Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1915)
- Date
- 1915-02-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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«tat! 4. Rr. 7 Sie reiste deshalb bald zu ihren wohlhabenden Eltern nach Petersburg. Hier wurde sie jedoch verhaftet, denn infolge ihrer Heirat nach Odessa hatte sie ihr Aufenthaltsrecht in Petersbürg verloren. Sie wurde in ״Etappen" nach Odessa gebracht, was einige Wochen in Anspruch nahm. Denn diese Etappen geschehen, indem die zu Befördernden mit allen möglichen Verbrechern und Gesindel zusammengebracht werden, das dann jedesmal in dem jeweiligen Aufenthaltsort in die Gefängnisse überdeführt wird, wo sie die Nächte zubringen. Auszeichnung. Aus Wien wird uns berichtet: Der Assistent des Professors Dr. O. Zuckerkand!, Dr. Robert Bachrach, der als Regimentsarzt im Felde steht, wurde durch die Verleihung des Goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Sauberkeit. Es ist nicht zu leugnen, daß die Jicken Böh- Niens ihren aus Galizien geflüchteten armen Glaubensgenossen in jeder Beziehung hilfreich zur Seite stehen und trotzdem sehen sie den galizischen Juden als einen inferioren niedrigen Menschen an. Es ist traurig, daß dies nicht bloß assimilierte Juden tun, sondern daß diese Meinung auch in jüdisch nationalen, zionistischen Kreisen zum größten Teil eingebürgert ist. Jeder, der den galizischen Juden von seiner Heimat aus kennt, weiß, wie unrecht daran getan wird, wenn auch nicht bestritten werden soll, daß es unter den galizischen Juden wie unter den böhmischen ״Auswürfe" gibt. Doch man behandelt den galizischen Juden ohne Unterschied gleich schlecht, unterstützt sie Wohl, Will aber mit ihnen nicht in Berührung kommen, weil sie ״schmutzig" sind. Von einem Lehrer habe ich gehört, daß es nur Juden (sic!) sind, welche gegen die Aufnähme von den ״schmutzigen Flüchtlingskindern in der Schule waren, und lieber ihre eigenen Kinder herausnehmen Würden, als sie gemeinsam mit den Flüchtlingskindern in ejnem Raum zu lassen. Und auch sonst hört man nur von ״unsau- Keren" Polnischen Juden reden. Die Leute vergessen, daß sie unter den gleichen Umständen nicht besser, vielleicht sogar schlimmer aussehen würden und anstatt das zu begreifen und ihnen auch in dieser Hinsicht tätig zur Seite zu stehen, belustigen sie sich darüber. Ist dies auch bei den geflüchteten Nichtiuden so? Keine Ahnung. Es sind geflüchtete Polen hier, die mit den Deutschen und Tschechen weniger verwandt sind, wie wir galizischen Juden, mit den böhmischen, welchen man mit brüderlicher Aufopferung und mit Hochachtung entgegenkommt. Die galizischen Juden hingegen flieht man und begegnet ihnen mit Mißachtung und Geringschätzung. Doch wie heißt es im Talmud: Wie die Verderbten habt ihr es gemacht, nicht wie die Vollkommenen. Es wäre schon Zeit, daß unsere Brüder, diese ihnen gewiß keine Ehre bringende Eigenschaft abstreifen. Büchertisch. Von Rudolf Eucken, dem bekannten Jenaer Philosophen, welcher dieser Tage in der Wiener ״Urania" einige äußerst fesselnde philosophischpolitische Kriegsvorträge gehalten hat, ist im Verlag Felix Meiner, Leipzig, eine bemerkenswerte Sammlung von Aufsätzen (Gesammelte Aufsätze zur Philosophie und Lebensanschauung) erschienen. Wir finden da eine Reihe gediegener größerer Aufsätze, welche ein treffliches Bild von der tiefschürfenden Gedankenwelt Euckens geben. Genannt seien: Goethe und die Philosophie: Die Stellung der Philosophie zur religiösen Bewegung der Gegenwart; Die innere Bewegung des modernen Lebens: Der moderne Mensch und die Religion u. a. m. Das Buch ist recht empfehlenswert. Im Cottaschen Verlage sind die ״Letzten Novellen" Paul Heyses erschienen. Man kennt die feine *und sonnige Schilderung dieses Dichters, welcher Jahrzehnte hindurch den Mittel- Punkt des Münchner Dichterkreises bildete. Er war aller Tragik und allen Schattenseiten des Lebens abgeneigt, hat aber dafür umso inniger und schöner das weltbewegende Motiv der Liebe zu schildern verstanden. Auch die ״Letzten Novellen" stehen in ihrem Zeichen. Nach einem reichen glücklichen Leben hat der Dichter diese Erde verlassen, knapp bevor sie sich ihm als Grotzschlächterei gezeigt hätte. Das war seine Natur und so sind auch die hundert Novellen und die fünfzig Dramen, die er dem deutschen Volke schenkte; sonnig, heiter und glücklich. Das bekanntgewordene ״Lustige Salzer Buch" (Verlag I. Benjamin, Hamburg) kommt in diesen schweren Zeiten wie gewunschen. Es enthält einen reichen Zyklus von Beiträgen erster deutscher Künstler. Der Grundton des Buches ist, wie schon der Titel sagt, ein durchaus heiterer. Die Beiträge, von denen uns die Schi!