Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1915)
- Date
- 1915-01-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach längerer Debatte wurde beschlossen, sämtliche Arbeiten in den bestehenden Vereinen in der Schweiz fortzuführen und die Bildung neuer Gruppen zunächst in Holland und in Jtalien zu bewerkstelligen. Die Konferenz beschloß ferner, die erzieherische Arbeit der zionistischen Jugend gemäß dem Programm der letzten Heidelberger Konferenz fortzusetzen. Inder Schweiz soll auch eine Bücherzentrale errichtet werden, die sämtliche Vereine und Gruppe!: mit zi'onistischcr Literatur versehen soll. Ferner wurde beschlossen, mit der Wiederherausgabc des Presseorgans der Organisation ״Jewreiski Student" sofort zu beginnen. Die Zeitschrift soll zunächst in Kopen- Hagen unter der Redaktion der Herren Dr. Bernstein und Großmann erscheinen. Nach Absendüng von Begrüßungstelsgrammen an das E. U. C., Herrn Dr. Tschlenow und Dr. Bernstein wurde die Konferenz in einer überaus arbeitsfreudigen und zuversichtlichen Stinnnung:nit den: Absingen der ״Hatikwah" geschlossen. HuimIMmu. Gemeinsame Gebete. ״Ä. Est Republicain" erzählt: In Verdun, nach einer mörderischen Schlacht in den Argonnen, sollte eine größere Zahl Gefallener begraben werden. Man kannte nicht die Religion der Toten. Daher ließ man zwei katholische Priester einen protestantischen Pfarrer und einen Nabbiner von: Schlachtfelde holen. Alle vier kamen in einen: Automobil angefahren. Es sprach zuerst der Rabbiner (weil er der älteste war), dann die christlichen Priester ihre Gebete. Ersterer in hebräischer Sprache, die katholischen Priester ir: Latein und der Protestant in französischer Sprache. Dann gingen sie zusammen nach einen: nächsten Dorfe, wo sie bei einen: katholischen Priester ihr Frühstück einnahmen. Requiem in Paris. Wie der ״Ternps" :neidet, hat in der Synagoge der ״Rue de la victoire" ein großes Nequien: für die Gefallenen der verbündeten Staahm. stattgefunden. Der Tempel war schwär dekariert und der Almenwr wies die Fahnen der Verbündeten auf. Der Chor stinnnte zuerst de!: Choral: ״Eine Stimme wird klagend hörbar in: Nan:a, Rachel weinet um ihre Kinder, die nicht n:ehr da sind." Der belgische Grandrabbii: Drehfuß sprach zuerst zu den Belgiern und gab der Zuversicht Ausdruck, daß Frankreich wieder die alte Grenze erreichen werde. Er sprach dann ein Gebet für die Toten, wobei er die lange Liste der Gefallenen namentlich verlas. Hierauf sprach der französisch^ Grarrdrabbi Alfred Levy in: gleichen Sinne. Der ausgewiesene Held. Das Londoner ״Jewish Chronicle" erzählt selbst folgende unerhörte Geschichte: Ein russisch-jüdischer Soldat wurde in ein Moskauer Hospital gebracht, sein Arrn wurde amputiert. Nachden: er transportfähig wurde, ist er von Moskau, wo di׳e Juden kein allgemeines Wohnrecht haben, ausgewiesen worden. Eine verhängnisvolle Erbschaft. Der Sozialist Tanchum Weingarten ::: Amerika nach Lodz. Dort meldete er sich bein: Ausbruche des Krieges zur Bürgerwache. Bei einen: Straßenerzeß wurde er von einem Banditen angeschossen und starb nach einigen Stunden. An seinen: Leichenbegängnisse beteiligte sich die ganze Stadt. Die Sitzung des großen A.-C. Die in Kopenhagen tagende Sitzung des A.