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Jüdische Volksstimme · 1915-02-24 · Heft 8 (24.2.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 8 (24.2.1915)
Date
1915-02-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Sk. 8 WIMMUfDW Mfc* feig stille gehalten. Du und alle Deine Ssarissim- Kollegen, wenn Haman am Ruder geblieben wäre. Du allein bist im Grunde ein harmloser Wicht, aber die Masse macht Dich schrecklich und unfähig, Dich zu erheben. Du bist an dem Golus schuld Charbona, Dein Name trägt nicht umsonst die Buchstaben Chorban. Wenn Du mit Deinesgleichen nicht wie Eisenfeilspäne am Magnet, an jeder Macht kleben würdest und vor dem entgegengesetzten Pol so feige fliehen würdest, gebe es lange keinen Chorban mehr. Dein Verbrechen besteht in nichts Schlimmerem, als in der Frage: ״Warum gerade ich?" und Du bist ja nicht Schuld daran, daß alle die Ssarissim dasselbe fragen. Ein feiger Soldat kommt bei allen Völkern vor; aber, um Himmelswillen, keine feige Armee! Wäre es denn möglich gewesen, über das Schicksal einer ganzen Nation, wie über eine Lämmerherdc zu verhandeln, wenn Du, Charbon, imstande wärest. Dich für einen Moinent gegen den Strom zu stellen. Hätte Haman, welcher der letzte der sieben Höflinge war, groß werden können, ohne Euere Feigheit? Er war freilich von Euerer Schmiegsamkeit und feinem Spürsinn! Als Vaschti in Ungnade gefallen war, fiel er, gleich Du über ihn, über Vaschti her, und während die sechs Größeren, minder Feilen, schwiegen, vergrößert er, um dem Zorn des Königs zu schmeicheln, die Sünde der Keuschheit Vaschtis zu einem furchtbaren Exempel, das die ganze Herrschaft des Mannes und den häuslichen Frieden der Menschheit umzu? stürzen berufen ist. Denn Memuchan, sagt mein verläßlicher Gewährsmann der Talmud, war fein anderer als Haman. Denn Haman war ja eigentlich kein — Haman, sondern bloß ein Memuchan, ein zu Allem Bereiter. Man ist nie Antisemitenführer aus Ueberzeugung, sondern weil man zu jeder Politik, die zum Ziele führt, bereit ist. Aber kaum habt Ihr Memuchan steigen gesehen, war Ihr großes Heer der Ssarissim hinter ihm her. Ich höre Euch herüber, wie Ihr Euch bemühet zu versichern, daß Memuchan kein Haman sei und als er endlich oben angelangt, unzweideutig als Haman auftrat, warfest Du Charbona, als Jude Dich erst recht zu seinen Füßen und Ihr schaltet Mordechai, weil er sich nicht bücken wollte. Er, Mordechai, mache den Iwdenhaß, zischeltet Ihr. Man könne übrigens durch Haman inehr Privatgcfälligkeit haben, als wenn Mordechai erster Fürst wäre. Ihr-ließet Eure Schwäche so weit einreißen, daß man Euch zwischen. König und Fürst verlosen konnte, und Ihr schrieet, daß Mordechai daran schuld wäre. Und man konnte für Eueren Führer am Platze einen fünfzig Ellen hohen Galgen zinunern lassen, ohne daß!nan Eueren' Zorn zu fürchten hatte. ' Aber was Du Charbona an Mordechai getan hast, ist nicht das Aergste, sondern wie Du Dich den Ole-Babel gegenüber benommen hast, den Idealisten, welche noch von der von Cyrus herstanunenden Erlaubnis Gebrauch geinacht haben und den Auszug nach Jerusalem predigten. Freilich würdest Du, Charbona, ungeheuer er-;raunt sein, wenn Du unsere Geschichte lesen würdest. Wenn Du gewahr würdest, daß von all den großen Priestern, die in Susa waren, kein Angedenken mehr geblieben ist und daß Chachaljas Sohn eine solche Celebrität in Israel geworden ist. Daß von allen Eueren großartigen Tempeln in Susa Eueren Größen und Eueren Einrichtungen nichts bekannt ist, daß aber Asgod, Jehiel, Kadmiel, Bonaj und ihre ganze' Sippschaft ewige Flamen geworden seien. Daß in Deinen Tagen schoir der zweite Telllpet stand, ohne daß Du es geahnt hast. Daß der Pöbel, der hinter dem sentimentalen Serubabel Herzog, als Mark des StanlUles Israels geltet, daß das Schrecklichste an denl großen Schreckeil voill 14. Adar nur das ist, daß auch der Tempelbau in Jerusalem durch diese judenfeindliche Strömung unterbrochen ward. Denn es heißt in Esra, dein großen Esra, ben Ihr daheim verlacht und verdrängt Habet, und dessen Buch aber der Ewigkeit angehört: ״Und in den Zeiten Ahasveros schrieben sie eine Anklageschrift gegen die Bewohner Judas