Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1915)
- Date
- 1915-02-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelte S. ״Misch« SeMßr««.* Rr. 7. Folgen meines Glaubens, meines Stammes und meiner Rasse, sondern des unsäglich schweren Druckes, unter den! ich lange Jahrhunderte geschmachtet, und der großen Gefahren, denen ihr mich preisgegeben habet. Ein Volk, das man nun zur Ruhe kommen ließ, das nun recht aufatmen durfte, das unausgesetzt von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf wie das Wild gehetzt und gejagt wurde und sich glücklich fühlte, so es endlich in irgend einem Lande eine Zufluchtsstätte gefunden, um in Hütten, Baracken, ein erbärmliches Dasein fristen zu können, kann unmöglich fehlerfrei dastehen. Al tiruni scheami schecharchores, Blicket mich nicht an, daß Ich so geschwärzt bin, schesofasni hnschomesch, denn die Sonne hat mich gebräunt, id) war zu oft der Sonnenglut ausgesetzt, bene immi nichamu bi, meiner Muttersöhne haben mir gegrollt." Wenn ihr schon ein \0 scharfes Auge für meine Fehler habet, warum habt ihr kein Auge auch für meine Tugenden und Eigenschaften, für meine Verdienste, die ich mir durch die Verbreitung der Kenntnis der Thora auch mit euch erworben, denn die edlen und besseren Vegrifse, die die kultivierten und zivilisierten Volker der Erde über Gott> Mensch und Welt haben, haben sic ja nur der Thora, diesem uralten, ewig neuen, göttlichen Religionsgesetzbuche zu verdanken; ja, schecoro ani wenorc, ich bin schwarz, aber dabei lieblich, gleich den Hütten Kedars, die unansehnlich und geschwärzt von außen sind, wahrend sie im Innern große Schätze bergen. Trotz der Verleumdungen,'die ihr gegen mich in unbesonnener Weise geschleudert, verzage ich nicht, sehe vielmehr mit Zuversicht jener Zeit entgegen, wo auch ihr, gleich den edlen Kulturvölkern und ihren erhabenen einsichtsvollen Fürsten, die Ueberzcugung gewinnen werdet, daß es ein horrendes Unrecht, ja barbarisch sei, nützliche, geachtete, opferwillige, durch Heldenmut, Tapferkeit und aufrichtige, ungeheuchelte Vaterlandsliebe sich auszeichnende Staatsbürger als minderwertige Individuen zu betrachten und in den Hintergrund zu drängen. Diesem Gedanken eben hatte Rabbi Simlai in der oben erwähnten Parabel Ausdruck zu verleihen versucht. Er sagte: Am jüngsten Tag wird Gott der Herr die Völker, die sich Verdienste um die Förderung und Verbreitung der Thorakenntnis erworben haben, auffordern,"den Lohn hiefür in Empfang zu nehmen. Dieser Einladung werden alle in bunter Mischung Folge zu leisten bereit sein. Die Einen werden pochen auf die Städte und Märkte, die sie angelegt, wie auf die Badeanstalten, die errichtet, und auf die großen Schätze von Gold und Silber, die sie gehäuft, damit Israel in Ruhe und Frieden hem Gesetze leben konnte, die Anderen wieder werden auf die Brücken, die sie über Flüsse geschlagen und Festungen erbaut, auf die Städte, die sie erobert und auf die zahlreichen Kriege, die sie geführt, um Israels Heil und Wohl zu fördern, Hinweisen. Sie werden aber .alle, die Einen wie die Anderen, von Gott abgewiesen werden, weil alles, was sie unternommen haben nur aus Eigennutz geschah. Mit besonderer Entrüstung werden jene zurückgewiesen werden, die auf die zahlreichen Kriege, die sie, angeblich im Interesse Israels geführt, hinweisen werden. ״Ihr habt Kriege entfacht, gegen wiirdige, friedliebende Fürsten gehetzt, um deren Reich zu zertrümmern und euere Ländergier und Herrschsucht befriedigen zu können, das war ein schweres Verbrechen, das nicht ungestraft blei- Heu kann, denn Herr des Krieges bin Ich", wird die göttliche Antwort lauten. Darauf aber werden sie entgegenrufen: ״Wir wurden doch nicht am Sinai wie Israel zur Annahme der Thora gezwungen! Gib sie uns jetzt aufs neue, wir wollen ihre Lehren befolgen und beherzigen". ״Redet doch nicht einen solchen Unsinn, ihr Toren", wird Gott ihnen erwidern. Diejenigen, die sich seit langer Zeit mit dem Studium der Thora befaßt, alle Mühseligkeiten, Leiden, Sorgen, Qualen