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Jüdische Volksstimme · 1915-02-24 · Heft 8 (24.2.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 8 (24.2.1915)
Date
1915-02-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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CteHt X 91t 8. einem bestimmten Orte zu versammeln haben. Als die Juden in inehreren Städten auf ein solches Signal sich stellten, wurde ihnen befohlen, Linnen drei Stunden die Stadt zu verlassen, da die Ungehorsamen als Spione vom Militärgericht bestraft würden. Natürlich gab es keine Ungehorsamen. Tausende und Abertausende wurden unter Eskorte von Soldaten von ihren Wohnstatten, ihrem Hab und Gut, weggeschleppt und durch Peitschenschläge von den unmenschlichen Soldaten zu immer größerer Eileangetrieben. Der Anblick dieser sich hinschleppenden Männer, Frauen, Greise und Kinder soll herzzerbrechend gewesen sein. Bloß ihre Henker kannten kein Mitleid. Als aber das Ziel der Wanderung erreicht war — das Dorf, in welchem die Unglücklichen bis zum Schluffe des Krieges zu verbleiben haben ז— da fehlte oft die Hälfte der Wanderer — sie waren auf dem Wege vor Hunger, Kälte, Ermattung und Krankheit oder unter den Schlägen der wilden Begleitmannschaft zusammengebrochen. 10. Was im Innern Rußlands an den Juden verbrochen wird, dies dringt jetzt während des Krieges nur sehr schwach über die Grenze, aber die Pogrome hören fast nicht auf und noch dumpfer ist der furchtbare Druck, welcher auf den armen Juden lastet. Wie unmenschlich, wahnsinnig unmenschlich, ist es, daß jüdische Mütter und Frauen zu ihren in der Armee dienenden verwundeten oder schwer kranken Söhnen und Mannern nicht zutzelassen werden, weil die Militärspitäler außerhalb des Ansiedlungsrayons liegen! Wie herzlos ist dies gegenüber den armen Kranken, welche sich ihre Leiden im Dienste des Staates geholt haben. Eine halbe Million Juden zum Waffendienste zu zwingen und sie so wie ihre Allernächsten dann als Rechtlose und Aussätzige zu behandeln, das ist echt russisch Wenn es wahr ist, daß die Weltgeschichte das Weltgericht ist, dann, Herr Minister, wird das Urteil über Rußland und seine Helfershelfer furchtbar ausfallen. Aber wie immer es sein wird, sprechen Sie, Herr Minister, in Ihren Reden nicht von den Juden. Scheinheiligkeit gehört feit jeher zu den Requisiten der russischen Minister. Aber in der Judenfrage ist jeder Versuch Rußlands, sich reinzuwaschen, vergeblich und lächerlich. Wenn es eine öffentliche Meinung gibt, welche sich durch Gerechtigkeit und Freiheitsliebe leiten läßt, wenn diese öffentliche Meinung Einfluß auf die Haltung der neutralen Staaten haben wird, so wird deren Platz niemals auf seiten Rußlands, sein. Von der großen nordamerikanischen Union sollte man dies mit Bestimmtheit Voraussagen in der Richtung der verlassenen Stadt, da sahen sie die aufsprühenden Feuergarben und die sich züngelnden ״Flammen. Mit jedem Knall, jedem furchtbaren Aufschlagen loderten größere Flammenzungen empor, daß der Himmel wie in ro- 1e Tinte getaucht ausschaute und der bloße Mond sein Gesicht mit Wolkenfetzen bedeckte aus Gram . . . Zuerst löste dieses Höllenfeuer in den Gemütern ein gemeinsames, gleic^eitig wütendes Aufbrüllen aus, das in mächtigen Akkorden die Luft erschütterte. Das Unabwendbare ihres Schicksals brachte jedoch ihre Verzweiflung in einen Zustand des ״Gefaßtseins" und nur einzelne Nachrufe besonders empfindlich veranlagter Naturen schrillten fort. Sie wußten ihre Vergangenheit ist soeben in den Flammen aufgegangen, ihre Gegenwart lag brach vor ihnen, ihre Zukunft dagegen hüllte sich in undurAriNgliche Nebel und Wirren, aus denen sie sich kein,' wenn auch ungefähres Bild von ihrem künftigen Leben herausdenken konnten. Die Brücke zwischen Gegenwart und Zukunft war für sie mit Drahthin- Hornissen und Brennesseln versehen, vor denen es ihnen im Innersten ihrer Seele graute ... Die Nacht brach herein und mit ihren Flügeln bemäntelte sie die Flüchtenden samt ihren Leiden und Sorgen. Junge, Weiche Seelen beschlich eine Angst vor der Dunkelheit und dem Ungewissen, das ihrem