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Jüdische Volksstimme · 1915-01-20 · Heft 3 (20.1.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 3 (20.1.1915)
Date
1915-01-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seit, 4. meist bei seinem Schwiegersohn in Totkomlos. Zu Weihnachten kam er nach Szeged, wo ein anderer seiner Schwiegersöhne wohnt; hier erreichte ihn der Tod, und hier wurde er auch unter imposanter Teilnahme zu Grabe getragen. Jüdische Zigeunermusiker waren in früheren Zeiten keine Seltenheit. Es gab sogar, namentlich jenseits der Donau, jüdische Musikkapellen; so gedenkt Csokonai in seinem komischen Epos ״Dorottya" der ״Tompomorer jüdischer Musiker". Ein jüdischer Zigeunermusiker war im Grunde genommen mehr der Liederkomponist Markus Nozsavölgyi (1787—1848). Er Meisterte'die Geige trotz dem besten und echtesten Zigeunerprimas, und als er einmal in Pest eine Serenade gab — damals war Pest noch eine Kleinstadt und Serenaden in Schwung — machte sein Geigenspiel auf den damals schon berühmten Primas Johann Bihari so tiefe Wirkung, daß er ihm nicht mehr von der Seite wich. Sie wurden die besten Freunde, und Bihari machte für die feurigen Kompositionen Rozsavölgyis — damals noch Rosenthal — die eifrigste Propaganda. Rozsavölgy führte — zum Teil nicht aus eigener Schuld —> ein echt unstetes Leben; es gibt kaum eine ungarische Stadt, wo er nicht konzertiert und Triumphe gefeiert hätte. Seine Kompositionen sind noch heute ein eiserner Bestand unserer Zigeunerkapellen. Sein Schwanenlieb ertönte am 25. Februar 1845 im Budapester Nationaltheater; da gab er sein Abschiedskonzert, und das Spiel des Greises war so hinreißend, daß dieser Abend den Zuhörern nnvcrgeßlich blieb. Er habe — schrieb damals ein Kritiker — auf der Geige förmlich gesprochen; ״tiefergriffen vernahm man die nationalen Klänge-, die im Tempel unseres vaterländischen Ruhmes ewigen Nachhall finden werden". Noszavölgy ruht im Kerepeser israelitischen Fried- Hof; seine einfache Grabschrift lautet: ״Nozsavölgyi Markus. Meghalt eletenek 66-ik eveLen Januarius 23-ikan 1848. Petöfi hat den Geigenkünstler in einen; herrlichen Gedicht verewigt. Und ein jüdischer Zigeunerprimas war ja in letzter Linie auch der Geigenvirtuose Eduard Nemenyi, den; zwei Weltteile zu Füßen lagen. Sein Spiel konnte nie das׳ Zigeunerische im cdlen Sinne des Wortes verleugnen, und die ungarischen Zigeuner betrachten ihn stets als den Ihrigen. Bücherschau. Trotz des gewaltigen Krieges hat der deutsche Buchhandel keinen Abbruch erfahren, wenn auch die meisten der verschiedenen Bücher auf den Krieg bezughabend sind. Gleich eingangs sei auf die seit einem Jahre in Berlin erscheinende Zeitschrift ״Jeschurum" hingewiesen. Sie bezeichnet sich als Monatsschrift für Lehre und Leben im Judentum und schon nach den wenigen bisher erschienenen Nummern muß man zugeben, daß diese Bezeichnung viel inehr als einen Titel darstellt. Die Zeitschrift wußte sich die Mitarbeit der führenden gesetzestreuen Geister in Deutschland zu sichern. (Bedauerlichervx'ise findet sich bisher kein einziger österreichischer Autor vor.) Wir finden da sehr gediegene und gedaukentiefe Essahs. Genannt seien: Probleme der Pentateucheregese von Nektor Hoffmann. einen Aufsatz über Kohelet von Rabbiner Nobel, ״Die Vorgeschichte Israels" von I. Wohlgemutb u. a. m. Daß diese Zeitschrift aber tatsächlich auf der Höhe jüdischen Fühlens stebt, zeigen die geradezu großen Beiträge über den Krieg. Wie da der Weltbrand nicht von materialistischer Seite, sondern von einem unerschütterlichen jüdisch-ethischen Gesichts- Punkt behandelt wird und wie man dieses ganze, erichütternde Ereignis beurteilen lernt, dazu müßte man die den Krieg behandelnden Aufsätze wörtlich niederschreiben. Wir werden in Bälde auf die crften Nummern der Zeitschrift zu svrechen kommen, möchten aber schon jetzt wünschen, daß dieselbe so bald als möglich einen großen Leserkreis findet und zur Halbmonatsschrift ausgestaltet wird. Im Nahmen der Weberschen Handbücher (I. I. Weber, Leipzig 1314) gibt