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Jüdische Volksstimme · 1915-01-27 · Heft 4 (27.1.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 4 (27.1.1915)
Date
1915-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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■--— Bezugspreise: 8 Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 ganzjährig..* . . Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig ...... . Rubel 6 — Balkan, Frankreich ....... . Frank- 14 — IC (gkeis) Herausgeber: Max Hickl. L---n Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 9. Vuchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die bspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. «-0 Wien—Budapest. Brünn,*י• i;X«V5675 Prag—Lemberg. Erzherzog Josef über die ung. Soldaten jüd. Konfession. Der Redakteur des Blattes ״Cgyenlöseg" richtete an den Korpskommandantcn Erzherzog Josef die Bitte, der Erzherzog möge seine Mcitlung über die Haltung der seinem Kommando uirterstehenden ungarischen Soldaten jüdischer Slonfoffion abgeben. Der Erzherzog antwortete darauf mit folgendem Schreiben: ״Ich hatte häufig Gelegenheit, meine Soldaten jüdischer Konfession zu beobachten und fand keinen Unterschied zwischen Ihnen und meinen anderen Soldaten. Ihr Heldenmut ist bewundernswert, ihre Entschlossenheit über alles Lob erhaben. Sie kämpften unter den ungarischen Jungen als wahre Ungarn Schulter an Schulter gegen die blutrünstigen Serben und die mächtigen Russen. Sie haben an unseren Erfolgen denselben Anteil wie ihre Kameraden. Unter den hervorragendsten Helden gibt es nicht wenige ungarische Juden. Oft sah ich diese mit meinen Augen inmitten der verzweifelten Phasen der entsetzlichen Kämpfe und bewunderte gehobenen Herzens ihreu Heldenmut. Auch der Jude hat gezeigt, daß er ׳ein ebenso guter als tapferer Soldat ist wie die anderen." Das Problem der Individualität Im Spiegel der großen Zeit und — des Judentums. Zu den brennenden Fragen, welche diese ereignisschwere Zeit den: denkenden Geiste mit unwiderstehlicher Gewalt aufdrängt, zählt unstreitbar das Problem der Individualität. Dasselbe Feuilleton. Arthur Schnitzler und das literarische Jung-Oesterreich*) - Die Entstehung der modernen literarischen Bewegung in Oesterreich erfolgte gleichzeitig und parallel mit der Entstehung des Naturalismus in Deutschland, welcher durch Hauptmanns Alkoholikerdrama ״Vor Sonnenaufgang" kraftvoll eingeleitet wurde. Ein damals noch enger Kreis von jungen, begabten Wiener Dichtern, welcher im Burgtheater bei Sonnenthal und Kainz seine künstlerische Vollendung erhielt, schritt an die Schaffung einer heidnischen Dichtkunst, welche Wohl einen Bestandteil der modernen deutschen Dichtung bilden sollte, jedoch innerhalb dieser die ihr durch ihre österreichische Eigenart gebührende Sonderstellung beanspruchte. Es ist *) In Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane erschienen bisher: Schnitzler: Die griechische Tänzerin, Frau! Berta Gerlan; Salten: Olga Frohgemuth; Hirschfeld: Das Mädchen von Lille; Haus von Kahlenberg: Eva Lefring; Herrmann Bahr: Theater; ferner Schnitzlers gesammelte Werke in zwei׳ Abteilungen. läßt sich also formulieren: Ist das letzte Ziel aller Gesittung und Entwicklung der Jndividualismus, die Achtung und Anerkennung der Persönlichkeit, oder die Organisation, das Aufgehen des Einzelnen in der Gesamtheit. Männer wie Max Nordau und Wilhelm Oswald haben schon vor einigen Wochen mit der Fackel ihres Wissens in dieses Dunkel hineinzuleuchten gesucht. Jener als Individualist, dieser als Organizist. Der Stachel für die Aufrollung dieses Problems im Weltkviege ist die eherne Tatsache, daß heute das Individuum nichts, der Staat alles bedeutet. Selbstaufhebung und Selbstentäußerung ist das Postulat der Gegenwart. Als das wahrhaft wirkliche erscheint der Staat, demgegenüber der Mensch wie ein Schatten zerfließt. Und da die große Zeit, die unter den wuchtigen Hammerschlügen die Zunkunft neu schmiedet, die treibende Kraft des siegreichen allüberwindenden Geistes ausströmen muß, so liegt notwendig in dev höheren Kulturgeschichte der Organisation die Bürgschaft für einen endgültigen Erfolg in diesem grausigen und erhabenen Völkerriugen. Wer diese Höhe erklommen, der wird den Sieg an, seine Fahnen fesseln. Eine andere Wahrheit, ebenso unwiderlegbare, hat die große Zeit herauskristallisiert: Die Persönlichkeit entscheidet. Sie verleiht dem Volksheere das Gepräge und Gepränge. Was hierüber bisher geschrieben und gesprochen wurde, erreichte seinen Höhepunkt in der Anerkennung Sr. Majestät für die vortreffliche Haltung der nichtaktiven Offiziere im gegenwärtigen Feldzuge. Die ungehemmte und ungehinderte Entfaltung der individuellen Anlagen und deren sorgfältige Pflege