Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1915)
- Date
- 1915-01-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hätten sie vielleicht warten sollen, bis die russisch, entmenschten Ungetüme, die liebenswürdigen Herren Kosaken gekommen wären, um sich von ihnen plündern, quälen, foltern, martern, zerschneiden, zerstük- Fein und schänden zu lassen? Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als ihr Heil in der Flucht zu suchen. Wahrlich, solche Märtyrer, solche Glaubenshelden — denn der Russe haßt nur so grimmig den Juden um seines Glaubens willen — verdienen nicht getadelt, sondern bedauert und bemitleidet zu werden. Unsere besondere Teilnahme verdienen die jungen Kinder, die so frühzeitig die Heimat, das Vaterhaus verlassen mußten, אוי לבנים שגלו רועל שלחי אביהם ״Wehe den Kindern, die so bald vom Tische ihres Vaters vertrieben sind." Besonders lobend und anerkennend muß hervorgehobeu ׳ werden, daß in. Wien für die unbemittelten Flüchtlinge in jeder Beziehung entsprechend ge- ׳ sorgt wird. Die zahlreichen Spender beweisen, daß sie echte Nachkommen der Patriarchen seien, wie unsere Weisen sagen Beschonim, Rachmonim, Gomle Chosodim: Schamgefühl, tiefes Mitgefühl für jedes Leid und Weh und Wohltätigkeitssinn, sind die Tugenden, die den echten Sohn Abrahams Jsaks und Jakobs kennzeichnen. Fr. Karl Goldmark. Drei Völker streiten um den Vorzug, ihn den ihrigen neunen zu können. Deutschland nimmt seine geistige Zuständigkeit für sich in Anspruch. Oesterreich zeichnete ihn! als seinen Bürger mit der höchsten Auszeichnung für Kunst lmd Wissenschaft aus und das ungarische Volk stellt ihm in seinem Geburtsort ein. Denkmal. Und doch weist sein Stil weder tiefere Svuren deutscher Musik, noch etwas vom leichten Rhytmus des Oesterreichers, noch aber viel von den Pusztcnklängen seines Geburtslandes auf. Ihn hat nicht bloß eine jüdische Mutter, sondern auch die jüdische Muse geküßt. Was in seiner Musik so berauschend wirkte, ist jüdische Eigenart. In .den europäisch ausgeglichenen, im Banne des > Zunkunftsmusikers stechenden massiven Musikstil trug er die hcißbewegte, sehnsuchtswarme Note seines Stamines hinein, des Volkes, das in den Stätten des Elends von den schimmernden Palästen Neu-Jerusalems träumt, des Sängers, der den dürftigen Bellern mit den extemporierten Variationen des ״Steigers" das glanzvolle Bild vom ״Mare Kohen" vorzuzaubern versteht. Die ״Königin von Saba" ist der ideale Ausdruck der jüdischen Sehnsucht, die sich an glanzvollen Bildcrn der Vergangenheit berauscht. Diese Episode aus den Büchern seines Volkes, die den Gipfel- Punkt seiner vergangenen nationalen Herrlichkeit darstellt, konnte er mit der ganzen Glut seiner Eigenart durchströmcn. Was Generationen von Betern ergreifen konnte, erfaßte mit Macht das europäische Publikum durch 'sein! ungewohntes, exotisches, leidenschaftleches Kolorit. Goldmark hat seinen wahren Geburtstag bekanntlich erst in späterer Zeit durch eine Aufzeichnung im Gebetbuche seines'sangeskundigen Vaters erfahren. Im Machsor ist aber auch seine geistige Geburt zu suchen. In seinen späteren Schöpfungen hat er nicht mehr die Tongewalt seiner Erstlingsoper gefunden. Der Erfolg blieb ihm treu, wo er sich selbst treu blieb. Sein Genius konnte sich mit dem Libretto ״Götz" nicht assimilieren. Mit Goldmark hat das