der Heidelb»rger Philosoph Arnold Rüge in den; Werkchen ..Einleitung in die Philosophie" ein klares und iibersichtliches Pild der verschiedenen Zweiae der Philosophie. Sowohl Inhalt als Svstematik sind sehr gediegen ansaearbeitet. Man sollte tatsächlich erst dann Philosophie studieren, wenn man eine sehr gute Anleitung, Einleitung und Uebersicht derselben durchgenommen hat. Diesen Zweck erfüllt das Buch in hervorragender Weise. In einem ״Säbel oder Pistole" betitelten und in der Markbibliothek des Verlages Albert Langen erschienenen Büchlein vereinigt Ludwig Thoma zwölf seiner heiteren satyrischen Gefchichten, welche das verknöcherte Philistertum zur Zielscheibe ihres harmlosen Angriffes machen. ״Das religiöse Sehnen unserer Zeit" von E. Zach (Verlag Schöningh, Paderborn, 1 Mark) behandelt den religiösen Verfall von katholisch- Positivem Standpunkt. Der Schluß, zu dem der Verfasser gelangt, daß die Unzufriedenheit und Unzulänglichkeit der Jetztzeit ihren stärksten Grund in der Verflachung des religiösen Lebens besteht, ist uns schon lange bekannt, aber allzu wahr. Jnr Nahmen der Nordlandbücher (Verlag Morawe und Scheffelt, Berlin) wird eine Aus- Wahl von Gedichten des verstorbenen norwegischen Lyrikers Sigbjörn Obstfelder geboten. Die Gedichte, zumeist in -ungebundener Sprache, zeigen die Seele des echten Nordländers, die sich in Sehnsucht nach der Geliebten, nach Meer und Natur verzehrt. Gleich Ibsen zeigt Obstfelder die für die nordischen Dichter bezeichnende Wehmütige Grundstimmung. Die Auswahl der Gedichte ist geschickt getroffen. In Meniers Volksausgaben philosophischer Werke erschien eine Auswahl von kleineren Schriften Kants. Die Auswahl ist überaus gut getroffen, der Preis ist ein billiger und auch die Ausstattung ist recht gediegen. Das Buch kann sehr empfohlen werden, desgleichen das im gleichen Verlag (Felix Menier, Leipzig) erschienene kleine philosophische Wörterbuch von Odebrecht (Eine Mark). Die Ausgabe der Wohlfeilen Volksausgaben sollte in größerem Maßstabe fortgesetzt werden. In der Sammlung Göschen erschienen aus der Feder des bekannten Forschers für jüdischbabylonische Geschichte Dr. Funk eine Sammlung von Talmudproben, welche als Fortsetzung des im gleichen Rahmen und vom gleichen Verfasser erschienenen Bändchens ״Die Entstehung des Talmud" gedacht ist. Auch hier versteht es der Autor,-auf dem ihm zur Verfügung stehenden Raume von 130 Seiten eine, man könnte sagen, reichhaltige Auswahl von charakteristischen Stellen aus allen Epochen des babylonischen Talmuds zu bieten. Wir können dem Bändchen nur weite Verbreitung in jüdischen und außerjüdischen Kreisen wünschen; denn wenn man einen Zweig der Religionswissenschaft vernachlässigt hat ,ist es der Talmud. Und gerade er verdient das volle Gegenteil. Zum Schluffe lenken wir die Aufmerksamfeit auf ein Werk, Welches bis heute noch lange nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit erworben hat. Das ״Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur" von Kayserling-Biach (Verlag Ernst Engel, Leipzig, Preis gebunden 3 Kronen) ist ein erstklassiges Werk. Auf 240 Seiten wird eine Präzise Schilderung des Geschickes unseres Volkes Won der Zerstörung hes ersten Tempels bis auf die letzte Zeit gegeben. Daran schließt sich ein fast 100 Seiten starkes Beiheft mit sehr geschickt ausgewählten Proben aus der jüdischen Literatur, wobei alle Epochen von Josephus und Philo bis auf die heutigen geistigen Größen im Judentum vertreten sind. Die Geschichte mit dem Beiheft bildet ein Wahr- Haft gutes, lehrreiches Buch, das man zlvei- und dreimal m\t großem Interesse lesen wird. Die Behandlung des Stoffes ist eine mustergiltige und man gewinnt eine gründliche Kenntis der jüdischen Geschichte. L. Grünhut. Wiener Raekriekten. Doppel-Feier. Am letzten Samstag fand im Bethause, Wien, 5. Bezirk, Wiedener Hauptstraße, eine Festfeier statt. Sowohl der Rabbiner des betreffenden Bethauses als auch der Chasan (Kantor) feierten ihren 70. Geburtstag. Der Vorstand hielt eine kurze aber kernige Ansprache, voll Anerkennung