Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1915)
- Date
- 1915-02-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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■ vv.■5- ־ X- ---- --- ^7, ■-.<■■■,-■ ■ ־ Jahra. XVI. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 6. MischeDolksßmm. 3 Le-«sSPreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 ganzjährig . . .. Deutschland, ganzjährig ..... Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. . Kronen 12 — . Mark 12 — . Rubel 6 — . Frank» 14 — Kid^lks) Herausgeber: Max Hickl< U-Q Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm» Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. x- Wien—Budapest. Brünn,־״י W«׳»« Prag—Lemberg. Dringlichkeiten. Von Leopold Moses. (Siche Nr. 6 von: 4. Februar 1016.) In welch verblendeter Weise sogar innerhalb unserer Bewegung der Frauenemanzipation auf Kosten der Gesamtvolkserziehung gehuldigt wird, zeigt das auf dem letzten Kongresse ge- Haltens Referat des Hyrrn Rabbiner Dr. Nacht. Und doch mangelt es uns vornehmlich an nichts so wie an jüdischen Männern, an Männern, die fürs Judentum von Kindesbeinen an erzogen, nur jüdisch denken, fühlen und handeln! Solche Männer, die dann auf ganz natürliche Weise auch ihre Frauen zu Jüdinnen machen, kann nur ein großzügig und einheitlich angelegtes hebräisches Schulwerk Hervorbringen, eine hebräische Schule, die das übrigens ganz und gar unjüdische Mittelchen eines Relegionsunterrichtes nicht kennt. Denn endlich müssen wir nach hundertjährigem Umhertappen im Finstern doch erkenneu, daß für unser Volkstum und unsere Religion nichts verderblicher war und ist, als unser Ncligionsunterricht. So Paradox dies auf den ersten Blick aussehen mag, die Erfahrung bestätigt es! Kein gewiegter Pädagoge wird bestreiten, daß es viel'nachhaltiger auf das kindliche Gemüt wirken wird, wenn wir ihm unsere Helden, Josua, Richter ete:, in der hebräischen Ursprache zuführen, und daß es sich an diesen viel eher begeistern wird als an Segenssprüchen und Gebeten, deren Quell ihm fremd ist und deren Sinn es kalt läßt. Ist es nicht beschämend, daß der jüdische Knabe am nordischen Märchen und später an der Ilias und dem Nibelungenliede entflammt wird, während ihn: seine jüdischen Lehrer den Weg zu den mindestens gleichwertigen schätzen des eigenen Vol- Feuilleton. Der Wohltäter. Nach dem Hebräischen des I. L. Perez. Sie fragen mich, warum ich nach Warschau übersiedelt bin? — Ich mutzte mich vor den Armen flüchten... Bitte, Herr — nehmen Sie ja nicht an, ich sei ein Geizkragen, ein hartherziger Mensch, der nie eine Kopeke für wohltätige Zwecke geben will . . . Nein, ganz im Gegenteil. Hundert, ja tusend Rubel spielen bei mir nie eine Nolle. Ich schenke gern. Aber — ich kann einfach die Armut nicht ansehen, die Armut mit ihrem abgehärmten, fahlen Gesichte, ihren matten, eingefallenen Augen, mit ihrem schwindsüchtigen Hinwanken. Gewiß, es ist mir dies unerträglich. Woher bei mir diese Empfindlichkeit, meinen Sie? Wahrhaftig — ich Weiß selber nicht. Wenn sie glauben, ich sei aus reichem oder mindestens wohlhabenden Hause, so sind Sie, lieber Freund, auf dem Holzwege. Mein seliger Vater war — ein Schnorrer, Synagogendiener in irgend einem gottvergessenen Nest, der sich kaum sattesten konnte, dafür