Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1915)
- Date
- 1915-02-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 v Von Leopold Moses. Sonntag. Es wird in unseren von Kriegslärm erfüllten Tagen sehr oft über das Wesen und Wirken der Generalstäbe gesprochen und geschrieben. Da mag wohl für, uns Juden der Hinweis auf den Umstand von Interesse sein, daß wir eigentlich im Besitze der ältesten authentischen Mitteilung über einen Generalstab sind. Im 2. Buche Mosis, Kap. 17, Äbs. 8— 1:1, wird berichtet, wie Moscheh mit Ahron und Chur vom Gipfel eines Hügels aus den.Verlauf der Schlacht mit Amalek beobachtete. Diesen Hügel können wir mit Fug und Recht den ältesten Feldherrnhügel in der Geschichte nennen und der Sieg unserer Vorfahren über Amaleks kriegsgeübte Scharen ist vielleicht nebst Gottes Segen der damals zum ersten Male zur Anwendüng gelangten Methode zuzuschreiben, ein Gefecht auf einer den Ueberblick erleichternden Höhe zu leiten. Montag. Sieben Jahre sind vergangen, seit die Blatternfälle ähnlich wie Heuer ein gewisses Anwachsen zeigten, und es scheint, daß schon unsere Mischnahlehrer zux Zeit des zweiten Tempels eine gewisse Regelmäßigkeit in der Wiederkehr derartiger Krankheiten konstatieren. So heißt es nämlich (Aboth V, 9). בארבעה פרקים הדבר מתרבה ברביעית ובשביעית יבמועאי שביעית וגד ״Zu vier Zeiten steigt (die) Seuche an: im vierten, im siebenten Jahre» (wahrscheinlich nach dein Schmittahzyklus), am Ende des siebenten Jahres und nach dem (Sukkoth)-Feste eiues jeden Jahres." Dienstag. Ein armer jüdischer Augestellter war längere Zeit stellenlos und einigemale ivurde ihn: die Aufnahme in ein Geschäftshaus verweigert, als man erfuhr, daß er,verheiratet sei. Da verfiel unser Held auf ein Aü^kunftsmittel, gab sich als ledig aus, bezeichnete seine Frau als seine Schwester und׳ hat heute eine, wenn auch nicht gerade glänzende Stellung. Unbewußt hat er so den Vorgang der Erzväter Abraham und Jzchak kopiert, von denen 1. Buch Mosis, Kap. 20 und 26, ähnliches erzählt wird: Oft inögen Vorkommnisse aus dem sozialen Leben der jüdischen Gegenwart die uralten Geschichteil der Bibel illustrieren und umgekehrt! Auch die Erzväter»hatten, wenn' auch in anderer Form, mit Existenzsorgen zu kämpfen und in ihrem Leben ist das Schicksal ihrer Nachkommen shmbolisiert. אין כל חדש תתת השמשי Mittwo ch. An der Türe zunr Bureau des Wiener zionistischen Zentralkomitees hängt eine Bekanntmachung, nach der ״Flüchtlinge, die Wien verlassen müssen, europäisch gekleidet sind Mid nicht aus rituelle Speisen reflektieren, in Hohenems (Vorarlberg) Unterkunft finden." Lieber Herr Einsender, was verstehen Sie denn eigentlich unter ״europäischer Kleidung?" Liegt nicht Polen ebenso in Europa wie Vorarlberg? Die Tracht der galizischen Juden ist so gut ״europäisch" wie die Vorarlberger Volkstracht ilnd der bodenbeständige Vorarlberger wird an der Tracht der galizischen Jude!: gewiß nicht so viel zu bemängeln haben wie Sie, der Jude! Oder wollen Sie vielleicht jetzt, da die Weltgeschichte über Frankreichs Dekadenz zu Gericht sibt, für die Pariser Mode eintreten? Und warum sollte inan in Hoheneins, das ja sogar einen שוהם unterhält, nicht בשר essen können? Es könnte dieser uralten Judengemeinde gar nicht schaden, wenn wieder einmal jüdisches Lebeu dort Einkehr hielte und dies gilt auch für alle anderen Gemeinden in Westösterreich! Warum sollen die Flüchtlinge sich uns akkomodieren? Die gegenteilige Forderung wäre Wohl viel eher berechtigt, daß wir die Gelegenheit benützen, um ׳urückzukehren zu der vielleicht etwas weniger schönen. wobl aber natürlicheren und innigeren Weise der Väter. Gibt es denn — nebenbei bemerkt — überhaupt einen absolut giltigen Begriff des Schönen und ist es Aufgabe der Synagoge, schön zu sein? Wenn der galizische Jude bei der Thefillah den Talith über. das Haupt üeht und so, gekleidet wie die Väter in der alten yeimat, mit geschlossenen Augen und gesammel- *SftMWi Ml ten Sinnen