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Jüdische Volksstimme · 1915-01-20 · Heft 3 (20.1.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 3 (20.1.1915)
Date
1915-01-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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M.8. sal und wollte Rat wissen' Als die Russen das erste Mal in den Ort, in dem er wohnte, kamen, bl-ieb er bei seinen großen Holzvorräten zurück, um noch etwas zk retten. Die Russen kauften seine gesamten Vorräte auf und stellten ihm eine Quittung auf den für den Kauf entfallenden Betrag aus. Nun ist er hier ohne Mittel und hat nur die auf mehrere 1000 Rubel lautende — russische Quittung. III. Den ganzen Tag hält die Bewegung! im Wfsbureau an. Nur zur Zeit der Betstunden tritt Ruhe ein. Wenn man all dies Elend sieht und trotzdem bemerkt, wie diese Menschen nach geistiger Nahrung dürsten, muß einem das Herz vor Freude höher schlagen. Immer und immer wieder werden Fragen nach Büchern, nach Schnlen, nach geistiger Beschäftigung laut. Wahrlich, ein großes Volk, das auch im größten Unglück an seinen Gei^t nicht vergißt! IV. Die größte Nachfrage herrscht nach Kleidern und Wäsche. An den Tagen, wo dieser viel begehrte Artikel zur Verteilung gelangt, stehen schon viele, viele Menschen einige Stunden früher vor dem Bureau. Nur wenige können befriedigt werden, denn die Leute, die uns die Sachen spenden, haben leider auch nur einen begrenzten Vorrat von alten Sachen und gar zu oft sind diese noch in einem schlechten Zustand, daß wir sie nicht verwenden können. Es ist aber sehr wichtig, daß wir die armen Flüchtlinge, besonders die Kinder, deren Sterblichkeit in den Baracken und sonstigen Flüchtlingskolonien eine sehr große ist, mit Kleidern und Wäsche versehen, die den Witterungsverhältnissen entsprechen. Die Kinder sind unsere Zukunft, das künftige Geschlecht, das die Lücken, die der Krieg in unsre Reihen gerissen hat, wird auszufüllen haben. Wir brauchen ein starkes Geschlecht! Gedenket da rinn der Kinder und lasset nicht den harten Zweig am alten Stamme Juda verdorren! Hier hei'ßt es geben, mehr geben! Felix Ungar. Das jüdische Herz. (Zur Fürsorgetätigkeit für die jüdischen Flüchtlinge in Brünn.) Die Dr. Blochs Oesterreich. Wochenschriftschreibt: Als ob das Schicksal dem mit so großem Unrecht vielgelästerten Judentum eine geradezu weltgeschichtliche Gelegenheit zu neuerlicher Be- Währung seiner Haupttugenden: barmherzigster Nächstenliebe und stählerner Zusammengehörigkeit, in ganz überreichem Maße hätte bieten wollen, jagte der vom jüdischen Erbfeind Rußland grausam hcraufbeschuarene ungeheure Krieg die große Völkerwanderung aus Galizien und der Bukowina über ganz Westösterreich und natürlich auch nach Brünn, das ja von der, Hauptstrecke Kmkau—Wien nur wenig entfernt ist. Wohl schien es im Anfang, daß die .Hauptstadt Mährens nur als Zufluchtsstätte dicht auf öffentliche Unterstützung Angewiesener dienen solle; aber dem brausenden Flüchtlingsstromc ließ sich doch kein Halt gebieten und so landeten oder strandeten auch in Brünn Hunderte der Allerärmsten, von allen Mitteln entblößten Flüchtlinge, denen das Bleiben schließlich nicht verwehrt werden konnte, da die südmährischen Asylorte Nikolsbürg, Pohrlitz, Gaya usw. schon überfüllt waren. Für Brünn, dessen Kultusgemeindevorstand die genannten Asyle bereits anerkennenswert bedacht hatte, ergab sich nun ein höchst schwieriges Werk, dessen Gelingen in erster Reihe dem erst seit wenigen Jahren und unter großen Schwierigkeiten, aber unermüdlich und segensreichst wirkenden Bethaus- und Schulverein ״Machsike Hadas", bezw. dessen Leiten: zu danken ist. Von Anbeginn stellten sich die maßgebenden Männer dieses überaus rührigen Vereines kraftvoll und zielbewußt in den fast übermenschlich anstrengenden Dienst zum Schutze und zur Stütze unserer so hart heimgesuchten Brüder und Schwestern aus dem österreichischen Osten. Die Zahl und die Not der Flüchtlinge stieg immer bedenklicher, aber nicht hoffnungslos; das südische-Herz versagte auch in Brünn nicht! Diese Zeilen sollen sich nur in ganz kurzen Zügen mit den Leistungen des ״Machsike Hadas"-Hilfsausschusses befassen, außer welchem noch andere Hilfsstellen die rege Liebestätigkeit der Brünner- Judenschaft bekunden. Sogleich