Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1915)
- Date
- 1915-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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mtm ife mtmoa Olnmmct 3. M«r«,»prell«: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620 ganzjährig.5tronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig . ..Rubel 6 — BaÜan, Frankreich ........ Frank« 14׳— 88— .— -״־— - ■— ׳ -״ — — ■ (Ej (^saa>4tS) Herausgeber: Max Hickl. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die üspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. 8--m Wien—Budapest. Brünn, 2®; Prag—Lemberg. Das Ministerium des Innern für die in Mähren befindlichen Flüchtlinge. Wie unseren Lesern bekannt ist, ist es den Bemühungen des Hilfskomitees des Vereines ״Machsike Hüdas" durch die tatkräftige Unterstützung des Herrn Reichsratsabgeordneten Rek zcs, gelungen, für die in Brünn befindlichen Flüchtlinge die staatliche Unterstützung von 70 Heller Per Kopf und Tag zu erwirken. Nun befinden sich aber außerhalb Brünns und den Barackenstädten mehrere Tausende Flüchtlinge, die bisher die staatliche Unterstützung nicht erhielten. Die Not unter diesen Flüchtlingen ist unbeschreiblich. Das Hilfskomitee des Vereines ״Machsike Hadas" hat, um für diese unglücklichen Brüder auch die staatliche Unterstiitzung zu erlangen, alles׳ Notwendige veranlaßt. Herr Redakteur Max Hickl begab sich nach Wien, um in Begleitung des Herrn Reichsratsabgeordneten Reizes diesbezüglich im Ministerium des Innern zu intervenieren. Der Referent, Herr Sektionsrat Baron Marquet hatte die Liebenswürdigkeit, auf Grund der Ausführungen und vorgebrachten Wünsche des Herrn Redakteurs Hickl, die Zusage zu machen, l daß die Regierung bereit sei, diese Frage im günstigen Sinne zu erledigen. Die Flüchtlinge in den Gemeinden Kanitz, Boskowitz und Feuilleton. Märchen vom schlafenden König. Bon Berthold Feiwel. Wann er kommt? Wann der Messias kommt, der die Inden cuü aller Not und Drangsal befreien wird? Weißt du, mein lieber Rafael, genau so wie jetzt du. so fragten schon unzählige jüdische Kinder. Denn, nicht wahr, das lvüßte doch jeder gar zu gerne, wann die die goldene Zeit voll Friede und Freude kommen wird die der Messias mitbringt. Und so fragte auch einst der Knabe, von dem ich dir jetzt erzählen will, seinen alten Lehrer. Wie der Knabe hieß? Samuel hieß er. Aber er lebte im jüdischen Städtchen, und lebte und wohnte da in einem niedlichen Häuschen bei seinem Lehrer, der Neb Juda hieß. Das war ein kleiner Mann, kaum höher als ein Tisch, und dazu noch hatte er einen Höcker. Aber so klein er war, so groß war seine Weisheit, und so häßlich sein Buckel war, so schön konnte er reden. Ja, Reb Juda wußte gar mancherlei, was viele vor ihm nicht gewußt haben und viele nach ihm nicht wissen werden. Denn Nag und Nacht, bis er Schneeweiß geworden war, hatte er in der heiligen Schrift gelernt und geforscht, bis ihm jeder Buchstabe vertraut war wie die Finger an seiner Hand. Dazu noch hatte er von Vätersvätern her allerlei erfahren, was nur die Weifesten verstehen und nur, ein Weiser dem anderen anvertraut. Und so wußte er auch manches von den Wundern und Geheimnissen de« Messias. Holleschau sollen diese Unterstützung sofort erhalten, hingegen könne die Regierung keinesfalls den Flüchtlingen in Mähr.-Ostran, Prerau, Ung.-Hradisch, aus besonderen Gründen, die Unterftützung gewähren. Herr Sektionsrat Baron Marquet ersuchte, Herrn Hickl oa. 8 jüdische Gemeinden namhaft zu machen, um die in Mähren befindlichen Flüchtlinge dortselbst zu konzentrieren. In dieser Angelegenheit begibt sich Nedakteuv Hickl m den nächsten Tagen in die in Betracht kommenden Judengemeinden, um mit den Gemeindevertretungen diesbezügliche Vereinbarungen zu treffen. Es ist zu erwarten, daß die Judengemeinden alles nufbieten werden, um den Flüchtlingen eine Unterkunftsstättc zu gewähren. Aus meiner ״Flüchtlingsmappe" 1. ׳ Am Bahnhof herrscht reges Treiben. . 800 Flüchtlinge sollen in einer halben Stunde Brünn Passieren. 800 arme elende Menschen, vom Krieg vertrieben, heimatlos, gestern noch reich, heute nur Bettler. Nun heißt es Tee, Brot und Wurst vorbereiten, um die Armen zu laben, ihnen ihr Schicksal zu erleichtern. Weit draußen am Güterbahnhof hält der Zu׳g des Elends. Es ist schwer, die Tränen zurückzudrängen, wenn man diesen Akt der endlosen Tragödie des u immerruhenden Ahasver sieht, der nun wieder zum Wanderstabe greifen mußte, nachdem er nur kurze Zeit Und wie sie nun einst, es war schon Nacht, beim Scheine eines Lämpchens zusammensaßen und wieder wieder vom Messias redeten, da war es, daß Samuel seinen allten Lehrer fragte: «Wann aber wird Messias kommen?" Das war eine Frage, die Neb Juda Wohl erwartet hatte. Denn es leuchtete