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Jüdische Volksstimme · 1915-02-17 · Heft 7 (17.2.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 7 (17.2.1915)
Date
1915-02-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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die Driefzensur sehr streng und es kW auch durch Briefe nicht viel sicheres erfahren. Eins ist sicher: Unter junges Kolonisationswerk macht eine sehr schwere Krisis durch! Vor dem Eintritt der Türkei in den Weltkrieg war es möglich aus Amerika Geld und'Lebensmittel nach Palästina zu bringen und eine Hilfsaktion für die notleidende Bevölkerung in die Wege zu leiten. Heute ist es unmöglich. Es brachte zwar vor wenigen Wochen die ״Ungarländische Jüdilche Zeitung" (U. I. Z.) die Nachricht, daß England und Frankreich auf das Versprechen der Türkei hin die aus Amerika für die Bevölkerung von Palästina eingeführten Lebensmittei nicht zu requierieren versprochen habe, diese Lebensmittel passieren zu lassen, doch scheint die Nachricht nach der Meldung der ״Jüd. Zeitung" vom 6. Februar d. I. von der Wegnahme eines Lebensmittettransportes für Palästina durch England falsch zu sein. Am Land werden die Verhältniffe für längere Zeit noch annehmbar sein, da die Kolonien doch noch halbwegs imstande sind, ihren Lebensmittelbedarf selbst zu decken. Anders in den Städten. Dort sollen 90.000 Fälle von Hungertyphus vorgekommen sein (U. I. Z.). Doch scheint diese Meldung zum Glücke falsch zu sein, da sie von keiner anderen Zeitung gebracht wurde. In weit rosigerem Licht läht ein Brief aus Jaffa vom 16. Dezember, der in der ״Frankfurter Zeitung" abgedruckt ist, die Lage erscheinen. Der ungenannte Versaffer weiß nichts von .Hungersnot, wenn auch von Knappheit der Lebensmittel zu melden. Tröstlich ist auch die Meldung von reichlichen Regenmengen, die den Anbau zu sehr früher Zeit gestatten und die Schrecken der Wasiernot, unter der die Bevölkerung häufig zu leiden hat, in weite Ferne rücken. Der Brief weiß auch von einem Feste zugunsten des Roten Halbmondes in Jaffa zu melden, bei dem es zu Verbrüderungsszenen zwischen Türken, Arabern und Juden kam. Die heurige Orangenernte, die sonst fast gänzlich in Aegypten, England und Amerika verwertet wurde, wird jedoch nicht zu Geld zu machen sein. Ebenso wird es wahrscheinlich auch der Weinernte ergehen. Ungünstig wirkte auch auf den . Handel und das Kreditwesen in Palästina die Schließung der jüdischen Banken, die englische Gesellschaften sind, ein. Die Lage ist sehr ernst, doch dürfen wir hoffen, daß mit Hilfe des amerikanischen Botschafters in Kvttstantiüopel, Morgenthau, ber sich auch bis jetzt der Inden sehr angenommen hat, Mittel und Wege gefunden werden, dieses dem jungen Werke in Palästina zu ermöglichen, auch diese Krisis glücklich zu überstehen. Doch auch wir dürfen ob all unserer Sorgen und Opfer an unsere nationale Pflicht nicht vergessen, sondern müssen diese ebenso wie bisher erfüllen. Die Verbrüderung zwischen Türken, Arabern und Juden, die ich schon früher erwähnt habe, ist ein freudiges Er- Monate folgten, Jahre vergingen und jedes Jahr zeigte sich Haman wieder und jedesmal hatten wir einen schweren Kampf auszutragen, bis wir. ihn in die Flucht gejagt haben. Es kam mir vor, daß er immer in einer anderer! Gestalt, doch immer mit den alten feindlichen Gesinnungen erscheine und meine Phantasie malte ihn als ein gewaltiges Ungeheuer, welches immer seine Farbe und Gestalt wechselt, als jenen fabelhaften siebenköpfigen Teufel, dem, wenn nran ihm einen seiner Köpfe abhaut, viele neue Köpfe wieder nachwachsen. Ja, immer kommen neue Hamans zum Vorscheine, jedesmal mit einer anderen Maske, jedesmal in einer anderen Gestalt. Hier erscheint er als Antisemit, dort als Hooligan und in einem anderen Orte gar als Judenfreund, der ihre Emigration unmöglich macht. Und jetzt erinnere ich mich wieder an die schönen Erzählungen des ״Targum Scheni", die uns der Rabbi erzählte. Haman