Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1915)
- Date
- 1915-03-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite 4. *9Mf* Mflfhittt* Nr. g. leitete Präsident Adolf Stand. Eingehend wurden in einer langen Debatte die Aufgaben der auf Wunsch der Konferenz vom 31• Jänner d. I. zu schaffenden gemeinsamen österreichischen Parteirepräsentanz behandelt.' Zu ihren wichtigsten Arbeiten sollen die Verbesserung der jetzigen Lage der Flüchtlinge, die Ucbcrwachung der Entschädigungsfrage, die Organisierung der Hilfe für die in Galizien zurückgebliebenen Kriegsopfer und die Wahrnehmung der politischen Interessen der Juden gehören. In der Diskussion ergriffen das Wort die Gesinnungsgenossen Dr. Kvrnhäuser (Jaslo), Tropp (Stanislau), Dr. Halpern (Stanislau), Neiger (Tarnow), Dr. Waschitz (Lemberg), Dr. Ringel (Lemberg), Dr. Thon (Krakau), Aartakower (Brody), Dr. Syrop (Neusandez), Fast (Leinberg), Dr. Spann (Tarnow), Wechsler (Buczacz), Dr. Feldblun: (Krakau). In die gesamtösterreichische zionistische Parteirepräsentanz wurden für die Dauer der jetzigen Zustände als Vertreter Galiziens Adolf Stand (Lemberg)- Dr. Osias Thon (Krakau), Dr. Leon Silbermann (Neusandez), Dr. Anselm Halpern (Stanislau), als Stellvertreter Dr. Michael Ringel (Lemberg), Hermann Tropp (Stanislau), Dr. Zwi Syrop (Neusandez), Joachim Neiger (Tarnow) entsendet. Ausruf! Unglückliche Flüchtlinge, die Hab und Gut vcrließen, um ihr nacktes Leben vor Vernichtung und brutaler Barbarei zu retten, sind in unserer Kultusgemeinde. Die Not und das Elend dieser Armen spot» ten aller Beschreibung. Eine große Zahl der armen Flüchtlinge ist in defekten Kleidern und Schuhen der Unbill der Witterung preisgegeben und leidet große Kälte. Die ihnen gewährte staatliche Unterstützung im Betrage von 62 Hellern pro Tag und Person reicht infolge der horrenden Teuerung kaum her, den Hunger zu stillen. Das Osterfest, das Fest der Befreiung naht heran und diese gänzlich nüttellosen Kriegsopfer sind nicht in der Lage, dieses Fest den rituellen Vorschriften gemäß zu begehen. Um die sich bittend entgegenstreckendcn Hände dieser bedauernswerten melancholischen Gestalten nicht von uns zu weisen, wende ich mich denn in dieser Stunde der Not, da die Kräfte der hiesigen Gemeindemitglieder nicht genügen, an alle Menschen, die ein Herz für fremdes Leid sich bewahrten, mit der höflichen Bitte, im Namen der Nächstenliebe unsere Bestrebungen zu unterstützen, um diesen Aermsten das Notdürftigste zu gewähren, was bescheidenes Dasein erfordert. Möge ein jeder helfen, die Not unserer Brüder zu lindern, möge jeder tun, was in seinen Kräften steht. Gütige Spenden sind zu richten an das Rabbinat der isr. Gemeinde zu Mnischek b. Prag. Runlifcbau. Alexander Friedmann s. A. An: 6. Februar ist Herr Alexander Friedmann aus Brody, in Bielitz einem Herzschlage erlegen. Wir betrauern in dem Dahingegangenen einen treuen, lieben und guten Gesinnungsgenossen, der seit seiner frühesten Jugend in den Reihen der Kämpfer für unser großes und heiliges Ideal gestanden ist, an jeder zionistischen Aktion regen Anteil genommen hat und Mitglied der Parteileitung gewesen ist. Ihn: verdankt das Brodyer ״Beth-hnam" das Zustandekommen und den Ausbau der schönen und viel besuchten Bibliothek, welche der Verblichene seit ihrem Bestehen leitete, und für deren Ausgestaltung er so mannigfache Geldquellen schaffte. Der Verbreitung der hebräischen Sprache widmete er sich besonders, war er ja selbst vorzüglicher Hebräer, Kenner dieser Kultur und gottbegnadeter Dichter (manche seiner Gedichte sind im letzten ״Haeschkol" erschienen, vieles dürfte bei der Flucht aus Brody verloren gegangen sein). Alle Freunde und Gesinnungsgenossen die dein Verstorbenen nahegestanden sind, schätzten in ihm dessen aufrichtige Hingabe für das zionistische Ideal, und die Partei wird ihm stets ein ehrendes Andenken widmen. Frjede seiner Asche! Die englische Bibel. Am Tage des jüngsten Gerichtes, so wird im Talmud erzählt, läßt der Herr alle Völker der Erde vor