aber vom Rabbiner, vom Kantor, vom ״Parnaß" und von sonst jedem Lumpen sich die niederträchtigste Behandlung gefallen lassen mußte. Jeder durfte an ihm sein kes durch ein die besten Jahre vertändelndes Uebcrsetzen von Gebetstücken und einschläfernde Moralprodi Ken verlegen? Die hebräische Schule muß geschaffen werden, frei muß sie geschaffen werden, frei von religiös sein sollenden und der lugend, die frischen Luftzug braucht, die Freude an der Religion vergällendem Religionsunterricht. Viel ist schon über Reforin des Neligions- Unterrichtes beraten worden und doch kann es keine bessere geben als Rückkehr zum ursprünglichen natürlichen Unterricht in den Quellen selbst. Dann wird das Kind aber auch nicht erst beten lernen müssen, sondern das Gebet wird sich ihm aus jüdisch fühlendem Herzen von selbst entringen! Viele Institutionen fehlen uns, die ein gedeihliches nationales Arbeiten ermöglichen sollten, und unter diesen nicht zuletzt eine verbreitete kräftige Presse und in Verbindung mit ihr eine Einrichtung, auf die beit Schreiber dieser Zeilen gelegentlich eines Spazierganges sein Oheim, der Lehrer und Schriftsteller Heinrich Mose, aufmerksam machte. Eine der vielen evangotischen Sekten (deren Name ist belanglos) läßt regelmäßig durch Abgesandte ihre versprengten Glaubensbrüder besuchen, und wenn in einer entfernten Stadt auch nur ein einziger Anhänger sich befindet, er wird nicht übersehen und vergessen. Zweifach könnten wir von dieser Sekte lernen, als Juden und als Zionisten. Tausende Juden leben seit der Aufhebung der Freizügigkeitsbeschränkungen in Oesterreich verstreut in einzelnen Dörfern und hängen mit der jüdischen Gemeinschaft nur durch den Steuerbogen der nächsten Kultusgemeinde zusammen oder gehen gerade wegen dieses Steuerbogens verloren. Sie assimilieren sich ihrer nächsten Umgebung und ,bilden sich oft ein ganz eigenartiges Judentum, Mütchen kühlen. Ich habe noch zwei Brüder, sie leben noch Gott sei Dank . . . Der eine ist jetzt in Breit abgebrannt worden. Ein Bettler — ich sage Ihnen, ein Bettler. Der andere schnorrt seit Jahren, um seine ״verjährten" Töchter nach und nach verheiraten zu können. Unzählige besagte Töchter sind bereits verheiratet, natürlich an Schnorrer; aber ein halbes Dutzend wird er noch von dieser Ware zu Hause haben. Der Teufel mags wissen! Unter meiner Verwandtschaft zähle ich nicht wenig Schnorrer. Wollte ich ihnen auch nur eine Türspalte öffnen, sie würden mich rein auffressen, rein wie die Heuschrecken auffressen. Nein, wer kann Schnorrer jo satt machen? Und ich selbst? Wieviel, glauben Sie, besaiich, als ich mich verheiratete? — Vierhundert polnische Gulden! Natürlich habe ich sie nicht von meinem Vater, dem armen Synagogendiener bekornmen. Aber ich heiratete und nrein Schwieger- Vater versprach mir achthundert Gulden Mitgift. Vierhundert habe ich bar erhalten — den Rest in einem Wechsel, der nie eingelöst wurde. Sie sehen also, mein Herr, daß ich selber nicht von Kommerzienräten stamme. Woher nur! meine Abneigung gegen die Armen? Ja, Sie haben keine Ahnung davon, wie die Armen einen in der kleinen Stadt belästigen. Da lebt man wie in der Oeffentlichkeit ... wie in einer Laterne, wie auf der Straße, wie unter dem freien Himmel! Die Fenster haben da keine Vorhänge — die Türen keine