- derung des Wiener Praters durch Felix Salten am besten gefällt, sind fast alle den besten Werken der Mitarbeiter entnommen. Das Buch bereitet einem einige recht angenehme Stunden. Im Manzschen Hofverlage in Wien ist die zum Preise von einer Krone erhältliche Volksausgabe des Oesterreichisch-ungarischen Rotbuches erschienen. Es enthält nebst den bekannten, historisch gewordenen Dokumenten, welche unsere Friedensliebe und unsere äußersten Anstrengungen zur Lokalisierung des Streites mit Serbien, einwandfrei klarlegen, auch noch einige hochinteressante, bisher unveröffentlichte Dokumente. Namentlich die Berichte unserer Konsulen über die nachhaltige Freude in Serbien bei Ermordüng des Thronfolgerpaares, diese Berichte geben ein Bild menschlicher Verworfenheit, welches seinesgleichen sucht. Das Buch zählt 144 Seiten und führt eine umso eindringlichere Sprache, als die Aktenstücke ohne jedweden tendenziösen Komentar zu uns sprechen. Ein sehr empfehlenswertes Buch ist die Psychologie von Kirchner, welche schon vor ein!- ger Zeit im Rahmen der Weberschen Handbücher erschienen ist. Die Lehrbücher der Psychologie, die heute in den Handel kommen, sind so zahlreich, daß es dem gebildeten Laien schwer fallen muß. ein richtiges' zu finden. Der Laie nimmt meist das philosophische Buch zur Hand, liest die ersten Paar Seiten, fühlt sich gelangweilt und sieht dann das Buch nicht weiter an. Daher ist es zu begrüßen, wenn sich ein so berufener Verfasser wie Kirchner findet, welcher selbst Psychologe, es versteht, ein Buch so zu schreiben, daß es ebenso interessant als lehrreich ist. Kirchner spricht zu seinen Schülern in sokratischer Art: einfach und schlicht. Fern vom Gewoge alltäglicher Anschauungen stehend, greift er nur die ihm wichtig erscheinenden Kapitel heraus, die er dann Präzis und scharfsinnig zu behandeln versteht. Er gibt die Grundzüge der Psychologie, spricht über das Lebenswerk der großen Lehrer der Philosophie und widmet dem ״Wesen der Seele" ein äußerst interessantes, längeres Kapitel. Die Darlegungen werden durch Fußnoten ergänzt, welche die besten Fachwerke dem Leser angeben und ihm damit als Führer durch das ganze komplizierte viteraturgebiet der Philosophie meisterhaft den Weg zeigen. Das Buch kann gleich Kunzes Neligionsphilosophie, Kirchmanns Philosophie bestens empfohlen werden. Eine Besprechung technischer Werke aus den: Verlage behalten wir uns vor. Das vom Verein jüdischer Hochschüler ״Bar Kochba" in Prag herausgegebene Sammelbüch ..Vom Judentum" (Verlag Kurt Wolfs, Leipzig) gehört unstreitig zu den bemerkenslvertesten Neuerscheinunaen der letzten Zeit auf dem Gebiete neuiüdischer Beweaung. In den Abschnitten: Jüdisches Wesen, Jüdische Religiosität, Jüdisches Denken, Das neue Judentum, Das Werden der jüdischen Bewegung, Der Jude und Enropa, Probleme der Gegenwart und der Zukunft, Ans alten Büchern, wird von hervorragenden Vertretern der jüdischen Renaissance (u. a. Goldstein, Buber. Birnbaum, Ravvaport) in 26 Essaus eine Anthologie der jungjüdischen Liter rtur geboten. Das Merk sollte jeder Jude, sofern er es noch nicht kennt, lesen und es sollten ihm weitere, etwa in Form von Jahrbüchern, folgen. Schließlich sei auf einige Neuerscheinungen nordischer Dichter hingewiesen. Von Hans Aanrlld. welchen Felix Dahn als einen Dichter allerersten Ranges bezeichnet, sind im Verlag Merseburger-LeiPzig fünfzehn sehr hübsche Novellen (״Wo der Schnee leuchtet") erschienen. Aanrud, welcher zu den produktivsten skandinavischen Literaten