Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1915)
- Date
- 1915-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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dful £, Rr. 9 sie hießen Lugner, Fälscher, Betrüger und Rabutisten. Wenn jemand dem Esel seines Nachbars die Ohren abgcstutzt hatte, so mußte dieser sonderbare Operateur das Lasttier so lange zu seinem eigenen Gebrauche behalten, bis die Ohren wieder gewachsen waren. Wurde jemand von seinem Nebenmenschen derart verletzt, daß er einen starken Blutverlust erlitten hatte, so mußte der Verwundete dem menschenfreundlichen Schläger die Taxe für einen Aderlaß entrichten. Für Reisende, die nach Sodom kamen und dort übernachten Mußten, hatten die Bewohner dieser' Stadt ein eigenes. Brett, welches für jede Statur Passen mußte. War der Fremde hochgewachsen, so wurden seine Füße entsprechend abgestutzt, war er aber zu klein, so wurden seine Glieder ausgerenkt. Auch wohltätig waren die Herren von Sodom. Ein jeder Bettler, der seine Zuflucht nach Sodom nahm, um an die Munifizenz der dortigen Leute zu appellieren, erhielt von je.dem Einwohner ein Münze, auf der der Name des Spenders eingeprägt war; ihm aber Brot oder sonstige Lebensmittel zu verkaufen war streng verboten. Die Folge dieses grausamen Verbotes war oft, daß der Arme, wenn er sich einige Tage in dieser großen, volkreichen Stadt aufhielt,( des Hungertodes starb. Nun da nahm ^eder seine bezeichnete Münze wieder zurück." usw. — (Sanedr. 100.) Wer also wird nicht, wenn er biefd tal. Schilderung lieft, an das Vorgehen der russischen, englischen und franzöfischen Machthaber lebhaft erinnert. Gleichen die russischen Judengesetze nicht den sodomitischen Verordnungen wie ein Ei dem anderen? Eine halbe Million russischer Juden stehen im Felde und kämpfen für ein Vaterland, in welchem sie geächtet und geknechtet, gepeinigt und gemartert und als Fremde, Heimatlose betrachtet und'behandelt werden, mit Gut und Blut. Und das Ende wird sein, daß diejenigen, die nach Friedensschluß in die sogenannte Heimat zurückkommen werden, jene beneiden werden, die im Kugelregen ihren Tod gefunden haben. Gleicht Englands Streben, hundertzwanzig Millionen Menschen dem Hungertode Preiszugeben, nicht ebenfalls den sodomitischen Verordnungen und Planen? Jetzt begreifen wir erst, warum die Sodomiten ״knapp vor ihrem Untergange den Lot zum Stadtrichter ernannt hatten. Sie sind endlich zur Ueberzeugung gelangt, daß eine furchtbare Katastrophe über sie, ihrer Freveltaten wegen, Hereinbrechen werde, daß selbst das Gebet des großen, edlen Patriarchen ihnen nicht mehr nützen werde. — Mit einem Worte, sie waren auf alles gefaßt; nur dürfte sie der Gedanke, daß mit ihrem Untergange auch ihr ״Musterstatut", überhaupt ihre schönen Gesetze und Verordnungen, auf die sie so stolz waren, ebenfalls weis auf einen analogen Fall von Rechtsbeugung ein, jenen von Calais in Frankreich, der am 0. Mürz 1762 den furchtbaren Martertod am Rade sterben mußte itnfc zwar ebenfalls lediglich auf Grund von Denunziationen von rein klerikaler Seite, dessen Rehabilitierung jedoch schon nach 3 Jahren durch Voltaire erfolgte*). Daher, und das ist charakteristisch für die Franzosen von früher, stehen an der Vorderseite eines Grabes im Pantheon in Paris die einfachen Worte: ״Jl a defendu Calas". Und nun richtete er den Appell an jeden Einzelnen ״zu leben für etwas Allgemeines Ewiges Ideal. Denn nur dann leben wir, wenn auch namenlos, fort, unsterblich, leben dann fort in der auch durch uns geförderten Menschheit, in der sich das Göttliche offenbare, die alles versöhnende, alles tragende, alles artfopfernde Liebe". Wiederholt hatte er auch öffentlich auf das große Leitmotiv des Stifters der christlichen Religion hingewiesen, das da lautet: ״Ich bin nicht gekommen die Lehre Mosis aufzuheben, sondern sie zu erfüllen" — so beispielsweise anläßlich der Gedenkrede auf den früheren Ehren- Präsidenten des Vereines Hofrat Prof. Herm. *) Hier war der furchtbarste Zelotismus gegen die unglückliche Protestantische Familie Calas die Triebfeder. Das Vermögen würde eingezogen, der jüngste Sohn und die Töchter wurden ins Kloster gesteckt. Nach der Rehabilitierung durch das Pariser Parlament ward der Familie zwar eine Summe von 20.000 Livres bewilligt, die eigentlichen Urheber dieses furchtbaren Verbrechens blieben jedoch unbehelligt! aus der Welt schwinden würde, sehr genmrtert und gefoltert haben. Ihr letzter sehnlichster Wunsch war daher, daß dieses ״kostbare Kleinod "erhalten bleibe, damit in spätesten Zeiten noch ehrgeizige, herrschsüchtige und raubgierige Machthaber nach ihrem ״Musterstatut" arbeiten