und Widerwärtigkeiten geduldig! ertragen haben, ohne sich von derselben, der Thora, abtrünnig machen zu lassen, wie diejenigen, die die Träger der Thora und deren Anhänger kräftigst unterstützt haben, haben Anspruch auf reichen Lohn, ihr aber, die ihr euch nie um die Thora gekümmert, die Träger derselben vielmehr verfolgt, bedrückt, grausam׳ behandelt habet, wollet sie jetzt annehmen, um dafür morgen schon reichen Lohn einheimsen zu Linnen, das geht nicht an. Einen Versuch will ich jedoch noch machen. Ich habe da eine leichte Mizwoh (Gebot), sie heißt Sukko, Hütte. Verfertigt euch Hütten und wohnet einige Zeit in denselben. Sofort werden sie alle sich beeilen Hütten aufzuschlagen und sich in denselben wohnlich einzurichten. Ällein kaum werden sie die Hütten bezogen haben, als sie sich infolge der hineindringenden Strahlen der glühenden Sonne gezwungen sehen werden, die Baracken zu verlassen und somit beweisen werden, daß sie nicht einmal ein Gebot der Thora, das Entbehrungen und Entsagungen erfordert, zu halten fähig sind, während die Juden im Laufe der Jahrhunderte unzählige Male als Flüchtlinge die Leiden der Barackenbewohner verkosten mußten, ohne daß sie verzagten und verzweifelten, sondern geduldig und gottergeben ihr Geschick ertrugen und sich freuten, daß sie eine Zufluchtsstätte gefunden haben, um geschützt vor Pogromhelden dem Glauben ihrer Väter treu bleiben zu können. Dr. Fr. Gloffen. Unter diesem Titel brachte Kollege Dr. Kanter, Rabbiner in Zwittau, in der letzten Nummer dieser Zeitschrift einige interessante und geistreiche- Erläuterungen zu verschiedenen schwierigen Stellen der Bibel und des Talmuds. Unter anderem wird dort im Namen des bekannten talmudischen Schriftstellers Lasar Atlas eine Erklärung zu der bewußten, vielfach gedruckten Talmudstclle in Nosch Haschana (P. 25 a) angeführt: אמר ליד. רבי לר׳חייא זיל לעין טב וקדשא לירחא ושלח לי שימנא דוד־ מלך ישראל חי וקים. Rabbi (Juda Hanassi) schickte den N. Chija nach En—tow, daselbst den Neumond zu bestimmen und einzusegnen und als Zeichen der vollzogenen Aufgabe erbat er sich von ihm das Merkwort: ״David, der König van Israel, lebt fort". Herr Dr. Kanter erklärt nun im Namen des Lasar Atlas diese Stelle wie folgt: Die Bestimmung des Neumondes fandbekanntlich stets in Judäa statt. Rabbi sah sich aber zum ersten Male genötigt, diese Funktion außerhalb Judäas (also in En—tow) vorzunehmen oder vornehmen zu lassen und fürchtete, man könnte diese Neuerung falsch auffassen, man könnte darin leicht eine Lostrennung von Jerusalem, der Residenz des Davidschen Königshauses, erblicken, diesem Verdachte vorzubeugen, .befahl nun Rabbi dem N. Chija: er soll an die Einsegnung des Neumondes außerhalb Palästinas den Spruch knüpfen: ״David, der König Israels, lebt ewig". Diese Parole sollte besagen: wir haben die Ehrfurcht vor Jerusalem nicht verloren, wir empfinden sie immer, obgleich wir zum ersten Male eine der wichtigsten Funktionen außerhalb Palästinas vornehmen mußten. So weit Herr Dr. Kanter. Allein abgesehen davon, daß es schon vor N. Inda Hanasi (lebte um 200) nicht an Versuchen fehlte, die Bestimmung und Festsetzung der Neumonde außerhalb Palästinas, in Babylonien, vorzunehmen( siehe weiter unten), so bleibt doch die Frage offen, zu welchem Zwecke yurde die Parole unserer heutigen ברבת קדוש לבנה einvcrleibt und welchen Sinn hat es, heute zu beteuern, daß wir trotz der Einsegnung des Neumondes auf fremden Boden uns dadurch von dem Davidischen Hause nicht lostrennen wollen? Viel einleuchtender ist daher folgende Erklärung zu dieser Stelle, die vom pl. Jellinek herrührt und irgendwo in seiner Predigten- Sammlung zu lesen ist. Es war nämlich zur Zeit, als die Römer den Juden in Palästina verwehrt hatten, Boten auszusenden, um das Sichtbarwerden des Neumondes zu beobachten — ein Verbot, das die Juden im heiligen Lande aufs tiefste betrüben mußte — da sandte Rabbi den R. Chija aus und sprach: Bestimme du den Neumond in En—tow und sende mir das Merk- Wort: ״David, der König von