zum Gotte der Väter inbrünstig Studentinnen im übrigen ihr Leben so einrichbetet, so enthält dies entschieden mehr Andacht ten dürften, wie eS ihnen selbst zusagte, falls und Würde, als wenn jemand einen nach der sie nur die berüchtigte ״Registrierungsmarke" Art christlicher Priestergewänder geformten von der Polizei bekämen; auch dann wäre es ja lith anlegt, mit dem Nachbar plaudert, die Leischändlich genug, die Studienrechte von einer so stungen des Kantors registriert, die Ankommen-! haarsträubenden Bedingung abhängig zu maden und Weggehenden mustert und mit denselben' chen. In Wirklichkeit ist aber die Sache noch viel Schlacken auf der Seele wieder geht, mit denen schlimmer: die Polizei ist nämlich angewiesen, er gekommen. In wie vielen Dingen könnten wir! sich in jedem einzelnen Falle von Zeit zu Zeit doch von unseren galizischen Brüdern lernen! davon zu überzeugen, daß die jüdische Studentin In unseren Synagogen wurde alles auf den Kopf gestellt — aus purem Unverständnis für den Sinn, den auch heute lebendigem Sinn der Anordnungen unserer Lehrer. Ihr Reformatoren, reformiert doch erst Euch selbst; reformieret bezahlen muß, ihre Studien fortzusetzen! Daß Eure Herzen, auf daß Ihr wieder ganze Ju den werdet! שובה ישראל עד ה׳ אלהיך כי כשלת בעוניך 1 Donnerstag. Mehr als je bedarf die Leitung unserer Bewegung jetzt einer!opferfreudigen Anhängerschaft — und nicht aus bloßem Geldbedürfuis! Gilt es doch zu zeigen, gerade jetzt zu zeigen, daß Juda noch'lebt, daß es leben und einen Platz an der Sonne erringen will. שבת שקלים ist da und erinnert an unsere Pflicht מחצית השקל zu bezahlen; lassen wir ihn diesmal nicht leerer Schall sein! Noch deutlicher als er mahnt uns jeder Straßenbahnkondukteur, der glücklich, ist, wenn er an einem armen jüdischen Flüchtling sein Mütchen kühlen kann, unser eigenes. Haus zu bestellen. Unseren lieben Antisemiten werden wir auch jetzt das Gesetz ״Den Fremden sollst du nicht kränken und nicht unteärücken" nicht beibringen; einzig und allein in entschlossener Selbsthilfe kann unser. Heil liegen und darum müssen wir demonstrativ, noch ehe die Sammler uns aufsuchen, den Schekel, das Bekenntnis zum nationalen Lebenswillen, entrichten.! Ruffische Leiden. auch ״berechtigt" sei, Inhaberin der ״gelben Marke" — des Prostitutionsabzeichens — zu sein. Sittenlosigkeit ist also der Preis, wofür eine begabte jüdische Studentin in Rußland das Recht jüdischen Stuben Englischer Bericht über die tinnrn. Während des gegenwärtigen - Krieges haben englische Zeitungen und Zeitschriften wiederholt die zarische Herrschaft als eine liberale und aufgeklärte Regierung darzustellen gesucht, und das russische Volk ist als ein solches gepriesen worden, das auf dem Wege her Kultur und Freiheit voranmarschiere, was früher.von englischer Seite über die russische -,Bärberei" geschrieben worden war, beruhte natürlich auf einen unangenehmen Irrtum. Es Hut aber auch durch den Krieg die gesunde englische Kritik von ehedem nicht.ganz zum Stillschweigen gebracht werden können. Beweis dafür ein Aufsatz von Gabriel Costa imi letzten Heft der ״Vontemporary Review", worin er mit unbarmherziger Offenheit die Wahrheit über die Behandlung sagt, welche den ״lieben Juden des Zaren", trotz aller Schönmalereien,, irnmer noch im ״modernen" Rußland zuteil wird. Nachdem, er zunächst die Politische und soziale Pariastellung des rusfischen Juden ausführlich geschildert und den Nachweis erbracht hat, daß die acht Millionen der jüdischen Untertanen des Zaren die vollen Bürgerrechte und bürgerliche Sicherheit wegen ihrer Abstanunung nicht genießen dürfen, brandmarkt er in grellen Farben einen Schandfleck im sozialpolitischen Leben Rußlands, der für die empörenden Verhältnisse, welche vielfach noch im Zarenreiche herrschen, bezeichnend ist. Es Hanbeit sich um die Behandlung oder vielnrehr seelische Mißhandlung der Studentinnen jüdischer Abstammung. Hierüber schreibt er: Typisch ist die Art und Weise,, in welcher