Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1915)
- Date
- 1915-02-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Be-rr-DprrNe: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Krone« 6*20 ganzjährig.Kronen 12•— Deutschland, ganzjährig ..Mark 12 — Rußland, ganzjährig . . . . . . . Rubel 6׳— Balkan, Frankreich ........ Frank- 14׳— B (gMj Herausgeber: Max Hickl. ■ ■■ .... -_ gft Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 9. Buchhandlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzelle SO ft. Unverlangte redaktionelle Beiträge Verden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufüge«. -:-;-:---׳—s Wien—Budapest. ©tito», fßf15 Prag—Lemberg. Krieg und Zionismus. Wir müssen uns, wollen wir den Einfluß des Krieges auf den Zionismus richtig einschätzen, den Unterschied zwischen zionistischer Organisation und zionistischem Ideal vor Augen halten. Die zionistische Organisation, die durch die Zugehörigkeit von Juden aller Länder und Erdteile einen internationalen Anstrich hat, wird sicher, wenigstens für die Dauer des Krieges, durch den Gegensatz der einzelnen Regierungen -und Völker, geschädigt werden. Jeglicher Inter- Nationalismus, sowohl der der Wissenschaft und des Handels, als auch der auf politischem Gebiete, hat durch den Krieg schwere Schlappen erlitten. Internationalismus der Wissenschaft und des Handels ist nicht gleichbedeutend mit ״Negieren des Nationalismus", sondern ist die gemeinsame Arbeit verschiedener Völker auf einein Gebiet ohne Betonung des nationalen Momentes. Dieses- Zusammenarbeiten hat sich für die FortentwAklung des Handels, der Industrie und Wissenschaft als unbedingt erforderlich erwiesen und kein entwickeltes Volk wollte die Früchte dieser gemeinsamen Arbeit, z. B. auf dem Gebiete der Medizin und Technik missen. Was einer anfängt und anregt, baur der astdere auf. Nur so konnten große Ideen verwirklicht und verdollkommt werden. Man hätte daher annehmen^, können, daß der Krieg, der selbstverstündlich den Handel der untereinander im Krieg sich befindlichen Völker unmöglich macht, wenigstens insofern auf dem Gebiete der Wissenschaft seinen internationalen Charakter Wahren werde, als sich deren Vertreter, es sei denn als Soldaten mit der Waffe in der Hand vom Kampfe ferngehalten. Indessen haben englische, russische, französische und belgische Gelehrte den Kampf aufge- Feuilleton Kommt er wieder? Es War ein wunderschöner sonnenheller Purimtag. Der schöne blaue Himmel war von keinem Wölkchen bedeckt, als sollte unsere Freude an diesem Purimfeste von jeder Betrübnis verschont werden. Wir waren recht lustig an diesem Morgen, als wir die warme Sonne, einer holden.und gnädigen Königin gleich, unter den Bergen Judas, am Firmamente erscheinen sahen. Der Sieg, den wir beim Kampfe Wider dem Bösewicht Haman erfochten haben, machte uns glücklich. Ja, wir haben gestern beim Vorlesen der Megilla wie geschickte?Helden gekämpft, denn wir waren auch mit gutem Kampfmqterial versehen. Der eine hielt eine Keule, der andere einen Hammer, ein anderer schwang eine kleine Axt uüt Stolz in die Höhe, um den Haman, sobald er sich zeigen würde, mit einem Schlage zu zerschmettern. Ich als Anführer der Truppe habe mich mit Kartätschen versorgt und als ich nur das Annähern des Feindes bemerkte, d. h. als der Vorleser der Megilla den Namen ״Haman" auszüsprechen im Begriffe war, wurde von mir das Signal abgegeben und der Kampf ging los. Die Hammer, Keulen, Aexte und Skocke schlugen im Durcheinander und der, Feind mußte die Flucht ergreifen. Immer wieder kehrte Haman zurück, immer wieder mußten wir den Kampf mit ihm erneuerst und endlich war er nommen. Sie zeihen in Wort und Schrift, die Deutschen der Barbarei, versuchen alle deutschen Kulturworte durch ihre vom Haß inspirierten Kritiken als niedrige Erzeugnisse eines Barbarenvolkes hinzustellen. Der Internationalismus der Wissenschaft hat kläglichen Schiffbruch gelitten. Der Internationalismus auf politischem Gebiete hat die Feuerprobe besser bestanden. Die Sozialdemokratie hat ihren internationalen Charakter nach außen bis auf einige Verstöße gewahrt. Auch der ״internationale Anstrich" des Zionismus hat einen Sprung bekommen. Besonders die Zionisten der mit Rußland verbündeten Länder hat der Krieg' in eine schwierige Lage gebracht, denn ihr Patriotismus verlangt von ihnen den Kampf mit allen Mitteln gegen zwei judenfreundliche Staaten und für den Pogromzaren. So zog denn ein angesehener englischer Zionist die Konsequenz aus dem Kampf gegen Deutschland und trat aus der Organisation aus, weil diese unter deutscher Leitung steht. In England spielt man überhaupt viel mit der trostlosen Lage der Juden, um die Juden des eigenen und fremder Länder zugunsten der englischen Regierung zu stimmen. So gjng auch das Gerücht durch die Zeitungen, England wolle aus Palästina einen jüdischen Pufferstaat machen und Zangwill werbe für