gehört, erfrischt durch jene einfache,- fast naive Art des Erzählens, welche uns Adalbert Stifters Erzählungen noch heute lesenswert machen. Die Naivität muß unbewußt sein; und bei diesem Dichter ist es ganz der Fall. Es sind ins Nordische übertragene Stifter-Studien. Im Rahmen der Nordlandbücher (Verlag Morawe u. Scheffelt, Berlin) erschien außer dem sehr lesenswerten ״Brautmarsch" Björnsons ein in sehr innigen! Tone gehaltener Roman der Dichterin Else Lindberg-Dovlette (״Eine Geigerin", Künstlerroman in 2 Bdn.). Die Dichterin, Gemahlin des früheren persischen Gesandten in Konstantinopel, hat sich zuerst durch ihre Briefe aus Paris und Petersburg an schwdische Tageszeitungen einen Namen erworben. Sie wird heute vielfach als größte schwedische Dichterin nach Selma Lagerlöf bezeichnet. Ihre Schreibweise ist eine frauenhaft zarte und persönliche, dabei aber recht interessante und inhaltsvolle. Perez: ״Die Nacht auf dem alten Markte", deutsch, von Dr. Hugo Zucker mann. Auf dieses bibliophile Werk hat die Verlagshandlung R. Löwit (Dr. Mayer Präger), Wien, 1. Bez., Rotenturmstraße 22, bereits die Subskription eröffnet. In einer einmaligen numerierten Aufläge von 300 Exemplaren, in der Elga-Antiqua, auf feinsten Bütten gedruckt und in Ganzpergament gebunden, soll dieses Werk zum Preise von ca. 25 Kronen im März erscheinen und sowohl durch seinen inneren Gehalt als durch seine biblio- Phile Ausstattung eine Perle auf dem jüdischen Büchermarkt bedeuten. Das ganze Werk wird die von der Verlagshandlung geplante ״Jüdische Liebhaberbibliothek" eröffnen und zum ersten Male modernes ostjüdisches Schrifttum in würdigem Gewände in die Meltliteratur einführen. Die Namenliste der Subskribenten wird auf einem Sonderblatte gedruckt und dem Buche als Beilage angefügt werden. Alle literarisch interessierenden Juden werden dieses Werk von Perez und zugleich das schönste Vermächtnis von Dr. Hug!o Zuckernrann besitzen wollen. Die Subskription wird am 10. März geschlossen und empfiehlt sich mit Rücksicht auf die kleine Auflage umgehende Anmeldung. Nach dem 10. März erlischt auch der Subskriptionspreis Zu beziehen durch den: Jüd. Buch- und Kunstverlag in Brünn. Eine talmudische Parabel, n. Wahrlich, Israel war stets redlich bestrebt und bemüht, sich dieser seiner hohen Aufgabe*auf die glänzendste Weise zu entledigen. Mit einem Heldennrute sondergleichen hat es seit Jahrtausenden für die Erhaltung des ihm am Sinai übergebenen kostbarsten Schatzes, den die Welt besitzt, die Thora, wie für die Verbreitung der Kenntnis derselben, gekämpft, gerungen und geblutet und einer Welt in Waffen getrotzt. Wo gibt es ein Volk auf Erden, das Jahrtausende lang um seines Glaubens willen so oft und so grausam verfolgt, gequält, gemartert und gefoltert worden wäre, wie Israel? Im Osten, wie im Westen, im Süden, wie im Norden, überall wurden alle möglichen Tortoren und Folterqualen ersonnen, um Israel, das Volk der Geschichte, vernichten, den Stamm Juda entwurzeln zu können, dennoch war keine Macht auf Erden in!- stände, dieses kleine, unzerstörbare, Lebenskraft besitzende Volk zu erschüttern. Heute noch steht Israel aufrecht unter den Völkern da, ungebeugt und ungebrochen, freiheitsfähig und freiheitsliebend, so daß edle, redlich denkende, friedliebende und vorurteilsfreie Fürsten nicht umhin können den Heldenmut und die Tapferkeit, die Manneszucht und Manneskraft, den Patriotismus wie die unbegrenzte Opferwittigkeit der Juden öffentlich zu loben und zu Preisen. Allerdings wurde und wird heute noch zuweilen von gegnerischer Seite Israel zugerufen: ״Es ist wahr, daß euere Thora herrliche Lehren enthält, die auch wir hochschätzen und anerkennen. allein ihr selber — die Träger der Thora — habt Fehler, Schwächen. Mängel und Gebrechen, daher wir euch hassen." Israel aber entaegnet ihnen: ״Ich gestehe es ein, daß auch ich Fehler besitze, denn Israel aehört auch zu dem Menschenaeschlechte und Menschen sind nicht unfehlbär, aber die Fehler, die ihr an mir auszuseßen habt — und vsn welchen auch ihr nicht frei zu sprechen seid -- dürfen durchaus nicht als die