Gesichtskreis jedwede Aussicht benahm . . . Nur die sich zeitweilig auftürmenden riesigen Flammenzungen überfluteten sekundenweise die Gegend mit Hellem Glanz, der den müden Flüchtlingen den Weg zeigte zum Entrinnen... können. Das Land Washingtons und Lincolns wird sich durch das Reich Plehwes und Jgnatiews, durch das Reich der kontinuierlichen Massenmorde nicht betören laffen. Wien, am 10. Februax 1016. Heinrich Reizes, Abgeordneter des österr. Parlament. Charbona. (Auch der Charbona sei gedacht. Siddur.) Schenkt voll die Gläser, leert ohne Unterlaß hinab die Lethe des Weinstockes, die Lethe, die den Jammer des Golusdaseins vergessen machen soll. Denn Purim ist das Fest des Vergessens. Alle anderen Feste des Judentum gelten der Erinnerung, der festlichen, erhebenden Erinnerung an große Ahnen, die ein stolzes Volksleben führten und deren Herz die treibende Feder ihres Stammes, deren Lunge der unermüdliche Blasbalg am heiligen Herde des Judentums, -deren Geist eine immerwährende Leuchte zum heimatlichen Ziele war. Es sind Tage, wo Israel aus den Stollen des Golus hinanfährt an das Sonnenlicht, um im Glanzreflexe alter, großer Zeit sich selbst zu leben. Purim aber ist ein Golusfest, an dem nicht heiligende Beschränkungen die Weihe des Tages umzäunen sollen, nein, hier ist die Schrankenlosigkeit Tugend. Nicht im ״Prachtgewande seinetz Volkes" hüllt sich Israel, sondern, wie es sich für den Golusmenschen geziemt, im Maskenkleide aller Nationen. Tollt nur in bunten farbenreichen Kleidern, in der Maske des Jtalieners, in der gescheckten Hose des Engländers, als österreichischer Husar und weiß die Geschichte, in welcher Verwandlung noch und kichert über Euch selbst. So buntscheckig, in solch regellosen, lärmenden Haufen, wie Ihr Euch jetzt durch die Gaffe schiebt, habt Ihr durch die Golusgeschichte getorkelt und habt im Verbrüderungsrausch stets vergessen, welche Kluft zwischen grur Haman und baruch Mordechai herrscht. Denn die Helden der Purimgeschichte selbst haben der Maske gehuldigt. ״Und Esther sagte nicht aus ihr Volk und ihr Geburtsland". So muß es in ganz Susa kluger -Gebrauch gewesen sein. Dgs ganze Schicksal Israels liegt im ״Tore des Herrschers", die nationale Tätigkeit Israels besteht in Hintertreppenpolitik und Jntervention. Im ernstesten Momente hängt das Schicksal einer ganzen großen Masse an einer Schwer!- kung des Regierungsszepters. Jetzt erwacht jäh das Bedürfnis zu ״sammeln alle Jehudim, die nur in Susa wohnen". Sieh da, das Abwehrjudentum des Altertumes! Ein ohnmächtiges, Da klirrte es, wie das Gerassel von Säbeln. Der Flüchtenden bemächtigte sich eine Furcht Bald wurde auch Pferdegetrappel hörbar. Ihre Furcht wuchs. Endlich hörten sie auch Kommandorufe des Offiziers. Da war es ihnen klar, daß sie in Feindeshand sich befinden. Bevor sie sich jedoch ihrer Lage recht bewußt Wurden, stand schon der voranreitende Offizier vor dem ersten Wagen und ein donnerndes ״Halt" entrang sich seinen Lippen. Das Blut erstarrte ihnen in den Adern. Mechanisch blieb alles stehen. Manche jedoch, die tiefe Finsternis als Deckmantel benützen wollten, sprangen aus dem Wagen, rasch seitwarts entfliehend. Da erhellte ein Flammenaufschlag die Gegend und der fremde Offizier kommandierte ״Feuer!" Eine Salve folgte und ihr ein unmenschliches Geschrei wildester Art. . . Die Toten wurden in die nahen Gräben gescharrt, während die Verwundeten samt den Sonstigen zurück in die brennende Stadt Iransportiert wurden . . . Zwischen den als tot zurügebliebenen befand sich ein junges Mädchen, welches infolge tiefer Ohnmacht von den Russen für tot gehalten und mit in den Graben gescharrt wurde. Sie erlangte nach einiger Zeit wieder das Bewußtsein und begann die Glieder auszurecken. Dafühlte ihre Hand etwas Weiches, Warmes und Naffes. . . Schaudernd entfernte sie die Hand und mit dem Aufwand ihrer letzten Machtreserve stellte sie sich endlich auf. So stand sie eine Weile regungslos. Wieder beleuchtete eine Flamme die Gegend und sie erzitterte heftig beim Anblick der vielen Leichen. ' Mit einem Sprunge war sie aus der Cyauffst.' Taumelnd weil