stammte aus Amalek, Amalek war der erste Feind Judas und er vererbte seinen Haß an seine Kinder und weiteren Geschlechter. Haman wollte Juda verderben; deshalb hat er einen Galgen vorbereitet. Wird dieser Galten für alle noch austauchenden Hamans genügen? . . . Wieder Purim, wieder Haman und wieder beschäftigt mich die Frage: ״Kommt er wieder?" und dumpf, traurig und verzweiflungsvoll klingt es in meinen Ohren: ״Wer weiß? . . u<׳׳--&־'■ eigniS von nicht zu unterschätzendem Einfluß auf!!unsere zukünftige Arbeit. Das Komitee, das sich' gebildet hat, um ein gutes Einvernehmen zwi-' -schen Arabern und Juden herzustellen, kann ein ' wertvoller Faktor der jüdischen Kolonisation in! Palästina werden. Die Opferfreudigkeit und Anhänglichkeit der Juden zur Türkei in diesem Kriege scheint auch die Regierung, wie aus der Erlauvnis sich in der Türkei auch noch nach Ausbruch des Krieges naturalisieren zu lasten und von der mehr als 6000 Juden Gebrauch machten, hervorgeht, überzeugt zu haben, daß die Juden Palästinas staatstreu sind und keine Gefahr für den Bestand des Reiches bilden. Der Antisemitismus fördert sicher in gewister Beziehung die Werbearbeit für unsere Ideen, da er in nicht mißzuverstehender Weise dem einzelnen Juden zu verstehen gibt, daß man ihn nicht braucht und nicht will. Vielen bringt der Antisemitismus klar zum Bewußtsein, daß ihr Platz bei ihrem eigenen Volke ist. So verdankt das jüdische Volk, dem Dreyfuß-Prpzeß, den Judenstaat und was weit mehr sagen will — Herz! Selbst. Unsere Gegner versuchten diese Tatache oft zu.unseren Ungunsten auszulegen, in- »ein sie den Vorwurf erheben, wir machen mit den Antisemiten gemeinsame Sache und verraten unser Volk seinem Feinde. Unsere Gegner erhoffen nun nach dem Kriege, in dem die Juden aller Parteirichtungen freudig Gut und Blut opfern, das völlige Schwinden des Antisemitismus. Ja sie hoffen, daß ein Taumel der Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit die Menschheit erfassen wird und daß man auch in diesem Taumel auch den Juden ihre vollverdienten Rechte geben wird. So wird es aber leider nicht sein, denn dieser Krieg, der ein Verteidigungskrieg für uns ist, ein Krieg um Leben oder Tod, läßt keinen Taumel zu, ernst und opferwillig wie zur Kriegszeit, werden auch nach siegreich beendetem Kampf alle Schichten der Bevölkerung sein. Auch jetzt hat der Antisemitismus nicht aufgehört. Wer mit offenen Augen geht, sieht, daß der Antisemitismus durch die Zensur etwas gehemmt, aber keineswegs schwächer wurde. Belege lassen sich jetzt aus bekannten Gründen nicht geben, doch wird später sicher noch manches in die Oesfentlichkeit dringen. Nach dem Krieg harren unser schwere Aufgaben. Das grüße IJuLeneletid wird zu mildern, die Wunden, die der Krieg unserem Palästina- Werk geschlaHep, werden zu heilen sein. Darum müssen wir jetzt schon rüsten, um allen unseren Anforderungen gerecht zu werden. Der alte Schwur: ״Es verdorre meine Rechte, Zion, wenn ich Dein vergesse", gilt auch für unsere Tage. Wien, Anfangs Februar 1916. . Felix Ungar. Armenambulatorium des zion. Zentralkomitees in Wien. Das Armenambulatorium des Zionistischen Zentralkomitees für die Flüchtlinge aus Galtzien und der Bukowina, Wien/ 2. Bez., Taborstraße 20 a, vollendet mit der laufenden Woche den zweiten Monat seines Bestandes. Obschon sich die Gründer vqn allem Anfang an darüber klar waren, daß ihre Schöpfung eine Notwendigkeit sei, hat die Frequenz der Anstalt in den letzten Wochen eine derartige Steigerung ersahren, daß alle vorherigen Annahmen übertroffen wurden und der Andrang kaum mehr zu bewältigen ist. Meist sind schon lange vor Beginn der Ordination die vorhandenen 60 Sitzplätze des geräumigen Wartezimmers von Flüchtlingen aller Nationen und Konfessionen Galiziens beseht und zahlreiche Patienten harren stehend, bis an sie die Reihe kommt. Oesters müsten sogar eipige auf den nächsten Tag vertröstet werden, denn die Physische Leistungsfähigkeit der Aerzte