zu Anfang des großen Flüchtlingszuzuges führte das genannte Hilfskomitee eineu Tag- .und Nachtempfangsdienst im Bahn- Hofe ein; die Ankömmlinge Wurden ömpfangen, beraten, in die Stadt gebracht und mit Wohnungen versorgt: auch bei der Labung der bloß durchfahrenden Flüchtlinge, deren es etwa 20.000 gab, wurde kräftigst mitgewirkt. Nebst einer Veratungsstelle im Vcremslokal, Adlevgiafse 12, wurde ein großes Bethaus-Flüchtlingsheim mit eigener Kanzlei eingerichtet, das nun noch bedeutend vergrößert wird und im Fabrikshauptviertel, Zeile 25, nahe dem Stadtkern untergebracht ist. In diesen Räumlichkeiten Wurde soeben auch eine Talmud-Thora-Schule in fünf Klassen und mit 400 Schülern eröffnet, die aber auch zum Teil außerhebräischen Unterricht erhalten sollen; desgleichen wurde jetzt ein ärztliches Ambulatorium für die Flüchtlinge ins Werk gesetzt, wie auch die von einem eigenen Komitee am 28. v. M. dem Betrieb übergebene jüdische Volksküche von dem Hilfsausschuß des Vereines ״Machsike Hadas" den König David, die Harfe zur Linken, das Schwert zur Rechten, das gekrönte Haupt im Schlaf geneigt. Wie er aber in geflügelter Eile näher kam und sich schon an der Schwelle des. Schlosses glaubte, da zerflössen Mauern und Zinnen in eitle Luft und um ihn war weithin, weithin nichts als roter Sand. . . Und wie er ins Land der Lachenden kam, die ihn nicht eher fortließen, als bis er sie das Weinen gelehrt, und ins Land der Weinenden, die das Lachen von ihm lernten. .. Ohne Ende könnte man erzählen. Dabei war er schon zum Manne herangewachsen, und soviel Länder und Städte und Menschen er gesehen soviel Mühsal hatte er auch erlitten: Hunger und Kälte und Hitze und Durst hatten ihn gepeinigt, Wütendes Getier und wilde Menschen hatten sein Leben bedroht. Aber allen Gefahren hatte er getrotzt, und immer weiter ging sein Weg. Und wieder verging Jahr und Jahr unter Mühsal und Fährlichkeiten aller Art, und noch hatte er keine Spur gefunden. Da wurde er mählich müde und verzagt und dachte, daß er wohl bis an sein Lebensende nichts mehr erfahren werde von der Statte des schlasenden Königs. Wie er aber nun einmal, bedrückt von Kummer und Zweifel, einschlief, da war es ihm plötzlich, als stünde ein Mann neben ihm mit wallend weißem Bart, in silbernem Tatar und mit Flügeln zur Seite, wie sie die Engel haben. Der faßte ihn an der Hand und sagte: ..Du suchst König Davids Schlafstätte? So wisse denn: Du wirst sie finden, wenn du geradeaus deinen Weg nimmst, so wie es dein erster Gedanke sagt. Weiche weder zur Rechten ab noch zur Linken U. kehre nie um. Und kein Schrecknis darf dich abhalten. Wenn dich aber Furcht befällt auf deinem Wege, so sollst du nur die Worte sprechen: ,,Al tiro, awdi Jakow" (Fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob), und du wirst deinen Weg fortsetzen können heil und ohne Schaden. Und du wirst zu einem Tor kommen, davor die ewige Lampe brennt, das sollst du öffnen mit dem Schlüssel, den du hier unter dem Baume neben dir finden wirst, und dann, wenn du durch das Tor getreten, toirst du König David erblicken. Und er wird seine Hände dir entgegenstrecken. Neben ihm aber wirst du ein Krüglein sehen, gefüllt mit Wasser, das sollst du ergreifen und von dem Wasser auf seine Hände gießen — dann wird er sich erheben und den Messias bitten gehen, daß er Israel erlöse, Doch wisse: Wenn du im Angesichte des schlafenden Königs auch nur einen Augenblick vergißt, weswegen du gekommen, dann war dein Weg vergebens." Als Samuel erwachte, hielt er zuerst alles für einen Traum. Da sah er aber neben sich einen goldenen Schlüssel. Schnell nahm er ihn an sich und eilte vorwärts. Da sah er plötzlich, wie aus der Erde gewachsen, ein großes Tor vor sich. Cr-trat ein, wie sein erster Gedanke war. Eine ungeheuere Höhle öffnete sich vor seinen Blicken. Eisig kalt wehte es ihm entgegen, daß ihm das Herz erstarren wollte. Und je weiter er vorwärts ging, desto furchtbarer wurde die Kälte und desto grausiger belebte es sich ringsum. Dampfende Ungeheuer mit weitgeöffneten Rachen, in denen Feuerbrände lohten, schienen auf ihn losstürzen zu wollen, teuflische Gestalten streckten entsetzliche Krallen nach ihm aus. Er aber, bebend vor Furcht, wiederholte nur immer: ״Al tiro, awdi Jakow" und strebte mit starren Gliedern vorwärts, an immer neuen Schrecknissen vorüber, an Abgründen mit brodelndem Gischt, an furchtbarem Getier von unförmlichem Wuchs vorbei, immer seinen Spruch sprechend, und jetzt war er auch am angeregt und in die Wege geleitet wurde. Unter bell Bedürftigen gelangten viele hundert Strohsäcke, Decken, Matratzen, Polster und allernötigste Einrichtungsstücke zur Verteilung. 