ist eine Errungenschaft der neueren Zeit und hat die Feuerprobe glänzend überstanden. Goethe sagt: ״Volk und Knecht und Ueberwinder, sie gestehen es zu jeder Zeit, hochstes'Glück der Erdenkinder ist die Persönlichkeit." deshalb, eine Ungerechtigkeit, wenn man draußen im Reiche diese österreichische Dichtung als eine Art Unterhaltungslektüre betrachtet; man darf eben an den Werken eines Schnitzler oder eines Salten nicht den strengen, auf die Wiener Atmosphäre nicht anwendbaren norddeutschen Mäßstab anlegen! Man braucht noch nicht Wien zu verstehen, wenn man Schnitzler kennt. Aber man wird Schnitzler verstehen, wenn man Wien kennt. Diese erwähnte Gruppe von Wiener Literaten, welche aus Schnitzler (als Mittelpunkt) Salten, Herrmann Bahr, Beer-Hoffmann, Hugo von Hoffmannsthal und einigen anderen bestand, verkörperte jene österreichische Dichtereigenschaften, welche schon bei Grillparzer, Laube, Grün und Nestroy zutage traten. Ein ewiges Hin und Her zwischen der stürmischen Freude am Kämpfen und dem wienerischen Hang zur behaglichen Ruhe und zum Genießen ist das charakteristische Merkmal dieser Dichtungsgattung. Die zärtlich-ängstliche Liebe zu Wien, zum Wienerwald und zur Heimat, dieses tändelnde Spiel mit Liebe und Genuß, der unbewußte Zwang, das Leben von der möglichst harmlosen Seite aufzufassen, diese überwiegende Vorherrschaft des Aesthetischen über das Ethische scheint den Wiener Dichtern zur zweiten Natur geworden zu sein, wenn es nicht ihre eigenste Natur ist. Im Gegensatz zu dieser weichlich-schwärme- A. Harnack gießt diesen Gedanken in folgende Formel: ״Nur durch Persönlichkeiten schreitet die Menschheit fort." Welches ist nun die höhere Kulturstufe, der Individualismus oder die Organisation? Ist dieser Gegensatz überhaupt überbrückbar? Derselbe Widerspruch wiederholt sich, wem: wir Leben und Lehre des Judentums betrachten. Dem Volke des Gesetzes sollte. der Gehorsam schlechthin eine zweite Mauer, ein integrierender Bestandteil seines Wesens sein. Aber grade das Gegenteil findet statt. In: eigenen Lager erkennt der Jude keine Autorität, ist ihm der Begriff der Unterordnung fremd. Es ist jetzt nicht die Zeit, die Disziplinlosigkeit im Schoße der Judenheit zu erörtern. Äu dieser Stelle soll nur der Gegensatz zwischen Sein und Sollen psychologisch beleuchtet werden. Den Leitfaden zur Auflösung dieser Schwierigkeiten bietet das Problein der Willensfreiheit. Nicht von der absoluten Souveränität des Willens ist hier die Rede. Einen grundlosen Willen, einen Willen ohne psychische Antezedentien, ohne vorausgehende Vorstellungen und Gefühle gibt es einmal nicht. Freiheit bedeutet vielmehr die Herrschaft des Geistes, die Fähigkeit, die einzelneu Lebensbetätigungen im Hinblicke auf eine Idee zu formen und zu bestimmen. So lehrten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Philisophen in alter und neuer Zeit. In dieselbe Richstung weist die Religion Israels. Unsere Weisen nennen nur diejenigen frei, ״der mit Thora sich befaßt", d. h. der die gottgewollten Grundsätze und Zweckgedanken zur Regel und Richtschnur für sein Handeln macht. Freiheit und geistig-religiöse Vervollkommnung sind korrelative Begriffe. Nun lehrt die Erfahrung, daß der Mensch als das vollkommenste Wesen zugleich das Widerstandsfähigste ist. Als das vollendete Geschöpf überragt so auch alle anderen durch seine An- Passungsfähigkeit. Auf das geistige Leben überrischen Neigung haben I. I. David und in jüngster Zeit Karl Schönherr, obwohl auch sie Oesterreicher sind, einem kräftigen, wenn auch nicht gefühlsarmen Realismus die Bahn gewiesen. Arthur Schnitzler wurde im Mai 1862 in Wien geboren. Er Promovierte 1886 zum Doktor der Medizin Und Praktizierte einige Zeit an der Wiener Poliklinik. Seine Dichternatur zwang ihn jedoch alsbald, sich nicht viel von Patienten stören zu lassen und seinen literarischen Neigungen nachzugehen. ״Er hat unablässig und aus seiner Fülle grüblerischer Gedanken Fragen an das Schicksal gestellt, bedeutungsvoller, inhaltsreicher als die Fragen, die der subtile Anatol nicht zu stellen wagt. Auf diesem energisch zurückgelegten Weg vom Weltlichen zum Ewigen, vom geistreichen Spiel zum tiefaufatmenden Gedanken, vorn jugendlich persönlichen Leben zum allgemeinen Schicksal liegt Arthur Schnitzlers Schicksal." Mit diesen kernigen Worten hat Felix Salen in seinen ״Gestalten und Erscheinungen" den Werdegang Schnitzlers treffend charakterisiert. Aus allen seinen Werken blickt eine ironischschmerzliche Überlegenheit hindurch. Seine Geitalten, die Männer ״leichtsinnige Melancholi- ׳er", die weiblichen Darstellerinnen ״süße Wiener Mädels" oder enttäuschte,׳ sensible Frauen, fühlen, daß sie unter dem unabänderlichen Be-

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