Schlösser. Eine Privatwohnung ist eigentlich tagsüber und auch das alles andere eher ist als jüdisch. Und nicht viel besser steht es mit denen, die an den Peripherien der Großstädte wohnen und höchstens an hohen Feiertagen zu ihren Brüdern herabsteigen. Wertvolles Kapital ist es oft, dessen Mitwirkung uns, die wir kräftige Arme so sehr benötigen, dadurch entgeht. Wie viele Zionisten gibt es doch, deren Kräfte brachliegen, weil wir nicht verstehen, sie zu befruchten und nutzbar zur Arbeit heranzuziehen. Eine altjüdische Institution ist es, die wir zu diesem- Zwecke erneuern, und die zionistische Presse, die wir diesem Ziele dienstbar machen, kräftigen und ausgestalten müßten. Die מגידים sind es, an die wir anknüpfen sollten, die in Westeuropa leider schon ganz ausgestorbenen jüdischen Wanderlehrer, die wieder auferstehen und in Gestalt von Freiexemplaren der inhaltlich und formell bereicherten und verbesserten zionistischen Presse in jedes jüdische Haus auf dem flachen Lande einkehren mögen und in die Häuser aller, die bereits einmal Schekel zahlten oder eine Nationalfondsbüchse besaßen und nur deshalb nicht weiter mit uns gingen, weil wir sie nicht zu!)filtert verstanden. Die Geldopfer, die dieses Unternehmen erforderte, würden reichlich durch vermehrte Beitragsleistungen der auf diese Weise neu und wieder gewonnenen Personen ausgewogen, die nach Verlauf einer gewissen Zeit gewiß gerne für ein reichhaltiges und interessantes Matt auch bezahlen dürften. Wirdenen man doch die Beherrschung der Presse so sehr zum Vorwurf macht, sollten nicht fähig sein, für unsere eigenen Interessen eine solche Aufgabe zu lösen? Das Wäre Wohl die grausamste Ironie des Schicksals! . . . Und nun sei zum Schlüße-noch einer Aufgäbe gedacht, deren Dringlichkeit Wohl noch nie so sinnfällig war wie jetzt, da Tausende von bis spät in die Nacht eine freie Passage; wer da will, geht ein und aus. Da sitze ich des Morgens; ich gedenke meinen Tee zu trinken. Wer ist da? — Ach, die arme Milchfrau, die mir seit Jahren die Milch besorgt. Eine arme, kranke, immer hustende Frau. ״Guten Morgen, Herr!" hustet sie. ״Wo fehlts, liebe Frau?" — Na, eine nette Geschichte. Eine. Kuh sei bei ihr erkrankt, kein Geld im Hause, um den Tierarzt zu holen. Daß sie selber krank ist und des Arztes bedürfte, merkt sie nicht, die Aermste. Sie sei eigentlich auch mit meiner Frau verwandt. Ob ich ihr nicht einen Rubel borgen möchte? Ich ״borge" ihr den Rubel. Bin ich sie denn nun los? Bewahre! Sie hustet immer fort, unterbrochen von Dankesäußerungen. Gott möge es mir lohnen. Ihr Leben sei unglücklich und trostlos. Ich wills ihr gerne glauben; aber sie täte besser, wenn sie ginge. Zum Glück wird sie zu meiner Frau gerufen. Diese ist schon seit Jahren krank und muß das Bett hüten. Durch ihre ״Verwandte", die Milchfrau, will sie Stadtneuigkeiten ersahren. Ich glaube, durch solche läßt sich eine Frau auch vom Sterben abhalten. Ich werde Wohl jetzt meinen Tee in aller Ruhe zu Ende trinken? Da öffnet sich wieder die Tür. Es kommt ein alter, gebrechlicher Mann. Sein Vater war in unserer Stadt Rabbiner, von seinem Gehalte konnte er sich zur Not dreimal in der Woche sattesten, aber keine Reichtümer sammeln. Und sein Sohn, der von Jugend' auf gebrechlich ist, hat sich dadurch das Recht erwor-