und Jerusalem". Aber nicht wahr, Charbona, das galt in Eueren Zeiten nicht als Schande. Ihr Juden selbst habt dasselbe, was Esra von den feindlichen Völkern erzählt, getan, nämlich den Aufbau Jerusalems als einen Abfall von Ahasveros getadelt und die in Susa für Juda und Jerusalem Kämpfenden des Vaterlandverrates bezichtigt. Darum wirst Du, Charbona, verblüfft sein, wenn ich Dir sage, daß wir den Purim nicht wegen den Susaner Juden feiern, sondern um die Rettung des Tempels, deren Bau, wie Esra erzählt, in Ahasveros ersten Jahren stillstehe׳ nlußte und um die Bewohner Jerusalems halber. Denn um Euch physische und geistige Ssarissim, die nur dem Wetteifer von Wohnungen aus Bahat, Schesch, Dar und Socharet und den Kleidern Euerer Weiber aus Chur, Karpas und Techclet, verschnürt mit Buz und Argaman gelebt habet, fasten und jubeln wir nicht! S. Bettelheim. Wochen-Kalaidoskop. Von Leopold Moses. Sonntag. Bei Gelegenheit wurde schön mehrmals die Frage aufgeworfen, weshalb der ״Jargon" in Amerika und die spaniolische Sprache in der Türkei so geachtet seien und Bürgerrecht unter den anderen Idiomen genießen, während derselbe ״Jargon" bei uns eben nur als Jargon angesehen werde. De; Grund dieser auffallenden Erscheinung dürfte Wohl ganz einfach dcb in liegen, daß — wie memo propheta in patria — der Jargon als ein ursprünglich süddeutscher Dialekt hier auf süddeutschem Sprachgebiete den Wettbewerb mit seinem in der Zwischenzeit seines Aufenthaltes im slawischen Osten weiter entwickelten Vaterdialekte nicht aushält. Man bringe nur einnml spaniolisch sprechende Juden versuchsweise ins heutige Spanien — die Wirkung wird dieselbe sein. Montag. Es ist manchmal heilsam, sich in eine ״Klause" der Chassidim zu verirren. Dort gibt es nmnchmal etwas herzerhebend Söhönes zu sehen, das über alle Not der Zeit hinweg tröstliche Gewißheit einer baldigen Erlösung verleiht. Einen solch unauslöslichen Eindruck machte es auf mich, als ich jüngst in einer solchen ״Klausc" an der dort befindlichen Wanduhr einen Zettel angebracht fand, auf dem nur die folgenden schlichten Worte standen: עת לבנות בית קדשנו ותפארתיני. Ja, es ist Zeit, höchste Zeit, an die Auf- Achtung unseres Heiligtums zu gehen! Immer ist es Zeit und jetzt :::ehr als sonst; jetzt, da die Hälfte unseres Volkes heimatlos umherirrt. Täglich, stündlich, müßten wir es uns jetzt vor Augen halten, unbeirrt durch alle anderen Rück, sichten: Es ist Zeit, unser Heiligtum, unsere nationale Existenz, aufzubauen! Dienstag. Es ist possierlich anzusehen, mit welchen: Eifer die jüdischen Vorstandsdamen der diversen Hausfvauenorganisationen jetzt den Schweinefleischboykott propagieren. Ist urplötzlich angesichts des großen Unheils, das unser Volk betroffen, der Geist der Umkehr und Buße in diese Leute gefahren? Weit gefehlt! Es fällt diesen Biederweibern nicht in: Traume ein, den lieben Schmutztierchen ihre Freundschaft zu entziehen; nur die Verbilligung des Schweinefleisches soll erzwungen werden — ad majorem venteri gandiun:! Täten sie nicht besser, sich um die Sederschüssel für sich und ihre arn:en Stam- :nesgenossen zu künunern? Mittwoch. Bis heute waren wir Juden des zwanzigsten Jahrhunderts nicht recht klar darüber, was eigentlich unter einen: ״Pogrom" zu verstehen sei. Und nun hat uns der Richter eines Wiener Bezirksgerichtes eine ganz genaue Definition des Pogroinbegriffes geliefert. Nach dieser ist ein Pogrom nur dann ein echter ״Pogrom", wenn er mit Plünderung, Notzucht und dergleichen verbunden ist. Der bloße, durch den Bürgermeister der Soininerfrische Greifenstein befohlene Bajonettangriff der Ortswäche auf unbewaffnete jüdische Kurgäste ist noch kein Po? gron:... Dem Kenner der jüdischen Geschichte wird dieses Vorkommnis nicht sonderlich überraschen, ist es doch dasselbe Greifenstein, das schon einmal, vor mehreren Jahrhunderten, den Märtyrertod vieler Juden gesehen! Die Abfassung und Verbreitung eines Verzeichnisses solcher Orte wäre wahrlich ein verdienstliches Werk, bannt 'wir wissen, welche Orte wir schon aus nationalem Ehrgefühl und Pietät gegenüber den Blutzeugen unserer Religion meiden sollten . . Ob da Wohl noch viele Orten in Europa