könnten. Und was taten sie, um diesen Herzens- Wunsch verwirklichen zu können? Sie faßten den Entschluß, den Lot, der als Neffe Abrahams zweifellos verschont bleiben werde, zum Stadtrichter zu ernennen, dessen Hauptpflicht es war, für die Erhaltung der Landes- und Gemeindegesetze Sorge zu tragen. Und das geschah auch. ״Oso hajonl minuhu leschofet alehem." ״Am selben Tage haben sie ihn zum Stadtrichter ernannt," daher die sodomitischen Statuten und Einrichtungen bis auf dem heutigen Tage trotz Kultur und Bildung nicht aus der Welt geschwunden sind. — (Vgl. die Pogroms in Nußland und in jüngster Zeit in den von ihnen besetzten österreichischen Städten.) Fr. Die Geschichtlichkeit des Buches Esther. 1. Ewige Entschädigung hiefür bieten uns die neuentdeckten Inschriften. Diese geben uns vor allem vollständige Aufklärung über die Person des Achaschwerosch. Aus den Inschriften von Behistun, einen: Berge im Persischen Kurdistan und Persepolis ist festgestellt worden, daß Achaschwerosch kein anderer ist als der uns aus der Geschichte der Perserkriege mit den Griechen (403— 470 v. Ehr.) wohlbekannte Lerxes. Nur lautete dieser Königsname im Persischen ־חשורש Chschwarsch, den die Griechen, die in ihrem Alphabet kein ״sch" haben zu ״Lerxes", d. h. Kserks mit der griechischen Endung ״es", verstümmelt haben. Man staunt, mit welcher Treue dieser Persische Königsname im Estherbuche widergeben ist, wenn man sich von n. w Illustrationen aus der im Jüdischen Buch- und Kunstverlag, Brünn, erschienenen Kriegshagada. Nothnagel am 6. November 1006. Am prägnantesten kan! Wohl seine Stellung zum Judentume zum Ausdruck in der Schlußrede nach dem Vortrage des Schriftstellers und Redakteurs Adolf Gelber über Jos. Poppers Buch über das Jndividumn am 24. März 1011. Da sagte er: ״. . . Und wenn ich heute einem Juden begegne, so muß ich mich schämen; Gewissensbisse für Taten der Vorfahren drücken mich zugleich mit einer gewissen Verehrung vor dem ehrwürdigen Menschen: denn sie, die Juden sind die einzigen lebenden Zeugen einer antiken, längst vergangenen Welt. Römer, Hellenen und alle andern Kulturvölker einer antiken Welt sind längst ausgestorben. Moses hat die Fackel der Kultur angezündet, er hat nicht nur eine Neligions-, sondern auch eine bürgerliche Konstitution gegeben. Mit dem Zerstörten Vaterlande ist diese zugrunde gegangen, aber das Volk der Israeliten lebt fort und steht zu uns wie ein verehrungswertes Denkmal längst vergangener Zeiten . . ." Selbstverständlich konnten solche Worte nur in seiner tiefen Ueberzeugung und nur in der genauen Kenntnis der Sittengesetze Mosis ihren Ursprung finden. Daß er, wie alle evangelischen Priester, über ein ausgebreitetes Wissen der alten Schriften verfügte, braucht wohl nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. Oft fetzte er seine Zuhörer durch Zitate aus den alten Propheten und auch den alten Philosophen in Erstaunen. War auch Dr. Szeberinys Lebensgang ein durchaus einfacher, geregelter, so spielten doch auch die Weltereignisse in sein Dasein bestimmend hinein. ,, \ Einer echten Pastorenfamilie entstammend — sein Vater war Bischof der oberungarischen Diözese gewesen, ebenso sein älterer Bruder — war Dr. Joh. Szeberiny am 16. Feber 1826 zu Schemniß in Oberungarn geboren, studierte 1846—1847 zu Jena und Berlin und wurde 1849 Stadtpfarrer zu Schemnitz, nachdem er kurze Zeit vorher als Erzieher in dem altadeligen Hause von Gosztony gewirkt hatte. Nach mehr als einem Jahrzehnt erhielt er als erster einen der neusystemisierten 12 evangelischen Seelsorgerposten der Armee und zwar in Wien, wo er nun als Tröster und Religionslehrer in den 3 Hauptsprachen der Monarchie, deutsch, ungarisch und slawisch seines Amtes waltete. Dieser einschneidende Wechsel in seiner Laufbahn ist auf die Ereignisse des Jahres 1859 zurückzuführen. Ohne diese hätte der Protestantismus, der vorher ja kaum geduldet war, Wohl niemals seinen Einzug in die Armee gehalten. Allein da hatte es sich im Feldzuge ereignet, daß die Protestanten unter den österreichischen (ungarischen) Truppen ihren Seelentrost bei den französischen evangelischen Militärgeistlichen zu suchen gezwungen Waren, ein Uebelstand, der durch Kaiser Napoleon HI. einer sehr hochstehenden Persönlichkeit direkt zur Kenntnis gebracht wurde. Dr. Szeberiny mußte sich, nachdem er auch, wie erwähnt, die Garnisonskirche erlangt hatte, derart in Gunst zu setzen, daß ihn unser Monarch 1869 zum Beirat des Kriegsministeriums mit dem Titel ״Superintendent" ernannte. Sein profundes Wissen, wie auch seine sonstigen Fähigkeiten bewirkten, daß er auch als öffentlicher Professor für evangelisches Kirchenrecht und