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Jüdische Volksstimme · 1915-01-20 · Heft 3 (20.1.1915) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 3 (20.1.1915)
Date
1915-01-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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*Sifctytt 9m «r. 3. «ritt S. Generalkommando im Wiederholungsfalls mit den schärfsten Maßnahmen gogen den Schriftleitec des ״Hammer" Vorgehen, insbesondere würde es nicht anstehen, das Erscheinen dieser Zeitschrift zu verbieten, was dem Schriftleiter Fritsch bereits eröffnet worden ist. Fritsch hat darauf versprochen, sich künftig jeder hetzerischen Tätigkeit gegen das Judentum zu enthalten. Auf Befehl gez. Naumann, Oberkriegsgerichtsrat." Die jüdischen Opfer des Krieges Wir erhalten von befreundeter Seite nachstehende Zeilen mit dem Ersuchen um Veröffentlichung: Unter den vielen Hunderten von Verwundeten, welche von den Kriegsschauplätzen nach Wien gebracht und in den verschiedenen Spitälern gepflegt werden, gibt es naturgemäß täglich eine Anzahl von Todesfällen und es war ein schöner Akt! von Pietät und Patriotismus, daß der Wiener Stadtrat diesen Helden ein gemeinsames Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfried- Hof widmete. Da jedoch dieses traurige Los auch manchen jüdischen Soldaten trifft, so sollte ein für Kriegsdauer zu errichtendes gesehestreues Komitee dafür sorgen, daß die hier sterbenden jüdischen Soldaten eine rituelle! טד,דה und קורה auf der jüdischen Abteilung des Zentralfriedhofes erhalten. Es ist zu staunen, daß sich die Wiener Kultusgemeinde noch nicht dieser Sache angenommen hat. Daß man den armen braven jüdischen Soldaten welche hier fern von den Ihren, ihre Seele verhauchen, diesen Dienst versagt und daß man ihren Witwen und Waisen nicht die Genugtuung bietet, daß ihre ihnen entriffelten Angehörigen nicht in einem kveuzgeschmückten Massengrabe, sondern in Einzelngräbern auf der jüdischen Abteilung beigesetzt werden, das ist nicht ein Zeichen von Patriotismus, sondern ein Zeichen religiöser Verwahrlosung. _Jahrzeitfeier. Der 43. Todestag des Kessaw-Sofer s. z. l. wurde in Preßburg feierlich begangen. Sein Sohn, der in Preßburg Weilende Beregszaszer Raw, hielt in der großen Synagoge eine eindrucksvolle Predigt. Die Friedenskonferenz. Das jüdische ״Board of Deputies" hat beschlossen die Forderung zu stellen, daß bei der Friedenskonferenz auch ein Vertreter des Judentums teilnehmen müsse. 2,000.000 Heimatlose. Das Petersburger Bureau der Joa (Jewisch Colonial Association, London) veröffentlicht eine Statistik, wonach zwei Millionen russisch-polnische Juden durch den Krieg Heimat- und mittellos geworden wären, außer den galizischen Flüchtlingen. An der Spitze des Komitees stehen Baron Ginsburg, Warschawski, Kaminska und Schliesburg, welche eine größere Aktion entfalten. Prof. Armin Bokor. Armin Bokor ist gefallen! Der ungarische Zionismus hat dem Vaterlande seine Erstlingsfrüchte zum Opfer dargebracht! . . . Bokor war nach dem Gründer der ״Makkabäer" Dr. Krausz, Präses dieser Verbindung. Er erhielt von der 2, Preßburger Landeskonferenz den Auftrag, ein ungarisch-zionistisches Blatt zu redigieren. Er vollzog den Auftrag mit viel Verve und Wärme und hatte die Zwietracht, an welchen die Budapester Zionisten vom Beginne an krankten, nicht gewütet, so wäre sein Blatt heute Wohl von dominierendcw Stellung. Trotz aller Opfer ging das Blatt nach einem Jahre ein, und auch ein zweiter. Versuch mißlang. Bokor gründete dann in Budapest ein jüdisches Internat, bekleidete später die Stelle eines Bürgerschulprofessors in Nagyvarad und zuletzt in Vagujhely. Er hinterläßt eine Witwe und 6 Kinder. Bokor war streng religiös, besaß eine gründliche, allgemeine und jüdische Bildung und war ein sympathischer Redner. Baron Peter Herzog. In Budapest starben Baron Peter Herzog (geboren 1839), einer der bedeutendsten jüdischen Industriellen in Ungarn, und Joseph Hüvös de Botfa, der Generaldirektor der Stadtbahn, ein feinsinniger Jude und treuer Bürger feiner Vaterstadt. 