übrigblieben? ... Donnerst«-. In Deutschland hat in anerkennenswerter Weise das führende Antisemitenorgan den Kampf gegen uns nicht nur für die Dauer des Krieges eingestellt, sondern sogar versprachen, es auch künftighin so zu halten. Wie sieht es nun damit bei uns aus? Nur zwei Beispiele mögen es uns zeigen: In stolzen Lettern prangt nach wie vor auf einem stattlichen Hause in: 8. Wiener Gemeindebezirke die Aufschrift ״Antisemitenhof" und in vorsichtigem Lavieren zwischen den Klippen der Preßpolizei setzt der ״Kikeriki" seinen humoristischen, darob aber nicht weniger ernst zu nehmenden Feldzug ge« gen Juden und Judentum fort. Er fordert z. B. auf, auch Heuer den Altwiener Brauch zu pflegen, zur Fastenzeit den ״Körberljuden" in Hernals zu besuchen. Wenigen Juden in Wien dürfte bekannt seist, daß im Kreuzgange der Kalvarienbergkirche eine ekelhafte Fratzenfigur steht, der ״Körberljude", in dessen Körbchen allsonntäglich vor Ostern tausende gemütvolle Wiener und Wienerinnen — spucken. Was man früher jedem einzelnen Juden persönlich tun konnte, tut man ihm jetzt in effigie — und das ist eine Schmach, die wir abschütteln müssen! Freitag. Ist es ein Wunder, wenn Nichtjuden uns angesichts unserer Kraftlosigkeit und Zerfahrenheit so verachten, da doch auch die Herausgeber der angeblichen ״Judenblätter" so wenig nationales Solidaritätsgefühl besitzen! Wenn schon unter den in einem Kaffeehause verhafteten Teilnehmer an einer Winkelbörse sich Flüchtlinge befanden, so hätte das nicht gerade im ״Neuen Wiener Tagblatt" hervorgehoben werden, müssen. Solche Arbeit mögen die Herren ״Getauften und Baldgetauften" getrost der antisemitisch-arischeu Presse überlassen. Purim in der Fremde. Auch Heuer feiern die Juden die gewohnte Feier, die Purimfeier, doch ganz anders, als sie sic bis nun gefeiert haben. Das Sprichwort sagt wohl, Purim sei kein Feiertag. Tatsächlich ist dies eines der schönsten Festtage im jüdischen Feiertagszyklus, insbesondere dem Ostjuden und den: wirklich konservativen Juden. Einen Fehler hat dieser frohe Festtag aber doch, er ist kurz. So wirds auch bei uns gesungen: Heut ist Purim, morgen ist aus, gebet einen Kreuzer und werfet mich hinaus. ״Er ist kurz, wird aber umsomehr gewürdigt. Der Tag wird fröhlich begangen, man ist lustig und unterhält sich auf die verschiedenste Weise und auch Speise und Trank sind reichlicher als sonst an einem anderen Tag in: Jahre. Ist es doch laut Vorschrift des Talmuds Gebot, sich an: Purim zu benebeln, daß :nan, wie sich der Talmud so drollog ausdrückt, einen Unterschied, zwischen arur Haman, verflucht sei Haman, und baruch Mordechai, gefegnet sei Mordchai) nicht kennt. Aber nicht das inöchte ich hervorgehoben haben. Denn wie sehr wir uns auch befleißigen sollten, an diesen: Tage zu bummeln, zechen und schnmusen, wir können keine Glanzleistungen Hervorbringen, denn da sind die ״Umaus Haculam" die Weltvölker Meister! Das ist ihr Spezialgebiet. Was aber sonst diesen Festtag so prächtig macht, das sind die Wohltätigkeiten, die an diesen: Tage an Arme geübt werden. Am Purin: ist es Brauch, daß man jeden: gibt, der nur irgendwie bedürftig ist." Das wird strenge befolgt, :nan wird des Gebens gar nicht müde und wie beglückend ist das Geben. Weiß man. doch, daß man damit Tausenden von Armen die Möglichkeit gibt,, sich all das zu beschaffen, was sie für den König der Feiertage, den Pessach, der so viel verschlingt, nötig haben. Das ist doch keine Kleinigkeit, nach der Strenge des Winters, wo der Unbemittelte und Proletarier so schwer und wenig verdient. Es ist also kein Wunder, daß die Wiederkehr dieses schönen Festes, von Reichen und Armen, Kindern und Greisen, gleich sehnsüchtig erwartet wird. Denn jeder kommt da auf seine Rechnung und ich wundere mich nicht mehr, daß es gerade von diesem prächtigen Feiertag heißt, er werde nie aufhören. Freilich, ein solcher herrlicher Feiertag sollte wirklich aus dem Kalender nicht schwinden und immer gleich froh begangen werden. Denn wie gesagt, er zeigt unser Volk, bezw. denjenigen Teil von ihn», der ihn so feierlich begeht, von seiner glänzeudsten Seite.

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