5000— 6000 Personen wurden mit Wäsche, Schuhen und Kleidern versehen, tagtäglich wurden 500—600 Flüchtlinge in Fabriken und in einem eigenen Nachtasyl beherbergt und auch verköstigt. lieber tausend Arbeitern und Arbeiterinnen konnte in Fabriken und bei Gewerbetreibenden Arbeit verschafft werden, an Heimarbeiterinnen wurden fünfzig Nähmaschinen überlassen. Gesorgt wurde ferner für die Errichtung koscherer Fleischbänke, Aus koche re ien und Milchhallen. Aber noch ein sehr bedeutendes Verdienst erwarb sich der rastlose Hilfsausschuß des Vereines ״Machsike Hadas", dessen treibende Kraft im jüdischen Brünn so allbekannt ist, daß sich die Nennung des Namens erübrigt. Die in der vorigen Woche vom Ministerium des Innern auch den in Brünn zu einem provisorischen und relativ sehr guteü Heim gelangten Flüchtlingen endlich nun bewilligte Staatsunterstützung von 70 Hellern pro Person und Tag darf ohne weiteres der regen Fürsprache und warmen Fürsorge des genannten Ausschusses zugeschrieben werden, dem hiebei der Reichsratsabgeordnete Herr Heinrich Reitzes große Dienste leistete, svie auch Herr Svktionsrat Baron Marquet nebst andern höheren Beamten sowie der Brünner Bürger- Meister Herr Doktor Aug. R. v. Wieser große Anerkennung verdienen. Mögen die Flüchtlinge bald wieder glücklich heimkehren können. Sie haben das jüdische Herz auch in Brünn reichlich kennen gelernt. . L.S. Auszeichnungen. Seine Majestät der Kaiser hat verliehen für aufopferungsvollesVerhalten vor dem Feinde das Ritterkreuz des Fmnz-Josef-Ordens am Bande des Militärverdienstkreuzes den Oberstabsärzten 2. Klasse Dr. Philipp Riwczes, Sanitätschef der 43. Landw.-Jnf.-Div., Dr. Karl Radlmesser, Sanitätschef der 45. Landw.-Jnf.-Div.; dem Stabsarzt Dr. Arnold Raschkes, Kommandant der Div.-San.-Anst. Nr. 4; dem Negimentsarzt Dr. Leopold Herz, Jnf.-Reg. Nr. 51; für tapferes Verhalten vor dem Feinde das Militärverdienstkreuz 3. Klasse mit der Kriegsdekoration dem Oberleutnant der Reserve Dr. Jsak Hoffmann, Landw.-Jnf.-Reg. Nr. 32 (im Zivilberuf Advokatin Rawaruska); dem Leutnant der Reserve Dr. Viktor Mandl, Tiroler Kaiserjäger-Reg. Nr. 3; ferner die Allerhöchste belobende Anerkennung ausgesprochen (Signum laudis am Bande des Militärverdienstkrouzes) dem Oberleutnant Ludwig Kiesler, Jnf.-Reg. Nr. 40; dem Oberleutnant der Reserve Rudolf Silberstein, Land- Ende der Grotte angelangt — und siehe da, da war ein Tor, vor dem die ewige Lampe brannte. Samuel zog den goldenen Schlüssel hervor und öffnete das Tor. Und da saß König David schlafend in einem wundervollen Saal, schimmernd von Gold und Juwelen von nie gesehener Pracht. Das Herrlichste aber war ein Edelstein, glänzend in hundert Farben, der neben einem Tonkrüglein lag. Geblendet und entzückt streckte Samuel seine Hand aus, um nach dem Edelstein zu grcisen — da hörte er einen tiefen Seufzer. Cr kam aus dem Munde König Davids, der schon die Hände ausgestreckt gehalten hatte, wartend, daß das Wasser auf sie gegossen wurde, und nun zurücksank undweiterschlief. Tieferschreckt bemerkt jetzt Samuel, was er versäumt hatte. Hastig griff er nach dem Tonkrüglein — aber es war zu spät. Eine dröhnende Stimme rief: ״Versäumt, um Goldesglanz und Tand das Heil versäumt!" Dann war ein Krachen, als ob das Gewölbe mit Donnergepolter zusammenstürzte, und Samuel verlor die Sinne. Als er die Augen wieder aufschlug, lag er auf freiem Felde, nicht weit von dem Städtchen, auS dem er dereinst ausgezogen. Und so, mein lieber Rafael, siehst du, warum der Messias noch nicht gekommen ist. Und weißt nun auch, wann er kommen Evird: Wenn er gesucht werden wird von solchen, die reinen Herzens sind, und die sich durch nichts, nicht durch blinkenden Reichtum, nicht durch lockende Genüsse auch nur für einen Augenblick ablenken lassen von ihrem Wege, bis sie den schlafenden König geweckt haben.

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