zivilrabbiner Nonin nötigten, die Bürgermeisterstclle zu übernehmen. Er ward genötigt Lebensmittel zu requirieren. Nachdem die Russen eingezogen waren, denunzierten ihn die Polen; aber die Bewohner bezeugten, daß der Rabbiner sich nur der Brachialgewalt gefügt hatte. — Die׳ Deutscheu hatten auch den greisen Gemeinderabbiner Willenski geheißen, die Garantie für die Sicherheit zu übernehmen, er aber sagte fest und bestimmt, daß er sich nur um religiöse und wissenschaftliche Dinge kümmere. Er habe übrigens den Amtseid für dierussische Regierung abgelegt und könne denselben nicht brechen. Da auch eine Drohung nicht nützte, entließ ihn der deutsche Offizier mit achtungsvoller Haltung. In der hundertsten Schlacht. __ Emerich Jozsa, Kadett in der ersten Kon:- pagnie des 28. Infanterieregiments, sin bürgerlichen Leben Beamter der ungarischen Bank, kam am 6. August auf den südlichen Kriegsschauplatz. Bis zum 80. August kämpfte er heldenmütig gegen die Serben, kam dann nach den! Norden und nahm an zwanzig Gefechten mit unübertrefflichem Heldenmnt und Entschlossenheit teil. An! 4. Dezember, gerade in dem hundertsten Gefechte, fiel er inmitten eines Basonettangriffes zwischeu Nogowiec und Stawka. Der junge Held wurde auf dem Kriegsschauplätze om Korporal zuin Kadetten befördert und an: 7. Oktober im allerhöchsten Tagesbefehl belobt, lieber seinen Tod schrieb Oberst Rudolf Hahne an die tiefgebeugten Eltern: ״An der Spitze seiner gegen die Russen im Angriffe vorgehenden Abteilung, wie immer heldenhaft, begeisternd vorausstürmend, hat Ihr braver, von uns allen sehr hochgeschätzter Sohn den Heldentod gefunden. Ehre seinen: Andenken!" . Goldene Tapferkeitsmedaille. Der im Temeser Komitat geborene 24jähr. Privatbeamte Oskar Beer, Zugsführer in der 8. Komp, des 1. Budapester Honvedinfanterie- Reg., hat sich in: vorigen Monate auf den: nördlichen Kriegsschauplätze ganz besonders ausgezeichnet. Als bei Grodovice der Batt.-Komm. verwundet wurde und die übrigen Offiziere gefallen waren, übernahm er das Kommando und hielt guf den Felstiner Höhen den Feind elf Tage lang auf, bis er Verstärkungen erhielt. Nach Einlangen der Verstärkungen wurden mehr als 100 Gefangene gemacht. Für sein tapferes Verhalten wurde er auf dem Schauplatze seiner heldenmütigen Waffentat zum Stabsfeldwebel befördert und mit der goldenen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Einige Zeit später wurde er verwunbet und in das Rote Kreuzspital nach Klausenbürg gebracht. Oskar Beer ist der Sohn eines jübischen Gutsbesitzers in Gatalja im Temeser Komitate. Der Weltkrieg und sein Mahnwort an das jüd. Proletariat. P r o ß n i tz, beit 26. Feber 1915. Brief der Kreisleitung Mährens des Jüdischen HandlungSgchilfenverbandes. Mehr als ein halbes Jahr tobt an den Grenzen und in den östlicheil Gebieten der Monarchie wie in dem gesamten Europa der Kampf, ein Kampf für die Kultur, wie ihir die Erdenbcwohner noch nie miterlebt, ein Weltkrieg nenneu wir ihn. Das Natürlichste von allem ist die Folgeerscheinung, das Vordringen der Frage nach dem eigenen Ich in gewisser Hinsicht gegenüber dem guten Willen an dem Wohle aller zu bauen. Vielleicht liegt dieser Ursache ein berechtigter Grund zu Boden, denn was wir für die anderen tuen, ist das Opfer, das wir willig für jene geben, die nlit eigenem Leib in dem großen Kampf stehen, ist die Gabe für jene, die wirklich heute schon stark in Mitleidenschaft gezogen. So kann es uns nicht wundern, wen!: das Interesse an großen Vereinigungen, die mehr oder minder für den Frieden gedacht sind, fehlt, aber wie notwendig auch dieser zu gedenken in solcher Zeit ist, sollten wir uns doch vergegenwärtigen. Als der Krieg begonnen, da glaubte man, die Welt wird stehen bleiben und alles, alles wird sich der großen Sache widmen; es kam anders, wir wurden eines besseren belehrt. Der Krieg selbst gab den am eigenen Herde Zurückgebliebenen eine Fülle von Arbeit, zumal die vom Staate verteilten Heereslicferungen so viel Arbeiter in Anspruch nahmen, daß man darangehen mutzte, diese vom Waffendienste zu befreien. Es wird daher nicht wundern, wenn cs gewisse Handwerker gibt, die gerade jetzt Lohnerhöhungen uild Teuerungszulagen