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Jüdische Volksstimme · 1915-02-24 · Heft 8 (24.2.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 8 (24.2.1915)
Date
1915-02-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ja-ra. XVI. Vrschelut jeden Mittwoch Nummer 8. ZOislhe DslksßjMt. Herausgeber: Max Hickl. B—-״s 81 c: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 ganzjährig ..Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12 — Rußland, ganzjährig . .Rubel 6 — Balkan, Frankreich.Frank» 14 — »----Q * ^Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 9? * Buchhandlerische Vertretung: Vtt» Klemm, Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten Ist Rückporto beizufügen. »---N Wien—Budapest. Prag—Lemberg. Ein offener Brief an den ruffi׳ schen Minister des Aeußern Sasonow. Der österreichische Abgeordnete Heinrich Reizes veröffentlicht den folgenden offenen Brief an den russischen Minister-des Aeußern Sasonow: ״An Se. Exzellenz Herrn Sasonow, kaiserlich russischen Minister des Aeußern. Den Juden ist eine große Ehre zuteil geworden. In der Rede, in welcher Eure Exzellenz die Duma ״wahrheitsgetreu" über die durch den Krieg geschaffene Lage informieren wollten, widmeten Sie einen Absatz den Juden. Hiebei erklärten Sie mit einer vielsagenden Verbeugung gegen den in der Diplomatenloge anwesenden Botschafter der Vereinigten Staaten, die Nachrichten über die seitens der Russen an den.Juden begangenen Greuel und Pogrome seien unwahr, und von der deutschen Regierung, bezw. deren Washingtoner Botschafter tendenziös erfunden; die jüdische Bevölkerung, sagten SM habe blöff in den zum Kriegsschauplatz gehörenden Ortschäften gelitten und nicht mehr, als nicht zu vermeiden war. Fürwahr, die Ehre, inmitten der großen Ereignisse der Weltgeschichte von seiten des kaiserlich russischen Ministers des Aeußern, einer besonderen Erwähnung gewürdigt zu werden, ist eine sehr große, und die Juden müßten darüber Freude und Befriedigung empfinden, wenn bei diesen armen, gepeinigten und mit ausgesuchten Torturen geplagten Menschen ein solches Gefühl aufkommen könnte. Freilich würde auch in diesem Feuilleton Auf der Flucht. Von Bernhard. Horowitz. Leise quoll der kleine Bach und die ringsum ausgegossene Harmonie der friedlichen Natur beeinträchtigte nur das Plätschern des ruhigen Bächleins. In manchen Hellen Mondnächten, als die Sternchen in zahlloser Menge von oben herunterfunkelten und uns freundlich zuwinkten, während die Königin der Nachtlichter ihre fahlem blassen Strahlen spendete, die wie Silberstreifen Tal und Berg bedeckten, war es eine Art verzauberter und märchenhafter Atmosphäre, die über der Gegend lagerte, in der es gläubigen Geistern und frommen Gemütern vor Gespenstern Wimmelte... An der Seite dieses Bächleins fristete ein Provinzstädtchen ruhigster Beschaffenheit sein monotones Leben dahin. Die zumeist arme, sehr beschränkte Bevölkerung hatte keine Fühlung mit der großen Verkehrsader der Welt. Sie lebte von Ackerbau und Getreidehandel lokaler Art und selten störte das ruhige Gemüt dieser Einwohner ein ungewöhnliches Ereignis. Da kam das große erschütternde Weltereignis. Zunächst die Mobilisierung. Ein Rauschen, Eilen und Laufen, In den ruhigen rythmischen Trieb dieser Leute Platzte die Nachricht vom Weltkrieg wie eine Bombe und schuf eine Gärung in ihren Gemütern. Falle der Gedanke störend wirken, daß nicht Menschlichkeit oder Gerechtigkeitsgefühl Sie veranlaßt haben, sich mit den Juden zu beschäftigen, sondern die Abficht, von Ihren Verbünoeten, den ״gottesfürchtigen" Engländern, die Barbarei Ihres Landes zu verhüllen, noch mehr aber, die öffentliche Meinung Amerikas, dieses wahren Landes der Freiheit, zu beruhigen. Es muß zwar der Versuch eigentümlich anmuten, wenn Sie, der Minister des Reiches der Peters-Paul§-Zitadelle — des Reiches der Henker Murawiew, Kaulbars e tutti quanti — des Reiches der Kischenewer und Kiewer Blutbäder, das Volk der Dichter und Denker als Barbaren und sich als Hort der Freiheit hinstellen; aber nicht Polemik, sondern Richtigstellung von bewußten Unwahr- Heiken ist der Zweck dieser Zeilen, der Un- Wahrheit, welche Sie mit dem Ableugnen der im Kriege von den Russen an den Juden verübten Greuel begangen haben. Zu dieser Richtigstellung und zu der Aufklärung der öffentlichen Meinung Amerikas fühle ich mich als Jude und Volksvertreter verpflichtet und berufen. Natürlich ist hier nicht der Platz, das ganze gesammelte Material varzulegen; dazu wird Nach dem Kriege Zeit sein, wenn eine allgemeine Ueberschau vorgenommen werden wird. Hier bloß einige wenige Tatsachen. 