für seine segensreiche Tätigkeit, an den Herrn Rabbiner Osias Weiner, der im Vereine ״Machsike Hathora" seit 35 Jahren wirkt. Der Herr Rabbiner widmete wieder seinem Mitjubilar, dem allbeliebten Chasan, eine sehr sinnreiche Ansprache. Das Bethaus war ge- *fc. S. drängt voll und man bemerkte zahlreiche offizielle Persönlichkeiten. Einen Teil der kantoralen Funktionen versah Herr Oberkantor Weiß vom Ftanz-Josef-Jubiläums-Tempel in kollegialer Weise und entzückte das Publikum durch den echt chasonischen Vortrag mit seinem prächtigen Organ. Wien. Sonntag, den 10. d. M. fand das Leichenbegängnis des Redakteurs Emil Eisler vom Neuen Wiener Journal statt. Derselbe war ein tadelloser Charakter und guter Jude. Als Journalist stand er sowohl wegen seiner Tüchtigkeit als wegen seiner Integrität in hohem Ansehen, gleich seinem vor 26 Jahren verstorbenen Vater Hermann Eisler, welcher Redakteur der ״Presse" war. Die Familie stammt aus Bosko- Witz. Die große Beteiligung beim Leichenbegängnis zeigte, wie angesehen und beliebt Emil Eisler war. Wien. Zugunsten des Roten Halbmondes mrd des Noten Kreuzes gab Professor Josef Sulzer vorige Woche ein Konzert, das mit der von ihm komponierten Sultanshymne und den Volks- Hymnen der verbündeten Kaiserreiche stimmungsvoll eingeleitet wurde. Sulzer wurde in dreifacher künstlerischer Eigenschaft gefeiert: als Komponist, als Dirigent und als Meister am Cello. Kammersängerin Gertrude Förstel und Herr Alexander Nosalewicz von der Volksoper entzückten das Publikum mit ihren künstlerisch hoch- Wertigen Vorträgen und stürmisch umjubelt wurde Alfred Grünfeld, der unvergleichliche Lyriker an! Klavier. Ein gemischter Chor und das Tonkünstlerorchester unter Leitung des Professors Sulzier und Konzertdirektors Nilius wirkten verdienstlich mit. Runcljcsau. Die Zahl der galizischen Flüchtlinge in Böhmen. Aus Prag wird uns gemeldet: In Böhmen befinden sich derzeit mehr als 350.000 Flüchtlinge aus Galizien und aus der Bukowina; von diesen werden 120.000 Personen auf Staatskosten versorgt. Das Plünderungsverbot im alten Israel. Den jüdischen Krieger hat vor der Habsucht im Kriege schon Moses gewarnt. In; 6. Buch Moses, Kapitel 7, Vers 17 ff. wird das Volk ermutigt, die Uebermacht seiner Feinde in dem ihm verheißenen Lande nicht zu fürchten. ״Der Herr, dein Gott, wird sie dir überantworten und sie stark verwirren bis zu ihrer Ver-tilgung; er wird ihre Könige in deine Hand geben, und du wirst ihre Namen vernichten unter den: Himmel, kein Mensch wird standhalten vor dir, bis du sie vertilgt hast. Ihre Götzenbilder verbrennet im Feuer." Damit jedoch der Mut nicht in Uebermut übergehe, fährt Moses fort: ״Habe keine Gelüste nach den! Silber und dem Golde daran, daß du für dich nähmest, auf daß du nicht dadurch umgarnt werdest; denn ein Greuel des Herrn, deines Gottes, ist solches." Br. Das Leipziger Generalkommando gegen den ״Hammer". Ein geachteter jüdischer Großkaufmann aus. Süddeukschland wandte sich, empört über die maßlosen antisemitischen Ausfälle von Theodor Fritschs ״Hammer", zmnal bei der gegenwärtigen Zeitlage, beschwerdeführend an verschiedene militärische Behörden. Wie er uns mitteilt, hat er dieser Tage den folgenden Bescheid vom stellvertretenden Generalkommando des 19. Armeekorps erhalten: Leipzig, den 7. Jänner 1915. Auf ihre untern; 2. November 1914 gegen den Schriftleiter der Zeitschrift ״Hammer" erhöbene Beschwerde, die vom preußischen Kriegsministerium durch das sächsische Kriegsministerium hierher abgegeben worden ׳ist, wird Ihnen eröffnet, daß es bis Ende 1914 für das stellvertretende Generalkommando unmöglich war, gegen den Schriftleiter, abgesehen von wiederholt ausgesprochenen Verlvarnungen, mit schärferen Maßnahmen vorzugehen, da bei den; damals im Bezirk des 19. Korps herrschenden einfachen Kriegszustand die Preßfreiheit nicht aufgehoben,war. Nachdem kürzlich der verschärfte Kriegszustand über den Korpsbezirk verhängt und insbesondere die Preßfveiheit aufgehoben ist, wird das stellvertretende

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