hat natürlich auch ihre Grenzen. Neue ärztliche Mitarbeiter zu finden, ist aber jetzt mit Rücksicht auf die außerordentliche Inanspruchnahme der Aerzte für Kriegsdienstleistungen fast ein Ding der Unmöglichkeit. Die Zahl der Ambulanzen, die ursprünglich 9 betrug, hat sich auf 14 erhöht: infolgedesten mußte zu den anfangs benützten 5 großen Räumen ein sechster adaptiert und in Verwendung werden. Im Ambulatorium ordinieren rhaft aufopferungsvoller und uneigennütziger Weise 18 Wiener Aerzte und zwar je ein Spezialist für chirurgische» OhreN-, Kinder- und Rerven-Krankheiten, Sprachstörungen und Orthopädie, je zwei für Augen-, innere, Haut- und Geschlechts-, Frauen-, Hals-, Nasen- und Zahnkrankheiten. Zwei Kandidaten der Medizin betätigen sich als Assistenten. Tie Damen Abelis, Dr. Eckstein, Goldhammer, Hoffmann, Dr. Kassner, Dt. Katunski, Kohn, Kraus, Lichtschein, Lipschtttz, Löw, Perschak, Sobotka und Stein versehen den freiwilligen Pflegerinnen- und administrativen Dienst mit nie erlahmendem Eifer. "Eine Statistik, bei der wir den 6. und den 8. Februar als Stichtage wählen, dürfte am besten geeignet sein, ein klares Bild über die Lei- Krankheiten 6. Feb. 1916 8. Feb. 1 Ohren. * 18 Orthopädie .... * 3 Innere 1. 23 24 Innere II. 12 16 Chirurgische. . . . 23 28 Augen. 24 26 Sehproben . . . * 5 Zahn. * 20 Haut- und Geschlechts 40 * Kinder ..... 31 30 Frauen. 9 9 Hals- und Nasen. 29 23 Nerven. 15 7 Totale - . 206 208 Die Bedeutung des Ambulatoriums in sanitärer und erzieherischer Beziehung kann nur derjenige richtig ermessen, der die Mühe eines Besuches in! Ambulatorium nicht scheut. Die Patienten werden da von den Aerzten nicht nur behandelt, sondern auch zur Reinlichkeit und, so weit als möglich, zur ständigen Beobachtung Hygienischer Vorschriften angehalten. Dadurch wird das Ambulatorium auch ein wichtiger Faktor in der Verhütung und Bekämpfung epidemischer Krankheiten, die gegenwärtig die ganze Aufmerksamkeit der berufenen Stellen in Anspruch nehmen. In Anerkennung der großen Bedeutung des Ambulatoriums für die Sanitätspflege unter den galizischen Flüchtlingen hat das k. k. Ministerium des Innern in den letzten Tagen dem Ambulatorium die Armenrezeptur verliehen. Alle von den Ambulatoriumsärzten verordneten Medikamente werden in den Apotheken der Leovoldstadt kostenlötz ausgefolgt; außerdem werden in dringenden Fällen auch Bruchbänder? Brillen u. dgl. unentgeltlich abgegeben. Das Ambulatorium hat auch das Recht erhalten, seinen Patienten eine Anzahl von Bädern auf Rechnung des k. Ministeriums des Innern gratis zu verabfolgen; der Mehrbedarf wird aus den eigenen Mitteln des Ambulatoriums bestritten. Aus einem speziellen Fonds der Anstalt werden auch die kleinen Patienten des Kinderarztes mit Anweisungen auf Milch oder Butter für die Dauer von je zwei bis drei Wochen versorgt. Die Aerzte des Ambulatoriums haben taglich Gelegenheit, das Flüchtlingselend ans nachster Nähe zu beobachten und es ergäbe sich noch manche andere Notwendigkeit im Rahmen des Ambulatoriumsprogrammes Gutes zu tun. Leider reichen hiezu die bisher aufgebrachten Mittel nicht hin. Infolge eines Aufrufs ist zwar bisher ein Betrag von ca. 16.000 Kronen eingeflössen, doch ist das allgemeine Interesse noch nicht rege genug, um der Anstalt die verdiente materielle Unterstützung dauernd zu sichern. Hoffentlich ändert sich dies schon in nächster Zukunft zum Bessern, was im Interesse der bedauernswerten Opfer des Krieges lebhaft zu wünschen wäre. Wien, den 12. Februar 1915. Das Kuratorium: Dr. Karl Pollak, Präsident; K. k. Reichsratsrevisor Rudolf Taussig, Kassier; Dr. Erich R. v. Kahler, Schriftführer; Börsenrat Adolf Brecher; kais. Rat Carl Hirsch; Fabrikant A. Horwitz; Fabrikant Heinrich Mandl; Hof- und Gerichtsadvokat Dr. I. Margulies; S. Schick; Primarius Dr. L. Stricker; Oberingenieur Robert Stricker; kais. Rat Jonas Weil; Dt. Jg. Weiß. *) An Tagen keine Ordination.

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