jüdische Volk die endlose Reihe von Geschenken an die Menschheit um ein Großes vermehrt.. - S. Bettelheim. Der große Musiker Karl Goldmark ist dieser Tags gestorben und auf dem jüdischen Fried- Hofe in Wien begraben worden. Wir konstatiereu diese Tatsache nicht, um den verstorbenen Großen für uns als Pavadestück zu reklamieren, sondern mn zu zeigen, daß ein Jude, auch wenn er Großes geleistet hat, weder beim Freund noch beim Feind sich volle Achtung verschaffen kann, wenn er sich von der großen, jüdischen Gemeinschaft absondert und sich in die Schichte der ״Halb- und Baldgetauften flüchtet. Wir wissen nichts genaueres über Goldmarks Stellung zum Judentum, aber wir haben nie bemerkt, daß er jemals als Jude hervorgetreten wäre und in der von den Angehörigen herausgegebenen Parte sowie in fast allen Nekrologen, die ihm trotz des Krieges gewidmet wurden, wird sorgfältig auch die' leiseste Andeutung auf seine Abstamnnmg und religiöse Zugehörigkeit vermieden. Es wäre doch sehr naheliegend gewesen, darauf hinznweisen, daß er von einem musikalisch außerordentlich begabten Vater stammte, bei dem er den ersten Musikunterricht erhielt und bei dem er zuerst ״singen und sagen" lernte. Da hätte man allerdings verraten müssen, daß Goldmark sen. der berühmte Chasau Simche. Ruweuein reits verstorbenen Präsidenten der Gesellschaft, weil. Baurat Will). Stiassny sowie den: Antragssteller, Herrn Emil Jelinek, als unvergängliches Verdienst für alle Zeiten zugeschvi-eben bleiben wird. Es ist daher umso heimlicher, daß das vor wenigen Tagen stattgehabte Konzert, das ja mehreve Chorkompositionen Sulzers enthielt, nicht den Vermerk brachte, aus Anlaß des 25. Todestages, ebenso finden wir diese Worte leider auch nicht auf den Ankündigungen für das Konzert am 5. Jänner 1015, welches Datum doch dem Gedenktage noch naher ist. Schreiber dieser Zeilen, der stets ein aufrichtiger Verehrer der Muse Sulzers gewesen und immer bleiben wird, hat mit diesen Zeilen lediglich den Gefühlen seiner Pietät Ausdruck geben wollen, zugleich aber auch seiner bereits früher in einem anderen Blatte veröffentlichten und leider immer wieder voll Neuem verstärkten Mißstimmung darüber, daß in den Synagogen der Kultusgemeinde trotz § 7 der Gebetordnung, der also lautet: ״Die Beiordnung und die Gesänge in den Gemeindebethäusern sind dermalen die vom verewigten Prediger Mannheimer, bezw. Oberkantor Prof. Sulzer eingeführten." bei jedem Goitesdienst die Herrn Kantoren beliebige, ihnen gut liegende Gesänge, namentlich die Keduscha an Samstagen, intonieren, die aber nicht von Sulzer stammt, ja sogar ereignet es sich, daß solche Gesänge in kombinierter Fasson geboten werden .ein Unfug, den doch der Gesetzgeber abstellen sollte. Znm Schluffe nuferer nur denn Gedenken und der wahren Pietät an Sulzer gemncbten Betrachtungeu sei uns gestattet, einen Gruß zu dessen 80. Geburtstage aus der Feder des Dichtors Dr. Ludwig August Frankl von Hochwart anzufügen, dessen Inhalt heute noch volle Bedentung und Würdigung erfahren sollte: (Die ״Allmacht" ist von Franz Schubert kampaniert.) ״Wenn du die ״Altuuuht" sangst des Herrn, betont von dem Meister, Welcher lange schon bei den: Unterblühen wohnt, Wenn des Königs Psalm von deinen Lippen erklingen. Schwangen die Herzen sich mit, gläubig zum Aether empor, Ruhen werden wir bald, die du