freudig auf in seinen Augen und er sprach: ״Lange, lange noch müßte es daueren, ehe der Messias kommt. Denn nicht früher will er kommen, als bis das Matz des jüdischen Leidens voll ist. Und doch könnte er morgen schon da sein, nein, heute schon, wenn einer bei ihm Fürbitte einlegte, dem er keinen Wunsch unerfüllt lassen kann. Und dieser eine — fuhr Reb Juda fort, und seine Stimme senkte sich zu geheimnisvollen Flüstern — ist Dawid, König Dawid, der nicht gestorben ist, wie die meisten glauben, sondern nur schläft in einem verschlossenen Gemach. Dort muß man ihn aufsuchen und ihn bitten, daß er zu Messias rede als Fürsprecher der Juden, und dann, wann immer es sei, wird auch Messias,!der Befreier, kommen." Samuel horchte hoch auf. Reb Juda aber sprach weiter: «Greis und weiß bin ich geworden, bis ich dies ergründet und bis ich erfahren, wo König Dawids Schlafstätte zu finden ist. Zu alt und zu schwach sind nun meine Glieder und sie würden mich nicht mehr hintragen zum heiligen Ort. Du aber, mein Schüler, sollst erfüllen, was ich nicht mehr vermochte. Du sollst hinziehen zur geweihten Stätte und den schlafenden König wecken, auf daß er den Messias sende. So höre denn, wie du den Weg findest zu König Dawids Grab.." Kaum aber hatte Reb Juda so weit gesprochen, da erlosch das Lämpchen, die Fenster flogen auf, ein Rauschen wie von mächtigen Flügeln war in der Luft, und Plötzlich flammte ein Feuerschein auf und legte sich wie ein geruht. Güterwagen an Güterwagen, eine schier endlose Kette voll mit elenden Menschen.. Die Schrecken dieser unfreiwilligen Reise werden noch vergrößert durch die Unzulänglichkeit der Beförderungsmittel. Nachdem die Flüchtlinge oft eine weite Strecke zu Fuß oder in schlechten Banernwagen zurückgelegt haben, müssen sie die Reise in Güterwagen, die nur selten durch kleine, provisorisch eingestellte Öfen spärlich erwärmt sind, ohne Fenster, ohne Abort, auf der Erde liegend fortsetzen. Hier liegen Männer, Frauen, Wöchnerinnen, Kinder, kranke und gebrechliche Greise, ohne Möglichkeit, sich auch nur zu waschen oder entsprechende Kost zu bekonunen. Unvergeßlich wird mir der Anblick eines armen Jichen bleiben, der seine Kinder auf der Flucht verloren hatte und darob verrückt wurde. Jeden rief er an und wollte wissen, ob nicht seine Kinder in einem anderen Wagen untergebracht wären. So stand er an der Türe des Wagens, raufte sich die Haare, verweigerte jede Nahrungsaufnahme und weinte bitterlich. Unsere Vorräte sind bald erschöpft. Mit Heißhunger werden unsre Gaben verzehrt. Es gilt nun noch zu trösten und zu beraten, dann geht es weiter dem unbekannten Reiseziele zu, meistens in die von allen mit Recht gefürchteten Barackenlagern. II. Am Bahnhof -sehen wir das Massenelend. Erst in: Hilfsbureau lernen wir all die großen und kleinen Sorgen des Einzelnen kennen. Manchmal glaubt man, daß die Ironie des Schicksals mit Absicht eingegriffen hat, um das Unglück weit fühlbarer werden zu lassen. Emst kam ein Jude, mit langem, reich verbrämten Se!- denpelz, ins Bureau und erzählte mir sein Schickglühendes Band auf Neb Judas Lippen. Dann erlosch und verstummte alles. Neb Juda aber sprach kein Wort mehr. Zitternd vor Schreck schmiegte sich Samuel an seinen Lehrer, doch der blieb unbeweglich und stumm Und Samuel erkannte, daß sein teuerer Lehrer tot war. Sieben Tage betrauerte er ihn in tiefem Schmerze. Am achten Tage aber erhob er sich und in seinem Herzen stand der Entschluß fest: Er wollte König Dawids Schlafstätte suchen, ob auch Neb Juda das Geheimnis des Weges dahin -mit ins Grab genommen, bis er sie finde. Keinen Tag mehr wollte er säumen. Also machte er sich auf den Weg. Und jeden der ihn begegnete, fragte er: ״Vielleicht wisset Ihr, wo König Dawid schläft? Aber keiner wußte es ihm zu sagen.Die einen antworteten gutmütig: ״Davon haben wir nie was gehört." Die anderen aber lachten ihn aus und hielten den Knaben für verrückt: Denn König David sei schon Jahrtausende tot und liege im Grabe. Die dritten gar wurden zornig, da sie meinten, daß er sie zum besten halte und fuhren ihn böse an. Aber Samuel ließ sich nicht abschrecken. Tag um Tag, Monat um Monat und endlich Jahr um Jahr vergingen und er Wanderte weiter und immer weiter. Ohne Ende könnte man da erzählen von den Ländern und Menschen, die er gesehen, und jedes wäre eine Geschichte für sich. Wie er ins blaue Land kam, wo die Erde blauer ist als der Himmel und die Wälder blauer als das Meer. Und ins Spiegelland, wo man durch alle Dinge sehen kann, als wären sie kristallenes Glas. Und ins Sandland, wo er wahrhaftig schon glaubte, sein Ziel erreicht zu haben. Denn vor seinen Augen, zum greifen nahe, sah er plötzlich ein Schloß mit hohem Turmgemach und im Turgemach sah er ihn selbst — es konnte kein anderer sein