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Jüdische Volksstimme · 1915-01-27 · Heft 4 (27.1.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 4 (27.1.1915)
Date
1915-01-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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it.f4 MAWUIsGk minpiiir tragen kommt die Erkenntnis ,;um Durchbruch, daß so auf einer umso höheren Kulturstufe steht, je besser es ihm gelingt, mit einen! festgeprägten Charakter der Umgebung entgegenzutreten und diese seine Eigenart im Gefüge der Gesamtheit zu betätigen. Wenn iit außergewöhnlicher Zeit der Staat die psycho-phisische Kraft des Einzelnen voll und ganz für sich in Anspruch nimmt, so wird' hierin die individuelle Persönlichkeit nicht die Zügel erblicken, die den Aufschwung hemmen,, sondern den Ansporn, mitznarbeiten an dein Werke, dessen Vollendung die Vorsehung allen ohne Ausnahme aufgegeben. Die Anpassungsfähigkeit ist das Korrelat der Widerstandsfähigkeit. Die Gegenüberstellung hat sich soniit in eine Nebencinanderstellung verwandelt. Die Frciheitslehre des Judentums ist beveits angedeutet worden. Seine Akklimationsfähigkeit ist zur Genüge bekannt. Fügt man noch den Ausspruch des Rabbi Meir hinzu, wonach die Thora deshalb Israels geistiges Eigentum geworden, ״weil es eine stähleriie Widerstandskraft besitzt", so wäre nach der bisherigen Darlegung das Problem der Individualität allseitig gelöst. Dem ist nicht so. Hier muß noch ein Moment ins Auge gefaßt werden: Das Moment der Verantwortung. Das heilige Gesetz verpflichtet den Juden, in jedem Augenblick seines Lebens sein ganzes Selbst, sein Ich zu legen und macht ihn für jede einzelne Willenshandlung verantwortlich. Den in der inenschlichen Natur begründeten Trieb, die Last der Verantwortung auf Kosten der eigenen Persönlichkeit einem ander», aufzuhelfen, diesen Trieb um der Selbstentlastung willen, der die Wurzel aller Unterwürfigkeit ist, hat ״das Feuer des Gesetzes" verzehrt. Das Bild des jüdischen Anführers zeichnen unsere Weisen mit kurzen aber kernigen Zügen. An das Gebet Moses: ״Es möge der Gott der Geister in jeglichem Wesen einen Mann über die Gemeinde bestellen" knüpfen sie die Bemerkung, daß dieser gottgewählte Mann die Fähigkeit haben müsse, die individuellen Anlagen jedes Einzelnen zu werten und zu berücksichtigen. שיהא סובל כל אחד ואחד לגו ידעתו ist eben das Erhabene in der Lehre Israels, daß ihre Satzungen im Gegensatz zu den Vorschriften anderer Konfessionen die Erhaltung und Erhöhung der geistigen Eigenart ihrer Bekenner fördcrt und sichert. Dieser Individualismus nahm in der Diaspora eine eigentümliche.Gestalt an. Während demselben im Verkehr mit den! Nichtjudcu bald Dankbarkeit, bald eigene Schwäche die Spitze völlig abgebrochen haben, behielt er dem Glaubensgenossen gegenüber seine alte Schärfe ״die nunmehr mit nicht unbedenklichen Schlacken behaftet ist. Der einseitige Individualismus und dessen Begleiterscheinungen, innere Zerrüttung und Zerklüftung haben namenloses Weh über das jüdische Volk gebracht. Ein Blick auf die unglücklichen Flüchtlinge ans Galizien wird das erhellen. Ihre Lage wäre heute zweifelsohne eine fehl eines höheren Schicksals stehen und aus der daraus resultierenden Furcht vor dem Versaumen erklärt sich der unstillbare Hunger nach Liebe, Genuß und Besitzergreifung des Lebens, welcher alle Gestalten Schnitzlers kennzeichnet. Schnitzlers Novellen, etwa ״Die Toten schweigen" oder die ״Weissagung" sind eine wunderbare Mischung von melancholischer Schwermut und bejahenden Lebensdranges, voll tändelnder Harmlosigkeit und tragischen! Geschick. Schnitzlers Mäilliier glauben die Geliebte zu lieben und lieben doch imr die Liebe, seine Frauengestalten, welche den Zusammenhang zwischen Liebe und Tod tiefer zil fühleil scheinen, wollen ja nur llicht die Stunde verlieren und halten jeden Augenblick krampfhaft fest. Nienlals zeichnet Schnitzler die Siebe, ohne daß darüber der eisige Hauch des Todes hinwegfegt, niemals zeichnet er den Tod, ohne ihn mit den Strahlen einer Liebe zu mildern. Und das ist das Bezeichnende und zugleich das Bestrickende an Schnitzlers Werken, daß