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Jüdische Volksstimme · 1915-01-13 · Heft 2 (13.1.1915) · page 5

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 2 (13.1.1915)
Date
1915-01-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Seite S. ״״■!f״x• *“*?7 ־ייע ן'*״׳«' ״y־’י׳•־*"׳•יי־־•״ ״: »zrusche mwp—t.1» «».2. gorischer Adeliger. Als Philipp von LaW nnd Offiziere haben mir, mehr als einmal er-j der Eltern wissen nicht, daß 1 h r e Kinder lnreicher Mann reiste er ins Ausland und malte zählt, daß die jungen polnischen Juden, die als, gen. Daß Kinder lugen, ist 9:ehr oder inmder .Kaiser und Prinzen. Seinem jungen Ruhm ver- Soldaten in den Schützengräben liegen, ihre heschloß sich auch die Pforte des Vatikans nicht; längst war er ein Sohn der katholischen Kirche, als Christi Statthalter ihm Modell saß. Philipp von Laßlo, den wir bis vor kurzem für einen ungarischen Künstler hielten, hat für uns aufgehört es zu sein. Er ist kein Ungar, er ist uns auch kein Künstler mehr. Wir tilgen seinen Nainen aus unserer Erinnerung. Aus unserer Galerie, in der die Werte seiner neuen Landsleute, der brave Künstler Lavery, Sauten, Lawrenze, Gegenstand der Verehrung bleiben sollen, sei sein Werk entfernt; in unserem Herzen, das englischeu, russischen, französischen Künstlern Achtung bewahrt, sei sein Andenken gelöscht. Hinaus mit dem Ncnegaten! Hinaus mit ihm!" Galizien in Karlsbad. In der letzten Nummer des ״März" schreibt Stefan Großmann über die galizi schen Fluchtlinge in Karlsbad u. a.: Die ersten, wohlhabenderen Flüchtlinge wurde!:, da die Hotels leer stehen, mit doppelter Wirtsfreundlichkeit empfangen. Dann aber ka men Arme! Unter diesen Armen sind Leute, die gestern noch reich waren, Leute, die so schnell flüchten mußten, daß sie ihr Hab und Gut nich: sichern, geschweige denn mitnehmen konnten. Ich habe einen Lemberger Rechtsanwalt gesprochen der sich jetzt in Wien als Extrablätterhändler täglich ein paar Heller verdient, der sagte mir ״Ich.mußte mit den Meinen so schnell fort, daß ich froh war, ein Bündel Kleider und meine drei Kinder beisammen, zu haben. Im Gedränge am Bahnhof verloren wir das jüngste Mädchen. Got weiß, wo und ob es noch lebt..." Es gibt unter den Galiziern Leute, die wochenlang auf Reisen waren, sie konnten nicht anders als in Frachtzügcn befördert werden und das Leben in diesen reisenden Pferchen war traurig genug. Es ist vargekommen, daß Schwangere in diesen vollgepfropften Waggons gebaren, auch hatten die Flüchtlinge während der vicltägigen Reise zwischen leidlich wariner, aber verpesteter Luft und so eisiger .Kälte in Waggons zu wählen, daß es auch erfrorene Gliedmaßen gab. Die Stadtgemeinde Karlsbad war — nach dein anklagenden Bericht eines Karlsbader Lokalblattes 14 Tage vorher von den! Eintreffen galizischer Flüchtlinge verständigt worden! Die erste Antwort war, daß Karlsbad versuchte, die Fluchtlinge fernzuhalten. Das gelang nicht. Als die Galizier nun anlangten, da wurden sie in einen — Keller (Esterhazykeller) in der Franz-Josefstraße geschafft. Zum Lager wurde ihnen aufgeschüttetes Stroh angewiesen. Hier lagen Familien, Männer, Weiber, Kinder, etwa achtzig Personen in dein einen Keller. Auch eine Wöchnerin und ein Nuhrverdächtiger darunter. Das unterirdische Gewölbe war nur schwach erhellt. Der ( Berichterstatter des Karlsbader Blattes schreibt, daß in dem Raum ein solcher Gestank herrschte, daß man eintretend, sich einer Ohnmacht nahe fühlte. Die zweite Unterkunft fanden die Flüchtlinge auf der Karlsbader Rennbahn. Auch hier keine genügenden Vorbereitungen, vor allem keine benützbaren Oefen. Die Leute froren. Erst später wurden die Oefen instand gesetzt. Die Flüchtlinge besaßen oft keine Decken, so lagen Kinder frierend auf den: Stroh! Die Verwaltung der reichen Badestadt hatte nicht einmal für Kotzen gesorgt! Das erste, was man mit den Wochenlang oder wenigstens viele Tage lang herumgeführten Flüchtlingen hätte tun sollen, wäre natürlich gewesen: sie zu baden. Es gab keine Badegelegenheiten, obwohl in Karlsbad natürlich kein Mangel an Wannen sein kann! Andere Flüchtlinge waren in dem Vorort Fischern im