begeistert, erhoben, Deines Namens Klang, schwingt sich als Ehr noch fort. Mytisch wirst du sein und uns beneidet die Nachlvelt. Die den Vollklang gehört, der in der Brust dir gewohnt!" E. I. Jude war. Den anerkannten Genies verzeiht man zwar jeden Fehler und jeden tollen Streich, aber das vom Bewunderten selbst zurückgestellte Judentum ist ein so schwerer unverzeihlicher Makel, daß dem Manne Hochachtung nur. unter der Bedingung gezollt werden kann, wenn vom Judentum nicht mehr die Rede ist. Darum haben die Zeitungen alle möglichen und unmöglichen*) Details über Goldmark berichtet, aber wie auf Verabredung seine jüdische Abstammung fast ausnahmslos verschwiegen. Hugo Zuckermann. . Vor etwa einem Jahre erschien ein einfaches kleines Liedchen, — und heute ist dieses Liedchen bereits von nicht weniger als sieben Komponisten vertont, ja ist bereits in den Volksliederschatz des deutschen Volkes einverleibt worden. Hören wir dieses Lied in seiner klassischen Einfachheit, Schlichtheit und Tiefe: Drüben am Wiesenrand Hocken zwei Dohlen. — Fall' ich am Donaustrand? Sterb' ich in Polen? Eh' sie meine Seele holen, Kämpf' ich als Reitersmann. Drüben am Ackerrain Schreien zwei Raben. — Wcrd' ich der erste sein. Den sie begraben? Was ist dabei? Viel hunderttausend traben In Oesterreichs Reiterei. Drüben im Abendrot Fliegen zwei Krähen. — Wann kommt der Schnitter Tod, Um uns zu mähen? Es ist nicht schad'l Seh' ich nur unsere Fahnen wehen Auf Belgerad! Generalleutnant Dr. v. Dickhuth-Harrach wünschte in einem Briefe ״dein sehr verehrteil Kameraden" neben ״dem Lorbeer des Dichters" auch den ״Siegerkranz", wenn Gott ״ihn gnädig wieder heimführt", — doch Gott hatte es anders beschlossen, — und der Dichter, Dr. Hugo Zuckermann, weilt nicht nlehr unter uns. So schmerzlich der Verlust eines echten Dichters und reinen, hochgesinnten Menschens für die Menschheit als solche ist, — für uns als Inden ist der Verlust noch um vieles größer. Denn Hugo Zllckerlliann war einer jener jungen Juden, deren Seele ihr Judentum wieder sucht und deren Sehnen sich verbunden fühlt mit dem Wohl und Wehe ihres angestammten Volkes. Er gehörte deshalb auch voll und ganz zu jener Bewegilng, die als Gegenströmung zur Anpassung an unsere Umgebung die jüdische Eigenart zu ihrem Streben gemacht hat, ein Streben, das nur im Lande der jüdischen Vergangenheit zur zukunftsverheißenden Verwirklichung werden kann. Ein jüdischer Dichter war Hugo Zuckermann, das jüdische Volk hat ihn verloren. Konferenz der zionistischen Sindentenorganisation ״Hechawer" in Gens. Vom 20. bis 28. Dezember v. I. tagte in Genf die außerordentliche Konferenz der ostjüdischen Studentenorgallisatiou ״Hechawer". Vertretew waren sämtliche schweizerische Vereine, außerdem waren anwesend Delegierte aus Jtalien und Holland, wie auch Vertreter der zionistischen Studenten in Rußland. Es liefen zahlreiche Begrüßungsschreiben eiiu u. a. vom E. A. *) Uebereinstinunend erzählen z. B. alle Nekrologen, daß Karl Goldmark der drittälteste (andere, daß.er der drittjüngste) von 24 Geschwistern gewesen wäre, was aber kaum glaublich ist. Der Amtsnachfolger S. N. Goldmarks, des Vaters, nämlich der nächste Chasan in Deutsch-Kreuz hatte 24 lebendige Kinder, und es ist doch nicht anzunehmen, daß zwei Chasan-im hintereinander just je 24 Kinder gehabt haben sollen.