Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1915)
- Date
- 1915-02-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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J I I t Nr. 6. «MWr N»WK««^ WWWWW WML Flüchtlingen durch die äußeren Umstände zum Müßiggang gezwungen sind und nicht die Möglichkeit"finden, wenigstens durch Lektüre d:e Ze,t des Wartens zu kürzen. Die Bibliothek der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde, d,e ja eigentlich nur eine wissenschaftliche Bibliothek vom Range der Universitätsbibliothek sein soll, fann __ und soll auch begreiflicherweise — diesem Bedürfnisse nicht dienen. Aber auch abgesehen von dieser moinentan durch den Krieg Hervorgerufeiren Lage ist es unseres Volkes schon längst unwürdig," daß seine Jugend, voran die Mädchen, an allen möglichen Romanen der Weltliteratur ihren Lesehunger befriedigt und dabei größtenteils keine Ahnung von der Existenz einer jüdischen Literatur besitzt. Und wie leicht wäre es verhältnismäßig, analog den Schöpfungen des Wiener Volksbildungsvereines eine Jüdische Volksbibliothek großen Stiles unter vorzüglicher Benützung der bereits durch den Verband der jüdischen Jugendvereine in Deutschland gegebeneu Auswahl zu errichten. Dieses Institut, das nach und nach in allen Wiener Bezirken und schließlich auch in der Provinz Filialen gründen könnte, müßte gegen mäßige Monatsbeiträge allen im betreffenden Bezirke ansässigen Juden zugänglich sein und auch die Platzfragc wäre vielleicht am besten so zu lösen, daß die bei jedein Synagogengebäude befindlichen Nebenräume, die ja meist leer stehen, die sogenannten Wirrtertempel, diesem Zwecke geweiht und dadurch in gewissem Sinne ihrer ursprünglichen Bestimmung als Lehrstuben zurückgcgeben werden. Neues Leben würde dadurch in unsere zu einem Scheindasein verurteilten Synagogen (-Lehr- und Versammlungshäuser) einziehen und eine neue bewußt jüdische Jugend zu Kämpfern herangebildet für eine glücklichere Zukunft unseres Volkesl לא עלינו המלאבה ממור ולא אנחנו בני חרתין להבטל סמנה Wir wissen Wohl, daß Wir das Werk nicht vollenden Werden; das darf uns aber nicht dazu führen, uns ihm zu entziehen! Und die dringendst notwendigen Werkzeuge für unsere Arbeit sind: Die Hebräische Freie Schule, innere Mission durch eine starke zionistische Presse und die Jüdische Volksbibliothek — schaffen wir sie! Zweiter offener Brief an The Amerika« Hebrew. Ich sende Ihnen heute nach meinem ersten, einen zweiten offenen Brief ein und will Ihnen abermals Zeugnisse über die Greueltaten vorlegen, die hierzulande geschehen und die so Himmelschreiend sind, daß man sie nicht glauben möchte, wenn man sie nicht aus dein Munde derer hören ben, zu schnorren. Er nimmt neben mir Platz und stopft sich die Pfeife mit meinem .Tabak — also eine Art von Kommunismus. Auch :nein Tee scheint ihm zu gefallen. Er trinkt ein Tasse. Na, meinetwegen. Ob ich ihn dann los werde? Er macht gar keine Mine, zu gehen. ״Wissen Sie was, Freund", spreche ich in meiner Verzweiflung — ״ich gehe in die Synagoge!" Mein Gast ist hochentzückt. Ein reicher Mann wie ich, der die Synagoge besucht! ״Gehen Sie in Gottes Namen!" meint er; er wolle unterdessen bei mir bleiben, noch eine Tasse Tee trinken und ein wenig ausruhen, da es für ihn zu Hause keine Ruhe gebe. Eine wahre Xantippe habe er zu Hause, die immer keift, selbst zun Nachtzeit. Der Teufel mag wissen, was ihr diesmal in die Krone gefahren; sie habe die ganze Nacht keine Ruhe gegeben. Was bleibt mir noch übrig? Ich lasse ihn bei meinem Tee und laufe davon. Ich bin auf dem Wege nach der Synagoge. ״Guten Morgen!" Ja, was ist schon wieder? Mein Schneider spricht mich an. Ob ich ihm nicht zwei Rubel Vorschuß geben möchte? Seine Frau sei niedergekommen. Das eine Kind sei sofort gestorben, das andere tue es jetzt. Die arme Frau liege im heftigsten Fieber. Zu Hause kein Heller Geld. Na, die Melodie kennen wir schon. Unleugbar. Er ist mein Schneider. Aber er ist nunmehr der Schnorrerei verfallen. Mit Haut und Haar verfallen. Da gibt