Stalle eines Hotels untergebracht. Selbstverständlich gab es auch viele gute Menschen, die sich daran erinnerten, daß diese galizi schen Flücht linge Vaterlandsgenossen sind. Es gab kleine Wirte, die sich der Vertriebenen annahmen, arme Leute, die den Aermsten beistanden, Kinder, die den Kindern der Heimlosen Spielzeug brachten. Das sozialistische Blatt in י bräischen Gebetbücher neben sich liegen haben Sie beten um die Niederlage des Pogromzaren Sie beten für ihre irgend wohin vertriebenen Eltern, Schwestern, Kinder. Das Schicksal ver hüte es, daß so ein galizischer Soldat einen Feld Postbrief der Seinen aus Karlsbad empfange!. Die Stadt Karlsbad, in der jetzt viele tausend lichte Zimmer mit Betten und Badewannen leer stehen, erinnere sich an ihren uralten Beruf Fremde ordentlich zu beherbergen, auch wenn es vertriebene, verarmte, melancholische Galizianer sind! Sonnenthals russische Erlebniffe Eine Sonnenthalerinnerung, die die Zei umstände und der Tag, an dem der unvergeßliche ״Nathan der Weise" unlängst seinen 80 Geburtstag hätte begehen können, wachriefen, sei hier wiedergegeben. Der große Schauspieler wäre um ein Haar aus Rußland ausgewiesen worden weil er — Jude war. Es war im Jahre 1880 und Sonnenthal spielte in Riga. In seinen Brie fen erzählt er: ״Nachdem ich bereits dreimal ge spielt hatte, kamen eines Morgens — welche Ironie! ich probte gerade den Uriel Acosta — ein Polizeihauptmann und ein Polizeileutnan auf die Bühne, vom Polizeimeister abgesendct mit dem Aufträge, mich zu fragen, welcher Re ligion ich sei. Nun mußte dies aber der Polizei mcister ja gewußt haben, denn gleich bei meiner Ankunft hier — ich war noch nicht fünf Minu ten in meinem Hotel —י wurde mir der Melde Bettel vorgelegt, auf welchen ich unter der Rub rik ״Konfession" mit großen deutlichen Lettern ״Jude" setzte, denn ich besitze die׳ Schwäche, mich dessen nicht zu schämen. — Die beiden Polizei beamten, die mich äuszuforschen hatten, mochten wohl das Entwürdigende ihres Auftrages gefühl: haben, denn sie schämten sich, mich selbst zu fragen, sondern wendeten sich an den Negisseur. Dieser gab ihnen die Auskunft, daß ich Jude sei, worauf sie erwidertet:, daß ich in diesem Falle ohne spezielle Erlaubnis mich nicht in Niga aufhalten dürfe. Mir. wurde der Zwischenfall vorläufig verschwiegen und die Direktion wendete sich sofort an den hiesigen österreichischen Konsul, Herrn Lübeck, der in loyalster, liebenswürdigster Weise die Sache nach Petersburg berichtete, von wo noch am selben Abend die folgende Depesche eintraf :״An PolizeimeiAer ergeht heute telegraphischer Befehl des Ministers des Innern, wonach Herrn Sonnenthal Aufenthalt in Riga gestattet wird. Oesterreichische Botschaft." Als dies geschehen war. Wurde n:ir der Vorfall berichtet. Im ersten Augenblick war ich starr — ich wußte nicht, sollte ich lachen, sollte ich weinen --wir leben im neunzehnten Jahrhundert —, und in: Herzen Europas weist man einen Menschen aus, weil er ein Jude ist Eine, wenig bekannte Sonnenthal-Anekdote, die auch mit seinem Glauben zu tun hat, sei׳ hier aitgefügt: Einstmals trat in Budapest Sonnenthal in Don Carlos als Marquis Posa auf und der Schauspieler Altmann vom Wiener Burgtheater als König Philipp. Beide Waren Juden. Als nun Sonnenthal bei der Frage König Philipps: Ihr seid Protestant?" nachdrucksvoll die A11t- Wort gab: ״Ihr Glaube, Sire, ist auch der meinige," da brach das übervolle Haus in schallendes Gelächter aus. ״Ich wußte nicht, daß mein Kind lügt... In den letzten Tagen veröffentlichten die Wiener Zeitungen einen Bericht aus dem Gerichtssaale, nach welchem ein Vater verurteilt wurde, weil er auf Grund der Aussagen seines Kindes Lehrpersonen beleidigt hat. Der Fall an ich ist für jeden, der mit der Schul-e in Verbindung steht, weder neu noch überraschend. Erreulich ist die konsequente Durchführung der Angelegenheit und die exakte Motivierung des rich unerfreulich, bekannt; daß aber der Vater oder die Mutter davon überzeugt ist, daß auch das eigene Kind lügt, findet man sehr selten. Von einen: erführenen Schulmann rührt das treffliche Wort l>er: ״Kinder sind die besten