seinen Nichterthron treten. Eine kleine Thorarolle hält der himmlische Richter in der Hand und jedes der anstürmenden.Völker wird mit Hinweis auf dieselbe befragt, wie es sich All ihr im Volksleben verhalten hatte. ״God dam, schreit der Engländer begeistert-, die Bibel, wirk-!ich unsere Bibel. Frag nach, Gott und Vater, ob noch ein Volk der Erde soviel zur Verbreitung der Bibel getan, wie wir, das heilige Buch in die fernsten Inseln so wie wir hinausgetragen hat." ״Nein", antwortet Gott, ״was ihr getan, habt ihr zu Euerem eigenen Nutzen getan, wenn es auch oft genug unter dem Schilde dieses Buches geschehen ist. Oder steht es vielleicht darin, daß man eine Welt in Brand setzen darf, es versuchen soll, Millionen von Menschen, Frauen, Greise und Kinder, dem Hungertode auszuliefern?" — Beschämt geht der Engländer von dannen. ״War das die Bibel?" fragt er sich im stillen. »Ich kannte sie nicht und habe sie doch in Millionen von Exemplaren in der Welt verbreitet." Georg Brandes über die Judenverfolgung in Polen. Georg Brandes schreibt in der ״Politiken" über die Judenverfolgungen in Polen, dort haben seit dem Kriegsausbruch viele Pogrome stattgefunden. Die jüdische Bevölkerung sei ausgeplündert, gransmn mißhandelt und zum Teil ermordet worden. Die Juden seien aus vielen Städten mn 24stündiger Frist ausgewiesen, 500 Judenfamilien seien aus Grodzisk auf die Landstraße hinausgelrieben Würden, während in ihren Häusern ihr ganzes hintcrlassenes Eigentum geplündert wurde. Das geschehe alles in derselben Zeit, in der viele Juden sich im Krieg auszeichnen, Tapferkeitsmedaillen und Orden bekommen und die Regierungsprcsse die Juden wegen ihrer Sammlungen zum Besten der Verwundeten loben. Daß der polnische Pöbel von Judenhaß erfüllt sei, könne niemand wundern, aber der große Unterschied zwischen den Verhältnissen in Polen und dem übrigen Rußland bestehe darin, daß während in Rußland hervorragende Schriftsteller wie Korolenko, Andrejew und Gorki sich der unglücklichen Juden annähmen und Aufforderungen zu Pogromen als eine Schande ansehen, die polnische Intelligenz, Männer wie Niemojcwski und Swientochowski, sich an die Spitze der Judenverfolgungen gestellt und gezeigt habe, wie weit augenblicklich die Polnische Intelligenz an wahrer Kultur der russischen unterlegen sei. Die ganze Polnische Presse mit Ausnahme eines einzigen Blattes, des ״Kurjer Lißki", sei judenfeindlich. Um zu zeigen, wie die Polnische Agitation gegen die Juden betrieben wird, veröffentlicht Brandes den Abdruck einer Illustration aus dem Polnischen Volksblatt ״Wiarus", die die Ermordung eines christlichen Kindes durch Juden darstellt. Die Ueberschrift des Bildes in dem Blatte lautet: ״Ritualmord", die Unterschrift ״Szene, wie Juden ein christliches Kind ermorden, um Blut zur Herstellung des Osterbrotes zu bekommen, so wie es während des Beilisprozesses festgestellt worden ist." Bezirkshauptmannschaft und Kultusgemeinde in Ungarisch-Hradisch. Aus Ung.-Hradisch wird uns geschrieben: In selten edlem Eifer wirken in Ung.-Hradisch die politische Bezirksbehörde und die isr. Kultusgemeinde zugleich, wo es gilt, den zahlreichen Flüchtlinge die Fürsorge in zweckentsprechender Weise zuzuwenden. Namentlich leisten die Herren Vorstände derselben das Menschenmöglichste. Es sind dies die Herren: Amtsleiter der Bezirkslauptmannschaft Dr. Janostik und Präses der Kultusgemeinde Sigmund Fürst. Herr Dr. Janostik ist ein erfahrener Politischer Beamter, der in wohlweislicher Erwägung sowohl alle die Fragen der Flüchtlinge betreffenden Umstände und Verhältnisse als auch im Sonstigen alle in die Sphäre seiner Amtstätigkeit fallenden Agenden in einer jedermann zufriedenstellenden Weise zu berücksichtigen versteht. Es kann daher von ihn: mit Recht gesagt werden: er ist der rechte Mann am richtigen Platze. Anbelangend die Person des Herrn Kultusvorstehers Sigmund Fürst, gehört er zweifelsohne zu jenen Persönlichkeiten, die weit über die Grenzen von Ung.