Israel, lebt fort." Welch ein Trost lag in diesem verabredeten Zeichen, das heute noch seine volle Anwendung fin-, det! Wie nämlich der Mond aus dem Wolkendunkel, das ihm einhüllte, sich erhebt, immer wächst und zunimmt, bis seine volle Scheibe die Nacht aufhellt, so soll Israel trotz allem Drucke stets hoffen, daß sein Licht am Himmel der Geschichte glänzen werde. Jeder Monat ruft ihm gleichsam zu: ״David, der König von Israel, lebt fort; Israel, deine Propheten flößten dir eine große Hoffnung, die messianische Hoffnung, die Hoffnung auf Erlösung und Befreiung ein; gib sie nicht auf, blicke auf den Mond, nach welchem du die Jahre zählst, so lehre dich auch die Phasen der Geschichte berechnen und in ihnen immer neue Hoffnungsstrahlen entdecken. Reiche entstehen und vergehen, dein Reich aber, das Reich des Davidischen Hauses, das Reich der Gotteserkcnninis, der Gerechtigkeit und der Liebe, kann nie vernichtet werden: das wächst wie der Mond bei jedem Fortschritte der Menschheit!" Was die Bestimmung und Einsegnung des Neumonds außerhalb Palästinas zur talmudischeu Zeit betrifft, so hat es bereits lange schon vor Rabbi Juda Hanasi nicht an solchen Versuchen gefehlt. Eine alte Mischna (Jcbanwt zu Ende) tradiert, daß R. Akiba (ben Josef) nach Nahardea gegangen ist, um dort einen Schaltmonat einzusetzen: אמד ר׳ עקיבא כשירדתי לנחרדעא לעבר דשנד worauf sich auch die Stelle in Berachot (6g a) bezieht. Was>R. Akiba in Nahardea, das hat auch N. Meir in Asien getan: מעשר. ברי מאיר שדרך לעבר שנה בעסיא (באשיא (Tosifta Megilla II6. Megilla p. 18 6). Dasselbe wird auch von Chija bar Sarnuki und Simon bew Jehozadak erzählt (Synhedrin P. 26 a): ר* דדיא בר זרנוקי ור־ שמעון בן ידוצדק דוו קאזלי לעבר שנד בעסיא und daß dieses ״Asia" auch im Talmud als Ausland galt, geht ausser oben-zitierten Stelle in Synhedrin und Tossafot daselbst (11 b) hervor. Denn zur Zeit der Not durfte man allenfalls diese Funktion auch im Auslande vornehmen. 'Am bekanntesten aber ist der schismatische Versuch des R. Chananja, eines Neffen des N. Jofua (zur Zeit des Bar-Kochbaischen Krieges), von Babylonien aus das Kalenderwesen und die Fest- - ordnung zu bestimmen und damit dem Patriarchenhausc sowie dem judäischen Synhedrin eine wichtige Prärogative zu entreißen. Vgl. Bergchot (68 a), wie auch jer. Nedarim (VII P. 10 b) und Synhedrin (I p. 10 a). Auf diese Tatsache bezieht sich auch die Erzählung in jer-. Ketubot (II P. 26. unten) von den zwei Töchtern des berühmten Amoräers Samuel, die in Nahardea in Gefangenschaft geraten und nach Palästina geführt wurden und die ihre Versündigung infolge des ungesetzlichen Vorgehens des R. Chananja erklärten, der im Auslande die Jnterkalation vollzogen hatte: מן חטאת ד. חנניא שעבר את חשנד, בחוק לארק Siehe hierüber He-Chaluz I. S. 128 und Graetz, Geschichte der Juden, Bd. 4, 3(11111. 21. Aus alledem geht nun hervor, daß nicht 3t. Juda Hanasi der erste war, der sich genötigt sah, die Bestiinmung und Einsetzung des Neumondes im Auslände vornehmen zu lassen. Loschitz. Nabb. Dr. I. Günzig. Eingesendet. Seelsorgerwacht. Ju der letzten Nummer hat Herr Rabbiner Abeles auf die der vorletzten Nummer unter obigen Titel erschienene Korrespondenz reagiert und macht dem Schreiber das Unterlassen seiner Fertigung zum Vorwurf. Derselbe ist unbegründet, denn dies ist nur auf ein Versehen des Drukkers zurückzuführen. Ich konstatiere nochmals, daß mein Bericht, obwohl ich bei dem in Rede stehenden Gottesdienste selbst nicht anwesend war, ans authentischer Quelle stannnt und mir von vielen bestätust wurde. ׳' Nachdem Herr Rabbiner Abeles wissen möchte, welcher Nationalität ich angehöre, wolle er zur Kenntnis nehmen, daß ich allerdings kein ״Tscheche", sondern wie meiue Urahnen Jude bin. Nur unsere ״Seelsorger" können allen möglichen Nationalitäten angehören. Zum Schlüsse zeige ich H. Nabb. Abeles, daß ich auch den Mut Habe, ihn meinen Namen wissen zu lassen. Abraham Kohane, derzeit Prag. Hagadas schel Pessach, zu beziehen durch Jüd. Buch- und Kunstverlag, Brünn.