Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1915)
- Date
- 1915-03-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Zatzra. XVI. Erscheint jeden Mittwoch Nummer S. 1 Bezugspreise: 5 Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 ganzjährig. —׳12 Kronen . Deutschland, ganzjährig. Rutzland, ganzjährig. . Mark 12 - —׳6 Rubel . Balkan, Frankreich. ו —׳14 «Frank . Ir Herausgeber: Max Hickl. immr. .— ■—— —■ ׳׳— ■■ ■־״ ״ ׳ -■ - ■■H Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse V.P Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile 80 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. 8-A Wien—Budapest. Brünn, B 5175 Prag—Lemberg. In keiner jüdischen Familie fehle striegr-hagasah הגדה עזל פסח Zur Erinnerung an den Weltkrieg -- ---1- 1914-1915. EB-Srreichlich illustriert in schöner Ausstattung mit Geleitwort von Se. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. D. Feuchtwang, Wien. Preis brochiert inkl. Porto K —65, K — 85, brochiert, ohne Uebersetzung K —25, gebunden K 1 25. Die Hagadah eignet sich für Schule u. Haus. Wiederverkäufer, Kultusbeamte, Lehrer erhalten MT* entsprechenden Rabatt. Die Pogromhelden und deren Beschützer arbeiten nach einem uralten Musterstatut. In der h. Schrift wird berichtet, daß Lot wegen Raunntrangels, auf Verlangen des friedliebenden Patriarchen Abraham, sich von ihm trennte und Sodom, das einem Garten Gottes glich, zu seinein Domizil wählte. Als er eines Tages den Besuch von drei hochangesehenen, hö- Heren Wesen gleichenden Männern erhielt, saß er gerade vor dem Stadttore, weil, wie Naschi bemerkt, er an demselbell Tage von den Männern von Sodom zum Stadtrichter ernannt wurde, oso hajom minuhu schüfet alehem. Diese Bemerkung dürfte Wohl so manchem Leser rätselhaft erscheinen und zu folgenden Fragen Anlaß geben. Wenn die ״Männer von Sodom" den Lot für würdig befunden haben, ihm die höchste Ehre, die überhaupt eine Stadt oder Gemeinde zu vergeben hat, zu erweisen, warum zögerten sie mit der Durchführung dieses Wahl- «aktes bis zum letzten Tage vor ihrem Untergange? Ferner: Warum haben sie noch am selben Tage, als er sich entschieden weigerte, )ihnen, ihrem Verlangen gemäß seine Gäste auszuliefern, es gewagt, ihm, dem Stadtoberhaupte, zuzurufen: Dieser Hergelaufene, der als Fremder zu uns karn und froh sein sollte, daß wir ihn hier dulden, will jetzt hier gar das Richteramt bekleiden! Nun werden wir mit dir schlimmer verfahren als mit jenen? Ich muß es offen gestehen, daß auch mir die in Rede stehende Bemerkung nicht ganz einleuchtend erschien, allein durch die haarstrüubenden, entsetzenerregenden, Mark und Bein erschlitternden Greuel und Schandtaten, die die Pogromhelden während dieses von den russischen, englischen und französischen Regierungen mutwillig heraufbeschworenen Weltkrieges verübt haben, glaube ich den Schlüssel zur Lösung der rätselhaft erscheinenden Bemerkung Naschis gefunden zu haben. Bekanntlich waren die ״Männer von Sodom" gottlos, entartet, entsittlicht, verroht, vertiert, verwildert; Menschenfreundlichkeit, Menschenliebe, Menschenverbrüderung waren für sie fremde unfaßbare Begriffe; Menschenhaß,Menschenverfolgung, Tyrannei, Barbarismus hingegen nannten sie ritterliche Tugenden; mit einem Worte, außer Lot waren sie alle entmenschte Wesen, wahre Ungetüme. — Wilde Rebellen und Mordgesellen, Menschenfresser und Gelderpresser, elende Verschwender und Frauenschänder, Denunzianten und Defraudanten galten in Sodonr als angesehene, einflußreiche Männer. Was Wunder also, daß sie in dieser frevelbelasteten Stadt höchst sonderbare Gesetze, Gemeindestatuten, Tekanot und Einrichtungen hatten. Im Talmud werden die sodomitischen Staatsgrundgesetze und Gemeindeverordnungen geschildert; einige derselben mögen hier angeführt werden: ״In Sodom, der Stadt voll Bosheit und Tücke, gab es vier Richter ארבעה דייני היו בסדום Feuilleton Dr. Joh. Mich. Szeberiny. Eine in Wien wohlbekannte markante Erscheinung ist nicht mehr. Am 21. Jänner 1915 wurde der ehemalige Militär-Superintendent, Univ.