-Hradisch u. Umgebung sich einer gewissen Popularität erfreuen. Herr Fürst ist in seinem Amte ebenso streng objektiv wie freundlich und human. Besonders wirkt er, wo es gilt, die Not der Armen und Bedrückten zu lindern, wo es gilt, in vollem Maße zu helfen. Es ist ein wahres Glück für die Bevölkerung von Ung.-Hradisch, daß die vorgenannten zwei Personen, wie Herr Amtsleiter Dr. Janostik und Herr Kultusvorsteher Sigm. Fürst, in der geschilderten Weise wirken; insbesondere ist die Tätigkeit derselben nachgerade ein Segen für die hartbetroffenen Flüchtlinge. Möge es diesen mit unermüdlichem Fleiße arbeitenden Herren fürderhin vergönnt sein, mit vereinten Kräften für das Wohl der Bürgerschaft und aller Arrneu in der bisherigen Weise ihr Amt weiter zu üben. Angebliche Jn-cnversolgungen in Palästina. Englische Zeitungen brachte:: vor kurzem aus Aegypten Nachrichten über angebliche JUdenverfolgungen seitens der Türken und Araber in Palästina. Insbesondere wurde gemeldet, der Zionismus sei von dein Befehlshaber des 4. Armeekorps als eine revolutionäre Bewegung bezeichnet worden, die ausgerottct werden müsse. Die jüdischen Ansiedler sollten durch Osmanen ersetzt werden. Die Anglo-Palästinabank sei uuter Umständen liquidiert worden, die eine Zahlungsuufähigkeit als sicher erscheinen lassen und den Ruin der kleinen Siedler zur Folge haben werden. Auf den Gebrauch der Jüdischen Nationalfondsmarken sei Todesstrafe gestellt. Die ״Kölnische Zeitung" hatte mit Recht schon gleich an die Wiedergabe dieser Nachrichten den Vorbehalt geknüpft, daß sie offenbar bezweckten, bei den Juden in Europa Stimmung gegen die Türkeil mld deren deutsche Verbündete zu erwecken. Nach zuverlässigen Nachrichten sind die gemeldeten Tatsachen teils erfunden, teils übertrieben. Die Anglo-Palästinabank war als «ein englisches Unternehulen wie alle anderen ausländischen Banken geschlossen worden. Sie soll aber mit Rücksicht auf die hierdurch erfolgte Gefährdung der jüdischen Siedlungen jetzt wieder geöffnet werden.^ Es ist auch eine starke Auswanderung von russischen Juden aus Palästina erfolgt. Dies war auf folgende Tatsachen zurückzufuhren: In Palästina lebten vor Ausbruch des Krieges 40— 50.000 russische Juden, die wegen der Schwierigkeit der NütUral:satioN bisher düs türkische Staatsbürgerrecht nicht erlangt hätten. In einen: Notgesetz, das vor: den: größte!: Wohlwollen gegen die jüdische Bevölkerung zeugt, hat die türkische Regierung die sofortige Aufnahme der rusfischen Juden unter Befreiung der früher erforderlichen Formalitäten gegen eine Kopfsteuer von 40 Franken erlaubt. Ein Teil der ärmeren Bevölkerung, der nicht in der Lage war, diese Kopfsteuer zu entrichten, und auch andere rusfische Juden, die Repressalien gegen ihre Augehörigen in Rußland befürchteten, zogen es vor, statt die türkische Staatsangehörigkeit zu erwerben, nach Aegypten auszuwaudern. Mit Rücksicht auf die Armut der in Betracht konnnenden Bevölkerung hat späterhin die türkische Regierung sogar die Kopfsteuer erlassen. Es sind demzufolge ca. 15.000 erwachsene russische Juden nebst Familienangehörigen in den türkischen Staatsverband aufgenounnen worden und etwa 5000 Personen ausgewandert. Daß unter den Auswanderern nach Lage der Sache große Not herrscht, ist einleuchtend, kann aber nach dem oben gesagten der türkischen Regierung nicht zur Last gelegt werden. Während der übereilten Auswanderung haben sich untergeordnete Beamte Uebergriffe zuschulden kommen lassen. Diese Uebergriffe sind auf Beschwerde durch Verfügung des türkischen Ministerrates abgesetzt worden. Die türkische Negierung hat in Palästina ein so weitgehendes Entgegenkommen gegenüber der Notlange der russisch-jüdischen Bevölkerung bewiesen, wie keine der Ententeinächte gegen die Angehörigen der feindlichen Staaten. Von irgend einer Verfotgung der Zionisten und der jüdischen Ansiedungen in Palästina kann hiernach durchaus keine Rede sein. England muß sich schon einen anderen Agitationsstoff suchen, wenn es die Juden der neutralen Länder gegen Deutschland und eine Verbündeten aufhetzen wist.