Inspektoren, aber die schlechtesten Berichterstatter", d. h. die Kinder bemerken alles und jedes, aber sie berichten darüber äußerst ungenau und verdienen sehr geringe Glaubwürdigkeit. Der bekannte Satz der jüdischen Theologie vom ״Ntessiach lefi tumo", d. h. von dem Kinde, das in seiner Einfalt ein Geschehnis tatsächlich berichtet und Glauben verdient, gilt nicht unbedingt, aber jedesfalls nur dort, wo es sich um ein Geschehnis handelt, das das Kind selbst nicht in Mitleidenschaft zieht, gilt aber keinesfalls dort, wo das Kind selbst beteiligte Person ist. Das Kind —׳und je älter, desto utehr ist dies der Fall׳— ist egoistisch veranlagt und will seine Person vor Strafe schützeit. Darum wird es die Vorgänge in der Schule stets so berichten, daß es selbst dabei schrildlos dasteht oder mindest unschuldig wird. Da beginnt nun die ״Lüge des Kindes" oder nachsichtiger gesagt, die einseitige Berichterstattung und anderseits nimntt von ׳da die ungerechte Beurteilung des Lehrers durch die Eltern ihren Anfang. Ich nehme aus meiner Schreibtischlade einige Briefe jüdischer Väter heraus und zeige daran in Praxis den oben erwähnten Vorgang: (Brief des Vaters.) ״Euer Ehrwürden! Mein ältester Sohn Ludwig kam nur Sonntags sehr aufgeregt, weinend aus der Neligionsstunde heim und beklagte sich, wahrend derselben eine schallende Ohrfeige erhalten zu haben. Es ist ganz selbstverständlich, daß ich nun der Autorität willen, die dem Lehrer unter allen Untständen zukommt, den: Kiraben nach Anhörung seiner Erzählung der Ursache kategorisch erklärte, daß E. Ehrwürden zweifellos gewußt haben, was notgetan hat intb daß er sich eben zu fügen habe. Anderseits bin ich auch dem Knaben was schuldig und das ist, daß er zufolge seiner allgemeinen Schwäche und weil er seit einigen Monaten überhaupt eine Frage wäre, ob n:an ihn nicht einigermaßen von Arbeit entlasten sollte. Zuhause wenigstens sucht man, in Güte mit ihm auszukommen und ich kann versichern, daß dies vorzüglich gelingt. Auch sein Lehrer in der Stadtschule versichert mir seine Zufriedenheit. Schließlich stehe ich auf dein Standpunkte, daß es uns Eltern und ben Erziehern unserer Kinder nicht gestattet sei, sich mittelalterlicher Formen zu bedienen, wie sie Wohl unsere alten Neligionsschulen noch geübt, jaben und da ntöchte ich E. Ehrw. mit allem Jhneu zukontmenden Respekte gebeten haben, sich freuudlichst (hinkünft'ig derartiger Erziehung?,- Methode tneinen Kindern gegenüber zu enthalen. M. G." Die Tatsache ist: Es ist in der Schule Leseir eines Stückes im erlichen Ausspruches — unerfreulich, daß es sich um einen jüdischen Vater und ein jüdisches Karlsbad erließ einen Aufruf zugunsten der in' Kind handelt. Gerade darum benütze ich den Fall, den Karlsbader Konzentrationslagern liegenden um die daraus sich ergebende Erfahrung den jü- Oesterreicher. ׳bischen Eltern ans Herz zu legen. Die meisten hundert Lesern dieser Briefe 99 sagen werden: Der Schüler liest nicht mit, wird aufge- ׳ordert mitzulesen, verharrt in Schweigen, nochtnalige und dritte Aufforderung — fruchtlos. Der Schüler ״bockt". Er erhält als Strafe das tück abzuschreiben. Von einer Ohrfeige ist abfolut nichts Wahres. Es ist eine unerhörte Lüge. Der Schüler hat nie geweint und ist nicht gechlagei: worden. Bei der Verhandlung in der Schule sagen alle Kinder aus, daß fein wahres Wort an bem Bericht des Knaben ist, der Vaer entschuldigt sich, ״er hat nicht gewußt, daß ein Kind lügt".— (2. Brief.) ״Herrn Dr. . . . hier. Erlaube mir Ihnen die Mitteilung zu!nachen, daß ich meine Tochter Malvine aus Neligion Privat unterrichten lasse und bitte davon Notiz zu nehtnen. Gleichzeitig werde ich die chuldirektion auch verständigen. Begründe dieen Schritt folgendermaßen: Herr Doktor straft meine Tochter, als wäre sie in einer Korrektionsanstatt. Die Formen der Strafe sind auch solche, die für ein so großes Kind unpassend sind. Befürchte, daß das Kind den Respekt vor Ihnen verliert während des Unterrichtes und will datier mir und meinem Kinde jedwede weitere Aufregung ersparen. D. K. Es unterliegt gar keinen: Zweifel, daß vor:

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