8 Offiziere und 67 Soldaten jüdischen Glaubens ans dem jüdischen Friedhof in Krakau beerdigt. Die ״Nowa Reforma" berichtet, daß bisher auf dem jüdischen Friedhof in Krakau 8 Offiziere und 67 Soldaten jüdischen Glaubens, die in den dortigen Spitälern ihren Wunden erlegen sind, in einer von der dortigen Kultusgemeinde hierfür reservierten Abteilung bestattet wurden. Be!i den Beerdigungen fungiert jedesmal ein Feldrabbiner im militärischen Ornat. Hungersnot unter den Juden in Russisch-Polen. Einer dringenden Depesche der Petersburger Abteilung der ״Joa" an das amerikanische jüdische Kriegshilfskomitee entnehmen wir, daß die Juden in ganz Russisch-Polen und in dem größten Teile der Gouvernements Kowno, Wilna, Grodno, Wolhynien, Podolien und Beßarabien sich in der größten Hungersnot befinden. Die Zahl der Flüchtlinge und Obdachlosen bcträgt rund zwei Millionen. Das in Petersburg zustandcgekommene Hilfskomitee fei nicht in der Lage, der Situation Herr zu werden. Amerikanische Hilfe, eventuell Entsendung einer Kommission, sei dringend notwendig. Ein internationales Waisenheim. Die Juden der Ostseite von Newyork wollen ein internationales Waisenhaus gründen, in welches die durch den europäischen Krieg verwaisten Kinder ausgenommen werden sollen. Das Gründungskomitee, an dessen Spitze Jsaac Stanislaw steht, will 200.000 Dollar als Gründungsfoud aufbringen. Das Waisenhaus soll so geräumig sein, daß cs 1000 Kinder aufnehmen kann. Die Tätigkeit des amerikanischen jüdischen Hilfskomitees. Das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee für die vom Kriege Betroffenen bewilligte auf einer Versammlung seines Exekutivkomitees am Sonntag, den 13. Dezember die Summe von 100.000 Dollar zur sofortigen Ueberweisung wie folgt: 50.000 Dollar für die notleidenden Juden Rußlands, 25.000 Dollar für Galizien, 25.000 Dollar für Palästina. Das Central Jewish Relief-Commitee wird an Herrn Felix M. Marburg, den Schatzmeister des amerikanisch-jüdischen Hilfskomitees, 10.000 Dollar als seinen Anteil an dieser 100.000 Dollarspende überweisen. Amerikanische Lebensmittel für die notleidende Bevölkerung Jerusalems. Amerikanische Zeitungen berichten aus Washington: Die türkische Regierung hat durch den amerikanischen Botschafter Morgenthau dem Staatsdepartement ihren Dank ausgesprochen für die Initiative amerikanischer Kreise, die eine Hilfsexpedition entsenden wollen, um die notleidende Bevölkerung Jerusalems mit Lebens- Mitteln zu versehen. Die Expedition wird durch jüdische Wohltätigkeitsgesellschaften in Newyork ausgerüstet, welche beabsichtigen, durch das mittelländische Meer ein Schiff nach Palästina zu seuden. Die türkische Negierung übernimmt die volle Garantie, daß sie die Verteilung aller Hilfsnüttel, welche aus den Vereinigten Staaten kommen, erleichtern wird, und sichert der amerikanischen Negierung zu, daß keine dieser Sendungen für militärische Zwecke in Anspruch genommen werden dürfe. Das amerikanische Hilfsschiff soll, wie die amerikanischen Blätter melden, wahrscheinlich in Jaffa landen. Allerdings besteht noch die Gefahr, daß dieses Lebensmittelschiff von den Engländern abgefangen wird . . . Der griechische Premierminister gegen die judenfeindliche Presse in Saloniki. In! griechischen Parlament richtete vor kurzem der griechische Premierminister sehr heftige Angriffe gegen die griechische Presse in Saloniki, die bestrebt sei, Zwietracht zwischen den verschiedenen Bevölkerungselementen der Stadt zu säen. Die Juden, sagte er, sind ein höchst wertvoller Faktor für die Entwicklung der griechischen Industrie in Saloniki, und ihre Ergebenheit für Griechenland kann nicht bezweifelt Werden. Er apellierte an alle Hellenen in den. neu erworbenen Gebieten, sich mit den