ein jüdisches Freiwilligenkorps, da ihm die englische Regierung zugesichert habe, energisch auf die Abschaffung der russischen Judengesetze zu dringen. Ich glaube nicht, daß die Juden, wenn sie Von den russischen Juden- Verfolgungen und Pogroms lesen, den leeren Versprechungen der englischen und russischen Regierungen noch Glauben schenken werden. Vielleicht für Jahre hinaus wird dieser Jnternationalismus in seiner früheren Form nicht metch doch gezwungen, das Schlachtfeld zu räumen. Ich betrachtete unseren Feind, den Haman, als einen Feigling, der nur Schlupfwinkel suchte, von wo er uns überfallen könnte. Da ich aber schon damals die Geschichte des Purimfestes gut kannte, wußte ich, daß der Haman uns durch Verleumdung und Jntriguen zu verderben suchte. So habe ich meine Meinung in meinem kleinen Gehirne gefaßt und darum verachtete ich diesen uns feindlich gegenüberstehenden Haman. Ja, es kam mir vor, als ob ich einen Hund, der mich gebissen hat, zu schlagen habe, ״denn der schlechte Mensch gleicht einem Tiere", sagte mir einst mein alter Rabbi. Er sägte mir noch vieles; manches habe ich vergessen und manches in meinem Gedächtnis behalten. Am ״Taanith-Ester" (Fasttag von Purim) vormittags saßen wir im Cheder am langen Tische und lauschten den verschiedenen Geschichten, die uns der Rabbi aus dem ״Targum Schein"*) vorlas. Damals fragte ich meinen Rabbi: ״Wem gleichen unsere Feinde?" Er antwortete schnell, als ob er meine Gedanken verstanden hätte und meine Meinung bestätigen wollte: ״Sie gleichen den Tieren!" Ich beschäftige mich daher nur mit dem Gedanken, wie man doch den Haman völlig besiege, damit er nicht wieder zu kommen wage. Ich beschloß daher mit meinen Kameraden, diesen Mörgen den Haman recht gut durchzuprügeln, auf daß *) Eine Sammlung von glten jüdischen Sagen. zurückkehren, doch wird nach dem Kriege ein Volk das andere, sowohl in der Wissenschaft als auch im Handel, wie der Ab-״geber" und umgekehrt als ״Nehmer" brauchen und es werden so die ersten Schritte zur Herstellung des früheren Verhältnisses getan sein. Der Zionismus wird sicher bald die Juden aller Länder und Erdteile einträchtlich vereinigen, wie es die große Judennot, die nach dem Krieg, der sich zum Teil in den zwei größten Judenzentren abspielt, in nie dagewesener Größe auftreten wird, gebieterisch verlangen wird. Möglich wäre es selbstverständlich, daß nach Friedensschluß die zionistische Organisation, durch den Zwiespalt unter den Völkern bedingt, Veränderungen in ihrer Verwaltung erfahren wird. Das zionistische Ideal kann wohl in einzelnen Fällen während des Krieges in den Hintergrund treten, Abbruch kann es nicht erleiden. Es ist unsterblich und unwandelbar. Seitdem Ahasver wandert, ist dieses Ideal das Banner und ber Trost der Armen-und Gedrückten und hat sich erhalten, obgleich Völker untergingen, die Juden gemartert und von Land zu Land gejagt wurden. Das zionistische Ideal, der Gedanke der Wiedervereinigung des jüdischen Volkes auf der alten Heimaterde, wurde immer nur durch das Elend gestärkt, und so wird es auch jetzt sein, wenn die Kriegsfackel erloschen sein wird und hunderttausende Juden Polens und Galiziens dem furchtbarsten Elend preisgegeben sein werben. lieber die Vorgänge in Palästina ist man leider nicht genau unterrichtet. Unsere Kenntnis können wir nur aus den sich mehr oder'weniger widersprechenden Zeitungsmeldungen schöpfen. Briefe erhält man fast gar keine, da die Beförderung zu Lande äußerst schwierig ist. Auch ist er nicht mehr imstande sei, wieder zu kommen. Wir kämpften damals mit Aufbietung unserer ganzen Kräfte und nach einer Stunde des Kampses war Haman endlich indie Flucht gejagt, er zeigte sich nicht mehr. Froh über die gewonnene Schlacht, eilte ich nach Hause und ließ mir alles, was meine Mutter reichte, gut schmecken. Doch mochte ich mir Gewißheit über meinen Sieg verschaffen und fragte meine Mutter, die mit der ״Suda"**) sehr beschäftigt war: ״Kommt er wieder?" ״Wer?" fragte meine Mutter verwundert. Doch ich antwortete nicht, da es mir doch so klar war, daß wir gesiegt haben, daß er, der bös-e Haman, so zerkeilt und zerbleut gewiß nicht wieder kommen werde. Mir kam es ja vor, als ob ich ihn in zerfetzten Kleidern gehüllt, kraftlos dahinschleudern mit meinen Augen gesehen hätte. Trotz dieser Gewißheit und diesen Vorstellungen wollte mich die in meinem'Innern lautwerdende Frage nicht in Ruhe lassen. ״Wer weiß?" klang es in meinen Ohren und erweckte in mir den Zweifel an unseren Sieg, der den ganzen Tag an meinem Herzen nagte. Dieser Zweifel wurde in mir noch mehr genährt, als ich an demselben Tage auf der Jaffaer Straße einer Maske, die den Haman vorstellte, begegnete. Als ich das Cheder wieder besuchte, war die erste Frage, die! ich meinem Rabbi stellte: ,,Kommt der Haman wieder?" und er antwortete gebeugt, niedergeschlagen und verzweiflungsvoll: ״Wer weiß?". . . **) Purim-Mahlzeit.