es kein Entkommen Würde, die sie miterlebt und mitangesehen haben: Jich sprach in diesen Tagen einen alten Mann; er war zu mir gekommen, sich mit mir auszusprechen und bei mir Rat und Trost zu holen; ich konnte ihn nicht trösten, sein Unglück ist zu groß, aber ich hoffe, ihm helfen zu können. Seine Geschichte ist folgende: Mendel Janowski war Gutsbesitzer in Russisch-Polen, wo er im Dorfe Chozew, bei Widawa, sein Besitztum hatte. Im Anfang des Krieges kamen die Deutschen ins Dorf, und acht Offiziere bezöge!: auf seinen: Gut Quartier; als 8 Tage später die Russen zurückkainen, denunzierten die Bauern den Juden bei den Kosaken, die ihn als ״Spion" einsperrten, bis er nach 14 Tagen von den wieder einrückenden Deutschen freigelassen wurde. In sein Dorf zurückgekehrt, drohten ihm die Bauern, wenn die Kosaken wiederkäine!:, würde er aufgehängt werden und sein Gut an die Bauern aufgeteilt werden. Janowski hatte unter diesen Umständen!:icht den Mut, im Dorfe zu bleiben und zog fort von dort, seinen 27jährigen Sohn auf dem Dorf zurücklassend. Als am 24. November die Russen wiederkamen, nahmen die Kosaken diesen Sohn gefangen und erschossen ihn, nachdem die Bauern ihn als ״deutschen Spion" denunziert hatten. — Das Haus wurde ausgeraubt und ausgeplündert, dann in Brand gesteckt. Nicht einmal die Leiche des Erschossenen gaben die Russen heraus, sonder:: ließen es zu, daß sie von den Bauern aufgespießt und ins Feuer des brennenden Hauses geworfen wurde. Der Tote hinterläßt eine Frau und 4 kleine Kinder, denen nichts geblieben ist als die Kleider, die sie auf dem Leibe tragen. In Slupci erschienen eines Tages die Russen auf dem Gute des Besitzers Hoffmann und nahmen dort alles, fort, was sie vorfanden, Pferde, Wagen, Getreide, Hab und Gut. Als sie mit den Plündern fertig waren, fragten sie den Besitzer, was sie sonst noch haben könnten. Dieser, für sein Leben fürchtend, bot ihnen Speise und Trank an und führte sie in in sein Haus. Dort gewahrten sie sein Weib, eine fchöne Frau, und machten sich daran, sie ״für die Offiziere" mitzuschleppen. Hoffmann stellte sich ihnen wehrend in den Weg, und kalten Blutes schlugen sie ihn nieder und warfen seine Leiche in ein Loch am Rande des Weges, von wo sie dann später mit Erlaubnis der inzwischen eingerückten Deutschen nach dem Friedhof in Wloclawek überführt worden ist. In Subota würden eines Tages der Rabbiner und 6 Gemeindevorsteher verhaftet. Man wußte nicht was mit ihnen geschah und wohin sie gebracht wurden. 6 Wochen später fand man im Subotaer Wald alle sechs aufgehängt, zum Teil schon verwest und angefress-en. In Brzeziny wurde in einer Dezembernacht eine russische Abteilung von deutscher Kavallerie überfallen und gefangen genommen. Am anderen mehr. Der Anfang ist gut. Zwillinge! Das eine sofort tot, das andere stirbt/ die Mutter im Fieber. Na — gut, sehr gut. ״Da haben Sie, Freund, zwei Rubel: aber lassen Sie sich ja nicht wieder bei mir sehen-״ In Gottes Namen vorwärts! Ueber den Marktplatz. Was sehe ich da? Armut, nichts als Armut. Abgehärmte Gesichter, nackte Kinder, zerlumpte Greise, früh gealterte Frauen. Der reine Ekel. V Betrachten Sie nur die armen Weiber auf dem Marktplatz. Arn:e, früh gealterte Weiber. Da stehen sie halb erfroren und bieten halbfaules Obst an. Es fällt der Schnee iiber sie und schmilzt gleich. Wie es da trieft! Die armen Geschöpfe hauchen sich die von Kälte steif gewordenen Finger an. Welch ein armseliges ״Leben"! Nein, ich kann die Armut nicht ansehen ... Ich muß Ihnen die Wahrheit sagen. Das arme Weib da, das so elend und siech aussieht —׳ vor wenigen Jahren war sie blendend schön und prankte in ihrem jugendlich-keuschen Liebreiz!.. Ich war mit ihr damals versprochen. Wir trafen uns während der Feiertage vor der Synagoge und wir erröteten beide. Ich ergriff ihre Hand und sie zitterte in keuscher Schamhaftigkeit am ganzen Körper. Da kamen fremde Menschen und wir gingen beschämt von einander. .Nach den Feiertagen erklärte mir mein Vater, die Sache sei zu Ende; ihr Vater sei ein Schnorrer. Die Aermste heiratete dann einen schwindsüchtigen Mann, der bald darauf starb. Jetzt bietet sie Obst feil.