Juden auf freundschaftlichen Futz.Au stellen Und den gestörten Frieden wieder herzustellen. Die Einnahmen des Jüdischen Nationalfonds im Dezember 1914. Das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds im Haag (Adr.: Keren Kajemeth p. a., I. H. Kann, Bierkade 8 a Den Haag) teilt uns mit: Die Spendeneinnahmen des Jüdischen Nationalfonds im Monat Dezember haben 46.274.20 Mark betragen. Hiervon entfallen auf Nordamerika 18.086.78 Mark, Rußland 9314.50 Mark, Deutschland 5650.83 Mark, Oesterreich 3333.48 Mark, Rumänien 3288.80 Mark, Bulgarien 1376.64 Mark, Holland 1213.08 Mark, England 076.20 Mark, Südslavische Lände? 473.35 Mark, Aegypten 446.40 Mark, Ungarn 442.65 Mark, Griechenland 407.47 Mark, Dänemark 210.40 Mark, Australien 195.33 Mark, Italien 55.40 Mark. Freitag Abend. Ein Friedensbild ckus Galizien. Wer das Städtchen Olpin kennt, wird zugeben, daß es lieblich und wunderhübsch daliegt, von sanften Höhen und üppig grünen Bergen und Wäldern eingeschlossen. Eigentlich besteht das Städtchen nur aus einer Gasse, den! sögenannten Ring, so daß alle Einwohner sozusagen eine einzige Familie bilden. Diesen Eindruck von idyllischer Gemeinsamkeit empfängt man vielleicht am stärksten am Freitag Abend von diesem kleinen Ort, wenn die Läden geschlossen werden und jedes geschäftliche Eilen eines Nachbarn zum andern aufhört. Da sieht man Männer von der ״Mikwah" kommen, mit roten Gesichtern und noch nassen Haren; aber etwas wie ein glückseliges, sieghaftes Leuchten liegt in ihren Augen. Man sieht cs diesen Menschen an: sie tragen ein Gefühl von Erfüllung in ihrer Brust. Der Kampf und die Unrast der Woche tauchen unter in dem heraufdämniernden Frieden der Schabbesnacht. Zu Hause warten ihrer eine Ruhe und Köstlichkeit, die aus dem milden Schein der Lichter, den strahlenden Augen ihrer Frauen u. Kinder, aus dem ganzen unnennbaren Duft einer eigenartigen Atmosphäre auf sie überströmt, ihrer Not und Plage den Stachel nimmt und den müdgewordenen Seelen neue Flugkraft einflößt. So schreiten sie nach Hause, ihrer allwöchentlich sich vollziehenden Erneuerung entgegen. Und dann, nachdem sie auch die äußersten Gewänder gewechselt haben, gehen sie in das Beth hamidrasch, um durch Gesang und Gottesdienst den Einzug der Schabbeskönigin zu feiern. Und während die Männer, ihrem Alter und religiösen Beruf entsprechend, würdig und ernst dem Schabbes entgegengehen, unterlassen es die Frauen und Mädchen ebenfalls nicht, in ihrer Art natürlich, dem Schabbes ein festliches Gepräge zu geben. So lassen sich die Frauen von ihren Häusern im Feiertagsschmuck nieder und lassen die Ereignisse der Woche, nachdem sie sie Phantastisch aufgeputzt, bedeutend erweitert und ihnen allerlei anziehende Perspektiven abgewonnen haben, Revue Passieren. Die Mädchen aber haben sich zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen und spazieren Arm in Arm durch die ganze Länge des Städtchens. Sie sind in ihr Gespräch so versunken, daß man vermeint, sie beachten die Umwelt gar nicht mehr. Die Augen halten sie meistens gesenkt, aber da stiehlt sich sacht, ganz sacht ein Glutblick aus dunklem Auge und streift mich wie im Vorübergleiten. Schon bereut das züchtige Mädchen seine Kühnheit: eine heiße Blut- Welle steigt ihm ins Gefickt. Nun, sie hat die Sünde durch die Scham gebüßt ... Und mancher andere Blick wieder wgndvrt in die Ferne, späht sinnend nach den Bergen hinaus, hinter denen die große Welt ihre reichen Wunder wirkt und von Glück und Schmerz und Liebe, Liebe voll ist . . . Der Gottesdienst ist zu Ende. Ein vielstimmiges ״Gut Schabbes" klingt durch die Häuser der Stadt. Mein Wirt, ein breitschultriger, hochgewachsener Mann, besitzt eine Stimme von mächtigem Umfang. Er singt in den höchsten Tönen ״Scholaum aleichem". Seine Söhne fallen mit ein. Das Haus, die Berge, ja, die Berge singen mit.

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