-Professor Dr. Joh. Mich. Szeberiny nach vorausgegangener Einsegnung in der evangelischeu Garnisons-, der sogen. Schwarzspanierkirche unter militärischer Ehrenbezeugung zu Grabe getragen. Mit ihm scheidet wieder ein von echfestem Josephinischen Geiste erfüllter christlicher Priester aus unserer Mitte, einer der wenigen Lehrer jener wirklichen Religion, deren Haupt-, satz die Nächstenliebe ist. Nicht nur dem Worte, uiu nicht zu sagen einzigen Lehr- und Glaubenssondern der Tat nach. Stets betätigte sich Dr. Szeberiny in* hervorragend freiheitlichem und tolerantem Sinne, wie auch seine Vorträge über Glauben unb Geschichte des Christentunis — welche in einem Buche gesammelt erschienen — von theologischem Freisinn durchweht, sich in 'durchaus versöhnlicher Richtung bewegen. Geradezu Aufsehen erregten seine Vorlesungen über ״Fausts Verhältnis zum Christentum" und insbesonders seine am 27. November 1886 im Studentenkrankenverein anläßlich dessen 25-jährigen Bestandes, zu Ehren des Gründers Prof. v. Oppolzer, gehaltenen Festrede. Trotz aller idewisses Wagnis bedeutete, in einer Periode, die ungefähr 51/a Jahrzehnte vor der gegenwär- Ligen Zeit zurückliegt, somit noch stark im Banne der Reaktion sich befand. In jenen Tagen lag der Protestantismus in Oesterreich noch sehr im argen, die Armee hatte k.aum erst ein paar Seelsorger erhalten, vor allem mangelte es an einer Kirche. Da entschloß sich Dr. Szeberiny kurzer- Hand, als jedes andere Mittel versagte, den diretten Machtspruch unseres Monarchen zu erbitten. Das wirkte. Es wurde alsbald (1868) eine bis dahin zum Teil leergestandene, zum Teil als Militärbettenmagazin verwendete .Kirche hiefür in Benützung genommen, jene oben erwähnte, in der die Einsegnung seiner sterblichen Hülle erfolgte und die durch Jahrzehnte vorher die Stätte seiner amtlichen Funktionen als militärischer Seelsorger bildete. Eine Ironie des Schicksals wollte es, daß just diese'Kirche ausersehen worden war, den ״Ketzern" üerantwortet zu werden, welche, von dem keineswegs harmlosen Bettlerorden der ״Schwarzspanier" gegrün- ,bet, nach Aufhebung desselben durch Kaiser Josef, samt dem daranstoßenden Klostergebäude nunmehr des Daseinszweckes entbehrte. Das Ereignis dieser Zuteilung vom Katholizismus an den Protestantismus war ein so großes, daß es der damals allmächtige und gefürchtete Gendarmeriechef Freiherr von, Kempten, ein Art ״Gouverneur" von Wien für wert erachtete, eigens zur ״Naturalwohnung" (in dem Klostergebäude) Dr. Szeberinys vorzufahren, bloß um aler Veranlagung fehlte es Dr., Szeberiny keijVn Mann persönlich kennen zu lernen, dem dieneswegs weder an Festigkeit des Willens noch. ser große Wurf gelungen! — Dieser Jdealgeist an Dtut der Ueberzeugung und er betätigte bei* 'mußte selbstverständlich auch jeden Rassenhaß des schon zu einer Zeit, als dies noch ein gefern von sich weisen. Der wie eine geistige Epideniie ausbrechende Antisemitismus anfangs der Neunziger-Jahre, der zur Bildung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus unter Baron Suttner geführt hatte, erregte seinen tiefsten Abscheu und fand in ihm einen ebenso unerschrockenen wie erbarmungslosen Gegner. Wiederholt fand er, der gleich nach der'Gründung (1892) in die Leitung desselben eingetreten war, Anlaß, diesen öffentlich seinen Abscheu in markigen und doch hochgestimmten Worten Ausdruck zu verleihen, immer die Mahnung daran reihend, Mensch zu sein, damit den ״von Menschenliebe begeisterten geben lieb- und freudlose Egoisten der endliche Sieg werde", wie er beispielsweise in der Generalversammlung als Präsident dieses Vereines vom 19. Mai 1909 darlegte. Und welche Begeisterung für das Menschheitsideal in diesem Manne gewaltet haben muß, beweist der Umstand, daß diese Sätze ihm im Alter von über 84 Jahren entquollen . . — Auch in jener 'Orgie des Antisemitismus, die sich als sogenannte Ritualanklagen in die Erscheinung brachte, durchbrach seine gerechte Empörung alle Bedenken, auch die Schranken der Ermüdung durch das Alter. Als fast 84-Jähriger unterzog er sich gerne und in bewunderungswürdiger Weise der Anstrengung, eine große, vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus veranstaltete öffentliche, von etwa 2000 Personen besuchte Versammlung (am' 18. März 1908) zu leiten, in der über ein vom verstorbenen Rechtsanwalt Dr. Friedr. Ellbogen erstattetes glänzendes Referat über die Befreiung des unglücklichen Leop. Hilsner Protest eingelegt wurde gegen die fernere Kerkerhaft dieses unschuldig zum Tode Verurteilten. Er leitete seine Schlußrede mit dem Hin- Soeben erschienen: ״Kriegs-Hagadah".