das Zarentum fortwährend die jüdischen Studentinnen behandeln zu können glaubt. Falls eine begabte junge Jüdin an einer Universität studieren will, kann sie dazu nur dann die Erlaubnis bekommen, wenn sie sich die ״gelbe Karte״ anschafft, daß heißt, wenn sie sich in die Reihe der Prostituierten von der Polizei eintragen läßt! Schon dieses ist bezeichnend genug für das System in einem Reich, das angeblich für die Kultur und die politische Freiheit gegen die dieser Preis in der Mehrzahl der Fälle, dank der Bestechlichkeit der russischen Polizei, durch Trinkgelder an die Polizisten ersetzt werden kann, ist kein mildernder Umstand für die Regierung und die Behörden, welche ein so schändliches System in Szene gesetzt haben... Angesichts solcher Tatsachen verliere man, so schließt Costa, jeden Glauben an eine durchgreifende Reform der Stellung der ״lieben Juden des Zaren" im ״heiligen" Rußland, eine Reform, die aber mit aller Entschiedenheit durchgeführt werden müsse, damit das Reich des Kaisers Nikolaus II. darauf Anspruch erheben känne, zu den zivilisierten Staaten der Erde gezählt zu werden. Hiezu muH bemerkt werden, daß selbstverständlich die russischen Behörden amtlich den jüdischen Studentinnen diese ״haarsträubende Bedingung" nicht stellen, aber sie mittelbar in manchen Fällen zwingen, den Schein der Unsittlichkeit auf sich zu laden.. Die russischen Hochschulen haben einen numerus'clausus. Beim Beginn des Semesters wird die Zahl "der ״Vakanzen" veröffentlicht, es wird bekanntgegeben, so und so viele Studierende werden angenommen. Natürlich übersteigt das Angebot stets die Nachfrage. Da hilft man sich denn mit einem Aufnahmeexamen, wenn 400 Vakanzen da sind und 600 sich melden, müssen eben 200 -r־־ durchfallen. Studierende mosaischen Bekenntnisses, werden nur bis zu einem festgesetzten Hundertteil aufgenommen, die je nach der Lage der Hochschule innerhalb oder außerhalb der den Juden angewiesenemHone zwischen 2 und 5 schwankt. Da nun die Juden in den meisten Fällen in einer nicht zur Zone gehörigen Stadt überhaupt nicht leben, sondern nur vorübergehend weilen dürfen, bleibt den jüdischen Studentinnen in manchen Fällen, wenn sie die Vorlesungen wenigstens besuchen Wösten, in der Tat kein anderer Weg, zum Ziele zu kommen, aP der oben gekennzeichnete Umweg. Daß solche. Fälle Vorkommen, kann nicht bezweifelt werden. Sie bekunden, welches unbezähmbare Streben nach Bildung die jüdische Intelligenz in Rußland beseelt. ' Die Entrechtung der Juden id Rußland. In! der ״Nation" ist folgendes zu lesen: In dieser Woche erschienen in der ״Humanite" grö- Here Auszüge eines Aufrufs an, die. zivilisierte Welt, den die sozialistische Parte: Rußlands erlassen hat. In diesem Aufruf wird auf die Dienste hingewiesen, die die Juden der russischen Armee leisteten, auf ihre Loyalität und Tapferkeit, die auch vostkommen durch die russische Presse anerkannt worden sei. Irgend welche offizielle Aeußerungen von russischer Seite sind daraufhin noch nicht erfolgt. Ganz im Gegenteil, der Vorwand militärischer Operationen ist auf,dem gesamten polnischen Kriegsschauplatz dazu benützt worden, dieses Land von Juden sozusagen zu ״reinigen". Die jungen Leute sind abwesend un.d kämpfen in den russischen Reihen, die Frauen und Kinder und die alten Leute werden von ihren! Häusern vertrieben unter dem Vorwand, daß die Juden eine unlohale Rasse seien und die russischen Armeen verrieten. Ein jedes andere zivilisierte Land nimmt seine Flüchtlinge auf, sie in diesem Kriege ihre Wohnungen verloren haben, aber Rußland hat seine Tore vor den Im den aeichlossen, und sie dürfen nur in einem Ghekto Obdach suchen. Folgendes wird u. a. mitgeteilt: Ein jung verheirateter Jude in Odessa Barbarei kämpft. Aber nicht genug damit! Man \ wurde zum Militärdienst eingezogen. Seine junsollte glauben, daß die genannte Bedingung nur ge Frau blieb ohne jegliche Existenzmittel in eine reine Formsache sei, und daß die jüdischen Odessa zurück.