1. Wo immer Ihre gegen Wehrlose sehr tapferen Soldaten, in Galizien und in der Bukowina einrückten,!war ihre erste Frage nach den Judenhäusern (Jewrej), um über sie herzufallen und sie auszurauben. 2. So oft Juden sich über an ihnen begangenen Raub bei den russischen Offizieren beklagten, lehnten diese ein Einschreiten ab mit der Begründung, es sei nicht wert, eines Juden wegen Der das Gemüt beengende und die Nerven angreifende Begriff Eile marschierte dort ein. Die Musterungspflicht hatte binnen 48 Stunden zu erfolgen. Wer hatte nicht etwas »zu ordnen, zu bezahlen, zu empfangen, in Gewährsam zu bringen. Die an Rythmik gewohnten Pulsschläge gerieten in Deroute. Der kleine entkegene Ort gelangte Plötzlich in den großen Wirbel des Weltmeeres. Da er auch von wichtiger strategischevBedeutung war, wurde über ihn viel gesprochen und geschrieben. Der Gemeindesekretär, der allein in dieser Stadt eine Zeitung bezog, verlas täglich am Ringplatze die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatze und als zuweilen auch der Name dieses Ortes genannt wurde, konnte man den naiven Deuten eine Art Gehobenheit von den Mienen ablesen. So gings fort bis -die ersten Nachrichten von dem Herannahen des Feindes hineindrangen. Anfangs riefen diese Nachrichten nur Kopfschütteln hervor. Die Gerüchte verdichteten sich immer mehr, bis die nackten Be- .gebenheiten allen Zweifeln die Gewißheit boten, daß die Gerüchte keinesfalls einer realen Basis entbehrten und auf allen Gesichtern malte sich die namenlose Angst und Verzweiflung vor dem Mgewissen. Die Pgröle ״fliehen" wurde ausgegeben und am selben Tage wurde was an Hab und Gut fortzubringen war. zusammengeschweitzt und auf Wäger! geladen. Wer keines hatte, nahm seine Sachen auf die Schultern und fort gings. Wagen um Wagen ging, auf denen Greise, Greisinnen mit Kindern einen russischen Soldaten, und wäre er auch ein Räuber, zu bestrafen. 3. Die Fälle der Schändung jüdischer Fraueu und Mädchen durch russische Soldaten aufzuzählen, erforderte Folianten. 4. Juden, welche noch vor der russischen Invasion ihre Liebe zum angestammten Herrscher- Hause betätigten, wurden in unzähligen Fällen den raffiniertesten Torturen seitens der Russen ausgesetzt. 6. In Gebieten, in welchen die Russen auch nur kurze Zeit hausten, blieb kein einziges jüdisches Vermögen unbeschädigt. 6. In Lemberg, dem — gewiß nur vorübergehenden — Sitze eines Generalgouverueurs, veranstalteten die Russen unter dessen Augen zur Zeit oer hohen jüdischen Feiertage einen olutigen Pogrom, dem Hunderte von Unschuldigen zum Opfer fielen. AUS׳ Gewehren wurde auf die ganz Wehrlosen geschossen, als wären sie nicht Menschen, sondern wilde Tiere. Das Gebet am Vorabend des Versöhnungsfestes konnte nicht abgehalten werden. 7. Aus der vor kurzem befreiten Bukowina meldet man, daß den Juden für requierierte Sachen nicht nur nichts bezahlt, sondern auch mit Einäscherung der Häuser gedroht wurde. Diese Drohung wurde auch in vielen Fällen verwirklicht. 8. In Russisch-Polen, in welchem die Leidenschaften durch die Kriegsfurie aufs äußerste aufgepeitscht sind, hat Ihre Regierung, die niebrigsten Elemente der Bevölkerung zu Mord und Raub an den Juden aufgehetzt, in einer Weise, welche alles bisher Bekannte überboten hak. v. Dort ordnete auch Ihre Regierung an, daß auf ein Trommelzeichen alle Jrcken sich an -und Enkeln zusammengepfercht saßen und infolge des rauhen Winterwetters in Plachen und Fetzen eingemummt bis über die Nase waren. Gleichmäßig war der Takt der schwachen, mageren Bauernpferdl-ein. Stumm gebeugt, resigniert saßen sie die Flüchtlinge und schauten düster vor sich hin in die umnebelte Ferne und Zukunft... Hie und da erscholl das Lallen und Weineneines in Fetzen gehüllten Kindes und die Töne erzitterten in der Luft und glitten auf ihren Wellen, weit, weit in allen Richtungen. Manchmal war ein Geflüster, ein Gemurmel vernehmbar, mit anhaltendem Schluchzen vermengt. Und der Trab der Pferde, die mit ihren Hufeisen die zugefrorene Erde brachen, gab diesem Schauspiel einen seltsamen Unterton . . . Die abgemagerten Pferdlein hatten viele Peitschenhiebe auszuhälten. die ihnen die Kutscher mit der Absicht gaben, rascher vorwärts zu kommen. Mit ihrem tierischen Instinkt ahnten sie. daß sie einem unheilvollen Schicksal entgegengehen, da ihnen das Benehmen ihrer ״Herren" qeqenüber ihnen, immer wohltuend, ia fall väterlich gewesen war, jetzt hart nervös und zudringlich wurde.. Schließlich faßte sich alles mit dem Gedanken ״Flucht" und verhältnismäßige Ruhe herrschte dann zwischen den Flüchtlingen. Diese Ruhe wurde durch einen furchtbaren Knall erschüttert, dem mehrere hintereinander folgten. Die Erde ringsum erbebte unter der Wucht des Getöses. Uno als sie sich umwandten

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