-C., über welche wir bereits meritorisch berichtet haben, hat einen sehr bewegten Verlauf genonnnen. Während Dr. Hantke die Leitung noch weiter in Berlin behalten wollte, wurde allseits das Verlangen nach einem neutralen Zentrum ausgesprochen. Von Nordau lag der Antrag vor, die Zentrale nach Newyork zu verlegen. Die Leitung wurde heftig angegriffen und zur'Dcmission aufgefordert.' Die Stellung der Zentrale gilt für erschüttert. Zangwill. Die Verhandlung der englischen Zionisten :nit Zangwill nimmt greifbare Foru:en an. Zangwill ist bereit, nach Erfüllung gewisser Bedingungen wieder in die zionistische Organisttion einzutreten. Der Gottesfriede — im Innern, den der Krieg gegen die zahlreichen äußern Feinde hervorgerufen hat, wird nicht vonallen Seiten sehr ernst genommen. Da lesen wir in: christlichsozialen Monitor den Bericht iiber eine Gerichts- Verhandlung gegen einen notarisch Verrückten, der sich schwere Amtsehrenbcloidigrrngcn zuschulden kommen ließ. Das Gericht sprach den Angeklagten frei, obwohl der Angeklagte während der Verhandlung davonlief und nachher gegen das Urteil und die Begründung usw. schriftlich rekurrierte. Der antisemitische Bericht kann trotz des .Krieges und des Gottesfriedcns nicht umhin das Gehahren des Geisteskranken als ״echt südisch" zu bezeichnen und immer wieder das Judentum des unbequemen Angeklagten hervorzuheben. Gibt es gegen solche Beschimpfungen von Millionen guter Staatsbürger keinen Schutz? Jüdische Offiziere in der bayrischen Armee. Zum Hauptinann wurde befördert: Der Oberleutnant des Beurlaubtenstandes a. D. David Oberndorfer. Zun: Rittmeister wurden befördert: Die Leutnante des Beurlaubtenstandes a. D. Ern. Goldschmrdt, Siginuud Dreyfuß, Aug. Mosbacher, Benno Oettinger, Oskar Wiener, Bruno Friedländer. Jerusalem als Hauptquartier. Jerusalen: ist zun: Hauptquartier des Heeres gernacht worden, das u: Palästina gegen Aegypten operiert. An den Stätten, zu denen sonst aus allen Teile:: der Welt fronnne Beter wallhm, in der Nähe der heiligen Kirche, mit denen die teuerster: Ileberlieferunger: an das Erdendaseir: des Herrn geknüpft' sind, Hallen Komnrarrdorufe und dröhnt der Schritt der rnarschierender: Regimenter. Die aufregendster: Gerüchte eile!: durch die Straßen und entflammen die Wut der Mohammedaner gegen die Engländer innner mehr. So erregte das größte Aufsehen eine Nachricht, daß die Engländer die Gebeine des Prophetei: gestohlen hätten itub1 daß der Krieg nun geführt werden :nüsse, uu: diese geweihten Reliquien des Jslan: wieder zu gewinnen. Die Truppen sir:d alle gut ausgerüstet ur:d mit modernsten Waffen versehen. Große Mengen von: Minen, Gewehren und Munition sind vor: Konstantirropel nach Jerusalen: gebracht worden. Die Beduinen des Gebietes, das ar: den Grenzen Aegyptens liegt, sind mit deutschen Kanonen ausgerüstet. Sehr stark befestigt ist der Libanon: türkische Truppen haben ihn besetzt, und die Befestigungen sind nach den rnodernsten Mustern angelegt. Ein atisemitischer Justizmord in Amerika. Das lang Befürchtete ist eingetreten. Leo M. Frank ir: Atlanta, der bekanntlich, wie früher berichtet, seit Monaten unter der Beschuldigung eines Mordes in Haft gehalten und auf Grund des offensichtlich falschen Zeugnisses eines Negers und unter der:: Drucke leidenschaftlicher dem der höchste Gerichtshof des Staates die Re- Vision zurückgewiesen hat, am 22. Jänner durch den Strang hingerrchtet werden. Frank beteuerte in der.neuerlichen Verhandlung wiederum seine völlige Unschuld und erklärte feierlich, daß das Verdikt nichts anderes als die Ausgeburt der Leidenschaft und des Vorurteils sei. Er sei absolut sicher, daß seine Unschuld eines Tages klar erkannt werden würde. Die unabhängigen amerikanischen Zertungen sind von der Unschuld Franks vollkommen