- Nachmittag kam von Lodz aus Verstärkung nach B. Ihre erste Tat war die, daß sie 26 Juden gefangen nahnlen und 18 von ihnen, darunter sehr angesehene Männer, als die verräterischen Ur- Heber des deutschen Ueberfalles umbrachten. Bei zweien nur wurde gestattet, daß sie auf den: jiidischen Friedhof beerdigt wurden. In Plawna wurden 2 Juden ohne Grund aufgehängt und alle jüdische!: Geschäfte geplündert. Bei einer Frau, Golde Schersack, wurden die Betten aus den: Hause geschleppt und auf der Straße verbrannt. In Klomnitz wurde der Schneider Chain: Kali scher aufgehängt, weil die Deutschen bei ihn: gewohnt hatten. Der Jude Meier Chatke aus Klomnitz wurde in Noworadomsk aufgeknüpft. In Wloszczowe wurde die ganze Stadt Pogromiert und acht Juden erschossen, weil sie Proviant für die österreichische Armee geliefert hatten. In Janow wurden an einem Tage 4 Juden — Abr. Grünbaum, I. u. M. Tennenbaun: und Rüben Tschennotz — aufgehängt, ihre Frauen geschändet. In Sieradz wurden alle jüdischen Häuser geplündert, der Schächter Samuel festgenommen und grausan: mishandelt, so daß er bis heute krank darniederliegt, eine Frau einige Tage nach ihrer Niederkunft vergewaltigt. In Slot: Pateck wurde das Haus der Familie Blumke von allen Seiten angezündet. Eine Frau und ihr neunjähriges Kind verbrannten. In Koniecpol wurden sämtliche Häuser vollständig ausgeplündert, 9 Juden festgenoinmen und mit der Nagajka mißhandelt. Einem kleinen Jungen, Leibel Kutscher, wurde auf den: Wege zum Cheder die Hand abgeschnitten. Eine Frau wurde geschändet. Nach Wielun brachten die Russen 3 Juden, die sie bei Sieradz gefangen genommen hatten. Zehn Tage saßen sie im Gefängnis,'und die Juden durften ihnen kein Essen bringen. Am elften Tage wurden sie aufgehängt. Die Stadt wurde pogromiert und zwei Frauen, davon eine unmittelbar nach ihrer Niederkunft, geschändet. In Noworadomsk gingen Mannschaften u. Offiziere jede Nacht von Haus zu Haus und vergewaltigten die Frauen und Mädchen. In das Haus eines sehr angesehenen reichen Mannes kamen zwei Offiziere und verlangten, mit dem Tode drohend, daß er ihnen seine Tochter ausliefere. Mit großer Mühe gelang es ihm, sein Kind mit 2000 Ns. loszukaufen und die Schande von seinem Hause fernzuhalten. In Dczurek haben die Russen Jiüien mißhandelt und Frauen geschändet und alles ausge- Plündert. Was sie nicht Wegschleppen konnten, wurde verbrannt. In das Haus des frommen und hochangesehenen Juden Ehrlich drangen 2 Offiziere und forderten, daß dessen Tochter sich Neben ihr hat eine zweite arme Frau ihren Stand. Auch sie verkauft Obst. Eigentlich ist sie mit mir etwas verwandt, das heißt.... sie ist eigentlich eine Kousine von mir. Es ist eine interessante, aber gewiß unschuldige Geschichte, die ich Ihnen erzählen will. Eines Tages wollte ich mit ihrem Manne gemeinschaftlich eine Lieferung übernehmen. — Wir taten uns zusammen, jeder mit seinem kleinen Kapital, und fuhren nach der Kreishauptstadt. Auf dem Wege erkrankte mein Kompagnon; er hatte sich den Magen Wohl verdorben, weshalb er in einemfort erbrach..... Ich kann so etwas nicht sehen; außerdem war die Reise nach der Hauptstadt dringend. Ich ordnete einen Boten nach unserer Heimat ab, während ich mit der gemeinschaftlichen Kassa weiterreiste. Der Aermste ist später gestorben,' während ich an der Lieferung reich geworden bin. Selbstverständlich habe ich der Witwe das von ihrem Manne entnommene Geld bis auf die letzte Kopeke zurückgezahlt. Dessenungeachtet schaut mir die arme Frau stets, wenn ich vorbeigehe, mit tränenden Augen nach. Habe ich denn ihren Mann ums Leben gebracht? Gott sei Dank! Nun binich in der Synagoge. An der Tür nichts weiter als Bettler, die um eine kleine Unterstützung bitten! Herr des Himmels! Wohin flüchte ich mich? Weder zu Hause, noch auf der Gasse, noch im Gotteshause wird mir der Anblick von Bettlern erspart. Aber Me kam ich darauf, mich nach Warschau zu flüchten?