sie nienials über Leben, Welt, Liebe und Tod sprechen können, wie es in den Werken anderer Dichter geschieht, sondern daß man alle diese entgegengesetzte Pole des Lebens gleichzeitig und in einem geheimnisvollen Zusalnmen- Hang herausspürt. Es liegt ein großes Stauilen darin, wie sich so viel Licht und Schatten, so viel Erfüllung und Enttäuschung auf einem sg schmalen Strich Leben zusammendrängen köngünstigere, wenn die Organisation der österreichijrf>en Iudenheit nicht bloß ein pium desiderium, sondern Tatsache wäre. Vor einigen Jahreü schien die Realisierung dieser Idee schon nahe bevorstehend, als sie an denl Widerspruche derjenigen, denen sie in hervorragendster Weise zllgute kommen sollte, scheiterte. Die Herren aus Galizierl darf in dieser furchtbar ernsten Zeit kein Vorwurf treffen. Die Ursachen, die einst ihre ablehnende Haltlnig bestiulmten, sind nunillehr wertlos geworden. Die Berührung von Ost Mld West kailu und wird llicht spurlos sich verflüchtigen. Die tiefsinnige Religiosität der Ostjuden wissen ihre Glaubensbrüder im Westen zll schätzeil. Eine Verställdigung würde für beide Richtungen ersprießlich fein und den religiösen Abbröckelungsprozeß in Galizien aufhalten. Wir Juden haben die welthistorischen Geschehnisse unter dem Gesichtspunkte eines gottgewollten Endzieles betrachten gelernt. Ob dieses nicht in der Verschmelzung von Ost und West, von Glaubei! und Wissen zu suchell ist? Große Aufgaben harren uilser. Der großen mld grallsigeil Zeit, die wir durchleben und durchleiden, wird mit Gottes Hilfe eine beglückende lind beseligende bald folgen. Möge sie das Indent!!!!! nicht unvorbereitet finden. Dr. N ü r n b e r g e r. Rabbiner in Ung.-Brod. Stationen des Elends! Ich weiß!licht, was das ist, genug all denl, cs ist so. Es interessiert inich ungemein, mir die Lage, die Verhältnisse meiiler jetzt so schwerbetroffenen Brüder zu betrachten. Ein gewisses Etwas zwingt mich jedesmal zu seheil, wie sie leben und leiden. So kanl ich wieder in eine der vielen Leidensstationen: in das Provisorische Flüchtlingsmassenquartier im jüdischen Rathaus zu P. Die hier ftnb rekrutiereil sich aus den Aernisten der Flüchtlinge. Da ertrugen sie alles; aber als sie ihre Kinder zu begraben begannen und selbst zugrullde zu gehen der Geiahr liefen, boten sie alles auf und entflohen in alle Richtungen, Ein Teil derselben kam auch hierher. Sie wurden provisorisch im Rathaussaale uutergebracht. In den ersten Tagen waren ihrer gar viele. Aber auch jetzt dürften es ca. 200 Menschen fein, die hier Unterkunft fanden. Es ist hier eigentümlich eingerichtet. Von Betten und Tische ist natürlich keine Rede, dafür hat lllan aber Ersatz gefunden. Entweder schläft Ulan auf denl nackteil Fußboden oder wenn Ulan Glück hat, auf 2—zusammengestellten Sesseln. Und die Tische? auch wankende Brottergestelle, die jedesmal zilsalnmenzustürzen droheil. Alles ein buchstäbliches Symbol des jüdinen. Und über dieses Staune!) kommt Schnitzler und sein Leser mit ihm nie heraus. Schnitzler ist nicht nur durch und durch Dichter, er ist auch durch und durch Psychologe. Sobald seine Personen ihr Ziel zu erreichen inl Begriffe sind, spüren sie auch schon den Hauch des Melkens und der Nichtigkeit des Lebens, welcher das vermeintliche Glück frostig anhaucht. Was jedoch Schnitzler vielleicht anl synlpathischesten und anl größten lilacht, ist das warme nreilschliche Empfinden mld die durchaus persönliche Färbung in allen seinen Werken. Gleich Hebbel versteht es Schnitzler meisterhaft, seine Gestalten so hinzustellen, daß man allen, selbst denjenigen, die offenkundig Unrecht tun, von ihren: Standpunkt aus Recht geben muß. Schnitzler belächelt von seinem hohen und abgeklärten Standpunkt aus die Nichtigkeiten des Lebens und deshalb ist er inllner bereit, den Menschen im voraus zu verzeihen. Seine Werke scheinen oft nlir flüchtig hingeworfene Skizzen, und doch zeigell sie sich bei näherer Betrachtung als Wohldurchdachte, sorgfältige Arbeit. Er hat das tiefschürfende psychologische Verständnis eines Lombroso, die feinziselierende Kunst eines Daudet, die heitere Melancholie eines Grillparzers und die