nicht nur ״zerstreutes", sondern auch ״zertrcnntes" Volk ist der Spielball einer Weinlaune des Königs. Makkabi trotzt später Myriaden von hellenischen Kriegern, aber das Judentum eines Goluszentrums läßt über sich ahne Widerstreben das Los werfen, ob der Wein- oder der Liebesrausch des Königs siegen werde. Im Rausche geschah das Purimwunder, int Rausche soll es gefeiert werden, ltnb ״Purim" soll es genannt werden, wegen des ״Loses". Denn das Heil war durch das große Los gewonnen, nicht durch den Schweiß der Edlen und den Arm der Tapferen. Gottes Name darf in dieser Geschichte nicht genannt werden. In der Stunde der Not wird Er darin nicht angerufen, sondern die Negierung. Hingegen beginnt jede Kolonne der Megilla, die nach alter Tradition geschrieben wurde, mit ״Hamelech"! Denn das Wohlwollen und die Ungnade der Regierung sind die ״Purim", welche über das Schicksal eines entnervten Goluszentrum ent)- scheidet. Jede Form der Macht, ob sie Malach oder Moloch bedeutet, ist ihnen — nicht nur ethymologisch — gleichbedeutend mit Melech. Es tnuß ja dem Anscheine nach in Susa eine genug zahlreiche Judeuschaft gegeben haben, um einen starken Widerstand entwickeln zu können. Sie kennten aber nur einen von der hohen Regierung legalisierten Widerstand ausüben, als es Ahasver erlaubte, sonst wäre der 14. Adar das furchtbare Schauspiel der Metzelei hilfloser Menscheu geworden. Denn wer iin klassischen Goluszentrum zu fallen beginnt, ״muß immer tiefer fallen". Dieser Goluszustand findet seinen glänzendsten Repräsentanten in Charbona. Er entdeckt erst, daß Mordechai dem König Gutes tat, mit dem Momente, wo Hamans Haupt bedeckt wurde. Bis dahin konnte er sich — nicht erinnern. Charbona, Charbona, Du warst ein Eunuch und hast dennoch eine solch zahlreiche Nachkommenschaft! Wäre Esthers Verlangen unerfüllt geblieben, so hättest Du Kluger, Braver gewiß eilig geschrieen, daß es jener Mordechai sei, der das Gebot des Königs, vor Haman zu knien übertreten hat. Charbona, Charbona, die Tradition gebietet. Dich am Purim zum Guten zu gedenken. Seis denn! Im Rausche, wo selbst Arur Haman verwechselt werden soll, kommt Dir auch ein gutes Wort zu. Aber über das ganze, nüchterne Jahr sei verdammt, wie Satan. Wohl ist einer der Talmudweisen der Ansicht, daß Du mit Elia identisch bist. Und Elia, der kühne Wüstenprophet, der sich allein gegen den König und seine 460 Baalspriester wirft, ist doch Dein ausgesuchter Gegensatz. Allein Du bist kühn und eiferst und dräust ins Gesicht, wie Elia, wenn Mordechai in Vorteil geraten ist. Aber Du hättest beim Galgen Mordechais, Eueres Führers und schwindelnd irrte sie in der Finsternis umher. Ihre Augenlieder waren bleischwer und das Gemüt bedrückte etwas Namenloses. Sie war berauscht und unfähig zu denken. Nur die starren Glieder der entsetzlich Getöteten sah sie . . . Da näherte sich ihr ein Tritt eines Menschen. Sie sah eine Waffe blinken und ergriff die Flucht. Sie rannte und er ihr nach, bis ihr die Kräfte vergingen und sie eine nochmalige Ohnmacht befiel ... Als der Morgen erwachte und die ersten Sonnenstrahlen die Erde küßten, lag sie noch unter einem Gesträuch in halb bewußten Zustände. Als jedoch die Finsternis ganz wich und das Tagesleben sich zu regen begann, nahm sie sich zusammen und stand auf. Sie sah erst, wie ähre Kleider zerfetzt, zerrissen, beschmutzt und mit Blut befleckt waren. Nasch warf sie das Oberkleid ab, um etwa Vorübergehenden nicht verdächtig zu erscheinen. So kroch sie den ganzen Tag umher, ohne Ziel, ohne zu ahnen, was sie tat. In ihrer Beklommenheit fühlte sie nicht, daß sie eigentlich nur die Runde gemacht hatte und ganz unbewußt näherte sie sich dem Graben, den sie in der vergangenen Nacht verlassen hatte . . . Als sie jedoch in die unmittelbare Nähe des Grabens kam zog sie der Instinkt hinunter und sie ging die seichte Wand desselben hinunter. Ihr erster Anblick war die zerschossene Schläfe ihres Vaters, an der die Hand ihrer grausam entstellten Mutter ruhte . . . ״Mutter," schrie sie gewaltig und fiel entseelt nieder . . .

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