sich bei ihren Herren durchzusetzen wußten. Es wäre falsch und eine Lüge, wenn jemand behaupten würde, das Handwerk leidet, es leidet höchstens nur in jenen Zweigen, wo es Lurusgebiete in sich faßt und hiezu gehört bekannlich nur ein ganz geringer Teil. Anders verhält es sich mit den Privatbeamten. Ihr Los tritt ein bißchen dunkler zutage. Anfangs waren sie zufrieden, wenn der Chef aus Gefälligkeit ihnen den halben Gehalt auszahlte und sie nicht kündigte. Eine lange Zeit war diese Art der Entlohnung üblich und erst ein Staatsverbot für die Heereslieferanten hat dem Umstande ein Ende gemacht. Leider braucht man eine viel zu geringe Anzahl von Angestellten zu diesen Lieferungen und so ist es nur ein geringer Teil, der langsam wieder in seine normalen Verhältnisse kam und bei den teueren Zeiten wenigstens den alten Lohn erhielt. Immer aber gab es noch zu viele, die keine Anstellung finden konnten, die sich von heute auf morgen ernährten. Erst durch die steten Einberufungen wurde die Frage nach geschultem Personal größer und erst jetzt kam der alte Konkurrenzkampf zur Geltung. All das Gesagte führt uns aber auf das Wort Goethes zurück und mahnt uns zu bedenken: ״Es nährten seine Jugend gute- Geister zwischen Klippen im Gebüsch." Die Kricgszeit, sic soll uns Angestellte neue Ideen gegeben haben in den Klippen der Zeit, die wir verleben, suche nun: den neuen Geist, der uns zuruft, die Einigfeit, sie kam: Euch helfen und wer dies sich vor Augen führt, wird anders nun von einer Organisation der Angestellten im Kriege denken, er wird sich sagen, wenn ich kann, so muß ich meinen Kollegen zuliebe ganz und gar die Pflicht dieser gegenüber erfüllen. Wir waren gewiß noch zu wenig organisiert oder falsch geeinigt, denn sonst hätten uns die Tage nicht so hart treffen dürfen. Weniger Politik in unsere Sache, mehr organisatiorische Arbeit leisten. Gewiß sind alle Angestellten hart vom Schicksal betroffen, doch sehen wir uns die eigentlich Leidenden an, so sind es jüd. Arbeiter, denn gerade diese finden doppelt schwer einen Erwerb. Ihre Gestalt, ihr Außeres wird in Berücksichtigung gezogen u. erst nach der Akzeptation sein Geist gewertet. Wie viele kainen jetzt zu uns um Hilfe, weil sie kein anderes Lager aufnehmen wollte. Der Krieg hat uns also die Augen geöffnet und die gute!: Geister rufen uns aus ihren Verstecken hervor, auf eigenen Füßen müsset ihr euch einigen, alle in einem, in euerem Lager beisammen sein. Eueren Stammesbrüdern aus dem Osten die Sitten der zivilisierten Welt des Westens lehren, einer den anderen in all dem unterrichten, was er nebst seinen eigenen Beruf im Leben brauchen wird. Von den Bergen von der Ebene strömet zusammen, werdet ein See, eine Masse und sie wird hinreichen, uin das Judenclend zu mildern, denn ihr» werdet in guten Tagen wirklich für Euere Sache etwas geleistet haben, und das wird dann auch in schweren Zeiten von Euch genossen werden können. Wenn Ihr jetzt von Eueren eigencn Kapitalisten weniger geschätzt wurdet und diese auch mit milden Gaben helfen wollten, werden sie in der Zukunft es mnso besser wissen, daß auch der jüdische Angestellte kein Bettler, sondern ein Arbeiter ist, und seinem Ansuchen nach Anstellung nur in den seltensten Fällen die Bitte zur finanziellen Unterstützung zugrunde liegt. Darum werte Kollegen, die Ihr bereits organisiert auf Grund Eueres Judentumes seid, wankt nicht, sondern freuet Euch, jener Organisation anzugehören, die erst fünf Jahre besteht und trotz der vielen Opfer die sie bringt, standhält. Denket, wenn noch weitere dem Kaiser dienen gehen, an jene, die so lange Zeit mit Lust und Liebe ins Feld für ihr Vaterland gegangen, denn je inehr wir für diese heute tun, desto besser zeigen wir unseren Feinden, das alte Judentlnn fürchtet nicht den Krieg, es ist ein geprüftes Volk und bringt seinen: Herrscher gerne jedes Opfer. Die Weiber und Kinder sind doppelt versorgt, die der in unseren Reihen organisierte Krieger zurückgelassen, denn nebst der staatlichen Unterstützung genießen diese auch die Unsrige. Die anderen unserer Berufskollegen 'ELSA Illustrationen aus der im Jüdischen Buch- und Kunstverlag, Brünn, erschienenen Kriegshagada.