überzeugt, und es ist einjammervoller Gedanke, daß in einem freien Staate aus juristischen: Formalismus ein offenkundiger Justizmord nicht sollte verhindert werden können. Man darf vielleicht anuehmen, daß eine Begnadigung erfolgt und die Möglichkeit einer Sühne der zu Unrecht erfolgte Verurteilung wenigstens für später offengehalten wird. Todesfälle. , Artur Cohen. In: 85. Lebensjahre verschied in London Artur Cohen, einer der bedeutendsten Rechtsgelehrten Englands und eines der nützlichster: Mitglieder der jüdischen Gemeinde London. Bemerkenswert ist, daß vor 00 Jahren seine Zulassnng zur Cambridge-Universität verweigert wurde, da er Jude sei" —. Dr. Karl Liebermann. Gey. Negierungsvat Dr. Karl Lieberman::, Professor an der Technischen Hochschule und an der Universität in Berlin, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Er war ein hervorragender Pionier der chemischen Wissenschaft. Lieberirmnn hatte seine akademische Tätigkeit bereits 1800^ an der damaligen Gewerbeakadcmie als Privat-" dozent begonnen, wurde bald Vorsteher des Laboratoriurrrs für organische Chernie und behielt diese Stelle auch später nach Umwandlung des Jnstituts-in die jetzige Technische״ Hochschule bei. Den: Vorstand der ״Deutschen Cheruischen Gesellschaft" hat er viele Jahre angehört und zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten vor: größter Bedeutung in den ״Berichter:" dieser Körperschaft veröffentlicht. Widmungen. Die Gattin des verstorbenen Leonhard Tietz in Köln a. Rh., hat zu dessen Andenken folgende Schenkungen gernacht: 100.000 Mark für Stiper:- dien an Studierende der Handelshochschulen, 12.000 Mark dem Jsr. Asyl, 3000 Mark deu: Jsr. Schwesterrrhein:, 3000 Mark für das Jsr. Waisenhaus, uud sänrtlichcr: jüdischen Wohltäligkeitsanstalten der Stadt noch größere Sun:- rnen, in: Gesamtbeträge von 180.000 Mark. Philipp Laub. Brooklyn hat eine verhängnisvolle Erbschaft ge-1 antisemitischer Volksströrnungen in erster Inmacht. Um diese zu behebe!:, begab er sich von' stanz verurteilt worden war, soll nunmehr, nach- Wer ist das? Die Mitwelt hätte es nie erfahren, Wern: es den: berührnten Maler Philipp v. Laßlo nicht jüngst eingefallen wäre, englischer Staatsbürger zu werden. Erst jetzt •erinnern sich die ungarischen Blätter, daß er einst Laub hieß und ein getaufter Jude ist. Erst jetzt ist er für sie ein Renegat, weil er das Ungartun: verlassen hat, um englische Pfunds zu verdienen. Als -er aber fein Judentum verleugnete und seinen väterlichen Narrren abstreifte, da hoben sie ihr: ir: den Himmel und nannten ihn ein Genie! Jedenfalls ist der Artikel des ״Pester Lloyd", worin unter den: Titel ״Der Renegat" Herr vor: Laßlo bearbeitet wird, sehr charakteristisch. Wir le sen: ״Den Maler Philipp v. Laßlo hat dieses Land, dieses arn:e ungarische Land, aus einen: blassen kleinen Judenjungen zun: reicher:, adeligen Herrn gernacht. Der kleine Philipp Laub vergrößerte in einer;: Budapester Atelier Photoqraphien zu farbigen Bildnissen. Man erkannte sein Talent und verhalf ihm zu größeren Aufträgen. Hier war es, wo die ersten spärliche:: Geldquellen sich ihr:: erschlossen, hier wandte ::rar: seinem Talent Beachtung und Förderung zu. Von hier ging seine Laufbahn aus und hier bewegte sie sich lange Jahre geradlinig aufwärts. Philipp Laub wurde ar: den bulgarischen Köniqshof — nicht berufen, sondern von hier ausgesandt, und als Philipp Laßlo kam er bald darauf in die Schlösser unserer Aristokraten. Er malte Grafen und Fürsten und wurde selbst un-