pessimistische Ueberlogenheit eines Schopen- Hauer. Leopold G r ü n h u t. WWWW wte 2» t scheu Seins! Denn das jüdische Sein, sieht es denn anders aus? — Der Dunst, der hier zu verspüren ist, braucht wohl nicht beschrieben zu werden. Das ist auch bei der Zahl der Beherbergten kein Wuirder. Es ist gerade Freitag abends. Es werden Anstalten getroffen, den Sabbat zu begrüßen. Hie und da sieht inan die Lichter anzünden. Dieselben Zeremonien, wie man sie zu .Hause sieht, und doch, wie ist es alles anders! Was ist der Sabbat für den orthodoxen Ostjuden in ruhigen Zeiten? Ein paradiesischer Tag der Ruhe und Erholung! Da erhebt sich der Jude sowohl Phyfisch wie geistig, um sich dann in der Welt durchkämpfen zu können und jetzt ganz das Gegenteil. — Die Lichter, sie brennen, aber woran erinner« sie, an schöne feierliche Sabbate und sonst allerdings erträglichere Jahre und Tage, wo man vielleicht nicht das Süße von Menschen aber das Bittere von Gott hatte! Wo ist das alles? Isis nicht ein für allemal dahin! wie ein schöner Tramn nie mehr wiederzukehren? Ich beobachte alles, überall düstere Gesichter, auf die die mitgeinachten Leiden etc. ihre tiefen Furchen eingegraben haben. Da liegt einer auf einen! Sessel hingcstrcckt. Daß er bei Nacht nicht schlafen konnte, ist begreiflich, jetzt will er das nachholen! So wurde aus den! Tag die Nacht und aus der Nacht der Tag. — Nicht weit davon höre ich einen Juden mit seinen! Weibe hadern, es haudelt sich um die Aufnahme einer Wohnung, welche jetzt schon schwer aufzutreiben ist. Das Weib hat schon die Lichter angezündet; es ist schon Sabbat. Weil sie aber die schwer ausfindig ge-!nachte Wohnung zu verlieren fürchtet, dringt sie in den Mann, einen strengorthodoxen Iuden, die Wohnung doch rasch zu!nieten; er aber lärmt: und was denket ihr euch, wenn wir unser Hein! verlassen mußten, ist schon kein Gott und Sabbat!!!ehr? Den Sabbat entheilige ich nicht, und wir mieten die, und wenn nicht die, so n!ieten wir eine andere Wohnung erst San!- stag abends. Ach, dieses Gottesvertrauen, dieser Glauben, wie dementarmächtig sind sie, und sind sie es nicht, die das jüdische Volk unverwüstlich!nachten. Diese goldenen Gaben, wenn sie nur von unsern Westbrüdern ein wenig mehr verstanden werden würden. Die Stunde ist vorgeschritten und ich muß fort. In!!!einem Kopfe rumort es von Gedanken und auch mein Herz überströmt vor Gefühlen. Da bemerke ich einen au der Tür geklebten Zettel, auf welchem es heißt: ״Die hier befindlichen Flüchtlinge müssen das Lokal bis Montag 12 Uhr vorruittags räumen, sonst werden sie der Polizei übermittelt. Der Saal muß in Ordnung ko!nmen!" Das stimmt schon, aber die!!!!glücklichen Mittellosen, wo sollen sie denn hin? Ist auch dafür gesorgt? Das bleibt eine Fra^e. Abraham K o h a n e, dzt. Prag. ' Jüdische Volksgenossen. Der gegenwärtige Weltkrieg ist sicherlich ein Markstein auf de!!! Entwicklungswege der Menschheit. Auch wir Juden machen darin keine Ausnahme. Wir stehen vor großen Wendungen unseres Schicksals. Zu!!! Guten oder zum Bösen, — je nachdem wir uns der Situation gewachsen zeigen oder nicht. Es kann kein Zweifel mehr sein, daß alle Feinde und Neider der Judenschaft e!nsig an der Arbeit sind, im! ans den! Kriege Material gegen uns zu sailüueln, und daß sofort nach den! Kriege eine alles Dagewesene überbietende Agitation gegen uns einsetzen wird. Die Anzeichen hiefür sind vorhanden, denn schon jetzt setzt eine an die niedrigsten Instinkte sich wendende Agitation ein. Dieser Gefahr gilt es zu begegnen. Und wir können es, weil wir uns in diesen! Kriege über alle Erwartung hinaus bewährt haben. Nicht nur auf den Schlachtfeldern sind hervorragende Leistungen von jüdischen Soldaten vollbracht worden, sondern es hat sich auch unsere rückhaltlose patriotische Treue ganz besonders als ein Faktor von wirklich staatserhaltende!!! Wert erwiesen. Aber die Tatsachen allein genügen nicht. Zu leicht entschwinden sie den! Gedächtnisse der Völker und Maßgebenden, umso!!!ehr, als un sere wühlenden Leinde darauf hinarbeiten, sie zu verdunkeln. Wir müssen sie daher für ewige >

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